Nachts unter der steinernen Bruecke
- Автор: Perutz Leo
- Год: 101
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Nachts unter der steinernen Bruecke». Краткое содержание книги:
»Beileibe nicht«, rief der Brouza, der seine Fassung wiedererlangt hatte. »Richtet nur zu, was Ihr mit Euch nehmen wollt, und für das andere laßt mich sorgen. Ich werde Euch ungesehen in den Hirschgraben bringen und von dort ins Freie. Und wenn Ihr in den Wald zu den Zyklopen wollt, so geh' ich mit Euch, vor Ziegenhirten fürchte ich mich nicht.«
Der Alchimist bedeutete ihm, daß er nicht zu den Zyklopen fliehen wollt', sondern ins Bayrische, dort habe er Freunde, die ihn aufnehmen würden. Aber dazu brauche er Geld, und er wisse sich keines zu beschaffen.
Wenn die Red' auf das Geld kommt, und der eine hat es und der andere will es, geht oftmals die Freundschaft in Brüche. Aber hier war es anders.
»Ist es nur Geld?« meinte der Brouza. »Daran wird es uns nicht fehlen. Ich hab' Erspartes und werd' es heute noch um etliche Gulden vermehren.«
Und er ließ den van Delle und ging, um noch einmal und, wie er glaubte, zum letztenmal beim Kaiser seine eigene Goldmacherkunst zu erproben.
Der Kaiser war, als der Brouza zu ihm in die Kammer trat, in die Betrachtung eines der Gemälde vertieft, die er mit dem Geld, das von den Geschäften des Meisl herkam, bezahlt hatte. Er war guter Laune, sah den Brouza und nickte ihm zu.
»Komm her«, sagte er, »und sieh dir das Bild an! Was siehst du da gemalt?«
Das Bild war ein Parmeggianino und zeigte den Heiland mit seinen Jüngern beim Abendmahl. Der Brouza schob sich heran, rieb sich die Nase noch platter, als sie schon war, legte die Stirne in Furchen, streckte die Unterlippe vor und nahm so die Miene eines Mannes an, der den Dingen bis auf den Grund gehen will.
»Das sind«, erklärte er sodann, »die zwölf Söhne des Patriarchen Jakob, ich könnt' beschwören, sie sprechen hebräisch miteinander.«
Und er ahmte mit ein paar rauhen Kehllauten die hebräische Sprache nach.
»Es sind aber dreizehn, nicht zwölf«, meinte der Kaiser.
»Jakob und seine zwölf Söhne, das macht zusammen dreizehn«, hielt ihm der Brouza vor.
»Erkennst du Christum nicht?« fragte der Kaiser und wies mit einem aus buntem Achat geschnittenen Messer auf die Figur des Heilands.
»Jetzt, da du mir ihn weist, Herrlein, jetzt erkenne ich ihn«, sagte der Brouza. »Gott mit dir, Christus! - Sitzt bei Tisch und läßt sich's gut gehen«, fügte er in ärgerlichem Ton hinzu, als müßte Christus, wenn es nach ihm ginge, allezeit unter seinem Kreuz dahinwanken.
»Er spricht mit dem Judas, der ihn verkauft und verraten hat«, erklärte ihm der Kaiser.
»Was geht's mich an? Ma g er ihn verraten haben«, fuhr ihn der Brouza an. »Ich misch' mich nicht in der Herren ihre Hadereien. Ich laß' jeden das seine schaffen, scher' mich um keinen.«
Er meinte, auf diese Worte hin, die gotteslästerlich genug klangen, werde nun der Kaiser zum Stock greifen und ihm das Fell gerben. Aber der Kaiser wies ihn nur mit gelinden Worten zurecht.
»Du solltest«, sagte er, »von den heiligen Dingen mit Ehrerbietung sprechen, bist doch ein Christ.«
»Und du? Bist du ein Christ und nennst Christum verschachern ein heilig Ding?« ging ihn der Brouza an. »Nun ja, du treibst ja selbst mit Christo Handelschaft.«
»Ich sollt' mit Christo Handelschaft treiben?« verwunderte sich der Kaiser.
Der Brouza tat, als hätte er vom Kaiser Rechenschaft zu fordern:
»Welcher Judas hat dir denn diesen Christus hier verkauft, und wieviel hast du für ihn bezahlt?«
»Kein Judas, sondern der Granvella, Neffe des Kardinals, hat mir dieses schöne Bild verkauft, und ich hab's mit vierzig Dukaten bezahlt, und jetzt geh, laß mich zufrieden!« sagte der Kaiser.
»Vierzig Dukaten?« schrie der Brouza. »Da siehst du nun, Herrlein, was ich immer sag', daß du wie ein rechter Narr haushältst. Vierzig Dukaten hast du für den gemalten Christus bezahlt, da doch der lebendige nicht höher als mit dreißig Groschen im Preis steht.«
»Nennst du mich einen Narren? Wart nur, ich werd' dir gute Sitte beibringen und Achtung vor der Majestät«, rief der Kaiser, der jetzt die Geduld verlor, und der Brouza wußte, daß es nur noch geringer Anstrengung bedurfte und er kam zu seiner Tracht Prügel. Er stellte sich, als wollte er den Kaiser beschwichtigen.
»Was schreist du? Was erbost du dich?« sagte er. »Du weißt, in welchem Ansehen du bei mir stehst, ich heb' dich noch hoch über den Schellenkönig.«
Das war dem Kaiser zuviel. Der Zorn übermannte ihn, das plattnäsige und einfältige Gesicht des Brouza verschwamm ihm zu einer wilden Teufelsfratze. Er warf ihm an den Kopf, was er gerade zur Hand hatte, zuerst das achatne Messer, dann einen Teller mit Kirschen, und als dieser sein Ziel verfehlte, fiel er mit dem Stock über den Brouza her.
Der Brouza nahm die Prügel in Empfang, wie ein Feld nach langer Trockenheit den Regen aufnimmt. Und wie dann der Kaiser schwer atmend und erschöpft in seinem Lehnstuhl saß und sein Zorn verging, da war für den Brouza die Zeit gekommen, zu greinen, zu flennen und heftige Reschwerde zu führen.
»Hilf Gott«, klagte er und rieb sich den Rücken, »was hast du mir, Herrlein, für höllische Marter angetan! Ich hab' nicht geglaubt, daß mir solches in deinem Haus widerfahren werde. Aber das soll dein gottseliger Vater, wenn ich dereinst dort droben in seinen allerhöchsten Dienst zurückkehr', erfahren, daß du mich hast steinigen wollen.«
Und er wies auf den zerbrochenen Teller, auf die Kirschen, die über den Boden verstreut lagen, und auf das achatne Messer, das ihm die Stirne geritzt hatte.
Der Kaiser reichte ihm sein Tüchlein, daß er sich die Blutstropfen von der Stirn wische. Dann bat er den Brouza, ihm in christlicher Milde zu verzeihen, er habe es im Zorn getan, es täte ihm leid. Der Brouza aber zeterte und schrie, Zorn sei eine Todsünd', mit Worten sei es diesmal nicht abzutun, zu groß sei die Marter gewesen, und er verlange sieben Gulden für die erlittenen Streiche und einen obendrein für den Wurf mit dem Messer, der ihn beinah' um sein Augenlicht gebracht hätte.
Acht Gulden, meinte der Kaiser, sei unbillig viel, er könnt's nicht geben.
Der Brouza ließ mit sich reden, denn er wußte nicht, wie wohlversehen mit Geld der Kaiser war.
»So zahl mir ein weniges, Herrlein«, schlug er ihm vor, »drei Gulden zahl mir und das übrige laß anstehen, gib mir ein Pfand dafür.«
Er erhielt die drei Gulden. Als er aber den Parmeggianino als ein Pfand für die restlichen fünf mit sich nehmen wollte, da geriet der Kaiser von neuem in Zorn und fuhr mit dem Stock dazwischen. Und der Brouza, der an den empfangenen Streichen für diesmal völlig genug hatte, gab sich mit den drei Gulden zufrieden und wischte zur Tür hinaus.
In der Schlafkammer des Grafen Colloredo, der das Amt eines kaiserlichen Mundschenken versah, hatte der Brouza eine seidene Strickleiter gefunden. Der Colloredo hatte sich ihrer dereinst bei seinen verliebten Abenteuern bedient, deren Schauplatz zumeist die Umgebung der Prager Burg gewesen war. Nun war er freilich mit den Jahren ein sehr beleibter und etwas kurzatmiger Herr geworden, dem die Bequemlichkeit über alles ging, und die Tugend der Kleinseitner und Hradschiner Bürgerstöchter hatte von ihm schon lange nichts mehr zu befürchten. Die Strickleiter jedoch befand sich in gutem Zustand. Und in seinem Rückenkorb, in dem er sonst Holzscheite und Kohle die Stiegen hinauf beförderte, brachte sie der Brouza in die Werkstatt des Alchimisten.
Hier lag sie drei Wochen lang, denn der Zeitpunkt, an dem die Flucht vor sich gehen sollte, mußte mehrere Male hinausgeschoben werden. Zuerst, weil der van Delle von einem mit Fieber verbundenen Halsübel befallen wurde. Dann, weil sich schlechtes Wetter einstellte, zwei Tage und zwei Nächte lang regnete es in Strömen. Eine sich gleich darauf ergebende Konstellation der Gestirne, die dem van Delle nicht günstig genug für ein solches Wagnis zu sein schien, verursachte eine weitere Verzögerung. Schließlich bestimmten sie die Nacht vor dem St. Wenzelstag zur Ausführung ihres Fluchtplans, und ein weiterer Aufschub war nun nicht mehr möglich, so sehr ihn auch der van Delle, der dem Unternehmen mit Sorge und Bangen entgegensah, gewünscht hätte.