Die Vereinigung jiddischer Polizisten
- Автор: Чабон Майкл
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: dtv
- ISBN: 978-3-423-13793-5
- Переводчик: Andrea Fischer
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
Bina hat zwei Tassen Instantkaffee gemacht. Eine reicht sie Landsman.
»Schwarz und süß«, sagt sie. »Richtig?«
»Bina!«
»Du bist auf dich allein gestellt, Meyer. Der schwarze Aktenreiter bleibt dran. Wenn du erwischt wirst, wenn du Ärger bekommst, wenn die Rudashevskys dir die Knie brechen, dann weiß ich nichts davon.«
Sie geht zu ihrer Tasche und holt einen mit Mappen gefüllten Akkordeonordner heraus. Sie legt ihn auf den Furniertisch.
»Die Rechtsmedizin ist nicht vollständig. Shpringer hat sich nicht richtig dahintergeklemmt. Blut und Haare. Latente Fingerspuren. Ist nicht viel. Ballistik ist noch nicht zurück.«
»Danke, Bina. Hör mal, Bina, dieser Typ. Der hieß nicht Lasker. Er —«
Sie legt ihm die Hand auf den Mund. Seit drei Jahren hat Bina ihn nicht berührt. Wahrscheinlich wäre es übertrieben zu sagen, dass er spürt, wie die Dunkelheit sich ein wenig hebt, als ihre Fingerspitzen seine Lippen streifen. Aber das Dunkel erzittert, und Licht sickert zwischen den Rissen hindurch.
»Ich weiß nichts davon«, sagt sie. Sie nimmt ihre Hand fort. Trinkt einen Schluck Instantkaffee und verzieht das Gesicht. »Feh!«
Bina stellt den Becher ab, nimmt ihre Tasche und geht zur Tür. Sie hält inne und dreht sich zu Landsman in dem Bademantel um, den sie ihm zum fünfunddreißigsten Geburtstag geschenkt hat.
»Du hast Nerven, Landsman«, sagt sie. »Nicht zu fassen, dass du mit Berko dahin gefahren bist.«
»Ich musste ihm sagen, dass sein Sohn tot ist.«
»Sein Sohn.«
»Mendel Shpilman. Der einzige Sohn vom Rebbe.«
Bina öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Nicht erstaunt, sondern vielmehr engagiert schlägt sie ihre Terrierzähne in diese Information, nagt an dem blutigen Knorpel. Landsman sieht, dass ihr gefällt, wie er dem kräftigen Zugriff ihres Kiefers nachgibt. Doch plötzlich bekommt ihr Blick eine Müdigkeit, die Landsman kennt. Nie wird Bina ihren Ermittlerappetit auf die Geschichten anderer Leute verlieren, denkt Landsman, auf das Rekonstruieren, wie alles sich vom letzten Gewaltausbruch zurück zum ersten Fehler entwickelte. Aber manchmal wird ein Schammes dieses Hungers ein wenig überdrüssig.
»Und was meinte der Rebbe?«, fragt sie und lässt den Türknauf mit aufrichtigem Bedauern los.
»Er wirkte etwas verbittert.«
»Auch überrascht?«
»Nicht besonders, aber ich weiß nicht, was das zu sagen hat. Ich gehe davon aus, dass der Junge schon lange auf dem Weg nach unten war. Ob ich mir vorstellen kann, dass Shpilman seinem eigenen Sohn eine Kugel verpassen lässt? Theoretisch auf jeden Fall. Und für Baronshteyn gilt das doppelt.«
Wie eine Leiche fällt die Tasche zu Boden. Bina bewegt ihre Schultern in kleinen schmerzenden Kreisen. Landsman könnte ihr anbieten, sie zu massieren, nimmt aber weise davon Abstand.
»Ich schätze, ich darf einen Anruf erwarten«, sagt sie. »Von Baronshteyn. Sobald drei Sterne am Himmel stehen.«
»Tja, ich würde nicht zu genau hinhören, wenn er dir versucht vorzumachen, wie fertig er ist, weil Mendel Shpilman raus ist aus dem Spiel. Alle freuen sich, wenn der verlorene Sohn zurückkehrt, nur nicht der Junge, der in seinem Bett geschlafen hat.«
Landsman trinkt einen Schluck Kaffee, scheußlich bitter und süß.
»Der verlorene Sohn.«
»Er war so eine Art Wunderkind. Im Schach, im Thorastudium, in Sprachen. Ich habe eine Geschichte über ihn gehört, er hätte eine krebskranke Frau geheilt, nicht dass ich so was glaube, aber trotzdem. Ich glaube, bei den Schwarzhüten gab es eine Menge Geschichten über ihn. Dass er der Tzaddik ha-Dor sein könnte. Weißt du, was das ist?«
»Ungefähr. Ja. Jedenfalls weiß ich, was das Wort bedeutet«, sagt Bina. Ihr Vater, Guryeh Gelbfish, ist ein Gelehrter im traditionellen Sinn. Einen gewissen Teil dieser Gelehrtheit vergeudete er an sein einziges Kind, ein Mädchen. »Der Gerechte seiner Generation.«
»Die Geschichte besagt, dass diese Typen, diese Tzaddiks, in den letzten zigtausend Jahren regelmäßig zur Arbeit erschienen sind, in jeder Generation einer, ja? Sie sind in Lauerstellung. Sie warten darauf, dass die Zeit stimmt, dass die Welt stimmt, aber manche behaupten auch, dass die Zeit falsch sein muss und die Welt so falsch, wie es nur geht. Einige von ihnen kennen wir. Die meisten halten sich aber ziemlich bedeckt. Ich glaube, dahinter steckt die Vorstellung, dass jeder der Tzaddik sein könnte.«
»Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden«, sagt Bina oder zitiert vielmehr. »Ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut.«
»Das meine ich ja«, sagt Landsman. »Es kann jeder sein. Ein Penner. Ein Gelehrter. Ein Junkie. Sogar ein Schammes.«
»Kann wohl sein«, sagt Bina. Sie geht ihn im Kopf durch, den Weg vom wohltätigen Wunderkind der Verbover zum ermordeten Junkie in einem Rattenloch auf der Max Nordau Street. Die Geschichte passt auf eine Art zusammen, die Bina zu betrüben scheint. »Egal, ich bin froh, dass ich es nicht bin.«
»Willst du nicht mehr die Welt erlösen, Bina?«
»Wollte ich das mal?«
»Ich glaub schon, doch.«
Sie denkt darüber nach, reibt sich mit dem Finger die Nase, versucht, sich zu erinnern.
»Ich glaube, ich bin darüber weg«, sagt sie, aber Landsman kauft es ihr nicht ab. Bina hat ihr Vorhaben nie aufgegeben, die Welt erlösen zu wollen. Sie hat nur die Welt, die sie zu erlösen versucht, immer weiter verkleinert, bis sie irgendwann in den Hut eines hoffnungslosen Polizisten passte. »Jetzt sind das alles sprechende Hühner für mich.«
Mit diesem Satz sollte sie eigentlich abgehen, aber sie bleibt noch fünfzehn Sekunden unerlöst gegen die Tür gelehnt stehen und beobachtet, wie Landsman an den ausgefransten Enden seines Bademantelgürtels herumnestelt.
»Was willst du Baronshteyn sagen, wenn er anruft?«, fragt Landsman.
»Dass du komplett auf eigene Faust gehandelt hast und ich dafür sorge, dass du dich dafür verantworten musst. Eventuell muss ich dir deine Dienstmarke abnehmen, Meyer. Ich versuche, das zu verhindern, aber da sich dieser Schomer von der Beerdigungsgesellschaft angesagt hat, dieser Mr. Spade, einen Fluch auf ihn, habe ich nicht viel Spielraum. Und du auch nicht.«
»Gut, du hast mich gewarnt«, sagt Landsman. »Ich wurde gewarnt.«
»Und was hast du nun vor?«
»Jetzt? Jetzt werde ich der Mutter auf den Zahn fühlen. Shpilman behauptet, niemand hätte mehr von Mendel gehört oder mit ihm gesprochen. Aber aus irgendeinem Grund nehme ich ihm das nicht ab.«
»Batsheva Shpilman. Das wird ein harter Zahn«, sagt Bina. »Besonders für einen Mann.«
»Stimmt«, sagt Landsman mit sehnsüchtiger Miene.