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Erniedrigte und Beleidigte
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Ich bekam einen furchtbaren Schreck. Alle diese Mitteilungen versetzten mich in die größte Aufregung. Ich fürchtete immer, wir könnten zu spät kommen, und trieb den Kutscher zu schnellem Fahren an.

»Beunruhige dich nicht; es sind alle Maßregeln getroffen«, sagte Masslobojew. »Mitrofan ist da. Ssisobruchow soll ihm mit Geld büßen und der schurkische Dickwanst in natura. Das ist schon vorhin festgesetzt worden. Na, und Frau Bubnowa kommt auf mein Teil... Sie soll es nicht wagen...«

Wir waren hingelangt und ließen bei dem Restaurant halten; aber Mitrofan war nicht da. Nachdem wir dem Droschkenkutscher befohlen hatten, an der Tür des Restaurants auf uns zu warten, gingen wir zu Frau Bubnowa. Mitrofan erwartete uns am Tor. Die Fenster waren hell erleuchtet, und wir hörten das schallende Gelächter des betrunkenen Ssisobruchow.

»Sie sind alle da, seit ungefähr einer Viertelstunde«, meldete Mitrofan. »Es ist gerade die richtige Zeit.«

»Aber wie werden wir hineingelangen?« fragte ich.

»Als Gäste«, erwiderte Masslobojew. »Sie kennt mich und auch Mitrofan. Allerdings ist alles verschlossen, aber nicht für uns.«

Er klopfte leise an das Tor, und dieses wurde sogleich aufgetan. Der Hausknecht, der es geöffnet hatte, tauschte mit Mitrofan einen verständnisvollen Blick. Wir gingen leise hinein; im Haus hörte man uns nicht. Der Hausknecht führte uns die Treppe hinauf und klopfte. Von innen wurde gefragt; er antwortete, er sei allein, und gab die Parole. Es wurde geöffnet, und wir gingen alle zusammen hinein. Der Hausknecht war verschwunden.

»Oh, oh, wer ist da?« rief Frau Bubnowa, die betrunken, mit wirrem Haar, eine Kerze in der Hand, in dem kleinen Vorzimmer stand.

»Wer da ist?« erwiderte Masslobojew. »Erkennen Sie denn Ihre werten Gäste nicht, Anna Trifonowna? Wer anders als ich... Filipp Filippowitsch.«

»Ah, Filipp Filippowitsch! Sie sind e s... ein so werter Gast... Aber wie sind Sie nur... ich meinte doch... nun, es tut nichts... bitte, treten Sie näher!«

Sie geriet in eilfertige Bewegung.

»Wo sollen wir eintreten? Dort? Aber da ist ja eine Halbwand... Nein, nehmen Sie uns besser auf! Wir wollen bei Ihnen Champagner auf Eis trinken; und sind keine Dämchen da?«

Die Wirtin wurde sofort mutig.

»Für so werte Gäste würde ich welche aus der Erde hervorholen oder aus China kommen lassen.«

»Zwei Worte, liebe Anna Trifonowna: ist Ssisobruchowhier?«

»Ja.«

»Dann möchte ich mit ihm sprechen. Wie kann er wagen, der Schurke, ohne mich zu zechen?«

»Er hat Sie gewiß nicht vergessen. Er hat immer auf jemand gewartet, gewiß auf Sie.«

Masslobojew stieß eine Tür auf, und wir traten in ein kleines, zweifenstriges Zimmer mit Geranientöpfen, Rohrstühlen und einem scheußlichen Klavier; alles, wie es sich gehörte. Aber ehe wir noch hineingingen, schon während wir das Gespräch im Vorzimmer führten, war Mitrofan verschwunden. Ich hörte später, daß er gar nicht in die Wohnung hineingegangen war, sondern vor der Tür gewartet hatte. Ihm öffnete nachher jemand anders. Das strubblige, geschminkte Frauenzimmer, das am Vormittag hinter Frau Bubnowas Schultern hervorgesehen hatte, war eine Gevatterin von ihm.

Ssisobruchow saß auf einem schmalen Sofa von imitiertem Mahagoni an einem runden Tisch, der mit einer Serviette bedeckt war. Auf dem Tisch standen zwei Flaschen mit lauem Champagner, eine Flasche mit schlechtem Rum, ferner Teller mit Konfekt, Pfefferkuchen und drei Sorten Nüssen. An dem Tisch saß, Ssisobruchow gegenüber, ein widerwärtig aussehendes, pockennarbiges, etwa vierzigjähriges Weib in einem schwarzen Taftkleid mit unechten Armbändern und einer unechten Brosche. Dies war die Offiziersdame, offenbar eine nachgemachte. Ssisobruchow war betrunken und sehr zufrieden. Sein dickbäuchiger Gefährte war nicht bei ihm.

»Ja, so machen es die Menschen!« brüllte Masslobojew aus voller Kehle. »Und dabei ladet er einen noch zu Dussaut ein!«

»Filipp Filippowitsch, beglücken Sie mich wirklich?« murmelte Ssisobruchow, indem er sich mit glückseligem Gesicht zu unserer Begrüßung erhob.

»Du trinkst hier?«

»Entschuldigen Sie!«

»Entschuldige dich nicht, sondern lade uns dazu ein! Ich bin hergekommen, um mit dir zu zechen, und habe da noch einen Gast mitgebracht, einen Freund von mir.« Masslobojew wies auf mich.

»Ich freue mich sehr, das heißt, ich bin ganz glücklich... Hihi!«

»Pfui, das nennt sich Champagner? Das schmeckt ja wie saurer Kwas!«

»Sie beleidigen mich.«

»Also bei Dussaut wagst du dich gar nicht zu zeigen, und da ladest du noch andere Leute dorthin ein!«

»Er hat eben erzählt, er wäre in Paris gewesen«, bemerkte die Offiziersdame. »Er schneidet gewiß auf!«

»Fedossija Titischna, beleidigen Sie mich nicht! Wir sind dagewesen. Wir sind hingefahren.«

»Na, was soll denn so ein ungebildeter Mensch in Paris?«

»Wir sind dagewesen. Ich und Karp Wassiljewitsch, wir haben da Aufsehen erregt. Kennen Sie Karp Wassiljewitsch?«

»Wie werde ich denn deinen Karp Wassiljewitsch kennen?«

»Ich meinte nur... Wir beide, er und ich, haben da in Paris bei Madam Joubert einen englischen Trüma zerbrochen.«

»Was habt ihr zerbrochen?« »Einen Trüma. Das war ein Trüma, der ging über die ganze Wand bis an die Decke; und Karp Wassiljewitsch war so betrunken, daß er schon mit Madam Joubert russisch sprach. Er stand da bei dem Trüma und lehnte sich mit dem Ellbogen dagegen. Die Joubert aber schrie ihm zu, das heißt, in ihrer Sprache: ›Der Trüma kostet siebenhundert Franc, wenn du ihn zerbrichst!‹ (Ein Franc, das ist nach unserem Geld ein Viertelrubel.) Er lächelte und sah mich an; ich saß gegenüber auf dem Sofa und eine schöne Dame neben mir; nicht so eine Fratze wie diese hier, sondern mit Schück, kurz gesagt. Er schreit: ›Stepan Terentjewitsch, Stepan Terentjewitsch! Soll es halbpart gelten, wie?‹ Ich sage: ›Es gilt!‹ Da schlägt er mit der Faust gegen den Trüma − klirr! Die Scherben polterten nur so. Die Joubert kreischte auf und fuhr ihm ordentlich ins Gesicht: ›Du Räuber, was fällt dir ein?‹ (Das heißt, sie sagte das in ihrer Sprache.) Aber er antwortete ihr: ›Nehmen Sie Ihr Geld, Madam Joubert; aber stören Sie mir nicht mein Vergnügen!‹ und gab ihr sofort sechshundertfünfzig Franc. Fünfzig handelte er ihr ab.«

In diesem Augenblick erscholl ein furchtbarer, durchdringender Schrei durch mehrere Türen hindurch, zwei oder drei Zimmer entfernt von dem, in welchem wir uns befanden. Ich fuhr zusammen und schrie ebenfalls auf. Ich erkannte diesen Schrei: es war Jelenas Stimme. Sogleich nach diesem kläglichen Schrei ertönten andere Schreie, Schimpfworte, Lärm und zuletzt deutliche, schallende Schläge mit der flachen Hand auf ein Gesicht. Das war wahrscheinlich Mitrofans Tätigkeit in seinem Departement. Plötzlich wurde die Tür heftig aufgerissen, und Jelena stürzte ins Zimmer: blaß, die Augen voll Tränen, in einem weißen Musselinkleid, das völlig zerknittert und zerrissen war, mit gekämmtem, aber wie infolge eines Kampfes zerzaustem Haar. Ich stand der Tür gegenüber, und sie stürzte gerade auf mich los und umschlang mich mit ihren Armen. Alle sprangen erschrocken auf, schrien und kreischten bei ihrem Anblick. Hinter ihr erschien in der Tür Mitrofan, der seinen übel zugerichteten, dickbäuchigen Gegner an den Haaren schleppte. Er zerrte ihn bis zur Schwelle und warf ihn zu uns ins Zimmer.

»Da habt ihr ihn! Nehmt ihn hin!« rief Mitrofan mit sehr zufriedener Miene.

»Höre«, sagte Masslobojew, indem er ruhig an mich herantrat und mir auf die Schulter klopfte, »nimm unsere Droschke und fahre mit dem Mädchen zu deiner Wohnung; hier hast du nichts weiter zu tun. Morgen werden wir auch das übrige erledigen.«

Ich ließ mir das nicht zum zweiten Male sagen, sondern nahm Jelena bei der Hand und führte sie aus dieser Lasterhöhle hinaus. Wie die Sache in diesem Haus endete, weiß ich nicht. Uns beide hielt niemand auf: die Wirtin war vom Schrecken wie gelähmt. Alles hatte sich so schnell abgespielt, daß sie nichts hatte hindern können. Die Droschke hatte auf uns gewartet, und zwanzig Minuten darauf war ich schon in meiner Wohnung.

Jelena war halbtot. Ich öffnete die Haken an ihrem Kleid, bespritzte ihr Gesicht mit Wasser und legte sie auf das Sofa. Sie begann zu fiebern und irrezureden. Ich betrachtete ihr blasses Gesichtchen, die farblosen Lippen, das schwarze zerzauste Haar, das aber vorher sorgfältig gekämmt und pomadisiert gewesen war, ihren ganzen Anzug, diese rosa Schleifen, die noch hier und da am Kleid saßen − und verstand den ganzen abscheulichen Hergang. Das arme Kind! Ihr Zustand wurde immer schlimmer. Ich wich nicht von ihrer Seite und nahm mir vor, an diesem Abend nicht zu Natascha zu gehen. Manchmal schlug Jelena ihre langen Wimpern auf und blickte mich lange unverwandt an, als ob sie mich erkenne. Erst spät, nach Mitternacht, schlief sie ein. Ich schlief neben ihr auf dem Fußboden.

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