Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
Was hatte er gesagt? Ich verstand nicht. Einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Alles in mir war wie taub. Plötzlich fügten sich die Bilder zusammen. Kritias, wie er Lykon bei unserer ersten Begegnung ansah. Lykon, wie er über den Platz vor dem Strategion ging und mich und Kritias gleichzeitig begrüßte. Er hatte nicht mich gesucht: Er wollte zu Kritias! Deswegen war er so kühl zu mir, so verschlossen, deswegen auch die dumme Anspielung des Jungen in der Palaistra. Der Schatten in Kritias' Haus!
Alkibiades brach in schallendes Gelächter aus. Er ging zu seinem Thron und warf sich auf das Kissen.
«Ach, so ist das!», sagte er feixend. «Unser alter Freund Kritias hat den Knaben schon früher gerne nachgestellt. Wusstest du, Nikomachos, dass Sokrates sich deswegen mit ihm einmal gestritten hat? Er weiß die süßen Bengel wohl immer noch zu bezaubern!»
Ich stand da und wusste nichts mehr zu sagen. Ich war nicht eifersüchtig, ich war verraten. Ich drehte mich um und verließ den Saal. Die Wachen ließen mich ziehen. Sie grinsten über das ganze Gesicht. Während sich die Flügeltüren hinter mir schlossen, hörte ich Alkibiades immer noch lachen. Ich hatte verloren.
Ich ging nach Hause. Es war Zeit.
T
ein paar Wochen später - Lysippos war bereits hingerichtet -, sah ich die beiden bei der großen Panathenäen-Prozession. Es war ein grauer, ein unglückseliger Tag. Vom frühen Morgen an blies ein feuchter und kalter Wind als Ankündigung künftigen Unheils vom Meer her und trieb Sand durch die Gassen und in die Häuser. Aspasia, die Kinder und Teka blieben zu Hause - zum Glück, so böse schien das Wetter, aber Vater überredete mich, doch zum Dipylon-Tor zu gehen, wo die große Prozession wie immer ihren Anfang nahm.
Als wir ankamen, ging gerade die Sonne auf. Schon hatte sich eine gewaltige Menschenmenge versammelt, um dem Zug durch die Stadt, über die Agora bis hinauf zur Akropolis zu folgen. Vier junge Mädchen aus vornehmsten Familien hielten das neue Gewand Athenes, an dem die Priesterinnen monatelang gearbeitet hatten. Es war eine prächtige Tunika, in die Athenes Sieg über den Titanen hineingewirkt war. Mit diesem Gewand sollte die alte Holzstatue der Göttin im kleinen Tempel neben den Propyläen neu gekleidet werden.
Ein Horn ertönte, und die Prozession setzte sich in Bewegung. Die Jungfrauen gingen voraus, ihnen folgten Athenes Priesterinnen und ein Zug vornehmer Damen. Ich versuchte auszumachen, ob nicht vielleicht Perianders Mutter unter ihnen war, aber es war noch zu dunkel, und vor mir drängten sich zu viele, als dass ich wirklich ein Gesicht hätte erkennen können.
Nach den Frauen gingen die Führer der Opfertiere mit 100 Kühen und Schafen. Ihnen folgten die Athener Metöken mit Tabletts voller Opfergaben, Kuchen und Honig. So mussten sie Jahr für Jahr zeigen, dass sie Athene und ihrer Stadt die Treue hielten. Myson musste unter ihnen sein, aber auch ihn sah ich nicht. Dicht hinter den Schutzbürgern kamen die Wasserträger und Musiker, die Flöten- und Chitara-Spieler. Sie waren in bunte Kleider gehüllt und versuchten fröhlich und ausgelassen zu sein, auch wenn der Wind ihnen die Lorbeerkränze vom Haar blies und die Musik übertönte.
Den Musikern schlossen sich die alten Würdenträger der Stadt an, die Generäle und Admiräle, die Archonten und Richter mit ihren ernsten und feierlichen Mienen. Jeder von ihnen hielt einen Olivenzweig in der Hand als Zeichen des Friedens und der Dankbarkeit für den Ölbaum, den Athene uns geschenkt hatte. Den Richtern folgten die Fahrer mit ihren Streitwagen, die am nächsten Tag ein Rennen auf der Agora austragen würden, und da, in einem der prächtigsten Vierspänner, die man sah, erkannte ich Kritias und Lykon. Sie winkten in die Menge und ließen sich bejubeln. So zogen sie an mir vorbei. Kritias mit von Hochmut geschwellter Brust, voller Stolz auf seinen Besitz: den Wagen, die Pferde und den Jüngling, Lykon mit weibischem Lächeln und affektierten Gesten wie ein käuflicher Knabe. Er erkannte mich in der Menge, und für einen Augenblick flackerte so etwas wie Scham in seinem Gesicht auf, aber er wandte den Kopf ab, noch bevor unsere Blicke sich kreuzen konnten. Hochrufe ertönten auf den großen Kritias und seinen schönen Knaben. Mir grauste. Ich wünschte mir, ich hätte die beiden nicht gesehen.
Nachdem uns alle Streitwagen passiert hatten - die Sonne stand hoch am Himmel, so lange brauchte der Tross, um sich in Bewegung zu setzen -, machten wir uns mit den übrigen Athenern auf den Weg, um der Prozession zu folgen. Wie dies Sitte war, gingen Vater und ich zusammen mit unseren Nachbarn aus dem Kerameikos. Ein Weinkrug machte die Runde. Man schlug sich auf die Schultern und lachte, obwohl uns der Wind ins Gesicht blies. Nur ich blieb stumm; mein Vater bemerkte dies wohl.
Als die Straße anstieg, sahen wir die Streitwagen wieder vor uns. Kritias hielt Lykon im Arm. Der Junge schmiegte sich an die Brust seines neuen Liebhabers und winkte der Menge zu, als käme er gerade von einer siegreichen Schlacht zurück.
Wie gerne hätte ich ihm die Wahrheit über seinen neuen Freund erzählt! Wie gerne erklärt, wieso Kritias den Prozess am Areopag gewonnen hatte! Glaubte er, der Erfolg sei Kritias' Redekunst zu verdanken? Er war es nicht, wie mir Lysippos schon am Tag nach dem Urteil gestanden hatte. Nie werde ich das Bild vergessen: Lysippos saß auf seiner Strohmatte in der Zelle, seine Tochter und sein Enkel bei ihm. Die Frau weinte, das Kind mit ihr, ohne zu verstehen, worum es ging, und Lysippos erzählte mir, wie Anaxos ihn vor eine ganz einfache Wahl gestellt hatte: sein Leben oder das Leben seiner Tochter und des Enkels. Die Entscheidung war ihm leichtgefallen, auch wenn er selbstsüchtig war. Die beiden waren die einzigen Menschen, die ihm etwas bedeuteten, und so entschied er sich für das Leben seiner Tochter und ihres Kindes. Er bat mich noch nicht einmal mehr, ihn fliehen zu lassen, zu sehr war ihm bewusst, welches Faustpfand Anaxos da in Händen hielt.
Einige Tage später nahm Lysippos den Schierlingsbecher, den Bias ihm reichen musste. Er nahm ihn weder trotzig noch verbittert, sondern mit einer ganz neuen und eigenen Würde. Er nahm ihn und trank ihn aus - für das Leben seines Stammes und seiner Abkömmlinge.
Der Wind wurde heftiger und brachte Wolken mit: graue, schwarze, dichte Wolken, die die Sonne verdunkelten. Die Luft war so feucht, dass einem die Kleider an der Haut klebten. Schweißperlen standen mir auf der Stirn, und zugleich fror ich. Wie wir über die Agora gingen, schlossen die Händler ihre Läden aus Angst vor dem nahenden Unwetter. Wie Segel blähten sich die Stoffdächer über den Verkaufsbuden und zerrten an ihren Leinen. Wo der Wind die Haken aus dem Boden gerissen hatte, flatterten und tanzten sie wie Fahnen im Sturm.
Plötzlich und unvermittelt - den Flügelschlag einer Taube lang - schien die Natur innezuhalten. Es wurde still. Die Fahnen senkten und beruhigten, der Staub legte sich. Da zerriss ein Blitz die Wolken, und ein Donnerschlag folgte mit ohrenbetäubender Wucht. Ein Schwirren wie von tausend Flügeln in der Luft, und Hagelkörner, groß wie Taubeneier, prasselten auf uns nieder. Um den gefährlichen Geschossen zu entgehen, packte ich meinen Vater am Arm und zog ihn zur nächsten Stoa, wo wir uns gerade noch unterstellen konnten. Mochten die anderen die Göttin feiern und das Blut der Opfertiere vergießen, wir waren erst einmal sicher! Und wir waren nicht die Einzigen, die so dachten. Mit uns floh halb Athen unter den Schutz der Dächer. Dicht an dicht drängten wir uns in der Säulenhalle, während draußen die Hagelkörner dicken Regentropfen wichen und ein Gewitter tobte, wie ich es bis dahin noch nie erlebt hatte und seitdem nicht wieder. Blitze zuckten wie Schwerter in der Schlacht, der Donner grollte, als bräche ein Wald von Bäumen. Der Wind trieb Regen in die Stoa hinein, wie die Gischt des Meeres bei Sturm schlug er uns ins Gesicht. Verängstigt von diesem Wetter und der dunklen Verheißung, die es barg, standen wir Athener zusammen unter unseren dünnen Dächern und hofften, nicht erschlagen zu werden von Blitz und Donner und von dem Unglück, das dieses Unwetter nur ankündigen konnte. Wenn die Zeustochter selbst am Tag ihres höchsten Festes ein solches Gewitter zuließ, musste die Stadt in Ungnade gefallen sein. Wir fühlten und wir wussten es, verstanden aber nicht, warum. Niemand sprach, kleinmütig duckten sich die Menschen unter das Joch des angekündigten Geschicks.