Nachts unter der steinernen Bruecke
- Автор: Perutz Leo
- Год: 101
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Nachts unter der steinernen Bruecke». Краткое содержание книги:
Während ihm das Frühstück aufgetragen wurde, erschien der Ofenheizer Brouza mit seiner Ofenschaufel und seinem Zuber in der Stube, um die Asche aus dem Kamin zu fegen. Der Kaiser sah ihm eine Weile zu, dann fragte er:
»Brouza, wie steht's mit dir? Hältst du's mit mir oder mit dem Matthias?«
»Gevatter«, gab der Brouza, ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen, zur Antwort, »ich halt's mit keinem von euch. Ich halt's mit meinem Kehrbesen und mit meiner Ofenschaufel, denn auf die ist Verlaß. Ihr beide, du und der Matthias, ihr seid mit einerlei Speck gespickt, und der eine ist nicht besser zu dem armen Mann als der andere.«
»Du nennst dich einen armen Mann?« meinte der Kaiser. »Du bist reich, du hast Erspartes. Willst du mir hundert Gulden leihen? Mir fehlt's an Geld.«
Der Brouza sah von seiner Arbeit auf und zeigte sein plattnäsiges, mit Kohlenstaub und Asche besudeltes Gesicht.
»Daß du auf das leidige Geld so sehr erpicht bist!« hielt er dem Kaiser vor. »Wo hast du denn den Bürgen und welches Pfand soll ich von dir haben?«
»Du sollst mir«, forderte der Kaiser, »die hundert Gulden ohne Pfand und ohne Bürgen leihen, nur auf mein Wort und auf mein Gesicht.«
»Nein, Herrlein«, sagte der Brouza. »Lieber leih' ich hundert Gulden auf diesen Zuber Asche als zwei auf dein Gesicht.«
Er ließ den Zuber und die Schaufel stehen und wischte zur Tür hinaus, denn der Kaiser hatte den schweren silbernen Brotkorb ergriffen, und der Brouza sagte sich: Hab' ich kein Loch im Kopf, so brauch' ich kein Pflaster.
Eine Stunde verbrachte der Kaiser in einer Kammer, die zwei Siegelschneidern und einem Wachsbossierer als Werkstätte diente. Schweigend beobachtete er den Fortgang ihrer Arbeit, während sie so taten, als hätten sie sein Kommen nicht bemerkt, denn sie wußten, daß es seinen Unwillen erregte, wenn man ihn aus seinen Gedanken riß.
Dann begab er sich in den Saal, an dessen Wänden die Brueghel, die Dürer, die Cranach, ein Altdorfer und ein Holbein hingen. In der Mitte dieses Saales stand das Marmorbildnis, das am Tage zuvor in seinen Besitz gelangt war, das Werk eines großen antiken Meisters der Bildhauerkunst, dessen Name nicht überliefert war. Es stellte den Knaben Ilioneus dar, einen von den Söhnen der Niobe, die in ihrem Stolz die Götter herausgefordert und ihren Zorn auf sich gezogen hatte.
Der Knabe Ilioneus war, von einem Pfeil Apollos getroffen, zu Boden gesunken. Doch er ergab sich nicht ohne Gegenwehr dem Tode. Mit der rechten Hand versuchte er, den Pfeil aus seiner Brust zu ziehen, die linke stemmte er gegen den Erdboden, um sich aufzurichten, denn er wollte sich zu seiner Mutter flüchten, bei der er Schutz und Hilfe zu finden hoffte. Und so edel war die Haltung des Knaben, so schön sein vom Tode gezeichnetes und doch noch dem Leben zugewandtes Antlitz, daß des Kaisers Augen sich mit Tränen füllten. Es wurde ihm leichter ums Herz. Daß dieses Wunderwerk wieder ans Licht gekommen und daß es in seine, des Kaisers, Hände gelangt war, gab ihm Trost und Zuversicht und richtete ihn auf.
Indessen war die Mittagsstunde gekommen, und er vernahm das Brüllen der Löwen und den Schrei des Adlers, die ihn riefen.
Während er die Treppe hinabstieg und Hut und Mantel aus den Händen eines Dieners nahm, verlor er sich in Träumereien.
Wenn Gott es so gewollt hätte, träumte er, als er, gefolgt von zwei Offizieren der Leibgarde in den Garten trat, daß er nicht in dieser Zeit in die Welt gelangt wäre, sondern in jenem frühen Saeculum, in dem der unbekannte Meister den Ilioneus gebildet hatte, wenn er, so spann er den Gedanken weiter, an des Augustus, an des Nero Stelle über das römische Imperium geherrscht hätte, wen von den Denkern und den Gelehrten seiner Zeit hätte er an seinen Hof gezogen? Von den Dichtern und den Komödienschreibern hielt er nicht eben viel, doch den Vergilius ließ er als einen Gelehrten gelten, ihn und den Plinius und den Seneca hätte er immer um sich gehabt, und eine schmerzliche Enttäuschung kam über ihn, als er bedachte, daß Plato und Aristoteles, Euklides und Epikur, die er hoch über alle anderen stellte, zu des Augustus Zeiten schon lange in ihrem Schattenreich waren.
Seine Gedanken kehrten zu dem Marmorbildnis zurück. Wenn er, so träumte er weiter, im heidnischen Rom nicht Kaiser gewesen wäre, sondern der Schöpfer dieses sterbenden Knaben, wäre sein Ruhm nicht größer gewesen als der der Caesaren? Hatte nicht Tizian an Glanz und Ruhm den großen Maximilian übertroffen? Und während er über den Glanz und Ruhm der Künstler und der Caesaren nachsann und jetzt im heidnischen Rom ein Kaiser war und jetzt im gleichen Rom ein Marmorbildner, — während er so ging und träumte, trat ihm ein Mädchen, das wie ein Gärtnerjunge gekleidet war, in den Weg, warf sich vor ihm auf die Knie und rief mit ihrer hellen Stimme:
»Rudolfe, hilf!«
Der Kaiser fuhr zusammen, trat rasch einen Schritt zurück und machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.
Das Mädchen, das vor ihm auf den Knien lag, war die Tochter eines seiner Feldobristen, eines verdienten Soldaten, der in türkische Gefangenschaft geraten war. Da er ein alter Mann war und von den Türken hart gehalten wurde, fürchtete sie, daß sie ihn nicht wiedersehen werde. Sie hatte nur einen Teil des Lösegelds aufzubringen vermocht. Schon einmal hatte sie vor dem Kaiser einen Fußfall getan, in den Stallungen bei den Pferden, zu denen sich der Kaiser bisweilen begab, und er hatte sie angehört und ihr zugesagt, daß er sich ihrer Sache annehmen werde. Doch es war nichts geschehen.
Der Kaiser erkannte sie nicht. Er hielt sie für einen Jungen aus der Hofküche, der—wie der Cervenka ihm berichtet hatte — schon zum zweitenmal beim Bratenwenden eingeschlafen war und nun auf Befehl des Obersthofmarschalls, der die Gerichtsbarkeit über das Hofgesinde ausübte, eine Tracht Stockschläge erhalten sollte.
»Du hast's zum zweitenmal getan«, sagte der Kaiser zu dem knienden Mädchen. »Tu's nicht wieder! Ich werd' mit dem Lichtenstein« — das war der Obersthofmarschall — »reden, daß er dir's erläßt. Du hast Schaden angerichtet. Geh und tu's nicht wieder!«
Er setzte mit raschen Schritten seinen Weg fort. Die Tochter des Obristen richtete sich auf und blickte verwirrt dem Kaiser nach. Er hatte in gnädigem Ton zu ihr gesprochen, hatte ihr auch eine Zusage gemacht, daß er mit irgendwem, der viel vermochte, über ihre Sache sprechen wollt', aber welchen Schaden sie angerichtet hatte, dadurch, daß sie zum zweitenmal vor den Kaiser getreten war, das begriff sie nicht. Oder hatte sie am Ende mit der Gartenschere einen von den Rosensträuchen verdorben? Und während sie darüber nachsann, trat einer der beiden Offiziere der Leibgarde auf sie zu, lüftete den Hut und bat sie mit der Höflichkeit, die er einer Standesperson schuldete, ihm zu folgen.
Ich werd' den Cervenka zum Lichtenstein schicken, sagte der Kaiser zu sich, der mag mit ihm reden und ihm meinen Willen in dieser Sache kundtun. Ich will ihn nicht sehen, von mir verlangt er Geld. Alle begehren sie Geld von mir, der Lichtenstein, der Nostiz, der Sternberg, der Harrach, die Leut' aus der Küche und die Leut' aus der Silberkammer, auch der Prediger in der Kapelle und seine Musikanten und Sänger, alle begehren sie Geld und mehr Geld und nochmals Geld, alle wollen sie ihren Teil an dem geheimen Schatz haben. Aber den laß' ich nicht antasten, den werd' ich bitterlich nötig brauchen, daß ich mich der brüderlichen Lieb' des Matthias erwehren kann.