Die Vereinigung jiddischer Polizisten
- Автор: Чабон Майкл
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: dtv
- ISBN: 978-3-423-13793-5
- Переводчик: Andrea Fischer
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
Landsman liegt im Bett von Berko und Ester-Malke, auf der Seite, mit dem Gesicht zur Wand, und blickt auf die eingefärbte Szene balinesischer Gärten und Wildvögel. Jemand hat ihn entkleidet, bis auf die Unterhose. Er setzt sich auf. Die Haut an seinem Hinterkopf kribbelt, dann strafft sich eine Schnur des Schmerzes. Landsman betastet seine Verletzung. Seine Finger treffen auf einen Verband, ein knittriges Rechteck aus Mull und Pflaster. Drum herum ein sonderbar haarloses Stück Kopfhaut. Klatschend purzeln Erinnerungen übereinander wie die Tatortfotos aus Dr. Shpringers Todeskamera. Ein heiterer Sanitäter von der Notaufnahme, ein Röntgenbild, eine Morphiumspritze, ein dräuender, mit Betadine getränkter Tupfer. Davor: der Lichtstreifen einer Straßenlaterne an der weißen Vinyldecke des Krankenwagens. Und davor, vor der Fahrt mit dem Krankenwagen: violetter Schneematsch. Auf dem Boden verteilte, dampfende menschliche Eingeweide. Eine Hornisse an seinem Ohr. Ein roter Strahl, der aus der Stirn von Rafi Zilberblat schießt. Ein Code von Löchern in einer leeren Gipswand. Landsman flieht so hastig vor der Erinnerung an das, was auf dem Parkplatz des Big Macher geschah, dass er geradewegs in den stechenden Schmerz läuft, den kleinen Django Landsman in seinem Traum verloren zu haben.
»Wehe mir«, sagt Landsman. Er wischt sich über die Augen. Er würde jetzt eine Drüse oder ein kleineres Organ für eine Papiros geben.
Die Schlafzimmertür öffnet sich, und Berko kommt mit einer fast noch vollen Packung Broadways herein.
»Habe ich dir schon mal gesagt, dass ich dich liebe?«, sagt Landsman, wohl wissend, dass er es noch nie getan hat.
»Hast du nicht, zum Glück«, sagt Berko. »Die habe ich von unserem Nachbarn, von Fried. Ich habe gesagt, die Schachtel wäre polizeilich beschlagnahmt.
»Ich bin dir wahnsinnig dankbar.«
»Man beachte das Adverb.«
Dann merkt Berko, dass Landsman geweint hat; eine Augenbraue schießt hoch, schwebt oben und senkt sich wieder wie eine Decke auf einen Tisch.
»Ist der Kleine in Ordnung?«, fragt Landsman.
»Zahnt.« Berko nimmt einen Bügel von einem Haken an der Schlafzimmertür. Auf dem Bügel hängt Landsmans Kleidung, sauber und ausgebürstet. Berko betastet die Seitentasche von Landsmans Sakko und holt ein Streichholzheft hervor. Er stellt sich neben das Bett und hält ihm Papirossen und Zündhölzer hin.
»Ich kann nicht behaupten«, sagt Landsman, »dass ich wüsste, was ich hier tue.«
»Es war Ester-Malkes Idee. Wir wissen ja, was du von Krankenhäusern hältst. Man meinte, du müsstest nicht dableiben.«
»Setz dich doch!«
Es gibt keinen Stuhl im Zimmer. Landsman rutscht zur Seite, und Berko hockt sich auf die Bettkante, was bei den Federn einen Alarm auslöst.
»Ist das wirklich in Ordnung, wenn ich hier rauche?«
»Eigentlich nicht, nein. Stell dich ans Fenster.«
Landsman hievt sich aus dem Bett. Als er die Bambusjalousie hochrollt, wundert er sich ein wenig, dass es draußen in Strömen regnet. Regengeruch weht durch die fünf Zentimeter, die er das Fenster hochgekurbelt hat, und erklärt den Geruch von Binas Haar in Landsmans Traum. Er schaut hinunter auf den Parkplatz des Apartmenthauses und sieht, dass der Schnee geschmolzen und fortgewaschen ist. Auch das Licht kommt ihm völlig falsch vor.
»Wie viel Uhr ist es?«
»Sechzehn Uhr zweiunddreißig«, sagt Berko, ohne auf die Uhr zu sehen.
»Welcher Tag ist heute?«
»Sonntag.«
Landsman kurbelt das Fenster noch weiter auf und schwingt die linke Hinterbacke auf die Fensterbank. Regen fällt auf seinen schmerzenden Kopf. Er zündet die Papiros an, nimmt einen langen Zug und versucht zu entscheiden, ob ihn diese Information verwirrt.
»Ist lange her«, sagt er. »Dass ich einen ganzen Tag geschlafen habe.«
»Dann hast du es wohl gebraucht«, stellt Berko kühl fest. Ein Seitenblick in Landsmans Richtung. »Ester-Malke hat dich übrigens ausgezogen. Nur damit du Bescheid weißt.«
Landsman ascht aus dem Fenster.
»Ich wurde angeschossen.«
»Streifschuss. Die meinten, es wäre eher eine Art Verbrennung. Musste nicht genäht werden.«
»Es waren drei. Rafael Zilberblat. Ein Pischer, ich denke, das war sein Bruder. Und so ’n Huhn. Der Bruder hat mein Auto geklaut, meine Brieftasche. Meine Dienstmarke und meine Scholem. Und mich da liegen lassen.«
»So wurde es rekonstruiert.«
»Ich wollte telefonieren, aber das kleine Rattengesicht hat mir auch mein Shoyfer geklaut.«
Bei der Erwähnung von Landsmans Handy muss Berko grinsen.
»Was ist?«, sagt Landsman.
»Der Pischer ist mit deinem Auto durch die Gegend gekurvt. Nördlich nach Ickes, dann Richtung Yakovy, Fairbanks, Irkutsk.«
»Aha.«
»Dein Telefon klingelte. Der Pischer ging dran.«
»Und du warst dran?«
»Bina.«
»Nicht schlecht.«
»Sie spricht keine zwei Minuten mit dem kleinen Zilberblat und weiß anschließend seinen Aufenthaltsort, seine Personenbeschreibung und den Namen des Hundes, den er mit elf Jahren hatte. Fünf Minuten später wurde er vor Krestov von zwei Latkes aufgegriffen. Dein Auto ist in Ordnung. In der Brieftasche war sogar noch Bargeld.«
Landsman tut so, als finde er es interessant, wie das Feuer aus dem getrockneten Tabak Ascheflocken macht.
»Und meine Dienstmarke und meine Waffe?«, fragt er.
»Ah.«
»Ah.«
»Deine Dienstmarke und deine Waffe sind jetzt in den Händen deiner Vorgesetzten.«
»Hat sie vor, sie zurückzugeben?«
Berko streicht über die Dellen, die Landsman im Bett hinterlassen hat.
»Es passierte doch in Ausübung meiner Pflicht!«, sagt Landsman, und selbst in seinen Ohren klingt es weinerlich. »Ich hab einen Tipp gekriegt wegen Rafi Zilberblat.« Er zuckt mit den Achseln und fährt mit den Fingern am Verband an seinem Hinterkopf entlang. »Ich wollte einfach nur mit dem Jid reden.«
»Du hättest mich anrufen sollen.«
»Ich wollte dich nicht an einem Samstag stören.«
Das ist keine Entschuldigung, und es kommt noch lahmer heraus, als Landsman gehofft hat.
»Nu, ich bin ein Idiot«, gibt er zu. »Und ein schlechter Polizist.«
»Regel Nummer eins.«
»Ich weiß. Ich wollte nur einfach etwas tun, ohne lange zu warten. Ich hab nicht gedacht, dass es so laufen würde.«
»Jedenfalls dieser Pischer«, sagt Berko. »Der kleine Bruder. Nennt sich Micky Zilberblat. Hat für seinen toten Bruder gestanden. Rafi hat Viktor tatsächlich umgebracht. Mit einer halben Schere.«
»Sieh mal einer an.«
»Wenn sich sonst nichts ändert, würde ich sagen, dass Bina guten Grund hat, sich über dich zu freuen. Du hast den Fall sehr effektiv gelöst.«
»Mit einer halben Schere.«
»Das nenne ich einfallsreich!«
»Sehr sparsam.«
»Und das Huhn, das du so grob behandelt hast — das warst du doch, oder?«
»Ja.«
»Nu, gut gemacht, Meyer.« Keine Ironie in Berkos Gesicht oder Stimme. »Du hast Yacheved Flederman eine Kugel verpasst.«
»Kann nicht sein!«
»War kein schlechter Tag für dich.«