Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Diese Hütte und das Räucherhaus hatten sie erbaut, um darin Fisch zu räuchern und zu lagern, der mit Schiffen in die Hafenstädte geschickt wurde. Wenn du an einem feuchten Tag tief Luft holst, kannst du den Rauch noch riechen. Unser Meister hat das verlassene Grundstück vom Grafen gepachtet und den Stall und die Arbeitshütten errichtet, die du jetzt siehst.« Der alte Mann verzog das Gesicht und zwinkerte mit dem linken Auge. »Wenn du etwas über die Vergangenheit erfahren willst, mußt du zu mir kommen, Senor. Denn Vicente Deza weiß viele Dinge.«
Später an diesem Tag brachte Jona Material in die Arbeitshütte, die von einem anderen seiner Wohnungsgenossen, Paco Par-miento dem Schwertmacher, geleitet wurde. Jona hatte den Eindruck, daß mit Parmiento gut auszukommen war. Er war kahlköpfig und neigte zu Fettleibigkeit. Sein glattrasiertes Gesicht zeigte auf der linken Wange eine bleiche Narbe, und sein Blick wirkte manchmal abwesend, denn er dachte beständig über Verbesserungsmöglichkeiten in der Gestaltung und Herstellung von Schwertern nach, und oft merkte er gar nicht, was um ihn herum vorging. Er murmelte Jona zu, daß man von ihnen allen erwarte, ihre Hütte sauber und ordentlich zu halten. »Aber wir haben Glück, denn der alte Vicente Deza kümmert sich darum.«
»Ist Vicente Deza ein Rüstungsschmied? Oder vielleicht ein Schwertmacher, wie Ihr?«
»Der? Der hat noch nie Metall bearbeitet. Er wohnt nur dank der Barmherzigkeit unseres Meisters bei uns. Du darfst nicht alles glauben, was der alte Vicente sagt«, warnte der Schwertmacher, »denn sein Geist ist beschränkt, und er hat den Verstand eines langsamen Kindes. Oft sieht er Sachen, die gar nicht da sind.«
Wie in den meisten der felsigen Orte, die Jona in Spanien gesehen hatte, gab es auch in Gibraltar Höhlen, und die größte davon war ein geräumiges Gewölbe knapp unterhalb der Spitze des Felsens. Fierro kaufte einen Großteil seines Stahls von Mauren in Cordoba, aber er hatte immer auch einen Vorrat eines besonderen Eisenerzes, das in einem Winkel dieser großen Höhle abgebaut wurde. Den Eingang zu dieser Höhle erreichte man über einen schmalen Pfad, der an der Felsflanke hochführte.
Dreimal nahm der Meister Jona mit zu dieser Höhle, und dann ritten sie auf zwei Eseln den schmalen, steilen Pfad hoch. Jona wünschte sich jedesmal, er hätte Mose als Reittier, denn der Pfad führte immer und immer weiter in die Höhe - viel höher als das Krähennest jedes Segelschiffes -, und jeder Fehltritt hätte einen tiefen und tödlichen Sturz bedeutet. Aber die Esel kannten den Pfad, und sie scheuten nicht einmal, als eine Horde zimtfarbener Affen ihnen den Weg versperrte.
Fierro lächelte, als er sah, daß Jona über das plötzliche Auftauchen dieser Tiere erschrak. Es waren sechs große, schwanzlose Affen. Eines der Weibchen säugte ein Kleines.
»Die leben hier oben«, sagte Fierro. Aus einem Sack holte er einige Handvoll altbackenen Brotes und überreifer Früchte und warf sie ein Stückchen abseits des Pfads auf den Hang. Die Tiere räumten sofort den Weg, um sich das Fressen zu holen.
»Solche Tiere habe ich in Spanien noch nie gesehen.«
»Einer Legende nach sind sie durch einen natürlichen Tunnel aus Afrika gekommen, der angeblich unter der Meerenge hindurchführt und in einer der Höhlen Gibraltars endet«, sagte Fierro. »Obwohl ich es für wahrscheinlicher halte, daß sie von einem Schiff stammen, das an unserem Felsen gestrandet ist.«
Hier, auf dem Gipfel des Felsens, klang die Legende durchaus einleuchtend, denn die Küste Afrikas erschien in der klaren Luft täuschend nah.
»Wie weit ist Afrika entfernt, Senor Fierro?«
»Bei gutem Wind eine halbe Tagesreise. Wir stehen hier auf einer der berühmten Säulen des Herkules«, sagte der Meister. Er deutete zur anderen Säule des Herkules, einem Berg in Marokko auf der gegenüberliegenden Seite der Meerenge. Das Wasser, das die beiden Säulen trennte, glitzerte tiefblau unter der goldenen Sonne.
Fünf Tage nach ihrem ersten Wortwechsel sprach Angel Costa Jona ein zweites Mal an.
»Kannst du gut mit Pferden umgehen, Callico?« »Nicht sehr. Ich hatte mal einen Esel.«
»Ein Esel paßt auch zu dir.«
»Warum fragt Ihr mich das alles? Sucht Ihr Männer für einen Feldzug?«
»Nicht unbedingt«, sagte Costa und ging davon.
Nachdem Jona viele Tage nichts anderes hatte tun dürfen, als Botengänge zu erledigen, Erz zu schaufeln und Stahl zu schleppen, erhielt er nun endlich eine Aufgabe, die es ihm gestattete, Metall zu bearbeiten, auch wenn es nur eine niedere Tätigkeit war. Er war aufgeregt, denn er sollte für Luis Planas arbeiten, dessen schlechte Laune und aufbrausendes Temperament er bereits miterlebt hatte. Aber zu seiner Erleichterung war Luis an diesem Tag nur ein wenig wortkarg und mürrisch, er war vor allem ein Mann, dem seine Arbeit am Herzen lag. Er trug Jona auf, verschiedene Teile einer Rüstung zu schleifen. »Du mußt auch noch den kleinsten Makel in der Oberfläche des Stahls aufspüren, jede winzige Andeutung eines Kratzers, und dann mußt du polieren und polieren, bis sie nicht mehr da sind«, sagte ihm Luis.
Also polierte Jona mit Macht und Begeisterung. Als nach mehr als einer Woche eifrigen und kräftigen Rubbelns die Stücke in Hochglanz erstrahlten, erfuhr er, daß er Teile eines Küraß bearbeitet hatte - die beiden Hälften des Brustpanzers. »Jedes einzelne Stücke muß makellos sein«, sagte Luis streng. »Sie gehören zu einer prächtigen Rüstung, an der die Fierro-Schmiede seit mehr als drei Jahren arbeitet.«
»Für wen wird diese Rüstung gefertigt?« fragte Jona.
»Für einen Edelmann aus Tembleque. Graf Fernan Vasca mit Namen.«
Jona pochte das Herz in der Brust, schneller und fester, so schien es ihm, als die Schläge von Luis Planas' Hammer.
Wie weit er auch fliehen mochte, Toledo schien ihn immer zu verfolgen!
Er erinnerte sich noch an die Schulden, die der Graf Vasca bei seinem Vater hinterlassen hatte: neunundsechzig Real und sechzehn Maravedi für eine Anzahl von Kunststücken aus Helkias' Silberschmiede, darunter eine bemerkenswerte und einzigartige goldene Rose mit silbernem Stiel, eine Reihe silberner Spiegel und silberner Kämme und ein Satz aus zwölf Trinkkelchen...
Es war eine ärgerliche Schuld, die Jona ben Helkias, wenn er sie nur eintreiben könnte, das Leben bedeutend einfacher machen würde.
Doch er wußte nur zu gut, daß er das nicht konnte.
3. KAPITEL
HEILIGE UND GLADIATOREN
Als Fierro merkte, daß der neue Lehrling in jeder Hinsicht verläßlich zu sein schien, erhielt Jona den Auftrag, den Küraß von Graf Vascas Rüstung mit einem Muster zu verzieren. Dazu mußte er, anhand von Linien, die von Fierro oder Luis Planas kaum sichtbar auf der Stahloberfläche vorgezeichnet worden waren, mit einem Hammer und einer Punze winzige Einkerbungen in den Brustharnisch treiben. Silber war leichter zu ziselieren als Stahl, aber das härtere Metall bot auch einen Schutz gegen bestimmte Fehler, die in Silber verhängnisvoll gewesen wären. Anfangs hämmerte Jona nur leicht, um sich zu versichern, daß er die Punze auch richtig gesetzt hatte, und ließ erst dann einen kräftigeren Schlag folgen, um die Einkerbung zu vollenden; doch im Verlauf der Arbeit kehrten seine sichere Hand und sein Selbstbewußtsein zurück.