Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Wie heißt denn dieser Fürst?« unterbrach ich ihn, von einer Art Ahnung erfüllt.
»Wozu willst du das wissen? Na, meinetwegen: Walkowski.«
»Pjotr?«
»Ja. Kennst du ihn?«
»Ja, aber nicht näher. Nun, Masslobojew, ich werde mich nach diesem Herrn noch manchmal bei dir erkundigen«, sagte ich und stand auf; »du hast mein Interesse in hohem Grade wachgerufen.«
»Na ja, alter Freund, erkundige dich, soviel du willst! Geschichtchen verstehe ich schon zu erzählen, aber selbstverständlich nur innerhalb gewisser Grenzen, du verstehst? Sonst verliert man seinen Kredit und seine Ehre, das heißt die geschäftliche Ehre, na und so weiter.«
»Nun also, soweit es deine Ehre gestatten wird.«
Ich befand mich in starker Aufregung. Er bemerkte das.
»Nun, was kannst du mir denn jetzt über die Geschichte sagen, die ich dir eben erzählt habe?« fragte ich ihn. »Ist dir ein guter Gedanke gekommen?«
»Über deine Geschichte? Warte einen Augenblick auf mich; ich möchte bezahlen.«
Er trat ans Büfett und traf dort, wie zufällig, auf einmal mit jenem jungen Menschen im ärmellosen Wams zusammen, den man so schlechthin mit dem Vornamen Mitrofan zu nennen pflegte. Es schien mir, daß Masslobojew ihn etwas näher kannte, als er mir gegenüber selbst zugegeben hatte. Wenigstens war deutlich, daß sie jetzt nicht zum erstenmal zusammenkamen.
Mitrofan war dem Aussehen nach ein recht origineller Bursche. In seinem Wams, seinem rotseidenen Hemd, mit seinen scharfen, aber wohlgestalteten Gesichtszügen, noch ziemlich jugendlich, sonnengebräunt, mit kühnem, funkelndem Blick, machte er einen interessanten und durchaus nicht abstoßenden Eindruck. Sein Benehmen hatte etwas gekünstelt Keckes; aber im gegenwärtigen Augenblick legte er sich offenbar Zwang auf und suchte sich vor allem ein geschäftsmäßiges, würdiges, solides Aussehen zu geben.
»Also, Wanjuscha«, sagte Masslobojew, als er zu mir zurückkehrte, »besuche mich heute um sieben Uhr; dann werde ich dir vielleicht etwas sagen können. Siehst du, ich allein vermag nichts zu leisten; früher war das anders, aber jetzt bin ich nur ein Säufer und habe mich von den Geschäften einigermaßen zurückgezogen. Aber ich habe immer noch meine früheren Beziehungen; ich kann über manches Erkundigungen anstellen und im Verein mit allerlei schlauen Leuten dies und das herausschnüffeln; in meiner freien Zeit allerdings, das heißt, wenn ich nüchtern bin, tue ich auch selbst etwas, ebenfalls mit Hilfe von Bekannten... meistens auf dem Gebiet der Nachforschungen... Na, aber nun genug! Da ist meine Adresse: in der Schestilawotschnaja. Jetzt aber, mein Teuerster, bin ich schon ganz unbrauchbar. Ich will noch ein Gläschen Goldwasser trinken und dann nach Hause. Ich will mich hinlegen. Wenn du kommst, will ich dich mit Alexandra Semjonowna bekannt machen, und wenn wir Zeit haben, wollen wir auch über Literatur reden.«
»Nun, und auch von meiner Angelegenheit?«
»Vielleicht auch von deiner Angelegenheit.«
»Nun gut, ich werde kommen, ich werde bestimmt kommen.«
Sechstes Kapitel
Anna Andrejewna wartete auf mich schon lange. Durch das, was ich ihr tags zuvor über Nataschas Briefchen gesagt hatte, war ihre Neugier stark erregt worden, und sie hatte mich schon viel früher am Morgen erwartet, mindestens schon um zehn Uhr. Als ich aber bei ihr zwischen ein und zwei Uhr mittags erschien, war die Pein des Wartens bei der armen Frau auf den höchsten Grad gestiegen. Außerdem hatte sie auch das dringende Bedürfnis, mit mir von den neuen Hoffnungen zu sprechen, die seit dem vorigen Tag in ihrem Herzen erwacht waren, und von Nikolai Sergejewitsch, der sich seit dem vorigen Tag unwohl fühlte, ein finsteres Gesicht machte, sich dabei aber doch gegen sie besonders zärtlich benahm. Als ich kam, empfing sie mich zunächst mit unzufriedener, kühler Miene, murmelte kaum ein paar undeutliche Worte und zeigte nicht die geringste Neugier, beinah als ob sie sagen wollte:›Warum bist du denn gekommen? Eine wunderliche Passion von dir, lieber Freund, dich alle Tage bei uns einzustellen!‹ Sie ärgerte sich über mein spätes Kommen. Aber ich hatte Eile und erzählte ihr daher ohne weitere Umschweife die ganze Szene, die sich tags zuvor bei Natascha abgespielt hatte. Sowie die alte Frau von dem Besuch des Fürsten und von seinem feierlichen Antrag hörte, war ihre ganze erkünstelte Verdrossenheit sogleich verflogen. Es fehlt mir an Worten, um zu schildern, wie sie sich freute; sie war ganz fassungslos, bekreuzigte sich, weinte, verbeugte sich mehrmals tief vor dem Heiligenbild, umarmte mich und wollte sogleich zu Nikolai Sergejewitsch laufen, um ihm von ihrer Freude Mitteilung zu machen.
»Weißt du, lieber Freund«, sagte sie zu mir, »sein Unwohlsein rührt nur von den vielerlei Kränkungen und Demütigungen her; wenn er aber jetzt erfährt, daß Natascha volle Genugtuung erhält, so wird er im Augenblick alles vergessen.«
Nur mit großer Mühe redete ich ihr dies aus. Obwohl die gute Alte mit ihrem Mann schon fünfundzwanzig Jahre lang zusammengelebt hatte, kannte sie ihn doch noch immer schlecht. Sie hatte auch die größte Lust, gleich mit mir zu Natascha zu fahren. Ich stellte ihr vor, daß Nikolai Sergejewitsch ihren Schritt vielleicht nicht billigen werde und daß wir dadurch womöglich die ganze Sache verderben würden. Nur schwer ließ sie sich umstimmen; aber sie hielt mich noch eine halbe Stunde länger zurück und redete während dieser ganzen Zeit immer nur allein. »Nun bleibe ich ohne einen Menschen mit meiner großen Freude zurück«, sagte sie, »und sitze hier allein in den vier Wänden!« Endlich überredete ich sie, mich wegzulassen, indem ich ihr vorstellte, daß mich Natascha jetzt ungeduldig erwarte. Die alte Frau bekreuzte mich für meinen Weg mehrmals, trug mir auf, ihrer Tochter ihren besonderen Segen zu überbringen, und fing beinahe an zu weinen, als ich ihr mit aller Entschiedenheit erklärte, ich würde an diesem selben Tag nicht noch einmal am Abend kommen, es müßte denn sein, daß sich mit Natascha etwas Besonderes zutrüge. Den alten Ichmenew bekam ich diesmal nicht zu sehen: er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, über Kopfschmerz und Fieber geklagt und schlief jetzt in seinem Zimmer.
Auch Natascha hatte den ganzen Vormittag über auf mich gewartet. Als ich eintrat, ging sie nach ihrer Gewohnheit mit verschränkten Armen nachdenkend im Zimmer auf und ab. Auch jetzt kann ich, wenn ich an sie zurückdenke, sie mir nicht anders vorstellen, als wie sie immer allein in dem ärmlichen Stübchen, nachdenkend, wartend, mit zusammengelegten Armen und niedergeschlagenen Augen zwecklos hin und her ging.
Leise, und ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, fragte sie, warum ich so spät käme. Ich erzählte ihr in Kürze alle meine Erlebnisse, aber sie hörte mir kaum zu. Es war ihr anzumerken, daß sie mit einer Sorge beschäftigt war.
»Was gibt es Neues?« fragte ich.
»Neues gar nichts!« erwiderte sie, aber mit einer Miene, aus der ich sofort erriet, daß sie allerdings etwas Neues hatte und eben deswegen auf mich gewartet hatte, um mir dieses Neue zu erzählen; ich wußte aber, daß sie es mir nach ihrer Gewohnheit nicht sogleich erzählen werde, sondern erst wenn ich mich anschicken würde wegzugehen.
So machte sie es immer. Ich hatte mich schon in diese ihre Besonderheit gefunden und wartete auch diesmal. Wir begannen unser Gespräch selbstverständlich mit den Ereignissen des vorhergehenden Tages. Besonders überraschte es mich, daß wir beide in unserm Urteil über den alten Fürsten vollständig übereinstimmten: er mißfiel ihr entschieden, und zwar in noch weit höherem Grad als tags zuvor. Und nachdem wir seinen ganzen Besuch Punkt für Punkt durchgesprochen hatten, sagte Natascha plötzlich: