Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
»Ich wollte ein paar Gräber anschauen«, sagte ich.
»Gräber?« fragte Terence. »Hier gibt es keine interessanten Gräber, außer das von Richard Tichell in der Kirche von Hampton. Er stürzte sich aus einem der Fenster vom Hampton Court Palast. Außerdem liegt Hampton Court hinter Muchings End. Und wenn Colonel Mering an uns Gefallen findet, lädt er uns vielleicht zum Abendessen. Kennst du dich mit Japan aus?«
»Japan?«
»Da kommt der Fisch her«, sagte Terence nebulös. »Am besten wäre natürlich, wenn man uns für eine ganze Woche einladen würde, aber Colonel Mering mag keine Hausgäste. Sie werden dadurch gestört, sagt er. Die Fische, meine ich. Und er war in Cambridge. Vielleicht sollten wir uns als Spiritisten ausgeben. Mrs. Mering ist ganz verrückt auf Spiritisten. Hast du Abendkleidung eingepackt?«
Die Zeitkrankheit mußte mich wieder gepackt haben. »Tragen Spiritisten Abendkleidung?« fragte ich.
»Nein. Eine Art lange, fließende Robe mit weiten Ärmeln, in denen man Tamburine, Seihtücher und was auch immer verstecken kann. Nein, für uns, falls wir zum Abendessen eingeladen werden.«
Ich hatte keine Ahnung, ob sich in meinem Gepäck Abendkleidung befand. Wenn wir das Boot erreichten (falls wir es überhaupt erreichten), mußte ich dringend meine Sachen durchsuchen, um festzustellen, was Miss Warder und Finch mir alles auf die Reise mitgegeben hatten.
»Es ist zu schade, daß wir Prinzessin Arjumand nicht gefunden haben«, sagte Terence. »Dann wären wir mit Sicherheit eingeladen worden. Das verlorene Schaf und das fette Kalb, du weißt schon. Weißt du noch, wie Tossie die Uferböschung heruntergelaufen kam und mich fragte, ob ich die Katze gefunden hätte? Sie sah so lieblich aus, wie ich nur je ein Geschöpf gesehen habe. Die Locken golden schimmernd und die Augen so ›blau wie Elfenlein, mit Wangen gleich der ersten Morgenröte!‹[39] Nein, leuchtender! Wie Nelken! Oder Rosen!«
Wir eilten weiter, während Terence Tossies Aussehen mit Lilien, Beeren, Perlen und gesponnenem Gold verglich, Cyril sehnsüchtig an ein schattiges Plätzchen dachte und ich an Ludwig den Sechzehnten.
Zwar stimmte es, daß Prinzessin Arjumand nicht die Katze von Königin Victoria war und Muchings End auch nicht Midway Island, aber man schaue sich nur einmal Drouet an! Ein Niemand, ein französischer Bauer, der weder lesen noch schreiben konnte, jemand, der normalerweise nie Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hätte.
Bloß daß Ludwig der Sechzehnte auf seiner Flucht aus Paris mit Marie Antoinette sich aus dem Fenster seiner Kutsche lehnte, um Drouet nach dem Weg zu fragen, und ihm zum Dank, in einer dieser winzigen Aktionen, die den Lauf der Geschichte ändern, ein Trinkgeld gab. Einen Geldschein. Mit dem Bild des Königs darauf.
Worauf Drouet erst wie wild durch den Wald raste, um Männer zu holen, die mit ihm die Kutsche anhalten sollten, und dann, als ihm das nicht gelang, aus einer Scheune einen Karren zerrte, mit dem er die Straße blockierte.
Was, wenn ein Historiker den Karren gestohlen oder Drouet aufgelauert hätte? Wenn er den Kutscher des Königs vorher gewarnt und dieser einen anderen Weg gewählt hätte? Was, wenn ein Historiker in Versailles den Geldschein gestohlen und durch Münzen ersetzt hätte? Ludwig und Marie hätten ihre königstreue Armee erreicht, die Revolution niedergeschlagen und den gesamten Verlauf der europäischen Geschichte geändert.
Wegen eines Karren. Oder einer Katze.
»Wir müssen gleich bei der Sandfordschleuse sein«, sagte Terence fröhlich. »Dort können wir den Schleusenwärter fragen, ob er das Boot gesehen hat.«
Es dauerte wirklich nicht mehr lange, und wir hatten die Schleuse erreicht. Ich dachte, es begänne wieder eine mißverständliche unfruchtbare Diskussion, aber diesmal kam der Schleusenwärter trotz Terences lautem Rufen gar nicht erst aus seinem Häuschen. Nach ein paar Minuten gab Terence auf und sagte: »In Nuneham Courtenay werden wir sicher jemanden finden.« Damit eilte er weiter.
Ich fragte nicht einmal, wie weit entfernt Nuneham Courtenay lag, aus Angst vor der Antwort. Hinter der nächsten Flußbiegung wuchsen Weiden neben dem Treidelpfad und verbargen die Sicht. Als Cyril und ich aber die Biegung hinter uns gebracht hatten, stand Terence vor einem strohgedeckten Haus und schaute nachdenklich auf ein kleines Mädchen, das im Garten davor auf einer Schaukel saß. Es trug ein blauweiß gestreiftes Schürzenkleid, dessen Petticoats sich bauschten, und hielt eine weiße Katze im Arm, auf die es einredete.
»Liebe, süße Mieze«, sagte es. »Du schaukelst doch auch gern, stimmt’s? Ganz hoch in die blauen Lüfte?«
Die Katze reagierte nicht. Sie schlief fest.
Katzen waren in den vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts noch nicht ausgestorben gewesen, und so hatte ich einige gesehen, doch, abgesehen von diesem rußigen Blitz in der Kathedrale, keine, die wach gewesen war. Nach Veritys Meinung hatte der Sprung durchs Netz ihre Katze schläfrig gemacht, aber ich war mir nicht sicher, ob das nicht der Normalzustand dieser Tiere war. Die schwarzorange Madraskatze beim Fest zur Geburt der Heiligen Jungfrau Maria hatte während der ganzen Veranstaltung fest geschlafen, auf einer dicken gehäkelten Tagesdecke auf dem Tisch mit den Handarbeiten.
»Hör mal, was meinst du dazu?« Terence wies auf das kleine Mädchen.
Ich nickte. »Sie könnte das Boot gesehen haben. Und sie kann kaum schlimmer sein als der Schleusenwärter.«
»Nein, nein. Nicht das Kind. Ich meine die Katze.«
»Hattest du nicht gesagt, Miss Merings Katze sei schwarz?«
»Ja. Mit weißen Pfoten und einem weißen Gesicht«, sagte Terence. »Aber mit etwas schwarzer Schuhcreme an den richtigen Stellen…«
»Vergiß es«, sagte ich. »Du hast auch gesagt, daß sie ihrer Katze sehr zugetan ist.«
»Stimmt auch. Deshalb wird sie der Person, die sie findet, außerordentlich dankbar sein. Wenn wir die Schuhcreme sorgfältig verteilten, könnten wir dann nicht…«
»Nein.« Ich ging zur Schaukel hinüber. »Hast du ein Boot gesehen?«
»Ja, Sir«, erwiderte das Mädchen höflich.
»Ausgezeichnet«, sagte Terence. »Wer saß darin?«
»Worin?«
»In dem Boot.«
»Welchem Boot?« Das Mädchen streichelte die Katze. »Hier fahren viele Boote vorbei. Das ist nämlich die Themse.«
»Ein großes grünes Boot, in dem eine Menge Gepäck aufgestapelt ist«, erklärte Terence. »Hast du es gesehen?«
»Beißt er?« fragte das Mädchen Terence.
»Wer? Mr. Henry?«
»Cyril«, erwiderte ich. »Nein, er beißt nicht. Hast du ein solches Boot gesehen? Mit einem Stapel Gepäck darin?«
»Ja«, sagte sie und hob die Katze auf ihre Schulter. Diese zwinkerte nicht einmal mit den Augen. »Es fuhr dort entlang.« Sie zeigte flußabwärts.
»Das wissen wir bereits. Konntest du erkennen, wer in dem Boot saß?«
»Ja«, sagte das Mädchen und klopfte der Katze auf den Rücken, als hielte sie ein Baby auf dem Arm, das Bäuerchen machen sollte. »Arme kleine Mieze! Hast du Angst vor dem großen Hund?«
Die Katze rührte sich nicht.
»Wer saß in dem Boot?« fragte ich.
Sie ließ die Katze wieder in ihre Arme gleiten und wiegte sie hin und her. »Ein Reverend.«
39
Aus: Henry W. Longfellow, The Wreck of the Hesperus. — Anm. d. Ü.