Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
»Unser Koran?«, giftete sie böse. »Und wer hat mir gestern noch vorgelogen, er sei orthodox?«
»Und wer hat gestern vorgelogen, dass versteht nicht Englisch?«, konterte Salach.
Polina Andrejewna verstummte und tat den Mund bis zum Abend nicht mehr auf.
In den Bergen kamen sie noch langsamer vorwärts, was vor allem an dem Kamel lag, das bei jeder dürren Diestel am Straßenrand, der es gelungen war, die karge Erdkruste zu durchstoßen, stehen blieb und ewig nicht wegzukriegen war. Erst als das bejammernswerte Tier begann, sich für die Blumen auf Polina Andrejewnas Hut zu interessieren, nahm die Reise spürbar an Tempo zu. Es war allerdings nicht besonders angenehm, ständig den feuchten, heißen Atem des Paarhufers im Nacken zu spüren. Einmal fiel ihr gar ein dicker Klecks klebriger Spucke in den Kragen, aber die Nonne ertrug stoisch alle diese Annäherungsversuche und gab nur von Zeit zu Zeit dem langlippigen Schädel einen Puff mit dem Ellenbogen.
Sie übernachteten in der arabischen Siedlung Bab al Wad, bei einem Onkel Salachs. Diese Nacht war noch bedrückender als die vorherige. In dem Zimmer, das man Frau Lissizyna zugewiesen hatte, gab es nichts als den nackten Lehmfußboden, und aus Angst vor Flöhen zögerte sie lange, sich darauf niederzulassen. »Aladins Wunderlampe« konnte sie auch nicht benutzen, denn an der Tür saßen zwei Frauen mit blauen Tätowierungen auf den Wangen und ein Mädchen, das in seinem zerzausten Haar eine Unmenge eingeflochtener Silbermünzen trug. Sie saßen in der Hocke, beobachteten den Gast und tauschten Kommentare aus. Das Mädchen rollte sich bald darauf wie eine Schnecke zusammen und schlief ein, aber die arabischen Matronen blieben bis kurz vor Sonnenaufgang wach und starrten die rothaarige Fremde an.
Am Morgen musste sie dann feststellen, dass die Amerikaner die Nacht auf die denkbar bequemste Art und Weise verbracht hatten. Den Ratschlägen der allgegenwärtigen Agentur »Cook« folgend, hatten sie nämlich im Garten zwei Hängematten angebracht und einfach »gorgeous« geschlafen.
Die Reise ging weiter, und die arme, übermüdete Pelagia wurde auf ihrem Sitz unbarmherzig hin und her geschüttelt; immer wieder nickte sie ein und wurde im nächsten Augenblick von den rauen Stößen des träge dahinpolternden Wagens wieder aus dem Schlaf gerissen. Dann blinzelte sie verständnislos auf die kahlen Hügel um sie herum, bis ihr das Kinn von neuem auf die Brust niedersank. Den Hut hatte sie längst dem Kamel überlassen, damit es sie endlich in Ruhe ließ, und sich den Kopf mit einem Gazetuch bedeckt.
Da, irgendwo an der Grenze zwischen Wirklichkeit und Schlaf, hörte sie plötzlich ganz deutlich eine Stimme, die traurig zu ihr sagte: »Du kommst zu spät.«
Ein heftiger Gram durchfuhr sie, und sie schrak hoch. Die Nebel des Schlafes lösten sich spurlos auf, das Hirn erwachte.
Was ist bloß mit mir los, habe ich vollkommen den Verstand verloren?, dachte Pelagia. Ich bin schon eine richtige Touristin geworden – die Eisenbahn war mir nicht gut genug, und dazu habe ich ganz umsonst einen Tag verloren. Was für eine unverzeihliche, geradezu frevelhafte Dummheit!
Ich muss mich beeilen. Ach, wenn wir doch schon in Jerusalem wären!
Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen, hob den Kopf und erblickte in der Ferne, auf einer Anhöhe wie im Dunste schwebend, eine Stadt.
Die himmlische Stadt
Das ist sie, die himmlische Stadt Jerusalem, dachte Pelagia, erhob sich halb von ihrem Sitz und griff sich an den Hals, als fürchtete sie, der Atem würde ihr versagen.
Augenblicklich waren Hitze und Staub vergessen und mit ihnen auch die geheimnisvolle Stimme, die die Pilgerin gerade noch aus der Erstarrung des Schlafes gerissen hatte.
Salach erklärte zweisprachig, er habe mit voller Absicht die Landstraße verlassen, um seinen Fahrgästen »Dscherusalem« in seiner ganzen Schönheit zu zeigen; die Amerikaner juchzten begeistert; die Ohren der Pferde zuckten; das Kamel knusperte unbeeindruckt die letzten Reste des Hutes auf, und Pelagia schaute wie verzaubert auf die in der flimmernden Luft schwirrende Stadt. Die Zeilen aus der »Offenbarung« fielen ihr ein: »Ich, Johannes, sah die Heilige Stadt, das neue Jerusa-lern, herniedersteigen aus dem Himmel von Gott her, wie eine Braut gekleidet, die geschmückt ist für ihren Mann. Sie hat eine mächtige, hohe Mauer mit zwölf Toren, und auf den Toren zwölf Engel. Die Grundsteine der Stadtmauer sind mit jeder Art von Edelsteinen geschmückt: der erste Grundstein ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon, der vierte ein Smaragd, der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Karneol, der siebente ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyazinth, der zwölfte ein Amethyst. Die zwölf Tore sind zwölf Perlen, jedes einzelne Tor aus einer einzigen Perle. Der Platz der Stadt ist lauteres Gold, durchsichtig wie Glas.« Da ist er, der wichtigste Ort auf der Erde. Und es ist gut so, dass der Weg dorthin so beschwerlich und mühevoll ist. Diesen Anblick muss man sich durch Leid verdienen, denn das Licht leuchtet so hell nur für Augen, die von der Finsternis erschöpft sind.
Die Nonne ließ sich auf die Erde nieder, beugte die Knie und las einen Freudenpsalm: »Preise, meine Seele, den Herrn, und alles in mir, seinen heiligen Namen!« – aber zum Schluss erlaubte sie sich eine kleine Abweichung vom Text: »Und lehre mich, Herr, zu tun, was getan werden muss.«
Der Hantur setzte sich wieder in Bewegung, Jerusalem entgegen. Die Stadt verschwand zunächst hinter einem Hügel, und als sie wenig später wieder sichtbar wurde, war sie frei von Dunst und hatte keinerlei Ähnlichkeit mehr mit einer himmlischen Stadt.
Sie kamen durch endlose, langweilige Straßen, die von ein-und zweigeschossigen Häusern gesäumt waren. Hier fühlte man sich nicht wie im Orient, sondern wie in irgendeinem europäischen Hintertupfingen, und wären da nicht die Schilder mit den arabischen Schnörkeln darauf und die orientalischen Kopfbedeckungen der Passanten gewesen, hätte man ohne weiteres glauben können, sich irgendwo in Galizien oder Rumänien zu befinden.
Als sie am Jaffa-Tor ankamen, das in die Altstadt führt, war Polina Andrejewnas Laune restlos verdorben. Also wirklich, was soll das! Fiaker, »Credit Lyonnais«, ein französisches Restaurant, und da vorne sogar, o Schreck – ein Zeitungskiosk!
Das amerikanische Paar stieg vor dem Hotel »Lloyd« aus und übergab das Kamel dem rotlivrierten Portier. Jetzt war Frau Lissizyna der einzige Fahrgast.
»Ist das die Grabeskirche?«, fragte sie mit bebender Stimme und deutete auf eine von Zinnen gekrönte Mauer.
»Ja, aber fahren wir nicht hin. Du bist ja Russin, also sollst du zu Migrasch a-russim, russische Herberge.« Salach machte eine unbestimmte Geste nach links.
Der Hantur fuhr an der Stadtmauer entlang, und nach wenigen Minuten fand sich die Reisende auf einem kleinen Platz wieder, der wie von Zauberhand direkt aus Moskau hierher versetzt schien. Erschöpft von all den Bergen und Wüsten betrachtete die Nonne gerührt die Kuppel der orthodoxen Kirche, die unbestreitbar russischen Amtsgebäude und die Hinweisschilder mit den russischen Aufschriften: »Brotbäckerei«, »Teeküche«, »Volksspeisehaus«, »Fremdenherberge für Frauen«, »Sergijewo-Herberge«.
»Auf Wiedersehen, gnädige Frau«, sagte Salach und machte zum Abschied einen Diener, der beinahe respektvoll geriet – wahrscheinlich erhoffte er sich ein Bakschisch. »Hier alle Leute von uns, russische Leute. Wenn du willst zurück nach Jaffa, oder anderswo, geh zu Damaskus-Tor und frag Salach. Jeder kennt.«
Polina Andrejewna gab ihm kein Bakschisch – das hatte er nicht verdient, aber sie verabschiedete sich im Guten. Natürlich war er ein Schlitzohr, aber immerhin hatte er sie ans Ziel gebracht.
Auch hier, wie im Hafen von Jaffa, stand für die Pilger ein Mitarbeiter des Fremdenkomitees zur Verfügung, der an exponiertester Stelle unter einem Sonnenschirm saß. Seine Aufgabe war es, Ankömmlingen die hiesigen Gepflogenheiten zu erklären, anfallende Fragen zu beantworten sowie gemäß Rang und der zur Verfügung stehenden Mittel Quartiere zuzuweisen: Arme Leute zahlten für Kost und Logis dreizehn Kopeken; man konnte sich aber auch mit allem Komfort unterbringen lassen, für vier Rubel.