Die Vereinigung jiddischer Polizisten
- Автор: Чабон Майкл
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: dtv
- ISBN: 978-3-423-13793-5
- Переводчик: Andrea Fischer
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
Gerade als Landsman die Nachricht verkündet, kommt Baronshteyn zurück ins Zimmer geschlichen. Vom Objektiv seines Gesichts wurden wie mit einem weichen Tuch alle gefühlsbelasteten Abdrücke und Schmierflecken gewischt.
»So gut wie sicher«, sagt der Rebbe ein wenig stumpf, und nichts bewegt sich in seinem Gesicht außer dem Licht in seinen Augen. »Ich verstehe. So gut wie sicher. Hinweise auf dies und das.«
»Wir haben ein Foto«, sagt Landsman. Abermals holt er wie ein zorniger Zauberer Shpringers Polaroid des toten Juden aus 208 hervor. Er will es dem Rebbe hinüberreichen, doch dann lässt Rücksicht, ein unerwartetes Zittern von Mitleid, seine Hand innehalten.
»Vielleicht wäre es am besten«, sagt Baronshteyn, »wenn ich …«
»Nein«, sagt der Rebbe.
Er nimmt das Foto von Landsman entgegen und hält es sich mit beiden Händen sehr nah vors Gesicht, bis kurz vor den rechten Augapfel. Er ist lediglich kurzsichtig, aber etwas an dieser Geste ist vampirisch, so als versuche er, mit dem Fischmund seines Auges den Lebenssaft aus dem Foto zu saugen. Er ermisst es von oben bis unten und von einer Seite zur anderen. Sein Gesichtsausdruck bleibt unverändert. Dann lässt er das Bild in den Wirrwarr auf seinem Schreibtisch sinken und schnalzt mit der Zunge, einmal. Baronshteyn tritt vor, um ebenfalls einen Blick auf die Aufnahme zu werfen, aber der Rebbe winkt ihn mit den Worten fort: »Er ist es.«
Landsman beobachtet Baronshteyn, seine Instrumente sind auf höchste Empfindlichkeit gestellt, größte Blende, darauf ausgerichtet, auch noch die schwächste Strahlung von Bedauern oder Genugtuung zu erhaschen, die den einzigartigen Regungen auf dem Grunde von Baronshteyns Augen entfliehen mag. Und da ist es: Sie werden von einem kurzen Leuchtspurbogen von Partikeln erhellt. Doch was Landsman in dem Moment wahrnimmt, ist, zu seiner Überraschung, nur Enttäuschung. Kurz gleicht Aryeh Baronshteyn einem Mann, der sein Blatt nutzloser Karos betrachtet, weil er gerade ein Pikass gezogen hat. Er atmet kurz aus, ein halber Seufzer, und geht langsam zurück an sein Pult.
»Erschossen«, sagt der Rebbe.
»Ein Schuss«, sagt Landsman.
»Von wem, bitte?«
»Nu, das wissen wir nicht.«
»Zeugen?«
»Bisher nicht.«
»Motiv?«
Landsman verneint und wendet sich um Bestätigung an Berko, auch der schüttelt trübe den Kopf.
»Erschossen.« Der Rebbe schüttelt ebenfalls den Kopf, als staune er: Was soll man dazu sagen* Dann sagt er ohne erkennbare Änderung seiner Stimme oder seines Verhaltens: »Geht es Ihnen gut, Detective Shemets?«
»Ich kann nicht klagen, Rabbi Shpilman.«
»Frau und Kinder? Gesund und munter?«
»Könnte schlimmer sein.«
»Zwei Söhne, meine ich, einer noch ein Säugling.«
»Stimmt, wie immer.«
Die massigen Wangen beben billigend oder befriedigt. Der Rebbe murmelt einen traditionellen Segen für Berkos kleine Jungen. Dann treibt sein Blick in Landsmans Richtung, und als er ihn anschaut, durchfährt Landsman eine stechende Panik. Der Rebbe weiß alles. Er weiß von dem Mosaikchromosom und dem Jungen, den Landsman opferte, um seine mühsam erworbenen Illusionen über den Hang des Lebens, alles falsch zu machen, aufrechtzuerhalten. Und jetzt wird der Rebbe auch einen Segen für Django sprechen. Aber der Rebbe sagt nichts, und die Rädchen in der Verbover Uhr drehen sich weiter. Berko wirft einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr; Zeit zu gehen, nach Hause zu Kerzen und Wein. Zu seinen gesegneten Jungs, die schlimmer sein könnten. Zu Ester-Malke mit dem Brotzopf eines dritten Kindes im Leib. Berko und Landsman haben keinen Dispens, nach Sonnenuntergang hierbleiben zu dürfen, in einem Fall zu ermitteln, den es offiziell gar nicht mehr gibt. Kein Leben steht auf dem Spiel. Es gibt nichts zu tun, niemanden zu retten, weder die Jids im Zimmer noch den Jid, das arme Ding, der sie hergeführt hat.
»Rabbi Shpilman?«
»Ja, Detective Landsman?«
»Geht es Ihnen gut?«
»Sehe ich denn so aus, als ginge es mir gut, Detective Landsman?«
»Ich hatte erst jetzt die Ehre, Sie kennenzulernen«, sagt Landsman vorsichtig, mehr aus Rücksicht auf Berkos Feingefühl denn auf das des Rabbis oder seines Amtes. »Aber um ehrlich zu sein, sehen Sie ganz in Ordnung aus.«
»Auf verdächtige Art und Weise? Belastet mich das irgendwie?«
»Bitte, Rebbe, keine Scherze«, sagt Baronshteyn.
»Was das angeht«, sagt Landsman zum Rebbe, sein Sprachrohr ignorierend, »wage ich keine Einschätzung.«
»Mein Sohn ist für mich seit vielen Jahren tot, Detective. Seit vielen Jahren. Ich habe vor langer Zeit meine Kleidung zerrissen und das Kaddisch gesagt und eine Kerze für ihn entzündet.« Die Worte handeln von Zorn und Bitterkeit, aber die Tonlage des Rebbes ist atemberaubend frei von Emotionen. »Was Sie im Hotel Zamenhof gefunden haben — war es das Zamenhof? Was Sie da gefunden haben, wenn er es denn war, ist nur eine Hülle. Der Kern wurde schon vor langer Zeit herausgeschnitten und verdorben.«
»Eine Hülle«, sagt Landsman. »Verstehe.«
Er weiß, wie schwer es sein kann, einen Heroinabhängigen gezeugt zu haben. Diese Kühle hat er schon öfter erlebt. Aber irgendetwas an diesen Jids, die ihre Aufschläge zerreißen und für lebende Kinder Schiwa sitzen, wurmt ihn. Es kommt ihm vor, als verhöhnten sie die Lebenden und die Toten.
»Nun gut. Soweit ich gehört habe«, fährt er fort, »und ich behaupte bestimmt nicht, das zu verstehen, aber Ihr Sohn soll — als kleiner Junge —, da hat es gewisse, nun, Anzeichen gegeben oder … dass er vielleicht … ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe. Der Tzaddik ha-Dor, heißt das so? Dass er sich unter entsprechenden Bedingungen, wenn die Juden seiner Generation es wert sind, dass er sich dann zu erkennen gibt. Als, ähm, als Messias.«
»Das ist lächerlich, nu, Detective Landsman«, sagt der Rebbe. »Bei der Vorstellung müssen Sie selbst lächeln.«
»Überhaupt nicht«, sagt Landsman. »Aber wenn Ihr Sohn Messias war, dann sind wir wohl alle in Schwierigkeiten. Weil er nämlich in einer Schublade unten im Kühlkeller des Krankenhauses liegt.«
»Meyer!«, sagt Berko.
»Bei allem Respekt«, fügt Landsman hinzu.
Zuerst antwortet der Rebbe nicht, und als er schließlich spricht, tut er das mit merklicher Sorgfalt.
»Uns wird vom Baal Sehern Tow, gesegnet sei sein Gedenken, gelehrt, dass ein Mann mit dem Potenzial von Messias in jede Generation geboren wird«, sagt er. »Das ist der Tzaddik ha-Dor. Nun, Mendel. Mendele, Mendele.«
Er schließt die Augen. Vielleicht erinnert er sich. Vielleicht kämpft er gegen die Tränen. Er schlägt die Augen wieder auf. Sie sind trocken, und er erinnert sich.
»Als Kind hatte Mendel einen bemerkenswerten Charakter. Ich spreche nicht von Wundern. Wunder sind eine Last für einen Tzaddik, kein Beweis. Wunder beweisen nichts, nur solchen Menschen, die sich ihren Glauben billig erkaufen, Sir. Es war etwas in Mendele. Da war ein Feuer. Wir leben an einem kalten, düsteren Ort, meine Herren. An einem grauen, feuchten Ort. Doch von Mendele gingen Licht und Wärme aus. Man wollte in seiner Nähe sein. Um sich die Hände zu wärmen, das Eis am Bart schmelzen zu lassen. Um die Dunkelheit für ein, zwei Minuten zu vertreiben. Doch hinterher blieb man warm, und es schien einem, als sei ein wenig mehr Licht in der Welt, vielleicht das Licht einer Kerze. Und dann merkte man, dass das Feuer die ganze Zeit in einem selbst gewesen war. Und das war das Wunder. Nur das.« Er streicht sich über den Bart, zupft daran, als versuche er an etwas zu denken, das er vergessen haben mag. »Sonst nichts.«