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Pelagia und der rote Hahn

Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:

Als ebenso kluge wie charmante Begleiterin ist Schwester Pelagia ihrem Bischof Mitrofani unentbehrlich geworden, und so begleitet sie ihn auf einer Schiffsreise von Moskau nach Zarinin. Schon bald werden ihre kriminalistischen Fähigkeiten auf eine erneute Probe gestellt: Ein Passagier wird nachts in seiner Kabine im Schlaf überrascht und umgebracht. Es handelt sich um den Anführer einer zum Judentum konvertierten Gruppe orthodoxer Russen, die auf dem Weg nach Jerusalem ist, ins Heilige Land. Diese Gruppe hatte dem Ermordeten nicht nur ihre gesamte Reisekasse anvertraut, sondern ihn auch als ihren »Messias« verehrt. Doch seinen bürgerlichen Namen und seine Herkunft scheint niemand auf dem Schiff zu kennen. So steuert man den nächsten Hafen an, wo Sergej Sergejewitsch Dolinin, ein hoher Beamter des russischen Innenministeriums, bereits auf Pelagia wartet, um mit ihr die Ermittlungen aufzunehmen. Er hat den Geburtsort des »Messias« in Erfahrung gebracht, und so machen sich die beiden zu diesem im Ural gelegenen Ort auf. Dort angekommen, finden sie schnell den eigentlichen Namen des Opfers heraus: Pjotr Scheluchin. Dolinin scheint sich mit dieser Auskunft zu begnügen und reist zurück nach St. Petersburg. Doch Pelagia kann sich damit nicht zufrieden geben: Die neugierige Nonne setzt ihre Nachforschungen fort – und wird selbst zur Gejagten, als man zum ersten Mal versucht, sie umzubringen. Der Mörder heftet sich fortan an ihre Fersen und zwingt sie zu einer weiten Reise, die sie bis nach Jerusalem führt . . .
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Kaiserliche Palästinagesellschaft Billetts

und Anleitungen

für Pilger zum Grab des Herrn

Sofort stürzte Pelagia auf ihn zu wie auf einen alten Bekannten.

»Entschuldigen Sie, wie komme ich nach Jerusalem?«

»Oh, da gibt es viele Möglichkeiten«, antwortete der Repräsentant der ehrwürdigen Gesellschaft gemessen. »Sie können mit der Eisenbahn fahren, zu drei Rubel fünfzig Kopeken: nur vier Stunden, und Sie sind vor den Toren der Altstadt. Der heutige Zug ist allerdings schon abgefahren, der morgige geht um drei Uhr nachmittags. Oder Sie reisen mit der achtsitzigen Postkutsche, ein Rubel fünfundsiebzig Kopeken. Abfahrt morgen Mittag zwölf Uhr, Ankunft in der Heiligen Stadt um Mitternacht.«

Die Pilgerin begann zu überlegen. Durfte man im Heiligen Land mit der Postkutsche reisen? Oder, noch schlimmer, mit der Eisenbahn? Irgendwie kam ihr das unschicklich vor, so als führe man nach Kasan oder Samara wegen ein paar Wäscheknöpfen oder einer Rolle Zwirn.

Ihr Blick fiel auf eine Gruppe russischer Pilger, die sich am Rande des Platzes versammelt hatten. Eben hatten sie sich niedergekniet, um das staubige Pflaster zu küssen, jetzt setzten sie sich in Marsch, weit mit dem Stabe ausholend. Aber nicht alle hatten sich erhoben. Zwei Männer hatten sich große Bastschuhe um die Knie gebunden und schrabbten damit flink bergan.

»So werden sie die ganzen siebzig Werst bis Jerusalem kriechen«, seufzte der Repräsentant. »Haben Sie sich überlegt, welches Billett Sie nehmen möchten?«

»Wahrscheinlich doch die Postkutsche«, sagte Polina Andrejewna unsicher. Sie befürchtete, dass die Fahrt mit der Lokomotive ihr ohnehin schon ramponiertes Gefühl von Andacht wohl endgültig absterben lassen würde.

In diesem Augenblick zupfte sie jemand am Rock.

Sie drehte sich um und erblickte einen dunkelhäutigen Mann von ziemlich ansprechendem Äußeren. Er trug ein langes arabisches Hemd mit einem breiten Gürtel, an dem eine blinkende Uhrkette baumelte. Der Einheimische lächelte sie mit strahlend weißen Zähnen an und flüsterte:

»Wozu Postkutsche? Postkutsche nicht gut. Ich habe Hantur. Weißt du was ist Hantur? Das Kutsche mit Zelt oben. Fährst du wie Sultan Abd ül-Hamid. Und die Pferde, ajajaj, was für schöne Pferdchen! Arabisch Pferd! Wo du willst, wir stehen, wirst du gucken, wirst du beten, ich alles zeige! Fünf Rubel!«

»Woher können Sie denn Russisch?«, fragte Pelagia, aus irgendeinem Grunde ebenfalls flüsternd.

»Meine Frau Russin. Ganze klug, ganze schön! Wie alle Russin. Bin ich auch russischer Glaube. Ich heiße Salach.«

»Salach – ist das denn ein christlicher Name?«

»Allerchristlichste Name!«

Und zum Beweise bekreuzigte sich der Araber mit drei Fingern und murmelte dazu in rasender Geschwindigkeit: »Vater-unserderdubistimHimmel.«

Das war ein Zeichen des Himmels! Gleich in der ersten Minute nach der Ankunft im Heiligen Land auf einen rechtgläubigen Menschen zu treffen, noch dazu einen Palästinenser, der russisch sprach! Wie viel Nützliches würde sie von ihm erfahren können! Und dann die Reise in einer eigenen Equipage, mit guten Pferden, das war doch etwas ganz anderes als eine Linienkutsche!

»Na dann los, fahren wir!«, rief Polina Andrejewna aufgeräumt, obwohl der gute Steuermann sie aufs Strengste gewarnt hatte: In Palästina ist es nicht tunlich, sofort das erste Preisangebot anzunehmen, hier wird um alles endlos lange gefeilscht.

Aber soll man um einen Rubel schachern, wenn man in die Heilige Stadt Jerusalem reist?

»Fahren morgen«, sagte Salach, griff den Koffer seiner künftigen Passagierin und bedeutete ihr mit einem Wink, ihm zu folgen. »Heute geht nicht. Bald wird dunkel, und nachts nicht gut, viel Räuber. Komm, komm, habe schöne Platz für Nacht, bei Tante. Ein Rubel, nur ein Rubel. Und morgen wir fliegen schnell wie Vogel. Arabisch Pferdchen!«

Pelagia hatte Mühe, mit ihrem schnellfüßigen Führer Schritt zu halten, der sie durch das Labyrinth der engen Gassen leitete, die sich immer höher und höher den Berg hinaufwanden.

»Ihre Frau ist also Russin?«

Salach nickte.

»Natascha, Name Marusja. Wir wohnen in Jerusalem.«

»Wie bitte?«, fragte sie verwundert. »Also was denn jetzt, Natascha oder Marusja?«

»Meine Natascha heißt Marusja«, antwortete der Einheimische geheimnisvoll, und dann brach das Gespräch ab, weil der Anstieg auf der holperigen Straße die Pilgerin außer Atem brachte.

Der »schöne Platz«, zu dem der Führer Polina Andrejewna brachte, erwies sich als ein schlichtes Lehmhaus, in dem man der Reisenden ein kahles, jeglichen Mobiliars lediges Zimmer zuwies. Salach verabschiedete sich mit der Erklärung, es gebe im Hause keine Männer und deshalb dürfe er hier nicht übernachten. Morgen in aller Frühe werde er wiederkommen.

Als Schlafstatt diente der Reisenden eine dünne Matratze, als Waschgelegenheit eine angestoßene Schüssel, und die Rolle des Wasserklosetts übernahm ein kupferner Topf, der sie irgendwie an Aladins Wunderlampe erinnerte.

Die innige Andacht, vom Wesen her eine zarte und ephemere Substanz, hielt all diesen Widrigkeiten natürlich nicht stand. Sie fiel in sich zusammen und überzog sich mit einer grauen Aschenschicht, wie ein schwelendes Holzscheit in einem niedergebrannten Lagerfeuer. Die Nonne unternahm noch einen tapferen Versuch, den Zauberfunken wieder anzufachen, indem sie die Bibel aufschlug und sich in die Lektüre vertiefte, aber es gelang ihr nicht. Vielleicht störte sie auch das weltliche Gewand. Im Nonnenhabit lässt sich das heilige Beben eben leichter bewahren.

Als sie dann beim Waschen in den Spiegel schaute, war es mit ihrer guten Laune endgültig vorbei.

Da hast du ‚s! Auf Wangen und Nase prangten schon wieder die Sommersprossen – für jede Frau eine höchst betrübliche Erscheinung, aber für eine Person geistlichen Standes geradezu unanständig. Dabei hatte sie fest damit gerechnet, ihnen mit der Kamillenmilch und den Honigumschlägen ein für alle Mal den Garaus gemacht zu haben!

Die öde Wüste

Die ganze Nacht hindurch hatte sich die arme Frau Lissizyna auf ihrem harten Lager hin und her gewälzt, und gleich am Morgen, nach einer raschen Katzenwäsche, bezog sie Position an der Haustür, in Erwartung der baldigen Ankunft ihres Kutschers.

Es verging eine Stunde, verging noch eine Stunde, dann eine dritte. Kein Salach.

Schon begann die Sonne erbarmungslos zu brennen, und Polina Andrejewna konnte geradezu fühlen, wie die verdammten Sommersprossen an Farbe und Umfang Zunahmen.

Jetzt kam ihr das gestrige Erscheinen dieses orthodoxen Einheimischen schon nicht mehr wie ein »Zeichen des Himmels« vor, sondern eher wie ein gemeiner Trick, den Luzifer ersonnen hatte, um ihr Eintreffen in der Heiligen Stadt hinauszuzögern.

Während die Nonne unschlüssig überlegte, ob sie noch warten oder besser in den Hafen zurückkehren sollte, verstrich die Mittagsstunde – was wiederum bedeutete, dass sie die Postkutsche nach Jerusalem versäumt hatte.

Weil sie nun fürchtete, den Dreiuhrzug auch noch zu verpassen, machte sich Pelagia schließlich auf den Weg in Richtung Meer. Aber schon an der ersten Wegkreuzung zögerte sie – wohin jetzt, nach links oder nach rechts?

Genau in diesem Moment kam hinter der nächsten Ecke ein wackliges Gefährt hervorgerappelt, mit riesigen Rädern und einem Fetzen verblasster Leinwand als Verdeck. Obenauf thronte der hinterlistige Betrüger Salach und wedelte träge mit der Peitsche über den Rücken zweier magerer Gäule.

»Mein Hantur«, sagte er und zeigte stolz auf seine kümmerliche Equipage. »Meine Pferde.«

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