Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Die Tiere wurden auf dem Achterdeck an der Reling festgebunden, und als Lehrling hatte Jona die Aufgabe, jeden Tag Heu aus dem Laderaum zu holen und sie zu füttern.
Zwei Tage nach dem Auslaufen wurde die See kabbelig, und
Luis nahm das so mit, daß er sich übergeben mußte. Angel Costa und Paco machten die Bewegungen des Schiffes nichts aus, und auch Jona nicht, wie er zu seiner Überraschung und Freude feststellte. Als der Maat den Befehl zum Segelreffen gab, lief er unwillkürlich zur Strickleiter am Hauptmast, kletterte hinauf und half den Matrosen beim Einholen und Festmachen der Segel. Als er dann wieder auf Deck war, grinste der Matrose namens Josep, dessen Verletzung Jona damals den Platz in der Schiffsmannschaft verschafft hatte, ihn an und klopfte ihm auf die Schulter. Doch als Jona danach überlegte, was er da eigentlich getan hatte, erkannte er, daß er, falls er über Bord gegangen wäre, wohl von seinem Brustharnisch in die Tiefe gezogen worden und ertrunken wäre, und für den Rest der Fahrt dachte er immer daran, daß er nur Fahrgast war.
Für die vier aus Gibraltar waren die Tage unter Segel eine Zeit voller Langeweile. Früh am Morgen des dritten Tages packte Angel seinen Langbogen und einige Pfeile aus und machte sich daran, Vögel zu schießen.
Die anderen setzten sich, um ihm zuzusehen. »Angel ist mit dem Bogen so gut wie ein verdammter ingles«, sagte Paco zu Jona. »Er stammt aus einem kleinen Dorf in Andalusien, das berühmt ist für seine guten Bogenschützen, und seine erste Schlacht bestritt er als Bogenschütze der Landwehr.«
Aber Gaspar Guells, der Maat, rannte zu Costa. »Was tut Ihr da, Senor?«
»Ich will ein paar Seevögel schießen«, sagte Angel und legte einen Pfeil auf die Sehne.
Der Maat war entsetzt. »Nein, Senor. Auf der Leona werdet Ihr keine Seevögel töten, denn dies würde sicheres Unheil über uns und das Schiff bringen.«
Costa sah Guells böse an, doch Paco beeilte sich, ihn zu besänftigen. »Bald sind wir an Land, Angel, und dann hast du genügend Gelegenheit zum Jagen. Bei deinem Können wirst du uns alle mit Fleisch versorgen.« Zur allgemeinen Erleichterung löste Costa darauf die Sehne vom Bogen und legte ihn weg.
Die Fahrgäste saßen beisammen und betrachteten Himmel und Meer. »Erzähl uns vom Krieg, Angel«, sagte Luis. Angel war immer noch wütend, aber Luis drängte ihn so lange, bis er einverstanden war. Anfangs hörten die Männer seinen Erinnerungen ans Soldatenleben aufmerksam zu, denn keiner von ihnen war je im Krieg gewesen. Doch schon bald hatten sie genug von den Geschichten über Gemetzel und Blutvergießen, über verbrannte Dörfer, geschlachtetes Vieh und geschändete Frauen. Ihre Neugier verlosch, lange bevor Angel mit seinen Erzählungen fertig war.
Die vier waren neun Tage an Bord der Leona. Die Eintönigkeit des Schiffslebens zermürbte sie, und manchmal erhitzten sich die Gemüter. So kamen sie bald stillschweigend überein, daß jeder einen Großteil des Tages für sich blieb. Jona dachte über ein Problem nach, das ihm nicht mehr aus dem Kopf ging. Sollte er nach Gibraltar zurückkehren, würde Anselmo Lavera ihn töten, da war er sich ganz sicher. Doch Costas Zwist mit Gaspar Guells hatte ihn dazu gebracht, sein Problem in neuem Licht zu sehen. Angels Macht war durch die größere Macht, die der Maat an Bord des Schiffes hatte, überwunden worden. Eine Gewalt konnte folglich durch eine größere Gewalt in Schach gehalten werden.
Jona sagte sich, daß er eine größere Macht als Anselmo Lavera finden müsse, eine Kraft, die die Bedrohung durch den Reliquiendieb beseitigen konnte. Zuerst erschien ihm dieser Gedanke grotesk, doch während er Stunde um Stunde dasaß und aufs Meer hinausstarrte, reifte in seinem Kopf ein Plan.
Immer wenn das Schiff in einem Hafen anlegte, führten die vier Männer ihre Tiere an Land und bewegten sie, und als die Leona schließlich in den Hafen von Valencia einfuhr, waren Pferde und Lasttiere in gutem Zustand.
Jona hatte schreckliche Geschichten über Valencia aus der Zeit der Judenvertreibung gehört. Daß es damals im Hafen von Schiffen wimmelte, die in einem sehr schlechten Zustand waren und nur unter Segeln standen, weil ihre Besitzer sich am Fahrgeld der Flüchtlinge bereichern wollten. Daß die Frachträume schier barsten vor hineingepferchten Männern, Frauen und Kindern. Daß, als Krankheiten ausbrachen, sieche Fahrgäste auf unbewohnten Inseln zum Sterben ausgesetzt wurden. Daß einige Mannschaften, kaum daß sie auf hoher See waren, die Fahrgäste töteten und ihre Leichen ins Wasser warfen.
Doch an dem Tag, als Angel seinen Trupp von der Leona, wegführte, schien hell die Sonne, und im Hafen von Valencia war es friedlich und still.
Jona wußte, daß sich seine Tante, sein Onkel und sein kleiner Bruder wahrscheinlich in einem Küstendorf in der Nähe ein Schiff gesucht hatten. Vielleicht waren sie in See gestochen und befanden sich jetzt schon in einem fremden Land. In seinem Herzen wußte er, daß er sie nie wiedersehen würde, und doch sah er jedem Jungen im entsprechenden Alter, an dem er vorbeiritt, ins Gesicht, auf der Suche nach Eleasars vertrauten Zügen. Sein Bruder wäre inzwischen elf Jahre alt.
Aber Jona sah nur fremde Gesichter.
Valencia hinter sich lassend, wandten sie sich nach Westen. Keines der Pferde konnte es mit dem Araberhengst aufnehmen, den Jona bei den Turnieren geritten hatte. Sein jetziges Tier war eine große, graubraune Stute mit flachen Ohren und einem dünnen Schwanz, der schlaff zwischen riesigen Hinterbacken hing. Die Stute machte ihn nicht zum strahlenden Ritter, aber sie war ausdauernd und leicht zu reiten, und dafür war Jona dankbar. Angel ritt an der Spitze, gefolgt von Paco, der zwei Maultiere führte, und Luis mit den beiden anderen. Jona bildete die Nachhut, was ihm nur recht war. Jeder der vier entwickelte seine eigene Art, sich während der Reise die Zeit zu vertreiben. Angel hob immer wieder laut, aber falsch zu singen an, und heilige Lieder oder Gassenhauer waren ihm gleich lieb. Bei Kirchenliedern fiel Paco mit dröhnender Baßstimme ein. Luis döste im Sattel, während Jona sich mit vielfältigen Gedanken die Zeit vertrieb. Manchmal überlegte er, was er tun mußte, um seinen Plan gegen Anselmo Lavera in die Tat umzusetzen. Irgendwo in der Nähe von Toledo gab es bestimmt Männer, die mit gestohlenen Reliquien handelten und Anselmo Lavera seinen Platz in diesem ungesetzlichen Gewerbe streitig machten. Jona klammerte sich an den Gedanken, daß er gerettet wäre, wenn er sie dazu bringen könnte, Lavera zu beseitigen.
Oft brachte er Stunden damit zu, sich vergessene hebräische Texte wieder ins Gedächtnis zu rufen, jene reiche Sprache, die ihm so schnell entfallen war, die Worte und Melodien, die ihn schon nach ein paar Jahren im Stich gelassen hatten.
An einige wenige Stellen konnte er sich schließlich erinnern, und immer und immer wieder sagte er sich diese Bruchstücke vor. An einen kurzen Abschnitt aus der Genesis erinnerte er sich mit vollkommener Klarheit, denn es war der Text, den er gesungen hatte, als er zum ersten Mal aus der Tora hatte lesen dürfen. Als sie nun an die Stätte kamen, die Gott ihnen genannt hatte, baute Abraham daselbst den Altar und schichtete das Holz darauf; dann band er seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Hierauf streckte Abraham seine Hand aus und ergriff das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Der Abschnitt hatte ihn damals erschreckt, und jetzt erschreckte er ihn wieder. Wie hatte Abraham seinem Sohn auftragen können, Holz für ein Brandopfer zu schneiden, und sich dann daranmachen, Isaak zu töten und seinen Leichnam zu verbrennen? Warum hatte Abraham Gottes Befehl nicht in Zweifel gezogen, warum hatte er nicht mit ihm gehadert? Abba hätte nie einen Sohn geopfert; Abba hatte sich selbst geopfert, damit sein Sohn überlebte.