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Nachts unter der steinernen Bruecke

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Nachts unter der steinernen Bruecke
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Der Jakobus van Delle erzählte dem Brouza, für den die Welt nicht weiterging als bis Beraun und von dort vielleicht bis Pisek und bis Rakonitz, von seinen Reisen in fremden Ländern. Wie er in Istanbul gewesen sei, der Metropole der Gelehrsamkeit, um dort die schönen alten Manuskripte zu studieren. Wie er dort Juden gefunden habe, die ihrem Gott abtrünnig geworden seien und einen anbeteten, den sie Asmodai, den Herrn der Geister, nannten. Wie er dem Ewigen Juden begegnet sei, der ihm wunderbare und sehr geheime Aufschlüsse über der Welten Lauf gegeben habe, ihn aber dann um ein kleines Zehr- und Reisegeld angegangen sei. Daß man den Felsen Sinai wohl sehen, aber nicht besteigen könne, denn er sei von riesenhaften weißen Skorpionen umzingelt und bewacht. Daß er ein Mittel zu finden sich getraue, um auf künstliche Art Salpeter zu erzeugen, aber dem Kaiser läge an Salpeter nichts, er wolle Gold. Wie er nach Venedig gegangen sei, um dem Geheimnis des rubinfarbenen Glases auf die Spur zu kommen, das die venezianischen Glasbläser besäßen, aber nicht preisgeben wollten. Welche Gefahren er dabei bestanden habe, wie ihm sein Vorhaben zuletzt mißlungen sei, und daß er dennoch hoffe, mit der Herstellung des rubinroten Glases dereinst zu triumphieren. Daß sein Leben allezeit großen Schwankungen unterworfen gewesen sei, sagte er, — und der Brouza übersetzte sich diese Worte in seine eigene Sprache — ja, meinte er, das kenne er, heute fetten Braten, morgen mageres Mus, so erginge es ihm auch, seit sein allergnädigster Kaiser Maximilian die Welt verlassen hätt'. Und wie ihm nun sein gewesener Herr wiederum in Erinnerung kam, begann er zu weinen, zu flennen und sich die Tränen aus den Augen zu wischen, und der van Delle mußt' ihm Trost zusprechen. Es sei nun einmal auf Erden so, sagte er, daß der Träger der Krone aller Kronen auch nicht länger Bestand hätt' als ein Bauernknecht.

Nun hatte der Jakobus van Delle einstmals dem Kaiser, der in einer üblen Laune die Alchimie verunglimpft und die Alchimisten allesamt Schelme genannt hatte, mit heftigen Worten widersprochen und ihm zugesagt, er werde ihm am St. Wenzelstag, der in Böhmen als ein großes Freudenfest begangen wird, einen Barren Golds, zwölf Pfund schwer, überreichen als eine erste und geringe Probe dessen, was er in der Goldmacherkunst vermöge. Der Kaiser hatte ihn spöttisch gefragt, ob er sich getraue, seinen Kopf dafür einzusetzen, und der van Delle hatte gesagt, ja, das getraue er sich, und die Sache solle gelten. Er hatte das getan, weil er in seiner Ehre verletzt worden war, weil er nach den Mühen so vieler Jahre nun endlich auf dem rechten Wege zu sein glaubte, unedles Metall in edles zu verwandeln, vor allem aber, weil er für die kommenden Wochen eine besondere Konstellation der Gestirne vorhersah, die bisher nur selten sich ergeben hatte, dann aber ihm und seinem Werk immer im höchsten Maße förderlich gewesen war.

Aber diese Konstellation ging vorüber, der allem Neuen mißgünstige Saturn war aus seiner fernen Abgelegenheit, dem schuppichten Schwanz der Wasserschlange, in seinem alten Bereich zurückgekehrt, aber das große Magisterium, die Transmutation der Elemente war dem van Delle nicht gelungen, ja, er sah sich von diesem Ziel weiter entfernt denn je. Schwer lastete das dem Kaiser verpfändete Wort auf seiner Seele. Er hatte gehandelt wie einer, der mit den Sporen klirrt und kein Roß im Stall hat. Und je näher der St. Wenzelstag herankam, desto mehr verfiel der Alchimist der Sorge, der Angst und dem Trübsinn. Bisweilen stürzte er sich wie von Furien gejagt auf seine Arbeit, begann dieses und jenes und führte nichts zu Ende, dann wieder saß er oft stunden-, ja tagelang müßig und starrte vor sich hin.

Der Brouza sah mit Kummer und Besorgnis die Veränderung, die mit seinem Herrn vor sich gegangen war, er wußte sie sich nicht zu erklären. Und als der Alchimist wieder einmal die Schüsseln, die er ihm aus der Küche gebracht hatte, unberührt stehen ließ, da war's dem Brouza zuviel, und er drang in ihn, er solle ihm doch endlich sagen, was ihm Schlimmes widerfahren sei.

Der van Delle schwieg und starrte vor sich hin, als aber der Brouza mit seinem Bitten und Drängen nicht nachließ, da bekannte er, wie übel es um ihn stünde. Daß ihm sein Werk mißlungen sei, daß er dem Kaiser seinen Kopf verpfändet habe, und daß er nun fürchten müsse, ihn zu verlieren.

»Ich müßte fort, sollt' mich davonmachen, aber wie kann ich's?« beendete er seinen Bericht. »Ich stehe unter Bewachung. Du hast's ja auch gemerkt, daß seit etlichen Wochen draußen auf dem Gang, nicht weit von meiner Tür zwei Hakenschützen postiert sind, der eine rechts, der andere links, und wenn ich Sonntags zur Messe gehe, dann sind sie beide dicht hinter mir, lassen mich auch in der Kirche nicht aus den Augen. Verflucht das Schicksal, das mich in dieses Haus geführt hat!«

Der Brouza war ganz bestürzt und verwirrt durch das, was er da vernahm, und anfangs brachte er kein Wort hervor, er konnte nur röcheln und mit den Zähnen knirschen, ein heftiger Schmerz saß würgend in seiner Kehle. Dann, als er endlich einen Gedanken fassen und etliche Worte finden konnte, ihn auszudrücken, bat er den Alchimisten, er solle doch die Sache noch einmal beginnen, sie werde ihm gelingen, alles gelänge ihm, er dürfe nur die Hoffnung nicht fahren lassen.

»Diese Hoffnung«, sagte der van Delle mit einem trüben Lächeln, »ist eine eitle Hoffnung, und wer sie hegt, der bäckt Brot aus Korn, das noch nicht gesät ist. Nein, Brouza, ich bin ein verlorener Mann.«

»So solltet Ihr«, riet nun der Brouza, »hinunter zum Kaiser gehen, ihn um Gnade bitten.«

Der Alchimist schüttelte den Kopf.

»Hast du den Kaiser schon jemals lachen gesehen?« fragte er.

»Nein«, sagte der Brouza. »Ich hab' ihn wohl oftmals in Zorn, aber niemals zum Lachen gebracht.«

»Von einem, der nicht lachen kann, ist auch keine Barmherzigkeit zu erwarten«, erklärte der Alchimist. »Bei den Zyklopen und Bestien im allerdichtesten Wald ist mehr Gnade zu erwarten als von Seiner Majestät, dem Kaiser.« Der Brouza wollte wissen, ob mitden Zyklopen die Kohlenbrenner gemeint seien. Aber dem van Delle stand jetzt nicht der Sinn danach, dem Brouza vom Ulysses und seinem Abenteuer in der Höhle des Polyphem zu erzählen, und so sagte er nur, die Zyklopen seien keine Kohlenbrenner, sondern Ziegenhirten, aberwilde und gefährliche Leute vonbösen Sitten. Dann wiederholte er, er sei ein verlorener Mann.

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