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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Auch den alten Schäferhund mußte Chatelain am Halsbande fassen, denn er war ganz ebenso wild wie die Hunde draußen ... »Kusch dich, Lysander!« rief Vater Chatelain; »laß die draußen bellen, du aber verhalte dich still!«

Vor Bakels häßlichem Gesicht grauten sich die Leute so, daß sie zum Teil zurückwichen, zum Teil sprachlos stehen blieben. Dem Lahmen entging das natürlich nicht; ihm bereitete es maßlose Freude, da er sich hiervon den besten Erfolg für den geplanten Raub versprach.

»Wärmen Sie sich nur erst ein bißchen am Ofen,« sagte Vater Chatelain zu Bakel, »und dann setzen Sie sich mit uns zum Essen. Komm, Junge, führ deinen Vater her!« – »Vergelts Euch Gott,« sagte der Junge in heuchlerischem Tone; »Vater, komm, aber sieh dich vor, daß du nicht fehl trittst!«

Der Schäferhund war zu dem Blinden herangekrochen und hatte ihn beschnopert. Während er erst nur geknurrt hatte, fing er jetzt greulich zu heulen an. – »Tod und Teufel!« dachte Bakel bei sich; »die verfluchten Biester wittern doch nicht etwa noch Blut? Als ich den Viehhändler umbrachte, hatte ich die gleichen Hosen an.«

»Daß Lysander heult,« sagte René leise, »bedeutet nichts Gutes.« – Aber Vater Chatelain brachte ihn zur Ruhe und fragte dann Bakel, ob sein Sohn lahm geboren sei oder sich nur verletzt habe ... »Recht schade,« setzte er hinzu, »daß Sie nicht vor drei Wochen schon hergekommen sind. Da war ein Doktor aus Paris da, ein tüchtiger Mann, aus der Rue des Veuves ... Aber was ist Ihnen denn?« fragte er Bakel, jäh abbrechend, denn ein heftiges Zittern schüttelte den Blinden wieder, und sein Gesicht verzerrte sich zu einer gräßlichen Fratze.

»Wenn Sie der Weg wieder nach Paris führt,« sagte Vater Chatelain, »dann sollten Sie doch einmal zu dem Herrn gehen. Er soll gegen Arme sehr gütig sein. Also Rue des Veuves Nr. 17, Sie finden ihn aber auch, wenn Sie die Nummer nicht behalten sollten, denn Sie brauchen bloß nach dem schwarzen Arzte zu fragen, denn Herr Dr. David ist nämlich ein Neger.«

Bakels Gesicht war von Narben so zerfetzt, daß man sein Erbleichen nicht bemerken konnte. Aber als er die Hausnummer gehört und gehört hatte, daß es ein Negerarzt sei, der hier gewesen sei, da ahnte er, daß es derselbe sein möchte, der die grausame Strafe an ihm vollzogen hatte, deren Folgen er in jedem Augenblick an sich verspürte ... Zum ersten Mal in seinem Leben beschlich ihn eine Art abergläubischer Furcht, und er fragte sich, ob wirklich Zufall allein ein so merkwürdiges Zusammentreffen bewirkt haben könne.

»Die Meierei ist nicht so, wie sie durchschnittlich sind,« schwatzte Vater Chatelain weiter, »hier gibts wohl alle Tage tüchtig Arbeit, aber auch alle Tage gutes Essen, ein gutes Gewissen und auch ein gutes Bett. Wir sind unser zwar nur sieben Mann, aber Arbeit verrichten wir für vierzehn, werden aber auch ebensogut bezahlt. Unser Herr hat freilich eine ganz besondere Art, sich zu bereichern, ist auch ein ganz besonderer Herr, dem wir alle mit Leib und Seele ergeben sind.«

»Wenn Sie einen so guten Herrn haben,« sagte der Räuber, »wäre dann nicht vielleicht in einem Winkel ein Plätzchen für mich frei für die kurze Zeit, die mein Leben noch dauern kann?« – Vater Chatelain sah den Frager voll Verwunderung an. – »Dazu kann ich freilich nichts sagen,« antwortete Chatelain, »da müßten Sie sich schon an »unsere liebe Frau von edler Hilfe« selbst wenden.« – »An wen?« – »So nennen wir unsre Herrin; verstehen Sie es, sie für sich einzunehmen, so ist Ihre Sache in Ordnung.« – »Versuchen bei ihr will ich es,« rief der Räuber, dem es allen Ernstes darum zu tun war, sich von der Tyrannei der Eule loszumachen. Aber bei dem lahmen Jungen fand seine Freude keinen Widerhall, denn ihm lag am Leben auf dem Lande gar nichts ... »Aber, Vater,« fragte der Lahme, »die gute Tante, die dich so pflegt und liebt, wirst du doch nicht im Stich lassen wollen? Die liebe Tante Eule! Die käme doch mit dem Vetter Barbillon gleich her, dich wieder abzuholen!« – »Junge, du irrst dich am Ende doch, wenn du dir einbildest, sie könnte mich nicht missen?« – »Aber, wie könnt Ihr so etwas denken, Vater?« erwiderte der Junge, »nein, nein! Tante Eule wäre auf der Stelle da! Sie hat's mir auf die Seele gebunden, alles für dich zu tun!«

»Schon gut, schon gut,« unterbrach ihn Bakel, »das soll mich nicht hindern, morgen früh mit der guten Dame ein paar Worte zu reden; aber Sie wollten mir sagen, wie die Dame heißt?« – »Ach richtig,« antwortete Vater Chatelain, »und warum sollte ich auch mein Wort nicht halten? Aber wenn Sie einen vornehmen Namen erwartet haben, so sind Sie nun freilich im Irrtum, denn unsre liebe Frau von edler Hilfe führt den schlichten Namen Frau Georges, und unser eigentlicher Gutsherr – denn Frau Georges ist nur Pächterin – heißt Herr Rudolf.«

Wenig fehlte, so wäre Bakel vor Schreck in die Erde gesunken ... Wie ein Blitzstrahl hatten die beiden Namen ihn getroffen... »Meine Frau!« murmelte er entsetzt, »mein Peiniger!« – Daß er durch eine zufällige Uebereinstimmung der beiden Namen getäuscht werde, konnte er nicht annehmen, denn Rudolf hatte, bevor er ihn zu der entsetzlichen Strafe verurteilte, zu deutlich der Teilnahme Worte geliehen, die ihn für Frau Georges erfüllte. Sodann bewies ihm doch die Erwähnung des Negerarztes mehr denn genug, daß er sich nicht irrte ... Das Entsetzen, das ihn packte, schüttelte ihn so, daß er nach einem Halte suchen mußte. Dann aber suchte er nach der Hand des Lahmen und erhob sich ... »Komm, Junge,« sagte er, »wir wollen gehen, ich will weg von hier. Führe mich hinaus!«

»Was? Jetzt in der Nacht wollen Sie gehen?« fragte Vater Chatelain, »das kann doch Ihr Ernst nicht sein; armer alter Mann?« Und zu dem Lahmen sagte er leise, man müsse ja fürchten, es sei bei dem Vater nicht richtig im Oberstübchen. – Dann sah der Lahme klug auf, seufzte tief und nickte ... Dann legte er den Finger an die Stirn, zum Zeichen, daß es beim Vater wirklich so sei, wie der alte Oberknecht dächte, und da er keine Lust verspürte, sich um das warme Nachtlager zu bringen, sagte er: »Aber, Vater, schon wieder der häßliche Anfall? Sei doch bloß ruhiger! Wohin sollen wir denn in der kalten Nacht?« Und zu Vater Chatelain gewandt, sagte er: »Nicht wahr, Sie leiden nicht, daß der arme alte Mann sich jetzt noch auf den Weg macht?«

»Hab keine Bange, Kind,« erwiderte Chatelain, »wir machen deinem Vater nicht auf; da kann er ja nicht weg und wird sich drein finden müssen, die Nacht hier zuzubringen.« – »Ich lasse mich zu nichts zwingen,« erwiderte Bakel; »zudem könnte es auch sein, daß ich, da die Frau Georges nur Pächterin ist, dem Gutsherrn zur Last fiele.« – »Dem Gutsherrn?« erwiderte Chatelain, »o, der ist jetzt nicht hier, sondern kommt erst in fünf bis sechs Tagen. Tragen Sie unserer lieben Frau nur immer Ihre Bitte morgen vor, heute wird sie leider nicht mehr herunterkommen, sonst würde sie Ihnen sicher heute schon sagen, daß Sie auf ein Plätzchen rechnen dürfen, und daß sie es auf sich nehmen wird, den Gutsherrn für Sie freundlich zu stimmen.«

»Nein, nein!« rief der Räuber, wieder von Entsetzen geschüttelt, »ich habe mich anders besonnen. Mein Sohn hat recht. Tante Eule wird sich meiner erbarmen. Komm, Junge, wir wollen zur Tante Eule.«

Aber was half es ihm, gehen zu wollen, wenn ihm der Lahme nicht beistand? Und der mochte nun einmal nichts davon wissen, so spät noch auf die Wanderschaft zu gehen. So sehr sich nun Bakel fürchtete, seine Frau möchte ihn, all der Verstümmelungen, die er an sich vorgenommen, ungeachtet, wiedererkennen, und so sehr es ihn infolgedessen von dannen trieb, so mußte er sich doch fügen und bleiben. Aber damit ihn seine Frau nicht sehe, sagte er zu Chatelain: »Auf Ihre Versicherung hin, daß ich weder Ihrem Herrn noch Ihrer Pächterin zur Last falle, will ich das angebotene Nachtquartier annehmen: da ich aber schrecklich abgespannt bin, will ich mich gleich zu Bett legen, aber morgen in aller Frühe aufbrechen,«

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