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Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:

Mit Detective Meyer Landsman, Polizist im Morddezernat des jüdischen Distrikts Sitka in Alaska, geht es bergab: Seine Ehe ist am Ende, er trinkt, beruflich steckt er in einer Sackgasse. Und nun wurde in dem schäbigen Hotel, in dem er neuerdings wohnt, auch noch ein Mord begangen. Landsman soll ermitteln. Scheinbar eine reine Routinesache. Doch der Tote ist der drogensüchtige Sohn des Rabbis von Sitka, in dem man den Messias vermutete. Der Fall strotzt vor Ungereimtheiten. Als von oben die Anweisung kommt, den Fall unverzüglich zu den Akten zu legen, recherchiert Landsman auf eigene Faust und gerät bald in ein Wespennest aus politischen Intrigen und religiösem Wahn. Denn der Mord wurde in politisch brisanten Zeiten begangen: Sitka soll in Kürze seinen eigenständigen Status verlieren, den Bewohnern droht erneut Vertreibung und Heimatlosigkeit.
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
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»Nein«, sagt Bina. »Nein, Meyer. Vergiss es. Du bist auf dich allein gestellt.«

»Sie wird bei der Beerdigung sein, Bina. Du musst nur —«

»Ich muss nur«, sagt Bina, »jedem Schomer aus dem Weg gehen, auf meinen Arsch aufpassen und die nächsten zwei Monate überstehen, ohne ihn mir in Brand zu stecken.«

»Ich würde herzlich gerne auf deinen Arsch aufpassen«, sagt Landsman, den alten Zeiten zuliebe.

»Zieh dich an«, sagt Bina. »Und tu dir einen Gefallen. Räum hier mal auf. Guck dir diesen Saustall an! Ich kann nicht glauben, dass du so lebst. Gütiger Gott, Meyer, schämst du dich nicht?«

Früher einmal glaubte Bina Gelbfish an Meyer Landsman. Oder vielmehr glaubte sie von dem Moment an, als sie ihn kennenlernte, dass ihr Treffen einen Sinn habe, dass hinter ihrer Eheschließung eine eruierbare Absicht liege. Sie waren fardrejt, sicher waren sie das, doch während Landsman in dem Gewirr nur ein Kuddelmuddel sah, zufällig verhedderte Fäden, erkannte Bina darin die Hand des großen Knotenmachers. Und ihren Glauben vergilt Landsman Bina mit dem Glauben an das Nichts.

»Nur wenn ich dein Gesicht sehe«, sagt Landsman.

20.

Landsman schnorrt vom Wochenendportier namens Krankheit ein halbes Dutzend Papirossen und schlägt dann eine Stunde tot, indem er drei von ihnen in Brand steckt, derweil die Berichte über den Toten von 208 ihr mitleidvolles Zeugnis aus Proteinen, Fettflecken und Staub mit ihm teilen. Wie Bina sagte, steht in keinem irgendwas Neues. Der Mörder scheint ein Profi gewesen zu sein, ein geschickter Schlosser, der keine Spur seiner Vorgehensweise hinterließ. Die Fingerabdrücke des Toten decken sich mit denen eines Menachem-Mendel Shpilman, der in den letzten zehn Jahren sieben Mal wegen Drogenbesitzes unter einer Vielzahl von Decknamen festgenommen wurde, darunter Wilhelm Steinitz, Aron Nimzovitch und Richard Réti. So viel ist klar, mehr nicht.

Landsman überlegt, ob er sich ein Bier bestellen soll, duscht jedoch stattdessen heiß. Der Alkohol hat ihn im Stich gelassen, bei dem Gedanken an Nahrung dreht sich ihm der Magen um, und, jetzt mal ehrlich, wenn er sich jemals wirklich hätte umbringen wollen, hätte er es längst getan. Gut, die Arbeit ist ein Witz; aber sie bleibt Arbeit. Das ist der wahre Inhalt des Akkordeonordners, den Bina ihm mitgebracht hat, ihre Botschaft an ihn über die tiefe Schlucht von Abteilungspolitik, ehelicher Entfremdung und die entgegengesetzten Vektoren ihrer Karrieren hinweg: Mach einfach weiter.

Landsman befreit seinen letzten sauberen Anzug aus dem Plastiksack, rasiert sich und bringt das Gewebe seines Filzhuts mit der Bürste zum Glänzen. Er hat heute keinen Dienst, aber Dienst zu haben bedeutet nichts, heute bedeutet nichts, nichts bedeutet irgendetwas außer einem sauberen Anzug, drei Broadways, dem Schwindel des Katers direkt hinter seinen Augen, dem Murmeln der Bürste auf dem whiskybraunen Filz des Hutes. Und, na gut, vielleicht die Spur von Binas Geruch im Hotelzimmer, ihres säuerlichen Kragens, ihrer Eisenkrautseife, des Majorandufts ihrer Achselhöhlen. Als Landsman mit dem Aufzug nach unten fährt, hat er das Gefühl, im letzten Moment aus dem näher rasenden Schatten eines hinabstürzenden Klaviers getreten zu sein, ein jazziges Schallen im Ohr. Der Knoten seiner gold-grünen Ripskrawatte drückt ihm auf den Kehlkopf, so wie ein Skrupel sein Schuldbewusstsein drückt, eine Erinnerung daran, dass er lebt. Sein Hut glänzt wie ein Seehundfell.

Die Max Nordau Street wurde nicht gepflügt; die Straßenarbeiter von Sitka, zu einem Rumpftrupp zusammengestrichen, beschränken sich auf Durchgangsstraßen und Autobahn. Landsman lässt seinen Super Sport in der Obhut des Parkhauswächters, nachdem er seine Gummigaloschen aus dem Kofferraum geholt hat. Dann stapft er vorsichtig durch die fußhohen Schneewehen zu Mabuhay Donuts auf der Monastir Street.

Der chinesische Donut nach Filipinoart, auch Schtekele genannt, ist das großartigste Geschenk des Distrikts Sitka an die Leckermäuler dieser Welt. In seiner jetzigen Form ist er auf den Philippinen nicht zu finden. Kein chinesischer Esser würde in ihm ein Produkt der heimischen Garküchen erkennen. Wie der sumerische Sturmgott Jahwe wurde das Schtekele nicht von den Juden erfunden, aber ohne die Juden und ihre Begierden würde sich die Welt weder Gottes noch des Schtekeles brüsten können. Ein nicht richtig süßes, nicht richtig salziges Röllchen frittierten Teigs, in Zucker gewälzt, außen knusprig, innen zart und durchsetzt von Luftblasen, stippt man das Schtekele in einen Pappbecher milchigen Tees, schließt die Augen und glaubt zehn fette Sekunden lang, eine flüchtige Ahnung von etwas Besserem zu bekommen.

Der verborgene Meister der chinesischen Donuts nach Filipinoart ist Benito Taganes, Inhaber und König der blubbernden Bottiche im Mabuhay. Der Laden — düster, eng, von der Straße aus unsichtbar — hat die ganze Nacht über geöffnet. Nach Geschäftsschluss nimmt er das Treibgut aus Bars und Cafés auf, versammelt die Bösen und die Schuldigen an seinem abgeplatzten Resopaltresen und summt vom Getratsch der Verbrecher, Polizisten, Schtarker und Schlemiele, Huren und Nachteulen. Wenn das Fett in den Fritteusen applaudiert, die Lüftung brüllt und der Streetblaster die todunglücklichen kundimans aus Benitos Kindheit in Manila plärrt, rückt die Kundschaft mit ihren Geheimnissen heraus. Eine goldene Wolke koscheren Öls hängt in der Luft und täuscht die Sinne. Wer könnte schon beim Blubbern des koscheren Fetts und dem Wehklagen von Diomedes Naturan jemanden belauschen? Doch Benito Taganes lauscht, und er vergisst nichts. Benito könnte einen Stammbaum von Alexei Lebed zeichnen, dem Häuptling der Russenmafia, nur bestände der nicht aus Großeltern und Nichten, sondern aus Kassierern, Killern und Briefkastenfirmen. Er könnte ein kundiman der Ehefrauen singen, die ihren einsitzenden Gatten treu blieben, und der Männer, die ihre Strafe absitzen, weil sie von ihren Frauen verpfiffen wurden. Er weiß, wer den Kopf von Furry Markov in der Garage aufbewahrt und welcher Inspector aus dem Rauschgiftdezernat auf der Lohnliste von Anatoly Moskowits, dem wilden Tier, steht. Bloß weiß außer Landsman niemand, dass Benito es weiß.

»Ein Donut, Reb Taganes«, sagt Landsman, als er aus der Gasse hineingestapft kommt und die Schneekruste von seinen Überschuhen schüttelt. Der Samstagnachmittag in Sitka liegt tot da wie ein gescheiterter Messias in seinem Lumpentuch aus Schnee. Es war niemand auf dem Gehsteig, kaum ein Auto auf der Straße. Aber hier bei Mabuhay Donuts lehnen sich drei oder vier Betrunkene vor dem nächsten Saufgelage, Zugvögel und Einzelgänger gegen die funkelnde, geharzte Theke, saugen den Tee aus ihrem Schtekele und arbeiten an der Berechnung ihres nächsten großen Fehlers.

»Nur einen?«, fragt Benito. Er ist ein gedrungener, dicker Mann mit der Hautfarbe des von ihm verkauften milchigen Tees, seine Wangen sind pockig wie zwei dunkle Monde. Er hat schwarzes Haar, obwohl er über siebzig ist. Als junger Mann war er auf Luzon Meister im Fliegengewicht, und mit seinen dicken Fingern und den tätowierten, salamiartigen Unterarmen hält man ihn für einen harten Burschen, was den Anforderungen seines Geschäfts entgegenkommt. Seine großen karamellbraunen Augen jedoch verraten ihn, deshalb ist sein Blick überschattet. Doch Landsman hat in sie hineingeschaut. Um sich einen Schanker zu halten, muss man auch in der ausdruckslosesten Visage das gebrochene Herz erkennen. »Sieht aus, als könnten Sie einen oder drei mehr vertragen, Detective.«

Mit dem Ellenbogen schiebt Benito den Neffen oder Cousin beiseite, den er an die Friteuse gestellt hat, und senkt schlangenbeschwörerisch ein Seil rohen Teigs ins Fett. Wenige Minuten später hält Landsman ein straff gewickeltes Papierpaket Himmel in der Hand.

»Ich habe die Informationen über die Tochter von Olivias Schwester«, nuschelt Landsman an einem warmen, zuckrigen Bissen vorbei.

Benito zapft eine Tasse Tee für Landsman und nickt in Richtung Gasse. Er zieht seinen Anorak über. Sie gehen nach draußen. Benito hakt einen Schlüsselbund aus seiner Gürtelöse und schließt eine Eisentür zwei Eingänge hinter Mabuhay Donuts auf. Dort hält sich Benito seine Geliebte Olivia in drei kleinen, ordentlichen Zimmern mit einem Warhol-Porträt der Dietrich an der Wand und dem bitteren Geruch von Vitaminen und verfaulten Gardenien in der Luft. Olivia ist nicht da. Die Dame ist in letzter Zeit immer häufiger im Krankenhaus, stirbt abschnittweise, am Ende jedes Kapitels ist ihr Überleben fraglich. Benito winkt Landsman in einen roten Ledersessel mit weißen Biesen. Natürlich hat Landsman keine Information für Benito über irgendeine Tochter von Olivias Schwester. Und Olivia ist eigentlich keine Dame, aber Landsman ist der Einzige, der dieses Geheimnis des Donutkönigs Benito Taganes kennt. Vor Jahren bedrängte ein Serienvergewaltiger namens Kohn Miss Olivia Lagdameo und fand ihr Geheimnis heraus. Die zweite große Überraschung für Kohn war in jener Nacht das zufällige Auftauchen des Streifenbeamten Landsman. Was Landsman mit Kohns Gesicht anstellte, führte dazu, dass der Mamser für den Rest seines Lebens nur noch undeutlich sprechen konnte. Also sorgt nicht das Geld, sondern eine Mischung aus Dankbarkeit und Scham dafür, dass die Informationen von Benito zu dem Mann fließen, der Olivia rettete.

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