Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
Pelagia wunderte sich kein bisschen über diese eigenmächtige Veränderung des Rituals; sie maß dem schlicht keine Bedeutung bei. Sie hängte sich bei ihm ein und lächelte:
»Was für ein wunderbarer Abend.«
Und in diesem Augenblick kam Berditschewski die kühne Idee, er könnte das Geleit bis zur Treppe in den Rang einer Gewohnheit erheben. Vielleicht sollte er gar einen Händedruck zum Abschied einführen? Was wäre schon dabei? Handküsse sind bei Nonnen unüblich, aber ein Händedruck, ganz kameradschaftlich gewissermaßen, das war doch nichts Unkeusches.
Auf der Vortreppe lüpfte der Staatsanwalt seine Schirmmütze – mit der linken Hand, damit die rechte frei blieb für sein verwegenes Vorhaben aber ganz von alleine wagte er nicht, sie auszustrecken; Pelagia allerdings kam gar nicht auf den Gedanken.
»Gute Nacht«, sagte sie zum Abschied.
Sie fasste nach dem Türgriff und schrie plötzlich auf – zart und schutzlos, wie ein junges Mädchen.
Sie zog ihre Hand zurück, und Berditschewski erblickte auf ihrem Ringfinger ein winziges Blutströpfchen.
»Ein Nagel!«, sagte die Nonne ärgerlich. »Man hätte schon längst einen neuen Griff anbringen müssen, am besten einen aus Kupfer.«
Sie begann nach einem Taschentuch zu suchen.
»Erlauben Sie, erlauben Sie!«, rief Matwej Benzionowitsch eifrig und konnte sein Glück gar nicht fassen. »Nicht mit dem Taschentuch, nicht doch! Es könnten Mikroben daran sein! Am Ende bekommen Sie den Wundstarrkrampf, um Gottes willen! Man muss die Wunde unbedingt aussaugen, das habe ich gelesen . . . in einem wissenschaftlichen Artikel.«
Dann verlor er endgültig den Kopf – er griff Pelagias Hand und brachte den verletzten Finger an seine Lippen.
Sie war so erstaunt, dass sie gar nicht daran dachte, ihm ihre Hand zu entziehen; nur sah sie den besorgten Staatsanwalt auf eine ganz besondere Weise an, als sehe sie ihn zum ersten Mal.
Erriet sie es?
Aber in diesem Augenblick war Berditschewski alles gleichgültig. Von der Wärme ihrer Hand, vom Geschmack ihres Blutes wurde ihm schwindelig – wie einem ausgehungerten Vampir.
Matwej Benzionowitsch saugte, so stark er konnte. Er bedauerte nur eines: dass es nicht der Biss einer giftigen Schlange gewesen war.
Endlich kam Pelagia zu sich und entzog ihm ihren Finger.
»Spucken Sie aus!«, befahl sie. »Wer weiß, was für Schmutz darin ist!«
Er spuckte dezent in sein Taschentuch, obwohl er es natürlich vorgezogen hätte, ihr Blut herunterzuschlucken.
Seinen Ausbruch bereits bereuend, murmelte er verlegen:
»Ich werde diesen abscheulichen Nagel unverzüglich herausziehen.«
O weh! Sie hat es gemerkt, ganz bestimmt! Bei ihrem Scharfsinn. Jetzt ist es vorbei, sie wird mir aus dem Weg gehen, sie wird mich meiden!
Er nahm die Laterne von der Deichsel und holte aus dem Kasten unter dem Sitz eine Zange hervor (so ein Ding gehört in jede Equipage, damit man mal einen Splitter aus dem Huf ziehen kann, wenn das Pferd plötzlich lahmt).
Als er wieder an der Tür war, gab er sich streng und sachlich. Er zog den tückischen Nagel mit einem Ruck heraus und zeigte ihn vor.
»Seltsam«, sagte Pelagia. »Die Spitze ist rostig, aber der Kopf ist wie neu. Als hätte man ihn gerade eingeschlagen.«
Berditschewski leuchtete mit der Laterne. Die Spitze des Nagels glänzte. Blut? Ja, von Blut sicher auch, aber der Nagel glänzte auch weiter oben, und zwar heller als das Blut. Es sah aus wie Öl.
Dem Staatsanwalt stockte der Atem, aber diesmal nicht vom Aufwallen romantischer Gefühle.
»Rasch! Ins Krankenhaus!«, brüllte er.
Krrk-krrk
Professor Sassekin, Chefarzt des Martha-Marinskaja-Krankenhauses und eine allrussische Kapazität, zeigte für die Wunde an Pelagias Finger keinerlei Interesse. Er schaute sie sich kurz an und zuckte nur mit den Schultern, nicht einmal Jod schmierte er drauf. Dafür nahm er den Nagel weitaus ernster. Er brachte ihn sofort ins Labor, experimentierte eine geschlagene Stunde daran herum und kehrte mit bestürzter Miene zurück.
»Eine sehr interessante Zusammensetzung«, verkündete er. »Um die exakte Formel zu ermitteln, brauche ich noch etwas Zeit, aber mit Sicherheit sind Anteile von Agaricus muscarus und Strychnos toxifera darin enthalten; und die Konzentration von Kolibakterien ist einfach phänomenal. Da hat man Ihnen ja einen schönen Punsch zusammengerührt, ajajaj! Wenn Sie diese Scheußlichkeit nicht sofort ausgesaugt hätten, mein Guter . . .« Der Doktor schüttelte viel sagend den Kopf. »Die Wunde ist vollkommen sauber, erstaunlich! Sie müssen wohl von Herzen gesaugt haben, mit Leidenschaft gewissermaßen. Alle Achtung!«
Matwej Benzionowitsch errötete und traute sich nicht, Pelagia anzusehen. Die aber fragte:
»Zusammengerührt? Wollen Sie damit sagen, Professor, dass jemand diese Substanz absichtlich hergestellt hat?«
Sofort schämte sich Berditschewski: Da machte er sich Gedanken um irgendwelchen Unfug, und dabei . . .
»Ganz ohne Zweifel«, sagte der Professor. »In der Natur kommt so ein Kompott nicht vor. Hier war ein Meister am Werke, allerdings mit Sicherheit keiner von hier, in Sawolshsk gibt es kein Labor, in dem man so etwas hergestellt haben könnte.«
Als er den vollen Sinn dieser Bemerkung begriff, gefror dem Staatsanwalt das Blut in den Adern. Auch Pelagias Gesicht veränderte sich. Matwej Benzionowitsch liebte sie in diesem Augenblick so sehr, dass seine Nase zu kribbeln begann. Hätte jetzt jemand zu ihm gesagt: Dort ist das Subjekt, welches das Wesen, das dir so teuer ist, ums Leben bringen wollte, er wäre dem Missetäter unverzüglich an die Gurgel gegangen, hätte ihn ohne viel Federlesens erwürgt und . . . Hier wurde es Berditschewski, einem friedliebenden Ehemann und Familienvater, schwarz vor Augen, und Atemnot stellte sich ein. Niemals hätte er solch eine Wut in sich vermutet.
Noch in derselben Nacht wurde im Hause des Bischofs eine außerordentliche Zusammenkunft abgehalten.
Matwej Benzionowitsch war sehr blass, doch wirkte er gefasst und entschlossen; nur griff er sich noch häufiger als gewöhnlich an die Nase.
»Wir können jetzt mit Gewissheit davon ausgehen, dass wir es nicht mit einem geisteskranken Einzelgänger zu tun haben, sondern mit einer ganzen Bande. Folglich dürfte die ›War-schauer‹-Variante die wahrscheinlichste sein. Für diese Klientel ist es Ehrensache, jeden ihrer Leute zu rächen. Wenn die es sich einmal in den Kopf gesetzt haben, dass Schwester Pelagia einen von ihren Leuten abgemurkst hat, werden sie nicht eher Ruhe geben, bis sie sie umgebracht haben. Ich werde alle anderen Vorgänge zurückstellen, und wenn es sein muss, fahre ich bis nach Warschau oder Moskau, oder auch nach Shitomir, aber ich werde diese Halunken kriegen. Wie lange das dauern wird, lässt sich natürlich nicht sagen. In der Zwischenzeit schwebt unsere verehrte Schwester jedenfalls in Lebensgefahr, und wir wissen nicht einmal, von welcher Seite der nächste Schlag zu gewärtigen ist. In dieser Hinsicht hoffe ich auf Sie, Eminenz . . .«
Der Bischof, den man aus dem Bett geholt hatte, trug einen Morgenrock und Filzpantoffeln. Seine Hände zitterten vor Aufregung und zupften und zerrten unentwegt an seinem Leibkreuz herum.
»Das Allerwichtigste ist, sie erst einmal in Sicherheit zu bringen«, sagte Mitrofani heiser. »Ich kann an nichts anderes denken. Ich werde sie so weit wie möglich von hier fortschicken, in irgendein ruhiges Kloster. Und zu niemandem ein Wort. Und dich frage ich gar nicht!«, fuhr er seine geistliche Tochter an und erwartete, dass sie widersprechen würde.
Aber die Nonne schwieg. Der hinterhältige Anschlag mit dem Nagel hatte ihr anscheinend einen gehörigen Schrecken eingejagt. Berditschewski tat die Arme so Leid, dass er anfing zu blinzeln, und auch der Bischof runzelte die Stirn und räusperte sich.
»Die Vorsteherin des Snamenski-Klosters an der Angara ist mir verpflichtet. Ich habe dir schon von ihr erzählt. Der Ort ist sehr abgelegen, es ist wunderbar ruhig dort«, sagte der Bischof, »und am Ussuri gibt es noch eine ganz nette Einsiedelei. Dort erkennt man jeden Fremden auf zehn Werst Entfernung. Der Abt ist ein alter Freund von mir. Ich werde dich selbst hinbringen, an die Angara oder an den Ussuri, wohin du willst.«