Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
Demnach hatte es keine Inkonsequenz gegeben, denn wäre eine entstanden, hätte sich das Netz nicht geöffnet. Genausowenig wie bei den ersten zehn Malen, als Leibowitz zurückgehen wollte, um Hitler zu ermorden. Beim elften Mal landete er in Bozeman, Montana, im Jahre 1946. Und niemandem war es je gelungen, Fords Theater, Pearl Harbour oder die Iden des März zu erreichen. Oder Coventry.
Ich dachte, daß T. J. und Dunworthy wahrscheinlich mit ihrer Meinung über den erhöhten Schlupfverlust um Coventry herum recht hatten, und fragte mich, warum es uns nicht schon früher aufgefallen war. Coventry war offenkundig ein Krisenpunkt.
Nicht, weil der Angriff entscheidenden Schaden angerichtet hatte. Die Bomben hatten nur Beschädigungen hervorgerufen, die Flugzeuge und Munitionsfabriken aber nicht zerstört, und drei Monate später waren sie instandgesetzt und wieder in Betrieb gewesen. Sicher, die Kathedrale war zerstört worden, was in den Vereinigten Staaten Empörung und Mitleid hervorgerufen hatte, aber selbst das war nicht von großer Bedeutung.
Amerika hatte schon davor Großbritannien im Blitzkrieg großzügig unterstützt, und zwischen Coventry und Pearl Harbour lagen nur drei Wochen.
Kritisch wurde die Sache durch Ultra und die Enigma-Maschine,[37] die wir aus Polen herausgeschmuggelt hatten, um damit die Codes der Nationalsozialisten zu entschlüsseln, was, wenn sie es herausgefunden hätten, den Verlauf des gesamten Krieges verändert hätte.
Und Ultra hatte uns vor dem Angriff in Coventry gewarnt, wenn auch mehr zufällig und erst am späten Nachmittag des vierzehnten November, wodurch nur Zeit für eine versteckte Nachricht an das Militär und einige improvisierte Abwehrmaßnahmen blieb, die (weil die Geschichte ein chaotisches System ist) sich gegenseitig aufhoben. Das Militär war zu dem Schluß gekommen, daß der Hauptangriff London gelten würde, egal, was der Geheimdienst sagte, und die Flugzeuge entsprechend eingesetzt, doch die Versuche, die feindlichen Leitstrahlen zu stören, waren wegen eines Fehlers in den Berechnungen gescheitert.
Geheimnisse sind jedoch stets kritische Ereignisse. Ein einziges falsches Wort nach außen konnte die Sicherheit des ganzen Geheimdienstes gefährden. Und falls nur eine einzige Kleinigkeit die Nazis mißtrauisch gemacht hätte, zum Beispiel, daß die Kathedrale wie durch ein Wunder gerettet worden oder die gesamte Royal Airforce über Coventry aufgetaucht wäre oder auch wenn jemand darüber gesprochen hätte — »Achtung, Feind hört mit!« —, würden sie mit Sicherheit ihre Kodes geändert haben. Und wir hätten die Schlacht von El Alamein und um den Nordatlantik verloren. Und den Zweiten Weltkrieg.
Was erklärte, warum Carruthers, der neue Rekrut, und ich im Schutt und in den Gemüsekürbisfeldern gelandet waren. Um einen kritischen Punkt herum kann sogar die kleinste Aktion eine Wichtigkeit erreichen, die in keinem Verhältnis zu ihrer Größe steht. Die Konsequenzen vervielfältigen sich und werden zur Kaskade, und alles — ein nicht geführtes Telefongespräch, ein Streichholz, das während der Verdunkelung angezündet wird, ein fallengelassenes Stück Papier — kann welterschütternde Folgen haben.
Der Chauffeur von Erzherzog Ferdinand bog versehentlich in die Franz-Josef-Straße ein und löste damit einen Weltkrieg aus. Abraham Lincolns Sekretär ging ins Freie, um eine Zigarette zu rauchen und zerstörte damit einen Frieden. Hitler erteilte den Befehl, wegen seiner Migräne nicht gestört zu werden und erfuhr dadurch achtzehn Stunden zu spät von der Invasion der Alliierten in der Normandie. Ein Leutnant versäumte, ein Telegramm mit dem Vermerk »Wichtig« zu versehen, und Admiral Kimmel wurde nicht rechtzeitig von dem bevorstehenden japanischen Angriff unterrichtet. ›Weil ein Nagel fehlte, ging das Hufeisen verloren, konnte das Pferd nicht weiter, kam der Reiter nicht an, erreichte die Nachricht nicht ihr Ziel.‹
Und um diese Angelpunkte herum gab es erhöhte Schlupfverluste und Netze, die sich nicht öffneten.
Was hieß, daß Muchings End kein Krisenpunkt war und die Katze den Lauf der Geschichte nicht verändert hatte, vor allem, weil es nur ein paar Minuten Verlust gebraucht hätte, um die Sache zu verhindern. Verity mußte deshalb nicht in Bozeman, Montana, enden. Wäre sie fünf Minuten später angekommen, wäre die Katze bereits untergegangen gewesen. Fünf Minuten früher, und Verity hätte sich im Haus befunden und von allem nichts mitbekommen.
Außerdem handelte es sich hier um nicht die Katze von Königin Victoria (trotz ihres Namens) und auch nicht um die von Gladstone[38] oder Oscar Wilde. An dem Ort, an dem sie sich befand, konnte sie nur schwerlich die Weltgeschichte beeinflussen. Außerdem war 1888 kein kritisches Jahr. Der Aufstand in Indien hatte 1859 geendet, und der Burenkrieg begann erst in elf Jahren. »Und es ist nur eine Katze«, sagte ich laut.
Cyril schaute alarmiert auf.
»Nicht hier«, erklärte ich. »Sie ist bestimmt schon wohlbehalten zurück in Muchings End.« Trotzdem erhob sich Cyril und schaute sich wachsam um.
»Nein! Dieebe, nicht Siebe!« gellte Terences Stimme zu uns herüber. »Dieebe!«
Der Schleusenwärter winkte verdrießlich ab und verschwand im Schleusenwärterhäuschen.
Terence eilte zu uns herüber. »Wer immer das Boot nahm«, sagte er, »muß es flußabwärts geschafft haben. Der Schleusenwärter zeigte in diese Richtung.«
Ich war mir da nicht so sicher. Es war mir eher so vorgekommen, als bedeutete die Geste: »Jetzt reicht’s mir aber!« oder »Hauen Sie endlich ab!« Und die entgegengesetzte Richtung war besser dazu geeignet, Terence von Tossie fernzuhalten.
»Glaubst du wirklich?« fragte ich. »Ich dachte, er wiese flußaufwärts.«
»Nein«, sagte Terence, schon wieder halb über der Brücke. »Flußabwärts. Ich habe es genau gesehen.« Und blitzartig verschwand er in Richtung Treidelpfad.
»Besser, wir beeilen uns auch«, sagte ich zu Cyril. »Sonst holen wir ihn nicht mehr ein.« Wir eilten ihm nach, an verstreut liegenden Bauernhäusern und einer Reihe hoher Pappeln vorbei einen kleinen Hügel hoch, von dem aus wir einen großen Teil des Flusses überblicken konnten. »Glaubst du wirklich, sie haben diesen Weg gewählt?«
Terence nickte, ohne seine Gangart zu verlangsamen. »Und wir werden sie finden und das Boot wiederbekommen. Tossie und ich sind füreinander bestimmt, und kein Hindernis der Welt kann uns voneinander trennen. Es ist Schicksal. Wie Tristan und Isolde. Romeo und Julia. Oder Heloise und Abelard.«
Ich wies ihn nicht darauf hin, daß alle diese Personen am Schluß tot oder zumindest schwer mitgenommen geendet hatten, weil mir einfach der Atem dazu fehlte. Cyril schwabbelte schwer schnaufend hinter uns her.
»Wenn wir das Boot wiederhaben, kehren wir zurück und holen Professor Peddick. Wir bringen ihn nach Oxford und rudern dann nach Abingdon, wo wir über Nacht kampieren. Abingdon liegt nur drei Schleusen entfernt. Wenn wir uns ranhalten, könnten wir morgen zum Nachmittagstee in Muchings End sein.«
Aber nicht, wenn ich es verhindern konnte. »Ist das nicht ein bißchen viel?« sagte ich. »Mein Arzt meinte, ich solle mich nicht überanstrengen.«
»Du kannst vor dich hindösen, während ich rudere. Zum Tee ist die beste Zeit, denn sie müssen dich höflicherweise bitten, zu bleiben. Man braucht keine förmliche Einladung oder besondere Kleidung dazu. Bis morgen mittag müßten wir es bis Reading schaffen.«
»Aber ich wollte mir doch gern einige von den Sehenswürdigkeiten anschauen«, sagte ich, meinen Kopf zermarternd, welche es eigentlich waren. Hampton Court? Nein, das lag unterhalb von Henley. Blieb Windsor Castle. Was hatten die drei Männer in einem Boot besichtigt? Gräber. Harris war ganz versessen darauf gewesen, anzuhalten und sich diese oder jene Gräber anzusehen.
37
Ultra — Spezialeinheit des britischen Dechiffrierungsdienstes im Zweiten Weltkrieg; Enigma-Maschine = von Deutschland entwickelte Chiffrierungsmaschine. — Anm. d. Ü.
38
William Edward Gladstone. War im 19. Jahrhundert wiederholt britischer Premierminister. — Anm. d. Ü.