Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #5
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Die Tinte an meinem Federkiel war im Begriff einzutrocknen. Ich senkte die Spitze auf die Seite.
Alter – 44, schrieb ich zögernd. In dieser Zeit endeten ärztliche Schilderungen wie die meine oft mit einer frommen Beschreibung der letzten Augenblicke des Verstorbenen, die – davon ging man aus – bei den Heiligen von christlicher Schicksalsergebenheit, bei den Sündern von Reue geprägt waren. Rosamund Lindsay hatte beim Dahinscheiden weder das eine noch das andere gezeigt.
Ich blickte zu dem Sarg hinüber, der unter dem verregneten Fenster auf zwei Böcken stand. Die Blockhütte der Lindsays war kaum mehr als halb fertig; für ein Begräbnis bei strömendem Regen, zu dem noch dazu viele Trauergäste erwartet wurden, eignete sie sich nicht. Der Sarg war offen und harrte der abendlichen Totenwache, doch man hatte ihr das Leichentuch aus Musselin über das Gesicht gezogen.
Rosamund hatte in Boston als Hure gearbeitet; als sie zu stämmig und zu alt wurde, um ihrem Gewerbe mit Gewinn nachzugehen, hatte sie sich auf den Weg nach Süden gemacht und nach einem Ehemann Ausschau gehalten. »Ich hätte es dort keinen einzigen Winter mehr ausgehalten«, hatte sie mir kurz nach ihrer Ankunft in Fraser’s Ridge anvertraut. »Und ich konnte keine stinkenden Fischer mehr sehen.«
Sie hatte die notwendige Zuflucht bei Kenny Lindsay gefunden, der auf der Suche nach einer Frau war, die ihm beim Aufbau einer Heimstatt half. Es war keine Ehe, die aus körperlicher Anziehung – die Lindsays hatten zusammen vielleicht sechs gesunde Zähne gehabt – oder aus einem Einklang der Gefühle geboren war, doch ihr Umgang schien mir liebenswürdig zu sein.
Kenny war eher schockiert als gramgebeugt gewesen, als Jamie ihn beiseite nahm, um ihn mit Whisky zu verarzten – eine Erfolg versprechendere Behandlung als die meine. Zumindest ging ich nicht davon aus, dass sie tödlich sein würde.
Unmittelbare Todesursache, schrieb ich und hielt erneut inne. Ich glaubte zwar, dass Rosamund auch unter normalen Umständen dem nahenden Tod nicht mit Gebeten oder philosophischen Gedanken ins Auge gesehen hätte, doch sie hatte gar keine Gelegenheit dazu gehabt. Sie war mit blau angelaufenem Gesicht gestorben, aus dem die Augen vor Luftnot hervorquollen, und sie war nicht in der Lage gewesen, auch nur ein Wort oder einen Atemzug am geschwollenen Gewebe ihrer Kehle vorbeizupressen.
Bei dieser Erinnerung schnürte es mir selbst die Kehle zu, als würde ich erwürgt. Ich griff nach der Tasse mit Katzenminztee, die allmählich abkühlte, und ließ mir die aromatische Flüssigkeit lindernd durch die Kehle gleiten. Die Tatsache, dass die Sepsis sie schleichender umgebracht hätte, war nur ein schwacher Trost. Der Erstickungstod war zwar schneller, aber auch nicht sehr viel angenehmer.
Ich tippte mit der Gänsefeder auf den Tintenlöscher und malte kleine Tintenpunkte, die sich in dem grobfaserigen Papier ausbreiteten und eine Galaxie aus winzigen Sternen bildeten. Was das anging – so gab es noch eine andere Möglichkeit. Der Tod konnte auch durch einen Lungenembolus verursacht worden sein – einen Blutklumpen in der Lunge. Das war eine denkbare Komplikation der Sepsis, die auch die Symptome erklärt hätte.
Es war ein hoffnungsvoller Gedanke, dem ich allerdings kein großes Vertrauen schenkte. Es war die Stimme der Erfahrung, die mich im Einklang mit der Stimme meines Gewissens den Kiel eintauchen und »Anaphylaxis« schreiben ließ, bevor ich es mir anders überlegen konnte.
War der Fachbegriff Anaphylaxis überhaupt schon bekannt? In Rawlings’ Notizen war er mir nicht untergekommen – doch ich hatte sie ja auch noch nicht ganz gelesen. Es kam zwar zu jeder Zeit vor, dass Menschen an allergischen Schockreaktionen starben, doch es geschah nicht oft, und vielleicht war es ein Phänomen, das keinen Namen hatte. Besser, es dem Leser detailliert zu beschreiben, wer er auch immer sein mochte.
Und das war natürlich der Punkt. Wer würde es lesen? Ich hielt es zwar für unwahrscheinlich, doch was, wenn ein Fremder es las und mein Protokoll für ein Mordgeständnis hielt? Das war weit hergeholt – doch es konnte geschehen. Ich war schon einmal gefährlich dicht daran gewesen, als Hexe verbrannt zu werden, unter anderem wegen meiner Tätigkeit als Heilerin. Fast gebranntes Kind scheut das Feuer, dachte ich sarkastisch.
Beträchtliche Schwellung des betroffenen Arms, schrieb ich, und als das letzte Wort verblasste, weil keine Tinte mehr da war, hob ich die Feder. Ich tauchte den Kiel erneut in die Tinte und kritzelte dienstbeflissen weiter. Die Schwellung dehnte sich auf Oberkörper, Hals und Gesicht aus. Haut bleich mit rötlichen Flecken. Atmung zunehmend schnell und flach, Herzschlag sehr schnell und so schwach, dass er oft kaum zu hören war. Deutliches Herzklopfen. Zyanose der Lippen und Ohren. Fortgeschrittene Exophtalmie.
Ich schluckte erneut, als ich daran dachte, wie Rosamunds Augen unter den Lidern hervorgequollen und in verständnislosem Schrecken umhergerollt waren. Wir hatten versucht, sie zu schließen, als wir die Leiche wuschen und sie zum Begräbnis aufbahrten. Es war üblich, das Gesicht eines Toten für die Totenwache zu entblößen; in diesem Fall hielt ich das aber für unklug.
Am liebsten hätte ich den Sarg gar nicht mehr angesehen, tat es aber dennoch, mit einem kleinen Nicken des Grußes und der Entschuldigung. Brianna drehte mir den Kopf zu, dann wandte sie sich abrupt ab. Der Duft des Essens, das für die Totenwache aufgetischt wurde, begann, das Zimmer zu füllen und vermischte sich mit dem Geruch des Eichenholzfeuers und der Tinte aus Eichengalle – und des frisch gehobelten Eichenholzes der Sargbretter. Ich trank hastig noch einen Schluck Tee, um zu verhindern, dass mir die Galle hochkam.
Ich wusste sehr gut, wieso der hippokratische Eid darauf bestand, »Schädigung und Unrecht aber auszuschließen«. Es war verdammt einfach, Unrecht anzurichten. Welche Hybris doch dazu gehörte, Hand an einen Menschen zu legen, sich einzumischen. Wie empfindlich und komplex war der menschliche Körper! Wie grob die Eingriffe des Arztes.
Ich hätte die Abgeschiedenheit meines Sprechzimmers oder des Schreibzimmers aufsuchen können, um diese Aufzeichnungen zu verfassen. Ich wusste, warum ich es nicht getan hatte. Das grobe Leichentuch aus Musselin leuchtete weiß im regnerischen Licht des Fensters. Ich klemmte mir den Federkiel fest zwischen Daumen und Zeigefinger und versuchte, nicht mehr daran zu denken, wie der Ringknorpel zur Seite gesprungen war, als ich Rosamund ein Taschenmesser in den Hals gerammt hatte, ein letzter, vergeblicher Versuch, Luft in ihre kämpfenden Lungen strömen zu lassen.
Und doch … es gab keinen einzigen praktizierenden Arzt, so dachte ich, der sich noch nie in einer solchen Situation befunden hatte. Es war mir schon ein paar Mal passiert, sogar in einem modernen Krankenhaus, das mit allen lebensrettenden Mitteln ausgestattet war, die der Menschheit zur Verfügung standen – damals.
Auch hier würde irgendwann ein unbekannter Arzt der Zukunft vor dem gleichen Dilemma stehen; eine möglicherweise gefährliche Behandlung durchzuführen oder einen Patienten sterben zu lassen, der vielleicht hätte gerettet werden können. Und das war mein persönliches Dilemma – die kaum wahrscheinliche Möglichkeit einer Verfolgung wegen Totschlags gegen den unbekannten Wert aufzuwiegen, den meine Aufzeichnungen für jemanden haben konnten, der in ihnen nach Wissen suchte.
Wer das wohl sein würde? Ich wischte den Federkiel sauber und dachte nach. Es gab in dieser Zeit noch nicht viele medizinische Fakultäten, und die meisten davon befanden sich in Europa. Die meisten Ärzte erlangten ihr Wissen durch Erfahrung oder, indem sie eine Lehre machten. Ich fuhr mit einem Finger in das Notizbuch und tastete blind zwischen den ersten Seiten herum, die der ursprüngliche Besitzer des Buches ausgefüllt hatte.