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Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:

Mit Detective Meyer Landsman, Polizist im Morddezernat des jüdischen Distrikts Sitka in Alaska, geht es bergab: Seine Ehe ist am Ende, er trinkt, beruflich steckt er in einer Sackgasse. Und nun wurde in dem schäbigen Hotel, in dem er neuerdings wohnt, auch noch ein Mord begangen. Landsman soll ermitteln. Scheinbar eine reine Routinesache. Doch der Tote ist der drogensüchtige Sohn des Rabbis von Sitka, in dem man den Messias vermutete. Der Fall strotzt vor Ungereimtheiten. Als von oben die Anweisung kommt, den Fall unverzüglich zu den Akten zu legen, recherchiert Landsman auf eigene Faust und gerät bald in ein Wespennest aus politischen Intrigen und religiösem Wahn. Denn der Mord wurde in politisch brisanten Zeiten begangen: Sitka soll in Kürze seinen eigenständigen Status verlieren, den Bewohnern droht erneut Vertreibung und Heimatlosigkeit.
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
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»Seit wann magst du Blintzen?«

Beim Klang ihrer Stimme zuckt er zusammen. Landsmans Knie stoßen gegen das Tischbein, in einem Schussaustrittsmuster spritzt sein Kaffee auf die Fensterscheibe.

»Hey, Captain«, sagt er. Er sucht nach einer Serviette, findet aber keine, da er lediglich eine aus dem Spender bei den Tabletts genommen hat. Der Kaffee läuft in alle Richtungen. Landsman zerrt Papierfetzen aus seiner Jackentasche und tupft die sich ausbreitende Flüssigkeit damit auf.

»Sitzt hier wer?« Auf einer Hand balanciert Bina das Tablett, mit der anderen kämpft sie gegen ihre sperrige Tasche. Bina hat diesen Gesichtsausdruck, den Landsman gut kennt: hochgezogene Augenbrauen, schwache Andeutung eines Lächelns. Es ist das Gesicht, das sie aufsetzt, wenn sie einen Ballsaal betritt, um sich unter eine Horde männlicher Gesetzesvertreter zu mischen, oder wenn sie mit einem Rock, der nicht ihre Knie bedeckt, in einen Gemüseladen in Harkavy geht. Das Gesicht besagt: Ich will keinen Ärger. Ich möchte nur ein Päckchen Kaugummi. Bina lässt die Tasche fallen und setzt sich, ehe Landsman antworten kann.

»Bitte«, sagt er und zieht seinen Teller zu sich, um Platz zu machen. Bina reicht ihm mehrere Servietten, und er kümmert sich um die Schweinerei. Den Klumpen vollgesogenen Papiers entsorgt er auf dem Nachbartisch. »Ich weiß nicht, warum ich die bestellt habe. Du hast recht, Käseblintzen, feh.«

Bina legt die Serviette hin und platziert Messer, Gabel und Löffel darauf. Sie nimmt zwei Teller vom Tablett und stellt sie nebeneinander: eine Kelle Thunfischsalat auf einem von Mrs. Nemintziners Salatblättern und einen golden schimmernden Block Nudelauflauf. Bina greift in ihre prall gefüllte Schultertasche und holt eine kleine Plastikdose mit Klappdeckel hervor. Der Behälter birgt eine runde Pillendose mit Schiebeverschluss, aus der Bina eine Vitamintablette, eine Fischölkapsel und die Enzympille klopft, die ihrem Magen beim Verdauen von Milch hilft. In der Plastikdose trägt sie zudem Tütchen mit Salz, Pfeffer, Meerrettich herum, ebenso Hygienetücher, eine puppengroße Flasche Tabasco, Chlortabletten zur Trinkwasseraufbereitung, Pepto-Bismol-Kautabletten und Gott weiß, was noch. Wenn man zu einem Konzert geht, hat Bina Operngläser. Wenn man sich ins Gras setzen muss, zaubert sie ein Handtuch hervor. Ameisenfallen, Korkenzieher, Kerzen und Streichhölzer, ein Maulkorb, ein Taschenmesser, eine kleine Dose Kältespray, eine Lupe — Landsman hat zu dieser oder jener Gelegenheit schon alles aus dieser vollgestopften Rindsledertasche kommen sehen.

Man muss sich Juden wie Bina Gelbfish anschauen, denkt Landsman, wenn man eine Erklärung für das breite Spektrum und die Widerstandsfähigkeit des jüdischen Volkes sucht. Juden, die ihr Heim in einer alten Rindsledertasche, auf dem Kamelrücken oder in der Luftblase inmitten ihres Hirns mit sich herumtragen. Juden, die immer auf den Füßen landen, loslaufen, Schicksalsschläge meistern und das Beste aus dem machen, was ihnen in die Hände fällt, und das von Ägypten bis Babylon, von Minsk-Gubernia bis in den Distrikt Sitka. Methodisch, organisiert, beharrlich, einfallsreich und auf alles vorbereitet. Berko hat recht: Bina würde auf jedem Polizeirevier der Welt ihren Weg machen. Eine neue Grenze, ein Regierungswechsel — so was kann eine Jüdin mit einem ordentlichen Vorrat an Hygienetüchern in der Handtasche nicht erschüttern.

»Thunfischsalat«, bemerkt Landsman und erinnert sich, dass Bina keinen Thunfisch mehr aß, als sie erfuhr, dass sie mit Django schwanger war.

»Ja, ich versuche, so viel Quecksilber wie möglich zu mir zu nehmen«, sagt Bina, als sie Landsman und seine Erinnerung durchschaut. Sie schluckt eine Enzymtablette. »Quecksilber ist momentan mein Ding.«

Landsman zeigt mit dem Daumen auf Mrs. Nemintziner, die mit ihrem Löffel hinter der Theke steht.

»Du hättest das gebackene Thermometer nehmen sollen.«

»Hätte ich auch getan«, sagt Bina, »aber es gab nur noch rektale.«

»Hast du Penguin gesehen?«

»Penguin Simkowitz? Wo?« Bina schaut sich um, dreht sich in der Taille, und Landsman ergreift die Gelegenheit, ihr in die Bluse zu schielen. Er sieht die sommersprossige obere Hälfte ihrer linken Brust, den Spitzenrand ihres BH-Körbchens, die dunkle Andeutung ihrer Brustwarze unter dem Stoff. Er wird von dem Begehren übermannt, die Hand in Binas Bluse zu schieben, ihre Brust zu umschließen, in die weiche Höhlung zu klettern, sich dort zusammenzurollen und einzuschlafen. Als Bina sich wieder umdreht, erwischt sie ihn bei seinem Ausschnitttraum. Landsman spürt ein Brennen auf seinen Wangen. »Hm.«

»Wie war dein Tag?«, fragt er, als sei es die normalste Frage der Welt.

»Schließen wir einen Pakt«, sagt sie, und ihr Ton überfriert ein wenig. Sie knöpft den obersten Knopf ihrer Bluse zu. »Wie wäre es, wenn wir einfach hier sitzen, ich und du, zusammen essen und kein verdammtes Wort über meinen Tag verlieren? Wie hört sich das an, Meyer?«

»Ich finde, das klingt nicht schlecht«, sagt er.

»Gut.«

Sie löffelt einen Mundvoll Thunfischsalat. Landsman erhascht einen Blick auf ihren goldgerandeten Backenzahn und denkt an den Tag, als sie damit nach Hause kam, vollgepumpt mit Lachgas, und ihn aufforderte, seine Zunge in ihren Mund zu schieben und auszuprobieren, wie der Zahn sich anfühlte. Nach dem ersten Bissen Thunfischsalat macht Bina ernst. Sie schaufelt zehn oder elf Löffel in sich hinein, kaut und schluckt voller Hingabe. In leidenschaftlichen, kurzen Stößen kommt ihr Atem durch die Nase. Ihre Augen sind auf das Ballett von Löffel und Teller gerichtet. »Ein Mädchen mit einem gesunden Appetit«, das war vor zwanzig Jahren die erste archivierte Feststellung von Landsmans Mutter zum Thema Bina Gelbfish. Wie die meisten Komplimente seiner Mutter war es, wenn nötig, in eine Beleidigung umkehrbar. Aber Landsman vertraut nur einer Frau, die futtert wie ein Mann. Als außer einem Mayonnaiseklecks auf dem Salatblatt nichts mehr übrig ist, wischt Bina sich den Mund mit der Serviette ab und stößt einen tiefen, satten Seufzer aus.

»Nu, worüber sollen wir reden? Über deinen Tag wohl auch nicht.«

»Bestimmt nicht.«

»Was bleibt dann noch?«

»In meinem Fall«, sagt Landsman, »nicht viel.«

»Manches ändert sich nie.«

Bina schiebt den leeren Teller von sich und zitiert den Nudelauflauf herbei, den als Nächstes sein Schicksal ereilen wird. Allein der Anblick, wie Bina die Kugl beäugt, macht Landsman glücklicher, als er seit Jahren gewesen ist.

»Ich rede immer noch gerne über mein Auto«, sagt er.

»Du weißt, dass ich für Liebeslyrik nichts übrighabe.«

»Auf keinen Fall reden wir über die Reversion.«

»Einverstanden. Und ich will nichts über das sprechende Huhn oder die Kreplach hören, die wie der Kopf des Maimonides aussehen, überhaupt nichts von diesem ganzen Wunderscheiß.«

Landsman fragt sich, was Bina von der Geschichte halten würde, die Zimbalist ihm heute über den Mann erzählt hat, der gekühlt im Keller des Krankenhauses liegt.

»Am besten gar nichts über Juden, abgemacht?«, sagt er.

»Abgemacht, Meyer, ich habe die Juden bis oben hin satt.«

»Und nichts über Alaska.«

»Gott, bloß nicht!«

»Nichts über Politik. Nichts über Russland, die Mandschurei, Deutschland oder die Araber.«

»Die Araber habe ich auch bis oben hin satt.«

»Wie wär’s dann mit Nudelauflauf?«, fragt Landsman.

»Gut«, sagt sie. »Nur bitte, Meyer, iss ein bisschen, mir tut es im Herzen weh, wenn ich dich bloß ansehe. Mein Gott, wie dünn du bist! Hier, den musst du mal probieren! Ich weiß nicht, was die da reintun, einer hat mir mal erzählt, sie tun ein bisschen Ingwer rein. Ich sag dir, oben in Yakovy, da kann man von so einer guten Kugl nur träumen.«

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