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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)

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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
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Roger hatte das Gefühl, dass er in seiner Seele nach Mitleid forschen, für den Mann beten sollte. Er konnte es nicht. Versuchte es mit Vergebung, doch das konnte er auch nicht. Etwas wie ein Knäuel Würmer wand sich in seinem Bauch. Er fühlte sich, als sei er selbst an einen Pfahl gefesselt und warte auf das Ertrinken.

Der Pastor mit dem schwarzen Rock beugte sich zu Bonnet hinüber. Sein Haar wehte im frühen Morgenwind, sein Mund bewegte sich. Roger glaubte nicht, dass Bonnet eine Antwort gab, konnte es aber nicht mit Sicherheit sagen. Kurz darauf zogen die Männer ihre Hüte aus, standen da, während der Pastor betete, dann setzten sie sie wieder auf und kamen zum Ufer zurück. Ihre glucksenden Schuhe versanken knöcheltief im sandigen Schlamm.

Sobald die Würdenträger verschwunden waren, ergoss sich ein Strom von Menschen über den Schlamm – Schaulustige, hüpfende Kinder und ein Mann mit Notizbuch und Stift, in dem Roger Amos Crupp erkannte, den Inhaber der Wilmington Gazette.

»Na, das wird ja sicher ein Knüller, nicht wahr?«, murmelte Roger. Ganz gleich, was Bonnet tatsächlich sagte – oder auch nicht –, morgen würde garantiert eine Flugschrift die Runde machen, die entweder ein reißerisches Geständnis oder rührselige Ausdrücke des Bedauerns enthielt – vielleicht ja auch beides.

»Okay, ich kann das wirklich nicht mit ansehen.« Brianna wandte sich abrupt ab und nahm seinen Arm. Sie schaffte es noch an der Zeile der Lagerhäuser vorbei, bevor sie sich vor ihn stellte, ihr Gesicht an seiner Brust vergrub und in Tränen ausbrach.

»Schsch. Schon gut – es wird alles gut.« Er klopfte ihr auf den Rücken und versuchte, seinen Worten Überzeugungskraft zu verleihen, doch er hatte selbst einen Kloß von der Größe einer Zitrone im Hals. Schließlich nahm er sie bei den Schultern und hielt sie ein Stück von sich fort, so dass er ihr in die Augen sehen konnte.

»Du brauchst es nicht zu tun«, sagte er.

Sie hörte auf zu weinen, zog die Nase hoch und wischte sie sich wie Jemmy am Ärmel ab – wich aber seinem Blick aus.

»Es ist – es geht schon. Es ist nicht einmal seinetwegen. Es ist nur – einfach alles. M-Mandy –«, ihre Stimme schwankte bei diesem Wort, »– und die Begegnung mit meinem Bruder … Oh, Roger, wenn ich es ihm nicht sagen kann, wird er es nie erfahren, und ich werde ihn und Lord John nie wiedersehen. Oder Mama –« Sie wurde erneut von Tränen überwältigt, die in ihren Augen aufstiegen, doch sie schluckte krampfhaft und zwang sie wieder hinunter.

»Es ist nicht seinetwegen«, sagte sie mit erstickter, erschöpfter Stimme.

»Vielleicht«, sagte er leise. »Aber du brauchst es trotzdem nicht zu tun.« Sein Magen wand sich immer noch, und seine Hände fühlten sich zittrig an, aber er war von Entschlossenheit erfüllt.

»Ich hätte ihn auf Ocracoke töten sollen«, sagte sie. Sie schloss die Augen und strich sich ein paar lose Haarsträhnen aus dem Gesicht. Die Sonne stand jetzt höher am Himmel und brannte hell. »Ich war zu feige. Ich d-dachte, es würde einfacher sein, es vom – vom Gesetz erledigen zu lassen.« Sie öffnete die Augen, und jetzt sah sie ihn an. Ihre Augen waren gerötet, aber klar. »Ich könnte nicht zulassen, dass es so geschieht, selbst wenn ich es nicht geschworen hätte.«

Das konnte Roger verstehen; er konnte den Schrecken der herannahenden Flut spüren, deren Wasser an seinen Knochen unausweichlich stieg. Es würde mindestens neun Stunden dauern, bis das Wasser Bonnet bis ans Kinn reichte; er war ein hochgewachsener Mann.

»Ich werde es tun«, sagte er fest entschlossen.

Sie versuchte schwach zu lächeln, gab es dann aber auf.

»Nein«, sagte sie. »Das wirst du nicht.« Sie klang zu Tode erschöpft und sah genauso aus; keiner von ihnen hatte letzte Nacht viel geschlafen. Doch sie klang ebenso entschlossen, und er erkannte Jamie Frasers stures Erbe.

Nun, zum Teufel, er trug dieses Erbe auch in sich.

»Ich habe es dir schon einmal erzählt«, erwiderte er. »Was dein Vater damals gesagt hat. Ich bin es, der für sie tötet. Wenn es jemand tun muss –«, und er pflichtete ihr insgeheim bei; er konnte es ebenfalls nicht ertragen, »– dann tue ich es.«

Sie bekam sich jetzt wieder in den Griff. Sie wischte sich mit dem Rocksaum über das Gesicht und holte tief Luft, bevor sie ihn wieder ansah. Die Farbe ihrer Augen war ein tiefes, lebhaftes Blau, viel dunkler als der Himmel.

»Du hast es mir erzählt. Und du hast mir auch erzählt, warum er es gesagt hat – was er zu Arch Bug gesagt hat. ›Sie unterliegt einem Schwur. Sie ist Ärztin, sie tötet keine Menschen.‹«

Haha, dachte Roger, der jedoch zu klug war, es laut auszusprechen. Bevor er sich etwas Taktvolleres überlegen konnte, legte sie ihm die Hände flach auf die Brust und fuhr fort.

»Du doch auch«, sagte sie. Das überrumpelte ihn.

»Nein, das stimmt nicht.«

»O doch«, sagte sie leise, aber mit Nachdruck. »Er ist vielleicht noch nicht offiziell – aber das braucht er auch gar nicht zu sein. Vielleicht hat er ja nicht einmal Worte, der Schwur, den du abgelegt hast, aber du hast es getan, das weiß ich ganz genau.«

Das konnte er nicht leugnen, und es rührte ihn, dass sie es wusste.

»Aye, nun ja …« Er legte die Hände auf die ihren und umklammerte ihre langen, kraftvollen Finger. »Und dir habe ich auch etwas geschworen, als ich es dir gesagt habe. Ich habe gesagt, ich würde Gott nie über meine – meine Liebe zu dir stellen.« Liebe. Er konnte kaum glauben, dass er in einer solchen Diskussion die Liebe zitierte. Und doch hatte er das höchst merkwürdige Gefühl, dass sie es genauso sah.

»Ich habe so etwas nicht geschworen«, sagte sie bestimmt und entzog ihm ihre Hände. »Und ich habe mein Wort gegeben.«

Sie war gestern Abend nach Anbruch der Dunkelheit mit Jamie dorthin gegangen, wo man den Piraten festhielt. Roger hatte keine Ahnung, welche erpresserischen Mittel oder Überzeugungskräfte dabei zum Einsatz gekommen waren, doch man hatte die beiden zu ihm gelassen. Jamie hatte sie sehr spät zu ihrem Zimmer zurückgebracht, kreidebleich und mit einem Stapel Papiere, die sie ihrem Vater reichte. Eidesstattliche Erklärungen, hatte sie gesagt, unterschriebene Bestätigungen, dass Stephen Bonnet Geschäftsbeziehungen mit Kaufleuten an der ganzen Küste unterhielt.

Roger hatte Jamie einen mörderischen Blick zugeworfen und ihn mit Zinsen zurückbekommen. Wir sind im Krieg, hatten Frasers verengte Augen gesagt. Und ich werde jede Waffe benutzen, die mir zur Verfügung steht. Doch alles, was er gesagt hatte, war: »Gute Nacht, a nighean.« Dann war er ihr zärtlich über das Haar gefahren und gegangen.

Brianna hatte sich mit Mandy hingesetzt und sie gestillt. Sie hatte die Augen geschlossen und sich geweigert zu sprechen. Nach einer Weile hatte ihr Gesicht die weiße Farbe und die Linien der Anstrengung verloren, und sie hatte auf das Bäuerchen des Babys gewartet und es schlafend in seinen Korb gelegt. Dann kam sie ins Bett und liebte ihn mit einer wortlosen Heftigkeit, die ihn überraschte. Aber nicht so sehr, wie sie ihn jetzt überraschte.

»Und noch etwas«, sagte sie nüchtern und ein wenig traurig. »Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, für den es kein Mord ist.«

Mit diesen Worten wandte sie sich ab und ging schnellen Schrittes auf das Gasthaus zu, wo Mandy darauf wartete, gefüttert zu werden. Draußen auf den Schlammbänken konnte er die aufgeregten Stimmen kreischen hören wie die Möwen.

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