Die Vereinigung jiddischer Polizisten
- Автор: Чабон Майкл
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: dtv
- ISBN: 978-3-423-13793-5
- Переводчик: Andrea Fischer
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
»Ich sag ihr, dass sie mal vorbeikommen soll.«
»Nein, Sie sagen ihr nichts, Detective«, grinst Benito. »Sie ist jetzt Ihr Chef.«
»Sie war schon immer mein Chef, Benny«, sagt Landsman. »Jetzt ist es bloß offiziell.«
Das Grinsen verblinzelt, und Landsman wendet den Blick von Benito Taganes’ trauernden Augen ab. Benitos Lady ist jetzt eine stimmlose, schattenhafte kleine Frau, aber in ihrer Blütezeit benahm sich Miss Olivia wie der Chef der halben Welt.
»Besser für Sie«, sagt Benito. »Brauchen Sie.«
21.
Landsman schnallt ein zusätzliches Magazin an seinen Gürtel und fährt, vorbei an Halibut Point, hinaus ins Nordend, wo sich die Stadt zerstreut und das Wasser über das Land greift wie der Arm eines Polizisten. Direkt neben der Ickes-Autobahn liegt das Wrack des Einkaufszentrums und markiert das Ende der Träume des jüdischen Sitka. Der Drang, jeden vorhandenen Raum von hier bis Yakovy mit allen Juden der Welt zu füllen, verendete auf diesem Parkplatz. Es gab keinen dauerhaften Status, keinen Zustrom frischen Judenfleisches aus den bitteren Winkeln und dunklen Gassen der Diaspora. Die geplanten Sozialbauten blieben Striche auf blauem Papier und verendeten in einer Stahlschublade.
Das Outlet-Center von Big Macher in Granite Creek machte vor ungefähr zwei Jahren dicht. Seine Tore sind mit Ketten verhängt, und entlang der fensterlosen Flanke, wo jiddische und römische Lettern den Namen des Geschäfts buchstabieren, findet sich lediglich eine kryptische Folge von Löchern, Dominopunkte, ein Braille des Misserfolgs.
Landsman lässt sein Auto am Mittelstreifen stehen und marschiert über die gewaltige gefrorene Leere des Parkplatzes zum Eingang. Der Schnee liegt hier nicht so hoch wie in den Straßen des Zentrums. Der Himmel ist fern und blassgrau, getigert mit dunkelgrauen Streifen. Schnaufend stapft Landsman auf die Glastüren zu, deren Griffe wie Arme mit einer baumelnden, blauen, gummiummantelten Kette gefesselt sind. Landsman stellt sich vor, wie er mit gezücktem Ausweis an diese Türen klopft, dass seine Selbstsicherheit wie ein Kraftfeld vibriert, und wie dieser schleichende Windhund von Mann, dieser Rafi Zilberblat, jeden Moment dämlich blinzelnd in den schneestrahlenden Tag tritt.
Wie eine dicke, brummende Fliege schwärzt die erste Kugel die Luft neben Landsmans rechtem Ohr. Er weiß nicht mal, dass es eine Kugel ist, bis er eine schallgedämpfte Explosion und das Kreischen von Glas hört oder zu hören vermeint. Aber da fällt er auch schon bäuchlings in den Schnee, drückt sich flach auf den Boden. Der nächste Schuss streift seinen Hinterkopf und verbrennt seinen Schädel wie eine von einem Streichholz entzündete Benzinspur. Landsman zerrt seine Scholem hervor, aber da ist ein Spinngewebe in seinem Kopf oder auf seinem Gesicht, und eine reuige Lähmung ergreift ihn. Sein Plan war gar kein Plan, und jetzt ist er schiefgegangen. Er hat keine Unterstützung. Niemand weiß, wo er ist, nur Benito Taganes mit seinem Sirupblick und seinem alles erdrückenden Schweigen. Landsman wird auf einem verlassenen Parkplatz am Ende der Welt sterben. Er schließt die Augen. Er öffnet sie wieder, und das Spinngewebe ist dichter geworden, sonderbare Tautropfen funkeln darin. Schritte im Schnee, mehr als eine Person, Landsman hebt die Waffe und zielt durch die funkelnden Fasern dessen, was in seinem Kopf schiefläuft. Er drückt ab.
Es gibt einen Schmerzschrei, einen weiblichen, einen Atemstoß, dann wünscht ihm eine Dame den Krebs an die Hoden. Schnee liegt auf Landsmans Ohren und schmilzt seinen Mantelkragen hinunter bis in den Nacken. Jemand greift nach seiner Pistole und versucht, ihn auf die Füße zu ziehen. Popcornatem. Als Landsman sich torkelnd aufrichtet, breitet sich das Band über seinen Augen aus. Er sieht die schnurrbärtige Fratze von Rafi Zilberblat und neben dem Eingang vom Big Macher eine auf dem Rücken liegende mollige Wasserstoffblondine, deren Leben aus dem Bauch in den dampfenden roten Schnee gepumpt wird. Und zwei Pistolen, eine davon in Zilberblats Hand, die auf Landsmans Kopf gerichtet sind. Als Landsman die Automatik schimmern sieht, lösen sich die Spinnweben von Reue und Selbstbeschuldigung auf. In der Luft liegt das Aroma von Popcorn, es zieht aus dem verlassenen Geschäft und verändert Landsmans Wahrnehmung des Blutgeruchs, lässt ihn süßer erscheinen. Landsman duckt sich und lässt seine Smith & Wesson los.
Zilberblat reißt so heftig an der Waffe, dass er rückwärts in den Schnee stolpert, als Landsman sie aufgibt. Jetzt agiert Landsman nur noch, ohne einen Gedanken im Kopf. Er entreißt dem Gegner seine Scholem, dreht sie in der Hand, und die Welt zieht am Abzug aller Waffen. Zilberblat wächst ein Horn aus Blut oben aus dem Kopf. Jetzt sind die Spinnweben in Landsmans Ohren. Er hört nur noch den Atem hinten in seinem Hals und sein pulsierendes Blut.
Einen Augenblick lang breitet sich wie ein Regenschirm ein sonderbarer Friede über Landsman aus, als er sich auf den Mann setzt, den er gerade umgebracht hat. Seine Knie brennen im Schnee. Er besitzt noch die Geistesgegenwart, zu erkennen, dass diese Ruhe nicht unbedingt ein gutes Zeichen ist. Dann drängen sich langsam Zweifel um das Bewusstsein, was für eine Schweinerei er veranstaltet hat, Zuschauer, die sich um einen gesprungenen Selbstmörder sammeln. Landsman taumelt auf die Füße. Auf seinem Mantel sieht er das geronnene Blut, Hirnfetzen, einen Zahn.
Zwei tote Menschen im Schnee. Der Geruch von Popcorn, ein buttriger Fußgestank, überwältigt ihn.
Während er seine Gedärme mit aller Macht in den Schnee zu kotzen versucht, kommt ein weiterer Mann aus dem Big Macher geschlendert. Ein junger Mann mit einem Rattengesicht und trottendem Gang. Landsman hat gerade noch genug Verstand, in ihm einen Zilberblat zu erkennen. Dieser Zilberblat hat die Arme erhoben und einen verstörten Gesichtsausdruck. Seine Hände sind leer. Doch als er den blutenden und auf allen vieren kotzenden Landsman sieht, gibt er sein Kapitulationsprojekt auf. Er hebt die Automatik an, die neben dem Wrack seines Bruders liegt. Landsman kommt schwankend zum Stehen, und die Feuerspur an seinem Hinterkopf lodert auf. Er spürt, dass der Boden einbricht, und dann umgibt ihn nur noch schallende Schwärze.
Nachdem er gestorben ist, wacht er mit dem Gesicht im Schnee auf. Er spürt keine Kälte an den Wangen. Das wilde Klingeln in seinen Ohren ist fort. Er krümmt sich hoch, bis er sitzt. Das Blut von seinem Hinterkopf hat Rhododendren in den Schnee gemalt. Der Mann und die Frau, die er erschossen hat, haben sich nicht bewegt, aber es gibt keine Spur des jungen Zilberblats, der auf ihn schoss oder nicht und ihn tötete oder nicht. Mit plötzlicher Klarheit und wachsendem Argwohn, er könne tatsächlich zu sterben versäumt haben, klopft sich Landsman ab. Seine Uhr, seine Brieftasche, die Autoschlüssel, das Handy, die Pistole und die Dienstmarke sind fort. Landsman schaut nach seinem in der Ferne an der Parallelstraße geparkten Wagen. Als er sieht, dass sein Super Sport weg ist, weiß er, dass er noch lebt, weil nur das Leben selbst einen derart bitteren Anblick bieten kann.
»Noch so ein verwichster Zilberblat«, sagt er. »Die sind doch alle gleich.«
Ihm ist kalt. Er überlegt, ins Big Macher zu gehen, aber der Popcorngestank hält ihn ab. Er wendet sich von den gähnenden Eingangstüren ab und hebt den Blick zum hohen Hügel und den Bergen dahinter, schwarz vor Bäumen. Dann setzt er sich in den Schnee. Nach einer Weile legt er sich hin. Es ist kuschelig und gemütlich, es riecht nach kaltem Staub, und er schließt die Augen und schläft ein, zusammengerollt in seinem netten, kleinen, dunklen Loch in der Wand des Hotel Zamenhof, und zum ersten Mal im Leben stört ihn seine Platzangst nicht, nicht ein bisschen.
22.
Landsman hält einen kleinen Jungen im Arm. Das Baby weint, ohne triftigen Grund. Sein Geheul schnürt Landsmans Herz auf angenehme Weise zu. Erleichtert stellt er fest, dass er ein dickes, hübsches Kind hat, das nach Waffeln und Seife riecht. Er drückt die kleinen Speckfüße, schätzt das Gewicht dieses kleinen Großväterchens in seinen Armen, geringfügig und enorm zugleich. Landsman dreht sich zu Bina um, will ihr die gute Nachricht mitteilen: Es war alles ein Fehler. Hier ist dein kleiner Sohn. Aber es ist keine Bina da, der er es sagen könnte, in Landsmans Nase hält sich nur die Erinnerung an Regen in ihrem Haar. Dann wacht Landsman auf und erkennt, dass das weinende Baby Pinky Shemets ist, dessen Windel gewechselt wird oder der Protest über dieses oder jenes anmeldet. Landsman blinzelt, und die Welt drängt sich ihm in Form eines gebatikten Wandbehangs auf. Als wäre es das erste Mal, höhlt ihn der Verlust seines Sohnes völlig aus.