Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Jawohl, ich weiß.«
»Nun, dann erfülle meinen Wunsch!«
»Sogleich werde ich ihn erfüllen.«
»Tu das! Setz dich, Wanja! Na, warum musterst du mich denn so? Ich sehe ja, daß du mich musterst. Wunderst du dich? Wundere dich nicht! Es kann dem Menschen alles mögliche passieren, was er sich nie hat träumen lassen, namentlich damals nicht... na, wenigstens damals nicht, als du und ich am Cornelius Nepos büffelten. Aber das kannst du mir glauben, Wanja: wenn Masslobojew auch vom geraden Weg abgeirrt ist, so ist doch sein Herz dasselbe geblieben, und nur die Umstände haben sich geändert. ›Lieber brav im Dreck und Schmutz als ein Schuft in seinem Putz.‹ Ich fing an, Medizin zu studieren, und wollte Lehrer der vaterländischen Literatur werden und schrieb eine Abhandlung über Gogol und beabsichtigte, unter die Goldgräber zu gehen, und schickte mich an, zu heiraten − ›der Menschenseele Wunsch ist Braten, Schnaps und Punsch‹; und ›sie‹ hatte eingewilligt, obgleich in dem Haus ein solcher Überfluß herrschte, daß man keine Katze durch einen Leckerbissen herauslocken konnte. Ich traf schon die Vorbereitungen zur Trauung und wollte mir ein Paar heile Stiefel borgen, weil die meinigen schon seit anderthalb Jahren zerrissen waren... Aber ich habe mich nicht verheiratet. Sie hat einen Lehrer genommen, und ich nahm eine Stelle in einem Kontor an, das heißt nicht in einem Bankkontor, sondern in einem geringeren, andersartigen. Na, damit kam ich in eine andere Richtung hinein. Die Jahre sind dahingegangen, und wenn ich jetzt auch nicht in einer dienstlichen Stellung bin, so verdiene ich mir doch hübsche Summen: ich lasse mir Geld in die Hand drücken und trete für Wahrheit und Recht ein; wie man zu sagen pflegt: ›Klug ist's, Schwache anzugreifen und vor Starken auszukneifen.‹ Ich habe meine Grundsätze und weiß zum Beispiel, daß das Sprichwort recht hat: ›Allein vermag auch der Tapferste wenig‹, und − ich betreibe eifrig meine Geschäfte. Meine Geschäfte aber sind meist von geheimnisvollem Charakter... du verstehst?«
»Du bist doch nicht etwa Geheimpolizist?«
»Nein, das nicht eigentlich; aber ich gebe mich mit gewissen Geschäften ab, teils in offiziellem Auftrag, teils auch auf eigene Faust. Siehst du, Wanja, ich trinke zwar Schnaps; aber da ich meinen Verstand noch nicht im Schnaps ersäuft habe, so weiß ich auch, was mir in der Zukunft bevorsteht. Die Zeit, wo etwas Besseres aus mir werden konnte, ist vorüber; einen schwarzen Hund kann man nicht durch Waschen weiß machen. Ich will dir nur eins sagen: wenn ich nicht manchmal noch wie ein anständiger Mensch dächte und fühlte, so hätte ich dich heute nicht angeredet, Wanja. Du hast recht: ich bin dir früher mehrmals begegnet und habe dich gesehen; oftmals wäre ich gern an dich herangetreten; aber ich wagte es nie, sondern schob es immer auf. Ich bin deiner nicht wert. Und du hast ganz richtig gesagt, Wanja, daß, wenn ich dich diesmal angeredet habe, das nur infolge meiner Betrunkenheit geschehen sei. Aber das alles ist dummes Gerede; hören wir auf, von mir zu sprechen, und sprechen wir lieber von dir! Na, lieber Freund: ich habe es gelesen! Ich habe es gelesen, von Anfang bis Ende! Ich rede von deinem Erstlingswerk. Als ich es durchgelesen hatte, wäre ich beinah ein anständiger Mensch geworden, mein Bester! Beinahe, aber ich überlegte es mir doch noch und zog es vor, ein unanständiger Mensch zu bleiben. So ist es...«
Noch vieles sagte er zu mir in dieser Art. Seine Betrunkenheit nahm immer mehr zu, und er wurde sehr gerührt, fast zu Tränen. Masslobojew war immer ein prächtiger Bursche gewesen; aber er hatte immer seinen Kopf für sich gehabt und war gewissermaßen übermäßig entwickelt gewesen, schlau, verschmitzt, ein Intrigant und Ränkeschmied schon auf der Schule; aber im Grunde war er ein Mensch mit einem guten Herzen, ein verlorener Mensch. Solche Menschen sind unter den Russen zahlreich zu finden. Sie besitzen oft große Fähigkeiten; aber in ihrem Kopf herrscht die größte Verwirrung, und überdies sind sie aus moralischer Schwäche imstande, mit Bewußtsein gegen ihr Gewissen zu handeln; und sie gehen nicht nur zugrunde, sondern wissen auch selbst voraus, daß sie zugrunde gehen werden. Masslobojew zum Beispiel ertrank im Branntwein. »Jetzt noch ein Wort, lieber Freund«, fuhr er fort. »Ich habe gehört, wie zuerst überall dein Ruhm erscholl; ich las dann verschiedene Kritiken deines Werkes (wirklich, ich habe sie gelesen; du denkst wohl, ich lese gar nichts mehr?); dann traf ich dich mit schlechten Stiefeln, im Schmutz ohne Überschuhe, mit einem zerknickten Hut und erriet manches. Du schreibst jetzt für Journale?«
»Ja, Masslobojew.«
»Du bist also Postgaul geworden?«
»So etwas Ähnliches.«
»Na, dann höre, lieber Freund, was ich dir mit Bezug darauf sagen wilclass="underline" da ist es schon besser, du legst dich aufs Trinken! Siehst du, ich betrinke mich, lege mich auf mein Sofa (ich habe ein prächtiges Sofa mit Sprungfedern) und denke mir, daß ich zum Beispiel so ein Homer oder Dante oder so ein Friedrich Barbarossa bin − ich kann mir ja alles mögliche vorstellen. Na, aber du kannst dir nicht vorstellen, daß du Dante oder Friedrich Barbarossa bist, erstens, weil du du selbst sein willst, und zweitens, weil dir alles Wollen verboten ist; denn du bist eben ein Postgaul. Ich lebe im Reich der Phantasie und du im Reich der Wirklichkeit. Höre, was ich dir offen und geradezu als guter Kamerad sage (durch eine Ablehnung würdest du mich auf zehn Jahre kränken und beleidigen): brauchst du Geld? Ich habe welches. Mach keine Umstände! Nimm das Geld, zahle deinen Verlegern die Vorschüsse zurück, wirf das Kumt ab, lege dir soviel Geld hin, daß du für ein ganzes Jahr sicher zu leben hast, und dann mach dich an die Ausführung einer Lieblingsidee, schreib ein großes Werk! Nun? Was sagst du?«
»Hör mal, Masslobojew! Deinen kameradschaftlichen Vorschlag weiß ich nach Gebühr zu schätzen; aber ich kann dir jetzt nichts darauf antworten; warum ich es nicht kann, das zu erzählen würde zu lange dauern. Es liegen besondere Umstände vor. Übrigens verspreche ich dir: ich werde dir später alles als Freund erzählen. Für deinen Vorschlag danke ich dir; ich verspreche dir, dich zu besuchen, und ich werde dich oft besuchen. Aber jetzt handelt es sich um folgendes: du bist gegen mich offen, und daher möchte ich dich um Rat fragen, um so mehr, da du, wie es scheint, mit solchen Sachen gut Bescheid weißt.«
Und ich erzählte ihm meine Erlebnisse mit Smith und seiner Enkelin, von dem Vorfall in der Konditorei an. Sonderbar: während ich erzählte, glaubte ich ihm an den Augen anzusehen, daß er von dieser Geschichte schon etwas wußte. Ich fragte ihn danach.
»Nein, das nicht!« antwortete er. »Übrigens, über Smith habe ich einiges gehört: daß da ein alter Mann in einer Konditorei gestorben ist. Aber über Frau Bubnowa weiß ich in der Tat dies und das. Dieser Dame habe ich vor zwei Monaten eine kleine Summe abgenommen. Je prends mon bien, où je le trouve[11] und habe nur hierin mit Moliére Ähnlichkeit. Aber obgleich ich ihr hundert Rubel abgezwackt habe, habe ich mir doch gleich damals vorgenommen, nächstens nicht bloß hundert, sondern fünfhundert Rubel aus ihr herauszuschinden. Ein gräßliches Weib! Sie treibt ein unerlaubtes Gewerbe. Und das hätte noch nichts zu besagen; aber manchmal versteigt sie sich zu allzu argen Sachen. Bitte, halte mich nicht für einen Don Quichotte! Die Sache ist die, daß dabei tüchtig etwas für mich abfallen kann, und als ich vor einer halben Stunde Ssisobruchow traf, freute ich mich sehr. Ssisobruchow ist offenbar hierhergeführt worden, und zwar von dem Dickwanst, und da ich weiß, mit was für Geschäften sich dieser Dickwanst besonders abgibt, so schließe ich daraus... Na, ich werde ihn schon überrumpeln! Ich freue mich sehr, daß ich von dir etwas über dieses Mädchen gehört habe; ich bin jetzt auf eine andere Spur gekommen. Ich beschäftige mich ja damit, allerlei Privataufträge zu erledigen, lieber Freund, und mit was für Leuten werde ich dabei bekannt! Da habe ich neulich für einen Fürsten Nachforschungen in einer Angelegenheit angestellt, ich kann dir sagen, in einer derartigen Angelegenheit, wie man sie von diesem Fürsten nicht erwartet hätte. Oder wenn du willst, werde ich dir eine andere Geschichte von einer verheirateten Frau erzählen? Besuche mich nur, lieber Freund; da werde ich dir solche Stoffe mitteilen, daß, wenn du sie in deinen Erzählungen behandelst, dir kein Mensch glauben wird...«