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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)

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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
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»Habt Ihr völlig den Verstand verloren?« Er packte sie am Arm, genauso sehr, um zu verhindern, dass sie stolperte, als auch, dass sie davonmarschierte.

»Meines Wissens hat er keine Ahnung, wer sein Vater wirklich ist«, sagte sie mit einem Hauch von Schärfe, »und da Ihr und Pa nie darüber gesprochen habt, habt Ihr es ja wahrscheinlich auch nicht für nötig gehalten, mit ihm zu sprechen. Aber er ist jetzt erwachsen – er hat doch wohl das Recht, es zu erfahren.«

Lord John schloss leise stöhnend die Augen.

»Fehlt Euch etwas?«, fragte sie. Er spürte, wie sie sich über ihn beugte, um ihn genauer in Augenschein zu nehmen. »Ihr seht gar nicht gut aus.«

»Setzt Euch hin.« Er setzte sich selbst mit dem Rücken an einen Baum und zog sie neben sich zu Boden. Er atmete tief durch und hielt die Augen geschlossen, während sein Verstand raste. Gewiss scherzte sie nur? Gewiss nicht, versicherte ihm sein zynisch beobachtendes Selbst. Sie hatte zwar einen ausgeprägten Sinn für Humor, doch davon war im Moment nichts zu spüren.

Sie konnte es nicht tun. Er durfte es nicht zulassen. Es war unvorstellbar, dass sie – doch wie konnte er sie daran hindern? Wenn sie nicht auf ihn hörte, würden vielleicht Jamie oder ihre Mutter …

Eine Hand berührte seine Schulter.

»Es tut mir leid«, sagte sie leise. »Ich habe nicht nachgedacht.«

Erleichterung erfüllte ihn. Er spürte, wie sich sein Bauch entkrampfte, doch als er die Augen öffnete, sah er, wie sie ihn mit einer merkwürdigen Art von Mitgefühl betrachtete, die er nicht einordnen konnte. Seine Eingeweide verkrampften sich prompt wieder, und er bekam Angst, dass er auf der Stelle einen peinlichen Anfall von Blähungen erleiden würde.

Sein Bauch hatte sie besser verstanden als er.

»Ich hätte es mir denken sollen«, tadelte sie sich selbst. »Ich hätte wissen müssen, wie Ihr darüber empfindet. Ihr habt es ja selbst gesagt – er ist Euer Sohn. Ihr habt ihn all diese Jahre großgezogen; ich kann sehen, wie sehr Ihr ihn liebt. Ihr müsst Euch schrecklich fühlen, wenn Ihr daran denkt, dass William das mit Pa herausfindet und Euch vielleicht Vorwürfe macht, weil Ihr es ihm nicht eher gesagt habt.« Ihre Hand massierte ihm das Schlüsselbein, eine Geste, die wahrscheinlich beruhigend gedacht war. Falls das ihre Absicht war, so war sie spektakulär gescheitert.

»Aber –«, begann er, doch sie hatte seine Hand ergriffen und drückte sie ernst. Tränen glitzerten in ihren blauen Augen.

»Er wird es nicht tun«, versicherte sie ihm. »William wird nie aufhören, Euch zu lieben. Glaubt es mir. Bei mir war es genauso – als ich das mit Pa herausgefunden habe. Anfangs wollte ich es nicht glauben; ich hatte doch einen Vater, und ich habe ihn geliebt, und ich wollte keinen anderen. Aber dann bin ich Pa begegnet, und es war – er war … der, der er ist –« Sie zuckte sacht mit den Achseln und hob eine Hand, um sich mit der Spitzenkante an ihrem Handgelenk über die Augen zu wischen.

»Aber ich habe meinen anderen Vater nicht vergessen«, sagte sie ganz leise. »Und ich werde ihn auch nie vergessen. Niemals.«

Trotz des Ernstes der Lage gerührt, räusperte sich Lord John.

»Ja. Nun. Ich bin mir sicher, dass Euch Eure Empfindungen alle Ehre machen, meine Liebe. Und ich hoffe zwar, dass ich Williams Zuneigung genauso genieße und es auch in Zukunft tun werde, doch dies war nicht der Punkt, auf den ich hinauswollte.«

»Nicht?« Sie blickte mit großen Augen auf, und die Tränen verklebten ihre Wimpern zu dunklen Stacheln. Sie war wirklich ein liebenswertes Geschöpf, und er spürte einen leisen Stich der Zärtlichkeit.

»Nein«, sagte er so sanft, wie es die Umstände erlaubten. »Hört zu, meine Liebe. Ich habe Euch doch gesagt, wer William ist – oder wer er zu sein glaubt.«

»Der Vicomte Vonundzu, meint Ihr?«

Er seufzte tief.

»Genau. Die fünf Menschen, die seine wahre Herkunft kennen, haben in den letzten achtzehn Jahren beträchtliche Anstrengungen unternommen, damit niemand – William eingeschlossen – jemals Grund bekommt zu bezweifeln, dass er der Neunte Graf von Ellesmere ist.«

Bei diesen Worten blickte sie zu Boden, die Stirn gerunzelt, die Lippen fest zusammengepresst. Himmel, er hoffte, dass es ihrem Mann gelungen war, Jamie Fraser rechtzeitig ausfindig zu machen. Jamie Fraser war der einzige Mensch, der seine Tochter noch an Sturheit übertraf.

»Ihr versteht mich nicht«, sagte sie schließlich. Sie musterte ihn, und er merkte, dass sie sich zu einem Entschluss durchgerungen hatte.

»Wir gehen«, erklärte sie abrupt. »Roger und ich und die – die Kinder.«

»Oh?«, sagte er vorsichtig. Das konnte eine gute Nachricht sein – in mehrerlei Hinsicht. »Wohin wollt Ihr denn? Zieht Ihr Euch nach England zurück? Oder nach Schottland? Wenn es England ist oder Kanada, habe ich einige gesellschaftliche Verbindungen, die vielleicht –«

»Nein. Nicht dorthin. Wir gehen nirgendwohin, wo Ihr ›Verbindungen‹ habt.« Sie lächelte ihn schmerzlich an und schluckte, bevor sie fortfuhr.

»Aber, seht Ihr – wir werden fort sein. Für – für immer. Wir werden – ich glaube nicht, dass wir uns je wiedersehen werden.« Diese Erkenntnis war ihr gerade erst gekommen; das sah er ihrem Gesicht an, und obwohl es ihn heftig schmerzte, rührte ihn ihre offensichtliche Bestürzung über diese Vorstellung zutiefst.

»Ich werde Euch sehr vermissen, Brianna«, sagte er sanft. Er war einen Großteil seines Lebens Soldat gewesen und dann Diplomat. Er hatte gelernt, mit Trennung und Fernsein zu leben, mit dem gelegentlichen Tod zurückgelassener Freunde. Doch die Vorstellung, diese seltsame junge Frau nie wiederzusehen, erfüllte ihn mit einem unerwarteten Maß an Trauer. Fast so, dachte er überrascht, als wäre sie seine eigene Tochter.

Doch er hatte ja einen Sohn, und bei ihren nächsten Worten wurde er abrupt wieder hellwach.

»Ihr seht also«, sagte sie und beugte sich so gebannt zu ihm hinüber, dass er unter anderen Umständen bezaubert gewesen wäre. »Ich muss mit William sprechen und es ihm sagen. Es wird unsere einzige Gelegenheit sein.« Dann veränderte sich ihr Gesicht, und sie legte eine Hand an ihre Brust.

»Ich muss gehen«, sagte sie abrupt. »Mandy – Amanda, meine Tochter – ich muss sie füttern.«

Und damit war sie auf und davon, um wie eine drohende Sturmwolke über den Sand der Rennbahn zu huschen, die Zerstörung und Aufruhr nach sich zog.

Kapitel 117

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang

10. Juli 1776

Die Flut begann kurz vor fünf Uhr morgens. Es war taghell, der Himmel blassblau und wolkenlos, und die Schlammbänke erstreckten sich grau und glänzend jenseits des Kais. Hier und dort wurde ihre glatte Oberfläche von Stauden und hartnäckigem Seegras durchbrochen, das aus dem Schlamm spross wie Haarbüschel.

Alle Welt stand in der Dämmerung auf; auf dem Kai scharten sich die Leute, die die kleine Prozession beobachteten, zwei Offiziere des Wilmingtoner Komitees für die Sicherheit, ein Vertreter der Kaufmannsvereinigung, ein Pastor, der eine Bibel trug, und der Gefangene, eine hochgewachsene, breitschultrige Gestalt, die entblößten Hauptes über den stinkenden Schlamm schritt. Hinter ihnen kam ein Sklave, der die Stricke trug.

»Ich möchte mir das nicht ansehen«, sagte Brianna leise. Sie war sehr blass und hatte die Arme vor der Taille verschränkt, als hätte sie Bauchschmerzen.

»Dann lass uns gehen.« Roger nahm ihren Arm, doch sie zog ihn in die andere Richtung.

»Nein. Ich muss.«

Sie ließ die Arme sinken, richtete sich auf und sah hin. Die Leute ringsum rangelten sich um die besten Plätze und grölten so laut, dass, was auch immer dort draußen gesagt wurde, nicht zu verstehen war. Es dauerte nicht lange. Der Sklave, ein kräftiger Mann, packte den Anlegepfosten und rüttelte daran, um seine Standfestigkeit zu prüfen. Dann trat er zurück, während die beiden Offiziere Stephen Bonnet mit dem Rücken an den Pfahl stellten und seinen Körper von der Brust bis zu den Knien mit dem Seil umwickelten. Es gab kein Entrinnen für den Schuft.

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