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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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»Gut, Vicente, das freut mich.«

»Ich danke dir, daß du dich während meiner Krankheit um mich gekümmert hast, Ramon Callico.« Er hustete und räusperte sich. »Ich hatte im Fieber schreckliche Träume. Habe ich wirr geredet?«

Jona lächelte ihn an. »Nur ein paarmal. Manchmal hast du zum heiligen Pilger gebetet.«

»Zum heiligen Pilger. Wirklich?«

Einen Augenblick lang schwiegen sie, und dann setzte Vicente sich mühsam auf. »Es gibt etwas, das ich dir gern sagen möchte, Ramon. Etwas, das ich mit dir teilen möchte, weil du der einzige bist, der sich um mich gekümmert hat.«

Jona sah ihn besorgt an, denn Vicentes Stimme klang plötzlich wieder so angespannt und schrill, daß er glaubte, das Fieber wäre zurückgekehrt. »Was denn, Vicente?«

»Ich habe ihn entdeckt.«

»Wen...?«

»Santo Peregrino El Compasivo. Ich habe den Heiligen der Pilger gefunden«, sagte Vicente Deza.

»Vicente, was redest du da?« Jona sah den alten Mann beküm-mert an. Seit der Nacht seines Deliriums waren erst drei Tage vergangen.

»Du glaubst, ich bin nicht bei mir. Ich verstehe.«

Vicente hatte recht, er glaubte wirklich, der alte Mann sei verrückt, wenngleich auf harmlose Weise.

Vicente schob die Hände unter sein Lager. Er zog etwas hervor und krabbelte damit wie ein Kind zu Jona. »Nimm es«, sagte er, und Jona fand einen Gegenstand in seiner Hand. Er war klein und dünn. Er hielt ihn hoch, um ihn in dem trüben Licht besser erkennen zu können.

»Was ist das?«

»Ein Knochen. Vom Finger des Heiligen.« Er packte Jona am Arm. »Du mußt mit mir kommen, Ramon, und es dir selbst anschauen. Laß uns am Sonntag morgen hingehen.«

Verdammt. Den Sonntagvormittag hatten die Arbeiter frei, damit sie den Gottesdienst besuchen konnten. Jona reute es, die wenigen kostbaren Stunden, die er für sich selbst hatte, zu vergeuden. Er wollte dem Rat des Meisters folgen und mit dem grauen Araber ausreiten, befürchtete aber, daß Vicente ihm keine Ruhe lassen würde, wenn er dessen Behauptungen keine Beachtung schenkte.

»Ja, wir gehen am Sonntag hin, wenn wir dann beide laufen können«, sagte er und gab ihm den Knochen zurück.

Er machte sich Sorgen um Vicente, der nicht aufhörte, ihm in fiebrigem Flüsterton von seiner Entdeckung zu erzählen. In jeder anderen Hinsicht schien er jedoch von seiner Krankheit genesen zu sein; er wirkte wach und bei Kräften, und sein Appetit sowohl auf Essen wie auf Wein war auf erstaunliche Art zurückgekehrt.

Jonas Befürchtung, daß Vicente ihm keine Ruhe lassen würde, wenn er nicht darauf einging, wurde immer stärker.

So kam es, daß die beiden am darauffolgenden Sonntag morgen die Landbrücke überquerten, die Gibraltar mit Spanien ver-band. Auf dem Festland angekommen, wanderten sie eine halbe Stunde nach Osten, bis Vicente die Hand hob.

»Wir sind da.«

Jona sah nichts anderes als einen einsamen Flecken sandiger Erde, aus dem sich zahlreiche flache Granitfelsen erhoben. Er konnte nichts Ungewöhnliches entdecken, und doch folgte er Vi-cente, der über die Felsgebilde kletterte, als wäre er keinen Tag krank gewesen.

Schließlich fand Vicente dicht am Pfad die Felsen, nach denen er Ausschau gehalten hatte, und Jona sah, daß sich genau in der Mitte der Gruppe ein breiter Spalt öffnete. Eine Felsplatte überragte schräg abfallend die Öffnung. Zu sehen war sie nur, wenn man direkt darüber stand.

Vicente hatte in einem Metallkästchen ein glühendes Kohlestück mitgebracht, und Jona blies nun auf die Kohle und entzündete daran zwei Kerzenstummel.

Regenwasser wurde von der Felsrampe, die ein Stückchen weiter hinten im Sandboden endete, an der Öffnung vorbeigeleitet. Die Höhle, die sich unter den Felsen befand, war trocken und etwa so groß wie Mingos Höhle auf dem Sacromonte. Sie endete in einem schmalen Spalt, der offensichtlich eine Verbindung zur Oberfläche hatte, denn Jona spürte einen Luftzug.

»Schau«, sagte Vicente.

Im flackernden Licht sah Jona ein Skelett. Die Knochen des Oberkörpers schienen noch unversehrt, aber die Knochen der Beine und Füße waren ein Stückchen weggezerrt worden, und als Jona sich mit der Kerze über sie kniete, sah er, daß ein Tier sie angenagt hatte. Von den Kleidern, die den Körper bedeckt hatten, waren nur noch Fetzen vorhanden, die im Umkreis verstreut lagen. Jona vermutete, daß das Tuch von Tieren gefressen worden war, die das Salz des Schweißes angelockt hatte.

»Und da!«

Es war ein schlichter, aus Ästen errichteter Altar. Davor stan-den drei irdene Töpfe. Ihr Inhalt war längst gefressen worden, vermutlich von demselben Lebewesen, das die Knochen angenagt hatte.

»Opfergaben«, sagte Jona. »Vielleicht für eine heidnische Gottheit.«

»Nein«, sagte Vicente. Er ging mit seiner Kerze an die gegenüberliegende Wand, an der ein großes Kreuz lehnte.

Dann beleuchtete er den Fels neben dem Kreuz, und Jona sah, daß dort das Symbol der frühesten Christenheit, das Zeichen des Fisches, eingeritzt war.

»Wann hast du das gefunden?« fragte Jona, als sie zur Schmiede zurückkehrten.

»Vielleicht einen Monat nach deiner Ankunft. Eines Tages ergab es sich, daß ich eine Flasche Wein in meinem Besitz fand... «

»Du hast sie in deinem Besitz gefunden?«

»Ich habe sie aus der Schenke gestohlen, als Bernaldez gerade beschäftigt war. Aber dazu müssen mich die Engel verleitet haben, denn als ich mit der Flasche wegging, um sie ungestört trinken zu können, wurden meine Schritte zu diesem Ort geleitet.«

»Und was willst du mit diesem Wissen machen?«

»Es gibt Leute, die für heilige Reliquien viel Geld bezahlen. Ich möchte, daß du mit ihnen verhandelst. Du mußt den besten Preis herausschlagen.«

»Nein, Vicente.«

»Ich werde dich natürlich gut dafür bezahlen.«

»Nein, Vicente.«

Ein gerissenes Funkeln blitzte in Vicentes Augen auf. »Siehst du, genau deshalb glaube ich, daß du erfolgreich verhandeln wirst. Nun gut. Du sollst die Hälfte von allem haben. Eine ganze Hälfte.« »Ich handle nicht mit dir. Die Männer, die Reliquien kaufen und verkaufen, sind böse Schlangen. Ich an deiner Stelle würde in die Kirche im Dorf gehen und den Priester - wie heißt er gleich wieder?«

»Padre Vasquez.«

»Ja. Ich würde Padre Vasquez hierherführen und ihn bestimmen lassen, ob diese Überreste tatsächlich die eines Heiligen sind.«

»Nein!« Vicente wirkte plötzlich wieder fiebrig, sein Gesicht war von Zorn gerötet. »Gott hat meine Schritte zu dem Heiligen gelenkt. Gott hat sich überlegt: >Bis auf seine Schwäche für starke Getränke ist Vicente kein übler Kerl. Ich will ihm Glück bringen, damit er seine Tage in Bequemlichkeit beenden kann.<«

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