Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
Aber es dauerte gar nicht lange, da taten sich die Pforten der Finsternis ein wenig auf. Zuerst entzündete sich ein einsames Licht, das aussah wie ein kleiner blasser Stern. Dann erschien ein zweites daneben, dann ein drittes und viertes, es wurde heller und heller, und bald rollte der güldene Apfel der Felsenstadt, übersät mit lauter Tüpfelchen aus mattem Licht, über den Horizont hinaus aufs Meer.
Die Bauern fielen auf die Knie und beteten: Ihre Stirnen polterten so eifrig auf das Deck, dass Polina Andrejewna sich die Ohren zuhielt, um sich die Weihe dieses Augenblicks zu bewahren. Ein leichter Wind brachte vom Land her den schwachen Duft von Orangen herüber.
»Japho«, sprach die Reisende laut den biblischen Namen des Hafens.
Vor dreitausend Jahren waren die Zedern zum Bau von Salomons Tempel aus Phönizien hierher geflößt worden. In diesen Wellen verschluckte der Walfisch auf Geheiß des Herrn den unbotmäßigen Jonas; drei Tage und drei Nächte blieb er im Bauche des Wals.
Der Dampfer verlangsamte die Fahrt, stoppte die Maschinen und ließ die Ankerkette niederrasseln. Dann stieß er ein lang gezogenes Tuten aus. Die Passagiere kamen an Deck gelaufen und schnatterten in allen Sprachen durcheinander.
Der Zauber war gebrochen.
Am Morgen sah man, dass der Dampfer eine halbe Werst vom Festland entfernt vor Anker gegangen war – wegen der Untiefen konnte er nicht näher heranfahren. Es ging ein heftiger Wind, und bis Mittag geschah nichts. Kaum aber hatte sich die See beruhigt, kam vom Ufer her eine ganze Flottille kleiner Boote mit wild wirbelnden Rudern herangesaust. Darin saßen dunkelhäutige Menschen, die Köpfe mit Lumpen umwickelt, die schreckliche Ähnlichkeit mit Seeräubern hatten.
Im Nu war der Dampfer geentert. Die Piraten kletterten einer nach dem anderen das Fallreep hinauf an Bord und flitzten mit Furcht einflößender Geschwindigkeit über das Deck. Die einen schnappten sich die Passagiere und schleppten sie zur Reling, die anderen luden sich ohne viel Federlesens Bündel und Koffer auf die Schultern und ließen die Menschen um sie herum vollkommen unbeachtet.
Der Steuermann Prokofi Sergejewitsch, mit dem sich die Lissizyna auf der Reise angefreundet hatte, erklärte ihr, dies sei so Usus in Jaffa: Das Entladen der Schiffe sei das Monopol zweier Clans arabischer Schauerleute, wobei der eine für die Passagiere, der andere für das Gepäck zuständig sei, und diese Aufteilung werde strengstens eingehalten.
Die Pilgerweiber, von sehnigen Armen um die Taillen gefasst, leisteten kreischend und strampelnd Widerstand, und mancher der unverschämten Dreistlinge empfing ein beachtliches Quantum an Knüffen und Püffen, aber die Träger waren das wohl gewohnt und grinsten bloß.
Kaum zwei Minuten später stieß schon die erste Barkasse vom Dampfer ab, randvoll mit verstörten Pilgern, und eine mit Quersäcken, Wasserkesseln und Pilgerstäben beladene Jolle sauste ihr hinterher.
Genauso schnell war das nächste Boot gefüllt.
Da sprang auch schon ein verschwitzter Eingeborener auf Polina Andrejewna zu und packte sie am Handgelenk.
»Vielen Dank, ich möchte lieber selbst . . .«
Weiter kam sie nicht – der unverschämte Bursche hatte sie geschwind über seine Schulter geworfen und kletterte schon das Fallreep hinunter. Die Lissizyna brachte nur ein leises Stöhnen heraus. Unter ihr wogte und blitzte das Wasser, der Träger hatte harte, aber zugleich erstaunlich sanfte Hände, sodass sie sich plötzlich genötigt sah, eine gewisse angenehme, jedoch ohne Zweifel sündige Regung in sich zu bekämpfen.
Eine Viertelstunde später betrat die Sawolshsker Pilgerin palästinischen Boden – und ruderte erst einmal ganz undamenhaft mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Nach zwei Wochen auf See war sie festen Boden unter den Füßen nicht mehr gewohnt.
Dann schützte sie die Augen mit der Hand gegen die blendende Sonne und schaute sich um.
Hässlich und übel riechend
Wie scheußlich es doch hier war!
In kleinen russischen Städten ist es ja manchmal auch ganz furchtbar, so armselig und schmutzig und nichts als Elend, wohin man schaut; aber dort spiegelt sich in den Pfützen der Himmel, über den zerfallenden Dächern grünen die Bäume, und Ende Mai riecht es nach Flieder. Und wie still es ist! Du schließt die Augen, hörst den Wind in den Bäumen rauschen, hörst das Summen der Bienen, und ganz in der Nähe läuten die Glocken.
Hier in Jaffa dagegen übermittelten ihr sämtliche Sinnesorgane ohne Unterlass nur Verdrießlichkeiten:
Zunächst die Augen – weil sie ständig auf Berge von Fischinnereien, stinkenden Abfall und Lumpen aller denkbaren und undenkbaren, in jedem Fall vollkommen unpittoresker Art stießen. Außerdem taten sie weh von all dem Staub, und immerzu wollte man sie zusammenkneifen, weil das Licht so unerträglich grell war.
Dann die Zunge – weil der allgegenwärtige Staub von der ersten Minute an zwischen den Zähnen knirschte, als hätte man den Mund voller Sandpapier.
Die Nase – weil der Duft der Orangen, der Polina Andrejewna gerade noch so verlockend erschienen war, sich als einzige Chimäre erwies; entweder war dieser Duft überhaupt ein Produkt ihrer Einbildungskraft gewesen, oder er konnte der Konkurrenz der von allen Seiten auf sie eindrängenden Miasmen von Fäulnis und Unrat nicht standhalten.
Und erst die Ohren! Kein Mensch hier im Hafen redete normal, ein jeder schrie, und zwar grundsätzlich so laut er konnte. In dem vielstimmigen Chor dominierten die Esel und Kamele, und über dieser ganzen Kakophonie schwebte der melancholische Bariton des Muezzin, der an der vergeblichen Aufgabe, dieses Babylon immer wieder an die Existenz Gottes zu gemahnen, offensichtlich längst verzweifelt war.
Am schlimmsten aber drangsalierte sie der Tastsinn, denn kaum hatte Polina Andrejewna den türkischen Zoll passiert, rückten ihr von allen Seiten die Bettler und Schnorrer, die Hotelboten und Kutscher auf den Leib, und es war ganz unmöglich, auseinander zu halten, wer nun was war.
So ein kleines trostloses russisches Städtchen hat etwas von einem schwindsüchtigen Saufaus, dem man mit einem mitleidigen Seufzer eine Kopeke geben möchte. Jaffa dagegen schien Polina Andrejewna halb wie eine Besessene, halb wie eine Aussätzige, vor der man nur Hals über Kopf davonlaufen möchte.
Aber Frau Lissizyna nahm sich zusammen und ermahnte sich streng: Eine Nonne darf vor einem Aussätzigen nicht davonlaufen! Und um von all der Scheußlichkeit und all den üblen Gerüchen Abstand zu gewinnen, hob sie den Blick empor zu den gelben Wänden der Häuser. Aber auch sie waren kein erfreulicher Anblick. Den namenlosen Erbauern fehlte offenbar jegliches Streben nach Ruhm.
Polina Andrejewna ergriff ihren Koffer, klemmte sich die Reisetasche unter den Arm und schob sich durch das Gewimmel und Gedränge auf eine enge und abschüssige Gasse zu. Dort würde sie wenigstens etwas Schatten finden und überlegen können, was sie weiter tun sollte.
Aber so einfach war es nicht, von dem Platz wegzukommen.
Ein unrasierter Mensch, gekleidet in Weste und Hosen, aber mit türkischem Fes und arabischen Latschen, wies triumphierend mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf sie.
»Ir seint a Jiddische! Kommen Sie, kommen Sie! Ich zeige Ihnen ein ausgezeichnetes koscheres Gasthaus. Sie werden sich wie zu Hause bei Mama fühlen!«
»Ich bin aber Russin.«
»A-ah«, sagte der Unrasierte gedehnt. »Dann müssen Sie sich an diesen Herrn dort wenden.«
Polina Andrejewna schaute in die gewiesene Richtung und schrie freudig auf. Unter einem großen Sonnenschirm saß ein Mann auf einem Klappstuhl. Er trug eine dunkle Brille und machte einen sehr anständigen Eindruck; in der Hand hielt er ein Schild, auf dem in allerliebster Schönschrift auf Russisch geschrieben stand: