Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Wenzel hatte eine ganze Anzahl von Ködern vor Ingrey auf dem Weg ausgelegt, und doch waren es nicht die neuen Rätsel, die ihn am meisten beschäftigten und zwischen Neugier und Furcht verharren ließen, sondern die alten Fragen. Was weiß Wenzel über meinen Vater und seine Mutter, was ich nicht weiß?
Ochsauen war größer als Rottwall, trotzdem wurde Bolesos Leichenzug an diesem Nachmittag mit nur mäßigem Aufwand im großen, steinernen Tempel der Stadt in Empfang genommen. Das lag wohl in erster Linie daran, dass die Stadt sich auf noch prunkvollere Festlichkeiten am nächsten Tag vorbereitete und darüber zu einem Tollhaus geworden war.
Ingrey atmete auf, als er die Verantwortung für den Leichnam und seine Begleiter endlich an Wenzel übergeben konnte. Wenzel übertrug sie seinerseits seinem nüchtern wirkenden Seneschall und einem aufgeregten Haufen Geistlicher aus dem Tempel von Ostheim, mit einem beeindruckenden Aufgebot von Gefolgsleuten und Schreibern. Erleichtert stellte Ingrey fest, dass Prinzessin Fara und ihr eigener Haushalt nicht mit angereist waren, sondern in der Hauptstadt auf sie warteten. Die Dämmerung war noch nicht hereingebrochen, als Ingrey und seine Schar wieder aufsaßen und Wenzel mitsamt der Gefangenen durch die verwinkelten Straßen folgten.
Am Rand eines belebten Platzes zügelte Wenzel sein Pferd. Ingrey hielt neben ihm. Ein zusammengewürfelt aussehender Markt war so spät noch geöffnet, vermutlich eigens für die Höflinge und ihr Gefolge, die bereits für die letzte Etappe von Bolesos Leichenzug angereist waren. Im ersten Augenblick wusste Ingrey nicht, was Wenzels Aufmerksamkeit erregt hatte, doch als er dem Blick des Grafen vorbei an den geschäftigen Verkaufsständen folgte, sah er einen Fiedler an einer Ecke stehen, den Hut einladend vor die Füße gestellt. Der Musiker spielte besser als die meisten seiner Art, und von seinem lieblichen Instrument stiegen eigentümlich melancholische Klänge in die goldene Abenddämmerung.
Nach einer Weile stellte Wenzel fest: »Das ist eine sehr alte Melodie. Ich frage mich, ob er selbst weiß, wie alt sie ist. Er spielt es … beinahe richtig.«
Wenzel hielt sein Gesicht abgewandt, bis das Lied zu Ende war. Während er so nach vorne blickte, sah sein Profil eigenartig aus. Angespannt, aber nicht im Zorn oder vor Furcht; mehr wie ein Mann, der weinen wollte über einen unersetzlichen Verlust. Wenzel verzog das Gesicht, und die Spannung wich von ihm. Mit einem Schnalzen setzte er sein Pferd in Bewegung, ohne zurückzublicken. Er schickte auch niemanden aus, eine Münze in den Hut des Fiedlers zu werfen, obwohl der Musikant voll enttäuschter Hoffnung hinter der wohlhabend aussehenden Gesellschaft herblickte.
Schließlich gelangten sie an das geräumige Haus, das Wenzel gemietet oder beschlagnahmt hatte. Es gehörte zu einer ganzen Reihe ähnlicher Gebäude im reichen Kaufmannsviertel der Stadt. Glänzende, rosettenförmige Messingbeschläge schmückten die schweren Bohlen der Eingangstür. Ingrey überließ sein Pferd Gesca, nahm die Satteltaschen auf die Schultern und sah zu, wie Lady Ijada und ihre junge Zofe von einem Dienstmädchen nach oben geführt wurden. Der angespannten Begrüßung entnahm er, dass dieses Dienstmädchen Ijada zuvor schon gekannt hatte. Wie es schien, war Ijadas Fall für das Gesinde der Rossflutens ebenso verwirrend und schwer zu werten wie für ihren Herr.
Bevor Wenzel sich von ihm trennte und sich um das Bündel Briefe kümmerte, das während seiner Abwesenheit eingegangen war, flüsterte er Ingrey zu: »In einer Stunde werden wir speisen, Ihr, Ijada und ich. Es könnte für geraume Zeit unsere letzte Gelegenheit für eine vertrauliche Unterredung sein.«
Ingrey nickte.
Er wurde zu einer kleinen Kammer im Obergeschoss geleitet, wo eine Schüssel und eine Kanne mit heißem Wasser für ihn bereitstanden. Offensichtlich war es die Dienstbotenunterkunft der wohlhabenden Familie gewesen, die der Graf aus diesem Haus vertrieben hatte. Doch die Abgeschiedenheit der Kammer kam Ingrey sehr recht. Rossflutens Diener drängten sich während dieser Krise vermutlich in einem schlechteren Schlafsaal oder gar auf einem Heuboden, und Gesca und seinen Leuten dürfte es auch nicht viel besser ergehen. Ingrey ging allerdings davon aus, dass Rossflutens Koch sie ein wenig dafür entschädigen würde.
Ingrey machte sich frisch. Seine Garderobe war zu eingeschränkt, als dass sie ihn lange hätte aufhalten können. Er hatte Kleidung für beschwerliches Reisen eingesteckt, nicht für höfisches Speisen. Nachdem er gewaschen und umgezogen war, erwog er, sich in das bereitstehende Bett zu legen, fürchtete jedoch, nicht wieder auf die Beine zu kommen, wenn er sich erst einmal hingelegt hatte. Also stieg er die schmale Treppe hinunter; er wollte das Haus und die umliegenden Straßen erkunden und vielleicht auch nach Gesca sehen, wenn der Stall in der Nähe lag. Auf dem nächsten Treppenabsatz allerdings hielt er inne, als er vom Gang her Wenzels Stimme hörte. Er wandte sich in diese Richtung.
Wenzel redete mit Ijadas Zofe, die eingeschüchtert und mit großen Augen zuhörte. Beim Klang von Ingreys Schritten fuhr er herum und verzog das Gesicht. »Ihr könnt Euch entfernen«, ließ er die Zofe wissen, die sich mit einem hastigen Knicks durch eine Tür zurückzog, die vermutlich in Ijadas Gemächer führte. Wenzel begleitete Ingrey die Treppe hinunter und bedeutete ihm, voranzugehen. Im Erdgeschoss allerdings entschuldigte er sich und ging davon, um sich noch mit seinem Schreiber zu besprechen.
Ingrey trat hinaus in die Dämmerung und drehte seine Runde um das Haus. Als er wieder zum Eingang gelangte, vertraute der Pförtner ihn einem anderen Diener an, der ihn zu einem Raum an der Rückseite des ersten Stockwerks geleitete. Das war nicht der herrschaftliche Speisesaal, der beinahe dem Sitz eines Grafen würdig gewesen wäre, sondern nur ein kleiner Salon mit Blick auf den Kräutergarten und die Stallungen. Die schmale Tür davor war wuchtig und würde jeden Laut dämpfen, wie Ingrey befand. Ein kleiner runder Tisch war für drei Personen gedeckt.
Ijada traf in Begleitung eines Dienstmädchens ein, das vor Ingrey knickste und wieder ging. Ijada trug ein Überkleid aus weizengelber Wolle über einem schlichten, hochgeschlossenen Leinenkleid. Es wirkte sittsam und mädchenhaft, obwohl Ingrey annahm, dass der Spitzenkragen in erster Linie die blaugrünen Male an ihrem Hals verdecken sollte. Wenzel folgte ihr fast auf dem Fuße. Er glänzte im hellen Kerzenlicht und hatte ebenfalls Gewänder angelegt, die weitaus prunkvoller waren als zur Reise. Und sauberer. Ingrey wünschte sich kurz, die eigenen Satteltaschen hätten ihm eine bessere Wahl als riecht nicht ganz so streng gelassen.
Auf Wenzels Geste hin besann Ingrey sich auf sein höfisches Benehmen und rückte Lady Ijada den Stuhl zurecht, dann auch Wenzel, ehe er selbst Platz nahm. Alle hielten gleichen Abstand voneinander und wirkten gleichermaßen angespannt. Diener, die anscheinend schon genaue Anweisungen erhalten hatten, eilten geschäftig herbei, stellten Platten voller Speisen ab und zogen sich dezent zurück. Das Essen war deftig und gut: Klöße, Bohnen, Bratäpfel, ein paar gefüllte Waldschnepfen, Soßen und würzende Kräuter sowie Karaffen mit drei Sorten Wein.
»Ah«, murmelte Wenzel und hob einen silbernen Deckel an, unter dem ein Schinken zum Vorschein kam. »Darf ich Euch bitten, den Schinken anzuschneiden, Lord Ingrey?«
Ijada blickte besorgt drein. Ingrey bedachte Wenzel mit einem schmallippigen Lächeln und tranchierte das Fleisch in dünne Scheiben. Dann verbarg er die Hände unter dem Tisch und zog die Ärmel wieder über die Verbände an den Handgelenken. Er wartete ab, in welche Richtung Wenzel das Gespräch nun lenken würde; dies hatte zur Folge, dass geraume Zeit überhaupt niemand sprach. Sie widmeten sich dem Essen. Schließlich meinte Wenzeclass="underline" »Ich habe nur Berichte aus zweiter Hand gehört über die tragischen Begebenheiten in Birkenhain, die Euren Vater das Leben kosteten und Euch … nun. Diese Gerüchte waren ziemlich wirr und gewiss auch lückenhaft. Wollt Ihr mir die ganze Geschichte erzählen?«