Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Nein, siehst du, Wanja«, fuhr sie fort, indem sie ihre eine Hand auf meiner Schulter behielt, mit der andern meine Hand drückte und mit ihren Augen in meinen zu lesen suchte, »es schien mir, als ob sein Gefühl nicht sehr tief war... er kam mir vor wie so ein mari[12], weißt du, wie ein Mann, der schon zehn Jahre verheiratet ist, sich aber immer noch gegen seine Frau liebenswürdig benimmt. Ist es nicht jetzt noch zu früh dazu? Er lachte und drehte sich hin und her, aber als ob dieses ganze Benehmen gegen mich nur oberflächlich wäre und er sich schon zum Teil zurückzöge; es war nicht so wie früher... Er hatte es sehr eilig, zu Katerina Fjodorowna zu kommen... Ich redete mit ihm; aber er hörte nicht zu oder fing von etwas anderem an zu sprechen, weißt du, diese häßliche Gewohnheit vornehmer Leute, die wir beide ihm abzugewöhnen gesucht haben. Kurz, er war eigentümlich... ordentlich gleichgültig... Aber was rede ich! Ich bin ganz ins Anklagen hineingekommen! Ach, Wanja, was sind wir alle für anspruchsvolle, eigensinnige Despoten! Erst jetzt sehe ich es ein! Wir verzeihen einem Menschen nicht einmal eine bloße Veränderung der Miene, und eine solche Veränderung kann doch Gott weiß was für Ursachen haben! Du hast recht, Wanja, daß du mir soeben Vorwürfe gemacht hast! Ich allein bin an allem schuld! Wir schaffen uns selbst Kummer, und dann beklagen wir uns noch!... Ich danke dir, Wanja; du hast mich vollständig getröstet. Ach, wenn er doch heute käme! Aber vielleicht ist er noch von vorhin böse.«
»Habt ihr euch denn wirklich schon gezankt?« rief ich erstaunt.
»Nein, ich habe mir nichts merken lassen! Ich war nur ein bißchen traurig; er aber, der zunächst heiter gewesen war, wurde dann nachdenklich und nahm, wie mir schien, von mir etwas trocken Abschied. Aber ich will zu ihm schicken und ihn bitten herzukommen... Komm du doch heute auch her, Wanja!«
»Ich komme bestimmt, wenn mich nicht eine andere Sache aufhält.«
»Nun, was ist denn das für eine Sache?«
»Ich habe mir da etwas auf den Hals geladen! Doch glaube ich, daß ich bestimmt kommen werde.«
Siebentes Kapitel
Pünktlich um sieben Uhr war ich bei Masslobojew. Er wohnte in der Schestilawotschnaja, in einem kleinen Haus, in einem Seitengebäude, in einer ziemlich unsauberen Wohnung von drei Zimmern, die übrigens nicht ärmlich möbliert waren. Es war sogar eine gewisse Wohlhabenheit sichtbar, gleichzeitig aber eine sehr mangelhafte Ordnung. Es öffnete mir ein auffallend hübsches Mädchen von ungefähr neunzehn Jahren, einfach, aber nett gekleidet, sehr sauber aussehend und mit überaus gutmütigen, lustigen Augen. Ich erriet sogleich, daß dies eben jene Alexandra Semjonowna sei, deren er heute schon Erwähnung getan und deren Bekanntschaft zu machen er mich aufgefordert hatte. Sie fragte mich, wer ich sei, und als sie meinen Namen hörte, sagte sie, er erwarte mich, schlafe aber jetzt gerade in seinem Zimmer; dorthin führte sie mich denn auch. Masslobojew schlief auf einem schönen, weichen Sofa; zugedeckt hatte er sich mit seinem schmutzigen Mantel; unter dem Kopf hatte er ein abgescheuertes Lederkissen. Sein Schlaf war nicht tief; kaum waren wir eingetreten, als er mich sogleich beim Namen rief.
»Ach, du bist es? Ich habe dich erwartet. Eben habe ich geträumt, daß du kämest und mich aufwecktest. Also, es ist Zeit; wir wollen fahren!«
»Wohin denn?«
»Zu einer Dame.«
»Zu was für einer Dame? Wozu?«
»Zu Frau Bubnowa, um bei ihr gründlich zu kassieren. Ach, was ist das für eine schöne Frau!« sagte er, sich zu Alexandra Semjonowna wendend, in gedehntem Ton und küßte sogar seine Fingerspitzen bei der Erinnerung an Frau Bubnowa.
»Ach, geh doch! Schwindel!« sagte Alexandra Semjonowna, die es für ihre unvermeidliche Pflicht hielt, ein bißchen böse zu werden.
»Du bist mit ihr noch nicht bekannt? Ich will dich vorstellen, lieber Freund. Hier, Alexandra Semjonowna, stelle ich dir einen großen Schriftsteller mit Generalsrang vor; er ist nur einmal im Jahr umsonst zu sehen, die übrige Zeit nur für Geld.«
»Ach, du hältst einen immer nur zum Narren. Bitte, hören Sie nicht auf ihn; er macht sich immer nur über mich lustig. Wie wird denn der Herr ein General sein!«
»Ich sage dir ja, daß er eine besondere Art von General ist. Du aber, Exzellenz, glaube ja nicht, daß sie dumm ist; sie ist viel klüger, als es auf den ersten Blick scheint.«
»Hören Sie nicht auf ihn! Immer redet er vor den Ohren braver Leute Schlechtes von unsereinem, der schamlose Mensch! Dafür sollte er einen lieber mal ins Theater führen!«
»Eine schöne Regel lautet, Alexandra Semjonowna: ›Liebe dein eigenes Heim!‹ Hast du auch den andern Ausdruck für das, was man lieben muß, nicht vergessen? Hast du das Fremdwort behalten? Ich hatte es dir doch so schön beigebracht!«
»Gewiß habe ich es behalten. Es wird wohl irgendwelchen Unsinn bedeuten.«
»Nun, wie hieß das Fremdwort?«
»Na ja, ich werde mich auch gerade vor dem Gast blamieren! Es bedeutet vielleicht etwas Unpassendes. Ich beiße mir lieber die Zunge ab, ehe ich es sage.«
»Also hast du es vergessen?«
»Nein, ich habe es nicht vergessen: ›Penaten‹... ›Liebe deine Penaten!‹... Nein, was er für Einfälle hat! Vielleicht gibt es gar keine Penaten; und warum soll man sie lieben? Immer redet er solchen Unsinn!«
»Dafür wollen wir bei Frau Bubnowa...«
»Ach, du mit deiner Frau Bubnowa...«
Alexandra Semjonowna lief in der höchsten Entrüstung hinaus.
»Es ist Zeit! Wir wollen uns aufmachen! Adieu, Alexandra Semjonowna!«
Wir gingen hinaus.
»Siehst du, Wanja, erstens wollen wir uns in diese Droschke setzen. So. Zweitens aber habe ich heute mittag, nachdem ich mich von dir getrennt hatte, noch einiges in Erfahrung gebracht, und zwar nicht bloß so vermutungsweise, sondern mit aller Bestimmtheit. Ich bin noch eine ganze Stunde auf der Wassili-Insel geblieben. Dieser Dickwanst ist eine nichtswürdige Kanaille, ein unsauberer, garstiger Patron mit allerlei gemeinen Passionen. Frau Bubnowa ist schon längst durch arge Streiche in diesem Genre berüchtigt. Vor kurzem ist sie bei einer bösen Geschichte mit einem Mädchen aus anständigem Haus beinahe gefaßt worden. Das Musselinkleid, mit dem sie dieses Waisenmädchen herausgeputzt hat, wie du vorhin erzähltest, ließ mir keine Ruhe, weil ich schon etwas damit in Zusammenhang Stehendes gehört hatte. Vorhin habe ich nun noch etwas erfahren, allerdings ganz zufällig, aber, wie es scheint, zuverlässig. Wie alt ist sie?«
»Dem Gesicht nach etwa dreizehn Jahre.«
»Aber der Statur nach weniger. Nun, das paßt ihr gerade. Wenn es nötig ist, sagt sie elf Jahre, und sonst auch fünfzehn. Und da die Ärmste weder Angehörige noch Beschützer hat, so...«
»Meinst du wirklich?«
»Aber was hast du denn gedacht? Aus bloßem Mitleid wird Frau Bubnowa die Waise doch nicht aufgenommen haben. Und wenn sich nun gar der Dickwanst dort hat blicken lassen, dann ist die Sache richtig. Er ist heute vormittag bei ihr gesehen worden. Dem Tölpel, dem Ssisobruchow, ist heute eine schöne verheiratete Frau versprochen worden, die Gattin eines Stabsoffiziers. Kaufmannssöhnchen, die sich amüsieren wollen, sind auf so etwas versessen: sie fragen immer nach dem Rang. Es ist wie in der lateinischen Grammatik; du besinnst dich: die Bedeutung wird immer erst durch die Endung bestimmt. Übrigens bin ich, wie mir scheint, noch von vorhin betrunken. Na, aber Frau Bubnowa soll sich nicht erdreisten, sich mit solchen Dingen abzugeben. Sie möchte auch der Polizei ein X für ein U machen; aber das soll ihr nicht gelingen! Vor mir hat sie Angst, weil sie weiß, daß ich noch von früher her manches in Erinnerung habe... na, und so weiter, du verstehst?«