Leben ohne Ende [Earth Abides - de]
- Автор: Стюарт Джордж
- Год: 1966
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne Verlag
- Переводчик: Ernst Sander
- Жанр: Пост-апокалипсис
Электронная книга - «Leben ohne Ende [Earth Abides - de]». Краткое содержание книги:
Dies war die Botschaft, die ein paar Stunden vor dem unabwendbaren Ende die Welt erschütterte.
Die Viruspest raffte neunundneunzig Prozent aller Menschen hinweg. Die wenigen, welche die Weltkatatastrophe und den Zusammenbruch der Zivilisation überlebten, unternahmen den verzweifelten Versuch, zu retten, was zu retten war.
Der vorliegende Roman erschien erstmals 1950 in England. Er wurde vom Science Fiction-Buchclub zum Buch des Jahres erwählt und erhielt kurz darauf den internationalen Fantasy-Preis. Inzwischen wurde der Roman in England viermal neu aufgelegt und in fast alle Weltsprachen übersetzt.
»Und dann hatten sie Dotty — hieß sie so? — und Charlie McCarthy, wie Ezra gesagt hat.« Dann wechselte sie plötzlich das Thema. »Und diese Räubereien, über die du dich so ärgerst! Sind sie wirklich schlimmer als das, was die Menschen von jeher getan haben? Wenn du jetzt ein bißchen Kupfer brauchst, gehst du in einen von den Metallwarenläden, findest ein Stückchen Kupferdraht, nimmst es und hämmerst es dir zurecht. In den Alten Zeiten gingen sie hin und holten sich das Kupfer irgendwo aus einem Berge heraus. Ob es nun schon Kupfer oder noch nicht ganz Kupfer war: auf jeden Fall haben sie es weggenommen; denn vorher hatte es ruhig da gelegen. Und was die Nahrungsmittel betrifft, so gewannen sie sie, indem sie sich alles zunutze machten, was im Boden war, und es sich in Weizen verwandeln ließen. Genauso nehmen wir, was wir brauchen, dorther; wo es aufgestapelt liegt. Ich sehe wirklich nicht ein, daß der Unterschied so groß ist!«
Ihre Einwände brachten ihn für kurze Zeit zum Schweigen. Dann raffte er sich wieder auf. »Nein«, sagte er. »Das stimmt nicht ganz. Zumindest waren sie schöpferischer als wir. Sie waren eine sich entwickelnde Gemeinschaft. Sie produzierten, was sie brauchten, während sie sich weiterentwickelten.«
»Da bin ich mir nicht so ganz sicher«, sagte sie. »Mir ist, als erinnerte ich mich, schon früher in den Sonntagsbeilagen der Zeitungen gelesen zu haben, wir seien drauf und dran, die Vorräte an Kupfer und Erdöl zu erschöpfen, oder den Boden so sehr auszubeuten, daß wir in Zukunft nichts mehr zum Leben hätten.«
Aus langer Erfahrung wußte er, daß sie jetzt endlich schlafen wollte. Er ließ ihr das letzte Wort und sagte nichts mehr. Er selbst jedoch lag wach, und seine Gedanken eilten dahin.
Er versuchte sich vorzustellen, wie Joey wohl aussähe, wenn er älter wäre; und er malte sich aus, wie er eines Tages richtig mit Joey spreche. Er dachte sich aus, was er sagen würde.
»Du und ich, Joey«, so würde er sagen, »wir sind uns ähnlich, wir durchschauen alles. Natürlich sind Ezra und George und die andern gute Leute. Sie sind gute, solide Durchschnittsmenschen, und die Welt könnte nicht bestehen, wenn es nicht viele ihresgleichen gäbe; aber sie haben den Funken nicht. Wir müssen den Funken spenden!«
Von Joey, der an der Spitze stand, glitten seine Gedanken rasch über die andern hin, bis hinab zu Evie, die ganz unten stand. War es nötig gewesen, Evie diese ganzen Jahre hindurch zu behalten? Er sann darüber nach. Es hatte ein Wort gegeben, das so etwas deckte. Hieß es nicht Euthanasie? Der »Gnadentod« war es manchmal genannt worden. Doch wer innerhalb einer Schar wie dieser war dazu geeignet, die Verantwortung auf sich zu nehmen, daß jemand wie Evie beseitigt wurde, obwohl sie zweifellos nicht eben ein Glücksquell für sich selbst und für die andern war? Um so etwas zu vollbringen, dachte er, hätten sie eine weit größere und härtere Macht besitzen müssen als die eines amerikanischen Vaters über seine Kinder, eine weit größere Macht als die einer Freundesgruppe, die doch nur andeutungsweise eine öffentliche Meinung darstellte. Irgendwann würde schon etwas geschehen, natürlich nicht gerade mit Evie. Aber es würde unter allen Umständen irgendwann etwas geschehen, und dann galt es zu organisieren und härtere Maßnahmen zu ergreifen.
Seine Phantasie regte sich so mächtig, daß er eine hastige Bewegung machte, als treffe er bereits Gegenmaßnahmen gegen das, was vielleicht geschehen würde.
Entweder hatte auch Em noch nicht geschlafen, oder die plötzliche Bewegung hatte sie geweckt.
»Was ist denn, Liebster?« fragte sie. »Du wälzt dich im Bett herum wie ein kleiner Hund, der träumt, er sei auf der Löwenjagd.«
»Irgendwann geschieht etwas!« sagte er; er sprach, als kenne sie bereits den Lauf seiner Gedanken.
»Ja, ich weiß«, sagte sie — und augenscheinlich wußte sie tatsächlich um seine Gedanken. »Und dann müssen wir etwas tun. ›Organisieren.‹ Ich glaube, so heißt es. Wir müssen etwas tun gegen das, was geschehen ist.«
»Du weißt, was ich denke?«
»Ach, vorhin hast du es ja schon gesagt. Du hast es schon sehr oft gesagt. Gerade um die Neujahrszeit sagst du es immer. George redet dann immer von dem Kühlschrank, und du sagst, es werde irgend etwas geschehen. Aber bislang ist nun mal nichts geschehen.«
»Ja. Aber irgendwann kommt es. Das kann gar nicht anders sein. Eines Tages habe ich recht.«
»Schon gut, Liebster. Zerbrich dir nur weiter den Kopf und ärgere dich. Wahrscheinlich gehörst du zu der Art von Menschen, die sich nicht wohl fühlen, wenn sie sich nicht über irgend etwas ärgern können — aber das, worüber du dich im besonderen ärgerst, das wird dir, glaube ich, keinen Schaden tun.«
Sie sagte nichts mehr, aber sie schob sich an ihn heran, nahm ihn in ihre Arme und umschlang ihn fest. Wie stets, ging von ihrer körperlichen Nähe Trost und Beschwichtigung aus, und er schlief ein.
Aus der geborstenen Rohrleitung des Aquädukts strömte mehrere Wochen lang das Wasser wie ein kleiner Fluß. Es floß kein Wasser mehr in die Reservoire. Gleichzeitig rann das aufgespeicherte Wasser aus Tausenden von Leckstellen, die sich im Laufe der Jahre gebildet hatten; es rann aus den vielen Leitungshähnen, die zur Zeit des Großen Unheils offengeblieben waren; es rann aus den Bruchstellen des Röhrensystems seit der Zeit des Erdbebens. Das Wasser entströmte den Reservoiren, deren Wasserspiegel ständig sank.
2
Ganz wie Ish es erwartet hatte, unternahmen sie nicht das mindeste Wochen vergingen. Man hörte kein Keuchen und Schimpfen von Männern, die den Kühlschrank den Hügel hinaufschleppten, kein Klappern und Knirschen von Spaten, die Gartenland bereiteten Ish ärgerte sich dann und wann, aber im allgemeinen ging das Leben seinen Gang, und selbst er tat nichts. Gemäß seiner alten Studentengewohnheit beobachtete er, auch wenn er nichts tat, und stellte Überlegungen darüber an, was wohl geschehen werde.
War es tatsächlich so, wie er sich manchmal einbildete, daß alle Einzelmenschen noch immer unter einer Art Schock als Folge der plötzlichen Zerstörung ihrer alten Gesellschaft litten? Seine anthropologischen Studien lieferten ihm Beispiele dafür: die Kopfjäger und die Indianer, die den Willen zur Selbstbehauptung und sogar den Willen zum Leben eingebüßt hatten, nachdem ihre überlieferte Form der Lebensführung gewaltsam zerstört worden war. Wenn sie nicht länger auf Kopfjagd gehen oder hinausreiten konnten, um Pferde zu stehlen oder Skalpe zu erbeuten, stand ihnen der Wunsch nach nichts anderem mehr. Da man in einem milden Klima lebte und sich ohne alle Mühe Nahrungsmittel verschaffen konnte: fehlte da nicht einfach der Anreiz zum Wandel? Er konnte mit allen möglichen Beispielen dafür aufwarten: den Südseeinsulanern oder den Tropenvölkern, die in der Hauptsache von Bananen lebten. Oder war das etwas anderes?
Glücklicherweise besaß er einen hinreichenden Fundus an Philosophie und Geschichtskenntnissen, um bei seiner Überzeugung zu bleiben. Er war angestrengt bemüht, so meinte er, ein Problem zu lösen, das die Philosophen beschäftigt hatte, seit sie sich bewußt geworden waren, daß es überhaupt Probleme gab. Er befaßte sich mit der Grundfrage nach den dynamischen Kräften der Gesellschaft. Was führte Wandlungen der gesellschaftlichen Struktur herbei? Er, als Gelehrter, war glücklicher daran als Koheleth oder Platon oder Malthus oder Toynbee. Er sah eine Gesellschaft, deren Zahl und Form so zusammengeschrumpft war, daß das Ganze jetzt einem einfachen Laboratoriumsexperiment glich.
Aber als er bei dieser Stufe seiner Überlegungen angelangt war, kam ihm ein anderer Gedanke und durchkreuzte und zerstörte die Einfachheit. Er begann, sich selbst weniger als Wissenschaftler denn als Menschenwesen zu empfinden und beinahe so zu denken, wie Em dachte. Diese Gesellschaft der San-Lupo-Promenade war im Grunde kein reiner Philosophen-Mikrokosmos, kein winziger Tropfen aus dem großen, allgemeinen Ozean der Menschheit. Nein — sie war eine Gruppe von Individuen. Sie bestand aus Ezra und Em und den Jungs — ja, und aus Joey! Wenn man die Individuen wandelte, so wandelte sich die ganze Situation. Man brauchte nur ein einziges Individuum zu wandeln! Wenn nun an Ems Stelle — sagen wir: Dotty Lamour stände? Oder an Georges Stelle einer jener mächtigen Geister, deren er sich von seiner Universitätszeit her erinnerte — Professor Sauer beispielsweise? Dann würde die ganze Situation sich abermals wandeln.