Im Anfang war der Mord
- Автор: Джордж Элизабет
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- ISBN: 3442459532
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Другие детективы
Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
Sie dankte mir für jede Kleinigkeit, die ich für sie tat – wenn ich ihr Kissen aufschüttelte, wenn ich ihr ein paar Tropfen Parfüm hinter die Ohrläppchen tupfte oder ihr die zerknitterte Bettdecke straff zog.
Ich machte auch kleine Scherze. Ich tat so, als könnte ich die Zukunft vorhersagen, nahm Mrs. Crowes Hand und erzählte ihr, sie würde heute einen wunderschönen Tag erleben, sollte sich aber in Acht nehmen vor dem schönen, blonden Fremden — oder sonst irgendwas Dummes, was sie zum Lachen brachte. Sie konnte nicht gut schlafen, und es schien ihr Freude zu bereiten, sich fast die ganze Nacht mit mir über ihre Kindheit oder ihren verstorbenen Mann zu unterhalten.
Sie wurde zusehends schwächer, und zwei Nächte vor ihrem Tod sagte sie, sie hätte so gern etwas für mich getan, aber als sie so hinfällig geworden sei, habe sie ihrer Nichte alles überschrieben. Jedenfalls hoffte Mrs. Crowe, ich würde ihr silbernes Kästchen annehmen. Ich dankte ihr. Es freute mich, dass sie mich so gern hatte, dass sie mir das Kästchen schenken wollte. Eigentlich hatte ich gar keine Verwendung dafür. Es hätte ein hübsches Schmuckkästchen abgegeben, aber ich besaß gar keinen Schmuck. Das Kästchen schien der Gegenstand zu sein, den Mrs. Crowe am zärtlichsten liebte. Sie hatte es neben sich auf dem Nachttisch stehen, und jedes Mal, wenn sie es ansah, leuchteten ihre Augen auf. Sie war wie ein kleines Mädchen, das am Weihnachtsmorgen zum ersten Mal seine nagelneue Babypuppe erblickt.
Als Mrs. Crowe also starb und ihre Nichte, die ich damals zum ersten Mal zu Gesicht bekam, mich entließ, raffte ich meine wenigen Habseligkeiten zusammen, nahm das Kästchen und ging. Zu Mrs. Crowes Begräbnis ging ich nicht. In der Zeitung stand, es fände im engsten Kreise statt, und ich war nicht eingeladen. Außerdem hätte ich sowieso nichts Passendes zum Anziehen gehabt.
Weil ich von den Sachen, die ich an den Hippieladen namens Way Out verkauft hatte, noch ein paar Dollar übrig hatte, bezahlte ich eine Woche Miete für das übelste Zimmer, in dem ich je gewohnt habe.
Es war eisig kalt, und bis zu mir in den zweiten Stock reichte die Heizung nicht. In diesem Zimmer, wo der Putz herunterfiel, die Fußbodendielen sich wellten und die Küchenschaben herumflitzten, saß ich in sämtliche Sachen gehüllt, die ich besaß, hatte eine eklige Decke und ein ausgebleichtes Steppbett um mich geschlungen und wartete darauf, dass die Wärme nach oben zog, als Mrs.
Crowes Nichte plötzlich in Pelzmantel und Pelzmütze und glänzenden, bis zu den Knien reichenden Lederstiefeln hereingerauscht kam. Ihr Gesicht war vor Wut puterrot angelaufen, als sie anfing, mir zu erzählen, sie habe mich durch einen Privatdetektiv ausfindig machen lassen, und ich solle ihr das Erbstück zurückgeben, das ich gestohlen hätte.
Ihre Behauptung ließ mich noch das wenige vergessen, was ich von der englischen Sprache wusste. Ich brachte kein Wort heraus, und sie schrie immer weiter, von wegen, wenn ich das Kästchen sofort zurückgäbe, würde sie mich auch nicht anzeigen. Da bekam ich meine Stimme wieder und sagte, dass das Kästchen mir gehöre und dass Mrs. Crowe es mir überlassen habe, und sie wollte wissen, ob ich das irgendwie beweisen könne oder ob es bei der Schenkung irgendwelche Zeugen gegeben habe, und ich sagte ihr, wenn man mir etwas schenkte, würde ich mich bedanken, da würde ich nicht nach Beweisen und Zeugen fragen, und nichts könnte mich dazu bringen, Mrs. Crowes Kästchen wieder herzugeben.
Die Nichte stand da und schnaufte, schien fast die Atemzüge zu zählen wie jemand, der eine Übung macht, um die Beherrschung über sich wiederzuerlangen.
«Sie werden schon noch sehen«, rief sie, und dann ging sie.
Im Zimmer war es kälter denn je, und meine Zähne klapperten.
Kurz darauf hörte ich schwere Schritte die Treppe heraufpoltern. Mir wurde klar, dass die Nichte ihre Drohung wahr gemacht hatte und die Polizei hinter mir her war.
Ich geriet in Panik. Ich jagte im Zimmer umher wie eine Ratte, die von der Katze verfolgt wird. Dann dachte ich, wenn die Polizei mein Zimmer durchsucht und dabei das Kästchen nicht findet, hätte ich vielleicht etwas Zeit, mir zu überlegen, was ich tun sollte.
Rasch holte ich das Kästchen aus der obersten Kommodenschublade und huschte den hinteren Gang hinunter. Ich stieß die hintere Tür auf. Ich glaube, ich hatte vor, die Hintertreppe hinunterzulaufen und das Kästchen irgendwo zu verstecken, unter einem Busch vielleicht oder in einer Mülltonne.
Die Stufen der Hintertreppe waren steil und kamen fast senkrecht in den zweiten Stock empor, außerdem waren sie wacklig und vereist.
Ich ging hinunter. Rutschte mit dem rechten Fuß aus.
Das Geländer rettete mich. Ich umklammerte es mit der einen Hand, mit der anderen das silberne Kästchen und tastete mich über die vereisten Flächen mühsam hinunter.
Als ich halbwegs unten war, hörte ich, wie jemand meinen Namen kreischte. Ich sah mich um und erblickte einen großen, kräftigen Mann, der hinter mir die Treppe heruntergesprungen kam. Noch nie habe ich im Gesicht eines Menschen so eine Wut gesehen. Dann war er direkt hinter mir und streckte die Hand aus, um das Kästchen zu packen.
Ich fuhr herum, um seinem Zugriff auszuweichen, und er fluchte. Vielleicht habe ich ihn gestoßen. Ich bin mir nicht sicher — eigentlich nicht.
Jedenfalls glitt er aus und fiel hinunter und immer weiter hinunter, und nachdem er ganz hinuntergefallen war, blieb er vollkommen reglos liegen. Die unterste Stufe war unter seinem Kopf wie ein Kissen, der Rest seines Körpers lag ausgestreckt auf dem gepflasterten Gehweg.
Und dann, wie ein Haustier, das seinem Herrchen folgen will, sprang plötzlich das silberne Kästchen aus meiner Hand, purzelte die Treppe hinunter und landete neben dem linken Ohr des Mannes.
Mein Gehirn war wie betäubt. Ich fühlte mich wie gelähmt. Dann kreischte ich los.
Die Mieter dieses Hauses und des Nachbarhauses und von der anderen Seite der Gasse stießen die Fenster auf und rissen die Türen auf, um zu sehen, was es mit dem Lärm auf sich hatte, und einige von ihnen rannten auf den Hinterhof. Der andere Polizist, der Partner des Toten — so würde man ihn wohl nennen — befahl ihnen zurückzubleiben.
Nach einer Weile kam noch mehr Polizei, und man brachte die Leiche des Mannes weg und fuhr mich auf die Wache, wo ich eingesperrt wurde.
Den jungen Anwalt, den man mir zuteilte, konnte ich von Anfang an nicht leiden. So ganz genau konnte ich es nicht festmachen. Mir war in seiner Gegenwart einfach unbehaglich. Mit Nachnamen hieß er Stanton. Natürlich hatte er auch einen Vornamen, den er mir aber nicht sagte.
Er meinte, ich solle ihn wie alle seine Freunde doch Bat nennen.
Dauernd lächelte er und sah mich aufmunternd an, wo es doch eigentlich gar nichts zu lächeln oder aufzumuntern gab, was er von vornherein hätte wissen müssen, statt bei mir falsche Hoffnungen zu wecken.
Ich konnte nur daran denken, wie froh ich war, dass Mama und Papa und Mr. Williams tot waren und meine Schande ihnen keine Schande mehr machen konnte.
«Das kriegen wir schon hin«, sagte der Anwalt immer wieder bis ganz zum Schluss und tat dann beleidigt, als ich wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt, Totschlags und Diebstahls oder Raubs schuldig gesprochen wurde – darüber, ob es nun Diebstahl oder Raub war, gab es das größte Getöse. Ich hatte mir zwar weder das eine noch das andere zuschulden kommen lassen, jedenfalls in diesem speziellen Fall, aber keiner wollte mir glauben.
Man hätte meinen können, der Anwalt würde verurteilt statt mir, so wie der sich aufführte. Er nannte es einen schrecklichen Justizirrtum und sagte, es ginge ja zu wie damals im achtzehnten Jahrhundert, wo man Kinder gehenkt hatte.
Nun, das war eine maßlose Übertreibung, schließlich wurde niemand gehenkt, und es war auch kein Kind im Spiel. Der Polizist war gestorben, und ich hatte einen Anteil daran gehabt. Vielleicht hatte ich ihn gestoßen. Ich war mir nicht recht sicher. Im Grunde meines Herzens hatte ich ihm eigentlich keinen Schaden zufügen wollen.