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Erniedrigte und Beleidigte
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»Was stehst du da, Hausknecht? Wofür bekommst du deinen Lohn?«

»Machen Sie, daß Sie rauskommen! Wenn Sie wollen, können Sie eine Tracht Prügel besehen«, ließ sich der Hausknecht lässig in tiefem Baß vernehmen, anscheinend nur der Form wegen. »›Ist ein Liebespaar allein, dräng dich nicht als dritter ein!‹ lautet die Regel. Empfehlen Sie sich, und scheren Sie sich davon!«

Es war nichts zu machen; ich ging aus dem Tor hinaus in der Überzeugung, daß mein Eingreifen völlig fruchtlos gewesen sei. Aber die Empörung kochte in mir. Ich blieb auf dem Trottoir vor dem Tor stehen und sah durch das Pförtchen. Kaum war ich hinausgegangen, als das Weib nach oben lief; auch der Hausknecht entfernte sich irgendwohin, da er mit seiner Arbeit fertig war. Einen Augenblick darauf trat die Frau, welche geholfen hatte, Jelena hinaufzutragen, wieder aus der Haustür, um nach unten in ihre Wohnung zu gehen. Als sie mich erblickte, blieb sie stehen und sah mich neugierig an. Ihr gutes, stilles Gesicht ermutigte mich. Ich trat von neuem auf den Hof und ging gerade auf sie zu.

»Gestatten Sie die Frage«, begann ich, »was es mit diesem Mädchen hier für eine Bewandtnis hat und was dieses abscheuliche Weib mit ihr anfängt. Bitte, glauben Sie nicht, daß ich aus bloßer Neugier frage. Ich bin mit diesem Mädchen bereits anderwärts zusammengetroffen und interessiere mich aus bestimmtem Grunde sehr für sie.« »Wenn Sie sich für sie interessieren, so würden Sie am besten tun, sie zu sich zu nehmen oder sonstwo eine Stelle für sie ausfindig zu machen, statt sie hier zugrunde gehen zu lassen«, sagte die Frau, anscheinend nur ungern, und machte eine Bewegung, als wolle sie von mir fortgehen.

»Aber wenn Sie mir keine Auskunft geben, was kann ich denn dann tun? Ich sage Ihnen, daß ich nichts weiß. Das war gewiß Frau Bubnowa selbst, die Hauswirtin?«

»Ja, das war die Hauswirtin selbst.«

»Wie ist denn also das Mädchen zu ihr gekommen? Ihre Mutter ist hier gestorben?«

»Ja, so ist sie zu ihr gekommen... Uns geht's nichts an...«

Sie wollte wieder fortgehen.

»Aber tun Sie mir doch den Gefallen! Ich sage Ihnen ja, daß mich die Sache sehr interessiert. Ich bin vielleicht imstande, etwas für sie zu tun. Wer ist denn dieses Mädchen? Wer war ihre Mutter? Wissen Sie es?«

»Das war eine Art Ausländerin; sie war von auswärts hergekommen. Sie wohnte bei uns unten und war sehr krank; sie ist auch an der Schwindsucht gestorben.«

»Also ist sie wohl sehr arm gewesen, wenn sie als Aftermieterin im Kellergeschoß wohnte?«

»Schrecklich arm! Es schnürte einem das Herz zusammen. Wir schlagen uns nur kümmerlich durch; aber auch uns ist sie in den fünf Monaten, die sie bei uns gewohnt hat, sechs Rubel schuldig geblieben. Wir haben sie auch beerdigt; mein Mann hat noch den Sarg gemacht.«

»Wie kann dann die Bubnowa sagen, sie habe die Beerdigung besorgt?«

»Ach wo! Sie hat nichts dabei getan!«

»Und welchen Familiennamen führte denn die Verstorbene?«

»Ich kann ihn nicht aussprechen, lieber Herr; es war ein schwerer Name, wohl ein deutscher.«

»Smith?«

»Nein, es klang anders. Anna Trifonowna nahm dann die Waise zu sich; wie sie sagt, zur Erziehung. Aber es ist da überhaupt keine schöne Wirtschaft...«

»Sie hat sie gewiß in bestimmter Absicht zu sich genommen?«

»Sie treibt ein häßliches Gewerbe«, antwortete die Frau, überlegend und schwankend, ob sie reden solle oder nicht. »Was geht es uns an? Wir haben nichts damit zu tun.«

»Du tätest besser, deine Zunge im Zaum zu halten!« erscholl eine Männerstimme hinter uns.

Es war ein schon älterer Mann in einem Schlafrock und einem darübergezogenen langschößigen Rock, anscheinend ein Handwerksmeister, der Mann der Frau, mit der ich sprach.

»Wir haben mit Ihnen nichts zu reden, lieber Herr; das sind Dinge, die uns nichts angehen...«, sagte er, indem er mir einen schrägen Blick zuwarf. »Und du geh nur weg! Adieu, mein Herr! Ich bin Sargtischler; wenn Sie in meinem Fach etwas nötig haben, so werde ich jeden Auftrag zu Ihrer vollen Zufriedenheit ausführen... Sonst aber haben Sie und wir nichts miteinander zu verhandeln...«

Ich verließ dieses Haus in tiefen Gedanken und großer Aufregung. Machen konnte ich nichts; aber es war mir eine peinliche Empfindung, daß ich die Sache ihren Gang gehen lassen sollte. Einige Worte der Tischlerfrau beunruhigten mich ganz besonders. Da verbarg sich etwas Häßliches; das ahnte ich.

Ich ging mit gebeugtem Kopf und in Gedanken versunken dahin, als mich auf einmal eine laute Stimme mit meinem Familiennamen anrief. Ich blickte auf − vor mir stand ein Betrunkener, der beinahe schwankte; gekleidet war er ziemlich sauber, nur trug er einen garstigen Mantel und eine schmierige Mütze. Sein Gesicht kam mir sehr bekannt vor. Ich betrachtete ihn genauer.

Er blinzelte mich an und lächelte ironisch.

»Erkennst du mich nicht?«

Fünftes Kapitel

»Ah, du bist es Masslobojew!« rief ich, da ich auf einmal in ihm einen früheren Schulkameraden vom Gymnasium in der Gouvernementsstadt her erkannte. »Na, das ist ein unerwartetes Zusammentreffen!«

»Allerdings! Sechs Jahre lang sind wir einander nicht begegnet. Das heißt, begegnet sind wir uns schon; aber Euer Exzellenz haben mich keines Blickes gewürdigt. Du bist ja jetzt ein vornehmer Mann geworden, das heißt ein vornehmer Schriftsteller!...«

Bei diesen Worten lächelte er spöttisch.

»Na, lieber Masslobojew, da redest du töricht!« unterbrach ich ihn. »Erstens pflegen die vornehmen Leute, und wenn es auch nur vornehme Schriftsteller sind, schon äußerlich anders auszusehen als ich; und zweitens gestatte mir die Bemerkung: ich erinnere mich in der Tat, daß ich dir ein paarmal auf der Straße begegnet bin, aber du selbst wichst mir augenscheinlich aus; und ich werde doch nicht an jemand herantreten, wenn ich sehe, daß er mir ausweichen will. Und weißt du, was ich glaube? Wenn du nicht betrunken wärst, würdest du mich auch jetzt nicht angerufen haben. Nicht wahr? Na also, sei bestens begrüßt! Ich freue mich, freue mich sehr, lieber Freund, daß ich dich getroffen habe.«

»Wirklich? Kompromittiere ich dich auch nicht durch meine wenig korrekte äußere Erscheinung? Aber da bedarf es keiner Frage; ich erinnere mich noch recht wohl, Wanjuscha, was du für ein prächtiger Junge warst. Erinnerst du dich wohl noch, wie du für mich vom Lehrer Hiebe bekamst? Du schwiegst und verrietest mich nicht; ich aber, statt dir dankbar zu sein, machte mich eine Woche lang über dich lustig. Du bist eine edle Seele! Sei herzlich begrüßt, mein Teuerster!« (Wir küßten uns.) »Ich führe nun schon so viele Jahre lang ein einsames, mühseliges Leben, Tag und Nacht; aber ich habe die alte Zeit nicht vergessen. Die vergißt sich nicht! Und du, was machst du?«

»Ich? Ich führe auch ein einsames, mühseliges Leben...«

Er blickte mich lange an, mit der tiefen Rührung eines Menschen, den der Branntwein in weiche Stimmung versetzt hat. Übrigens war er auch sonst ein sehr gutherziger Mensch.

»Nein, Wanja, du bist ein anderer Mensch als ich«, sagte er endlich in pathetischem Ton. »Ich habe deinen Roman gelesen; ich habe ihn gelesen, Wanja, gelesen!... Aber höre maclass="underline" laß uns ein Weilchen gemütlich zusammen plaudern! Hast du Eile?«

»Ja, und ich muß dir gestehen, da ist eine Sache, die mich furchtbar aufregt. Aber weißt du, was das Beste ist? Sag mir, wo du wohnst!«

»Das will ich dir sagen; aber das Beste ist das nicht. Soll ich dir sagen, was das Beste ist?«

»Nun, was denn?«

»Was ist das da? Siehst du wohl?« Er zeigte auf ein Schild, zehn Schritte entfernt von der Stelle, wo wir standen. »Siehst du: ›Konditorei und Restaurant‹, das heißt, es ist einfach ein Restaurant, aber ein gutes Lokal. Ich sage dir vorher: ein anständiges Lokal, und ein Schnaps − vorzüglich! Ein Göttertrank! Ich habe ihn getrunken, oft getrunken; ich kenne ihn; und man wagt hier auch nicht, mir etwas Schlechtes vorzusetzen. Man kennt Filipp Filippowitsch. Ich heiße nämlich Filipp Filippowitsch. Nun? Du machst ein Gesicht? Nein, laß mich erst ausreden! Jetzt ist es ein Viertel auf zwölf, ich habe eben nachgesehen; na also, pünktlich um elf Uhr fünfunddreißig werde ich dich loslassen. Und unterdessen wollen wir ein bißchen was trinken. Zwanzig Minuten für einen alten Freund − ist's dir recht?«

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