Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
»Nein!«, riefen der Staatsanwalt und die Nonne gleichzeitig.
»Das geht auf gar keinen Fall«, erklärte Berditschewski. »Sie fallen zu sehr auf. Man wird uns mit Sicherheit verfolgen, es steht außer Frage, dass sie uns nicht aus den Augen lassen werden. Wir müssen äußerst vorsichtig vorgehen, so geheim wie möglich.«
Pelagia fügte hinzu:
»Am besten fahre ich allein.«
»Es wäre natürlich gut, wenn sie diese Reise nicht im Nonnenhabit unternähme, sondern in gewöhnlicher Kleidung«, schlug Berditschewski vor, obwohl er erwartete, dass diese Idee zurückgewiesen würde.
Mitrofani und die Ordensschwester wechselten daraufhin Blicke, sagten aber nichts.
»Ich habe einen Eid geleistet«, sagte Pelagia unschlüssig, eine Bemerkung, die Berditschewski in diesem Zusammenhang nicht verstand (denn von der Existenz Fräulein Lissizynas wusste der Staatsanwalt natürlich nichts).
»In diesem Fall entbinde ich dich von deinem Versprechen – vorübergehend. Du fährst als Lissizyna nach Sibirien, und da kleidest du dich um. Also sag schon, wohin willst du?«
»Am liebsten möchte ich eigentlich nach Palästina«, erklärte die Schwester plötzlich. »Ich habe schon immer davon geträumt, ins Heilige Land zu pilgern.«
Dieser unerwartete Einfall gefiel den beiden Männern.
»Tatsächlich!«, rief Matwej Benzionowitsch aus. »Im Ausland ist es am sichersten.«
»Außerdem bildet es«, nickte der Bischof. »Ich habe ebenfalls mein ganzes Leben lang davon geträumt, aber ich habe nie die Zeit dafür gehabt. Immerhin bin ich Mitglied der Palästinagesellschaft. Gut, fahre also nach Palästina, meine Tochter. In der Einsiedelei wärst du sowieso bloß trübsinnig geworden, ich kenne doch dein unruhiges Gemüt. In Palästina kannst du umherreisen, neue Eindrücke sammeln, da bemerkst du gar nicht, wie die Zeit vergeht. Ich werde an den Vater Archimandrit in der Mission schreiben und an die Abtissin des Gornenski-Klosters. Du reist als Pilgerin nach Palästina und wohnst dort im Kloster, bis Matwej den Bösewicht gefangen hat.«
Und sogleich setzte sich der Bischof an den Tisch, um die Empfehlungsschreiben abzufassen – auf einem besonderen Briefbogen mit dem bischöflichen Signet.
Alles wurde bis ins kleinste Detail geplant.
Am Morgen brachte man Pelagia mit einem Sanitätswagen ins Hospital, für alle Leute gut sichtbar. Den Schülerinnen, die sie besuchen wollten, erklärte man, es gehe ihrer Lehrerin sehr schlecht, niemand dürfe zu ihr. In der Nacht schlüpfte die Nonne durch einen Hintereingang hinaus, und Berditschewski brachte sie zu einer kleinen Anlegestelle, fünfzehn Werst von der Stadt entfernt.
Dort erwartete sie ein Kutter, auf dem die Konspirateure weitere fünf Werst zurücklegten. Dann gingen sie in der Mitte des Flusses vor Anker.
Eine halbe Stunde später näherte sich ein hell erleuchteter Dampfer, der von Sawolshsk aus flussabwärts fuhr. Der Kutter gab ein Signal mit der Laterne, und der Kapitän, durch eine geheime Depesche in Kenntnis gesetzt, stoppte die Maschinen (ganz leise, ohne Geschrei und Gehupe, damit die Passagiere nicht aufwachten).
Matwej Benzionowitsch half Pelagia das Fallreep hinauf. Zum ersten Male sah er sie nicht als Nonne, sondern als Dame, in Reisekleid, Hut und Schleier.
Diese weibliche Tracht hatte seine Gedanken während der ganzen Fahrt vom Krankenhaus hierher in unerlaubte Fantasien abschweifen lassen. Immer wieder sagte er sich: »Sie ist eine Frau, sie ist einfach eine Frau.« Und in seinem Herzen loderte eine aberwitzige Hoffnung.
Pelagia aber war mit ihren Gedanken irgendwo weit, weit weg.
Als sie schließlich an Deck waren, spürte Berditschewski, wie sich ihm plötzlich das Herz zusammenkrampfte. Eine innere Stimme sagte traurig zu ihm: »Du wirst sie niemals wieder sehen, sag ihr Lebewohl.«
Er geriet in Panik. »Fahren Sie nicht«, stotterte er. »Ich kann nicht . . .« Und auf einmal hatte er die rettende Idee. »Wissen Sie, vielleicht wäre es besser, Sie führen doch an die Angara? Der Bischof darf Sie natürlich nicht dorthin begleiten, aber ich könnte es. Anschließend mache ich mich sofort an die Untersuchung. Was halten Sie davon?«
Und er stellte sich schon vor, wie sie zu zweit durch ganz Sibirien fahren würden. Er musste schlucken.
»Nein, ich fahre nach Palästina«, murmelte die Reisende, immer noch geistesabwesend. Und halblaut, nur zu sich selbst, fügte sie hinzu: »Wenn es nur nicht zu spät ist. Es sind doch Mörder . . .«
Was sie mit dem »zu spät« meinte, verstand Matwej Benzionowitsch nicht so ganz, aber der Schluss ihrer Bemerkung ernüchterte und beschämte ihn.
Das Leben dieses ihm so teuren Wesens war in Gefahr. Und er sollte nicht davon träumen, mit seiner Herzensdame quer durch das weite Sibirien spazieren zu fahren, sondern die Missetäter aufspüren, und zwar so schnell wie möglich. Das war seine Pflicht!
»Ich schwöre Ihnen, ich werde diese Banditen finden«, sagte der Staatsrat leise.
»Ich glaube es«, antwortete Pelagia sanft, aber wieder ohne rechte Anteilnahme. »Nur will mir scheinen, dass es gar keine Banditen sind und es hierbei auch nicht um das gestohlene Geld geht . . . Aber das werden Sie sicher selber alles aufklären.«
Der Kapitän, der den besonderen Fahrgast höchstpersönlich an Bord begrüßt hatte, drängte zur Eile:
»Gnädige Frau, die Strömung treibt uns ab, und dort rechts sind Untiefen. Ich muss die Maschinen anwerfen lassen.«
Berditschewski nutzte die Gelegenheit, Pelagia nicht im Habit, sondern im Kleid vor sich zu haben, und küsste ihr die Hand – beziehungsweise den kleinen Streifen weißer Haut, der unter ihrem Spitzenhandschuh hervorschaute.
Sie berührte seine Stirn mit den Lippen und bekreuzigte ihn, dann stieg der Staatsanwalt das Fallreep hinunter, wobei er sich jede Sekunde umsah.
Langsam versank die schlanke Silhouette in der Dämmerung, bis sie schließlich ganz mit der Dunkelheit verschmolz.
Pelagia folgte dem Matrosen, der ihren Koffer trug. Kein Mensch war an Deck, nur unter dem Fenster des Salons döste irgendein Frischluftenthusiast, bis zur Nasenspitze in ein warmes Plaid gehüllt.
Als die Dame in Kleid, Hut und Schleier an ihm vorbeiging, rührte sich der Vermummte und bewegte die Finger.
In der Stille der Nacht hörte man ein trockenes, unangenehmes Knacken: Krrk-krrk.
TEIL ZWEI
Hier und dort
VII
Nur nicht zu spät kommen
Schön und geheimnisvoll
Kaum jemandem wird das Glück zuteil, das Gelobte Land schon beim ersten Anblick so schön und geheimnisvoll zu erleben, wie es in Wirklichkeit ist.
Polina Andrejewna Lissizyna hatte Glück. Der Hafen von Jaffa, Palästinas Tor zum Meer, zeigte sich ihr nicht als graugelber Haufen aus Steinen und Staub, sondern wie eine schimmernde Weihnachtskugel. Es war wie in der Kindheit, wenn man sich heimlich nachts zur Tür der Stube schlich, in der der Weihnachtsbaum stand, und durch einen kleinen Spalt hineinlugte: Zuerst sah man gar nichts, aber auf einmal schimmerte etwas Rundes da in der Dunkelheit, etwas Glänzendes, Funkelndes, und das Herz zog sich zusammen in der Vorfreude auf das Wunder.
So erging es ihr mit Jaffa.
Wie sehr auch der Dampfer schnaufte und keuchte und mit den Radschaufeln patschte, er schaffte es trotzdem nicht, das ersehnte Ufer vor Sonnenuntergang zu erreichen. Der schwarze Himmel verschmolz mit den schwarzen Wassern, und die Passagiere, um die Vorfreude betrogen, schlurften betrübt unter Deck, um ihre Sachen zu packen. Zurück blieben nur Frau Lissizyna und die bäuerlichen Pilger, deren ganzes Gepäck aus einem bescheidenen leinenen Quersack, einem kupfernen Wasserkessel und dem Pilgerstab bestand.