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Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)

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Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)
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»Oh, aye?«, sagte er noch einmal. »Wem gehört denn der zweite Sarg?«

»Mir.« Jocasta fand allmählich ihre Fassung wieder; sie richtete sich auf und hob das Kinn.

Jamie prustete leise auf und warf mir nun einen amüsierte Blick zu. Ich konnte mir gut vorstellen, dass Jocasta eitel genug war, einen Toten offen liegen zu lassen, anstatt ihn in ihren eigenen, jungfräulichen Sarg zu legen … und doch. Dies zu tun, vergrößerte die Wahrscheinlichkeit einer Entdeckung, so gering sie auch sein mochte.

Niemand hätte Jocastas Sarg geöffnet, bevor es an der Zeit war, dass er ihre eigene Leiche aufnahm; Dr. Rawlings’ Leiche hätte vollkommen sicher dort liegen können, selbst wenn das Mausoleum aus irgendeinem Grund geöffnet worden wäre. Jocasta Cameron war eigensüchtig – aber alles andere als dumm.

»Dann leg Wolff halt hinein, wenn du musst«, sagte sie. »Er kann bei dem anderen auf dem Boden liegen.«

»Warum können wir ihn nicht in deinen Sarg legen, Tante Jocasta?«, fragte Jamie, und ich sah, dass er sie aufmerksam beobachtete.

»Nein!« Sie hatte begonnen, sich abzuwenden, doch bei diesen Worten fuhr sie wieder herum, und ihr blindes Gesicht brannte im Fackelschein. »Er ist Dung. Lass ihn dort liegen und an der Luft verrotten!«

Bei dieser Antwort kniff Jamie die Augen zusammen, ohne jedoch etwas zu erwidern. Stattdessen wandte er sich der Grabkammer zu und begann, die losen Blöcke beiseitezuschieben.

»Was tust du da?« Jocasta konnte das Knirschen des verschobenen Marmors hören, und sie wurde erneut nervös. Sie drehte sich um, verlor jedoch die Orientierung und starrte zum Fluss hinüber. Ich begriff, dass sie jetzt vollkommen blind sein musste und selbst bei Fackelschein nichts mehr sehen konnte.

Doch ich konnte ihr jetzt keine Beachtung schenken. Jamie zwängte sich durch die Lücke zwischen den Blöcken und trat in die Kammer.

»Leuchte mir, Sassenach«, sagte er leise, und seine Stimme hallte murmelnd von den Wänden der kleinen Steinkammer wider.

Ich folgte ihm, wobei ich sehr flach atmete. Phaedre hatte draußen in der Dunkelheit zu stöhnen begonnen; sie klang wie eine ban-sidhe, die angesichts des herannahenden Todes aufheult – nur, dass dieser Tod schon lange hier war.

Die Särge trugen Messingschilder, die von der Feuchtigkeit grünlich angelaufen waren, aber immer noch gut zu lesen waren. »Hector Alexander Robert Cameron«, stand auf dem einen, und »Jocasta Isobeail MacKenzie Cameron« auf dem anderen. Ohne zu zögern, packte Jamie Jocastas Sargdeckel an der Kante und zog ihn hoch.

Er war nicht zugenagelt; der Deckel war zwar schwer, hob sich aber sofort.

»Oh«, sagte Jamie leise, als er in den Sarg blickte.

Gold läuft niemals an, ganz gleich, wie feucht und klamm seine Umgebung ist. Es kann Jahrhunderte lang auf dem Meeresgrund liegen, um eines Tages zufällig im Netz eines Fischers aufzutauchen, so leuchtend wie am Tag, an dem es eingeschmolzen wurde. Es glitzert uns aus dem Felsboden entgegen, ein Sirenengesang, der schon seit Jahrtausenden nach den Menschen ruft.

Die Barren ruhten in einer flachen Lage am Boden des Sarges. Es waren genug, um zwei kleine Truhen zu füllen, eine jede so schwer, dass sie von zwei Männern – oder einem Mann und einer kräftigen Frau – getragen werden musste. Jeder Barren war mit einer Lilie geprägt. Ein Drittel des Franzosengoldes.

Ich blinzelte die leuchtende Pracht an und wandte dann den Kopf ab, weil mir das Glitzern vor den Augen verschwamm. Auf dem Boden war es dunkel, doch ich konnte die hingestreckte Gestalt auf dem blassen Marmor gut ausmachen. »Weil er seine Nase in Dinge steckte, die er besser hätte ruhen lassen.« Und was hatte er gesehen, Daniel Rawlings, das ihn bewegt hatte, die Lilie an den Rand der Seite in seinem Notizbuch zu zeichnen, daneben die diskrete Annotation »Aurum«?

Zu diesem Zeitpunkt hatte Hector Cameron noch gelebt. Das Mausoleum war noch nicht versiegelt gewesen. Möglicherweise hatte Hector ihn ahnungslos hierhergeführt, als Rawlings sich erhob, um seinem umherwandernden Patienten zu folgen, der sich vielleicht des Nachts hierherbegeben hatte, um seinen Schatz zu betrachten? Vielleicht. Weder Hector Cameron noch Daniel Rawlings konnten jetzt noch sagen, wie es gewesen war oder was sich zugetragen hatte.

Ich spürte, wie mir die Trauer die Kehle zuschnürte, Trauer um den Mann, dessen Knochen jetzt zu meinen Füßen lagen, den Freund und Kollegen, dessen Instrumente ich geerbt hatte, dessen Schatten an meiner Seite gestanden und mir Mut und Trost gespendet hatte, wenn ich den Kranken die Hände auflegte, um ihnen Heilung zu bringen.

»Was für eine Vergeudung«, sagte ich leise und blickte zu Boden.

Jamie ließ den Sargdeckel sanft sinken, als läge jemand in dem Sarg, dessen Ruhe gestört worden war.

Jocasta stand draußen reglos auf dem Pfad. Sie hatte einen Arm um Phaedre gelegt, die jetzt aufgehört hatte zu jammern, doch es war fraglich, welche der beiden Frauen die andere stützte. Jocasta musste hören, dass wir da waren, doch sie stand immer noch dem Fluss zugewandt und starrte vor sich hin, ohne im Fackelschein zu blinzeln.

Ich räusperte mich und zog mit der freien Hand mein Schultertuch fester um mich.

»Was machen wir denn jetzt?«, fragte ich Jamie.

Er drehte sich um und blickte kurz in die Kammer zurück, dann zuckte er kaum merklich mit den Achseln.

»Den Leutnant überlassen wir Hector, wie geplant. Was den Doktor angeht …« Er holte langsam Luft, die Augen erschüttert auf die feinen Knochen gerichtet, die elegant ausgefächert am Boden lagen, bleich und reglos im Schein der Fackel. Die Hand eines Chirurgen – damals.

»Ich denke«, sagte er, »wir nehmen ihn mit heim – nach Fraser’s Ridge. Dort kann er unter Freunden ruhen.«

Er strich an den beiden Frauen vorbei, ohne sie zu beachten oder sich zu entschuldigen, und ging davon, um Leutnant Wolff zu holen.

Kapitel 105

Der Traum der Drossel

Fraser’s Ridge

Mai 1772

Die Nachtluft war kühl und frisch. So früh im Jahr hatte die Saison der blutdürstigen Fliegen und Moskitos noch nicht begonnen; nur dann und wann kam eine verirrte Motte zum offenen Fenster herein, umflatterte das abgedeckte Feuer wie ein Stück brennendes Papier und strich in kurzer Liebkosung an ihren ausgestreckten Gliedmaßen vorbei.

Sie lag da, wie sie sich hatte fallen lassen, auf ihm, und das Herz schlug ihr laut und langsam in den Ohren. Von hier aus konnte sie zum Fenster hinaussehen; sie erkannte die gezackte schwarze Baumreihe am anderen Ende des Hofes und dahinter ein Stück Himmel, der von Sternen erleuchtet war, so nah und hell, dass es beinahe möglich schien, sie zu beschreiten und vom einen zum anderen zu wandern, höher und höher bis hinauf zum Haken des Sichelmondes.

»Du bist nicht sauer auf mich?«, flüsterte er. Es fiel ihm jetzt leichter zu sprechen, doch da sie mit dem Ohr auf seiner Brust lag, konnte sie den leisen Bruch in seiner Stimme hören, die Stelle, an der er die Luft mit Gewalt durch seine vernarbte Kehle zwang, um die Wörter zu bilden.

»Nein.« Seine Hand streichelte über ihr Haar. »Ich habe dir schließlich nie gesagt, dass du es nicht lesen sollst.«

Seine Finger berührten sacht ihre Schulter, und ihre Zehen rollten sich genussvoll ein. Machte es ihr etwas aus? Nein. Wahrscheinlich hätte sie sich irgendwie entblößt vorkommen sollen, weil er die Privatsphäre ihrer Gedanken und Träume enthüllt hatte – doch sie vertraute ihm. Er würde diese Dinge nie gegen sie verwenden.

Außerdem verwandelten sich die Träume in etwas, das separat von ihr existierte, sobald sie sie zu Papier brachte. Ganz ähnlich wie die Zeichnungen, die sie machte; ein Spiegelbild einer Facette ihrer Gedanken, ein kurzer Einblick in etwas, das sie einmal gesehen, gedacht, empfunden hatte – doch nicht dasselbe wie der Verstand oder das Herz, das sie anfertigte. Nicht ganz.

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