Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Wenn es nur zwanzig Minuten sind, ist's mir recht; denn, lieber Freund, ich habe da, weiß Gott, eine Sache...«
»Nun, wenn es dir recht ist, dann schön! Aber warte mal, zwei Worte vorher: du siehst so verstört aus, als ob du dich eben furchtbar geärgert hättest; ist es so?« »Ja, es ist so.«
»Das hatte ich doch erraten! Ich habe mich nämlich jetzt auf die Physiognomik gelegt, mein Lieber; das ist auch ein Studium! Nun, dann komm und laß uns plaudern! In zwanzig Minuten kann ich meinen Admiralstrunk zu mir nehmen:[10] erst einen Birkenlikör, dann einen Liebstöckel, dann einen Pomeranzen, dann einen parfait-amour, und dann wird mir schon noch etwas einfallen. Ich bin Trinker, lieber Freund! Nüchtern bin ich nur an Festtagen vor der Messe. Aber du brauchst meinetwegen nicht zu trinken. Es ist mir nur an deiner Person gelegen. Wenn du aber mittrinkst, so wird das ein besonderer Beweis von Edelmut sein. Nun, dann wollen wir gehen! Laß uns ein paar Worte plaudern, und dann trennen wir uns wieder für zehn Jahre! Ich bin nicht von derselben Art wie du, Wanjuscha!«
»Na, schwatze nicht, sondern laß uns lieber hineingehen! Zwanzig Minuten sollen dir gehören; aber dann laß mich los!«
Um in das Restaurant zu gelangen, mußte man eine aus zwei Absätzen bestehende hölzerne Treppe nach dem zweiten Stockwerk hinansteigen. Aber auf der Treppe stießen wir mit zwei stark angetrunkenen Herren zusammen. Als sie uns sahen, wichen sie schwankend zur Seite aus.
Der eine von ihnen war ein sehr junger und sehr jugendlich aussehender Mensch, noch bartlos, nur mit einem ganz schwachen, eben keimenden Schnurrbart und mit übermäßig dummem Gesichtsausdruck. Er war stutzerhaft gekleidet, wirkte aber dabei komisch: es sah aus, als ob er fremde Kleider anhätte. An den Fingern trug er kostbare Ringe; in der Krawatte steckte eine wertvolle Nadel; seine Frisur, mit einer Art von Tolle, nahm sich recht dumm aus. Er lächelte und kicherte fortwährend. Sein Begleiter war schon ungefähr fünfzigjährig, fett, dickbäuchig, ziemlich nachlässig gekleidet, kahlköpfig; er hatte ebenfalls eine große Nadel in der Krawatte, ein pockennarbiges, vom Trunk aufgedunsenes Gesicht und eine Brille auf der knopfähnlichen Nase. Der Ausdruck dieses Gesichtes war boshaft, sinnlich. Die häßlichen, tückischen, mißtrauischen Augen steckten ganz im Fett und blickten wie aus Ritzen heraus. Beide schienen Masslobojew zu kennen; aber der Dicke schnitt bei der Begegnung mit uns ein ärgerliches Gesicht, allerdings nur für einen Augenblick, und der Jüngere verzog seine Lippen zu einem süßlichen, unterwürfigen Lächeln. Er nahm sogar die Mütze ab. Er trug nämlich eine solche.
»Verzeihen Sie, Filipp Filippowitsch«, murmelte er, ihn gefühlvoll anblickend.
»Aber was denn ?«
»Pardon... hm...« (er knipste an seinem Rockkragen). »Da drinnen sitzt Mitrofan. Er benimmt sich sehr ausfällig, dieser Schurke.«
»Was ist denn los?«
»Ganz arg macht er's... Dem hier« (er wies mit dem Kopf auf seinen Begleiter) »haben sie in der vorigen Woche auf Anstiften eben dieses Mitrofan an einem unanständigen Ort das ganze Gesicht voll Sahne geschmiert... hihi!«
Sein Begleiter stieß ihn ärgerlich mit dem Ellbogen an.
»Aber wollen Sie nicht mit uns ein Halbdutzend Flaschen trinken, Filipp Filippowitsch? Dürfen wir hoffen?«
»Nein, mein Bester, jetzt habe ich keine Zeit«, antwortete Masslobojew. »Ein Geschäft nimmt mich in Anspruch.«
»Hihi! Ich habe auch noch ein Geschäftchen mit Ihnen zu besprechen...«
Der Begleiter stieß ihn wieder mit dem Ellbogen an.
»Ein andermal, ein andermal!«
Masslobojew gab sich offenbar Mühe, die beiden nicht anzusehen. Wir gingen in das erste Zimmer, durch das sich in seiner ganzen Länge ein sehr sauberer Verkaufstisch hinzog, dicht besetzt mit kalten Speisen, mit Fleisch- und Fischpasteten und mit Karaffen voll verschiedenfarbiger Liköre. Kaum waren wir eingetreten, als Masslobojew mich schnell in eine Ecke führte und sagte:
»Der Jüngere ist ein Kaufmannssohn namens Ssisobruchow, der Sohn eines angesehenen Mehlhändlers; er hat von seinem Vater eine halbe Million geerbt und verschwendet sie jetzt. Er war nach Paris gereist, hatte dort schon eine Unmenge Geld vergeudet und hätte dort wohl das ganze vertan; aber da erbte er noch von seinem Onkel und kehrte aus Paris zurück; nun bringt er das übrige hier durch. Nach einem Jahr wird er natürlich betteln gehen. Er ist dumm wie eine Gans, treibt sich in den feinsten Restaurants und in Kellerlokalen und Schenken herum, verkehrt mit Schauspielerinnen und hat sich zum Eintritt als Husar gemeldet; er hat neulich ein Gesuch eingereicht. Der andere, ältere, heißt Archipow; er ist auch so eine Art Kaufmann oder Verwalter, hat sich mit Branntweinpacht abgegeben und ist eine Kanaille, ein Gauner, jetzt Ssisobruchows Gefährte, ein Judas und Falstaff, alles zusammen, ein zweimaliger Bankrotteur und ein abscheulich sinnlicher Patron mit verschiedenen häßlichen Neigungen. In dieser Hinsicht weiß ich von ihm eine kriminelle Geschichte; er hat sich nur noch so zur Not herausgewickelt. In einer Beziehung freue ich mich jetzt sehr darüber, daß ich ihn hier getroffen habe; ich wartete darauf... Archipow ist jetzt selbstverständlich dabei, Ssisobruchow auszuplündern. Er kennt eine Menge von Spelunken aller Art, wodurch er für solche Jünglinge wertvoll ist. Ich, lieber Freund, wetze schon lange die Zähne, um ihm einen gehörigen Biß zu versetzen. Und dasselbe tut auch Mitrofan, der forsche junge Mann dort im ärmellosen Wams; er steht da am Fenster, der mit dem Zigeunergesicht. Er beschäftigt sich mit Pferdehandel und ist mit allen hiesigen Husaren bekannt. Ich sage dir, er ist ein solcher Schlaukopf: er wird vor deinen sehenden Augen eine Banknote fälschen, und obgleich du es gesehen hast, wirst du sie ihm dennoch einwechseln. Er trägt ein Wams ohne Ärmel, allerdings von Samt, und sieht wie ein Slawophile aus (was ihm meines Erachtens auch ganz gut steht); aber ziehe ihm auf der Stelle einen eleganten Frack nebst Zubehör an, führe ihn in den Englischen Klub und sage dort: ›Der Großgrundbesitzer Graf Barabanow‹, und sie werden ihn dort zwei Stunden lang für einen Grafen halten, und er wird Whist spielen und wie ein Graf reden, und sie werden nichts merken, und er wird sie betrügen. Er wird einmal ein schlechtes Ende nehmen. Also dieser Mitrofan hat es auf den Dickwanst abgesehen; denn bei Mitrofan ist jetzt Ebbe, und der Dickwanst hat ihm seinen früheren Freund Ssisobruchow abspenstig gemacht, ehe er selbst noch Zeit hatte, ihn ordentlich zu scheren. Wenn sie jetzt in dem Restaurant zusammengetroffen sind, so will Mitrofan dem Dicken gewiß einen Streich spielen. Ich weiß sogar, was für einen, und vermute, daß Mitrofan und kein anderer es gewesen ist, der mich benachrichtigt hat, daß Archipow und Ssisobruchow hier sein werden und sich in dieser Gegend mit irgendwelcher schändlichen Absicht herumtreiben. Mitrofans Haß gegen Archipow will ich mir zunutze machen, weil ich meine eigenen Ursachen habe, und ich bin namentlich deswegen hierhergekommen. Ich will aber tun, als ob ich mit Mitrofan nichts zu schaffen habe, und sieh auch du nicht zu scharf zu ihm hin! Wenn wir aber von hier weggehen werden, so wird er wahrscheinlich von selbst an mich herantreten und mir das Erforderliche sagen... Aber jetzt komm, Wanja; wir wollen in jenes andere Zimmer dort gehen. − Na, Stepan«, fuhr er zu dem Kellner gewendet fort, »weißt du, was ich gern möchte?«