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Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:

Mit Detective Meyer Landsman, Polizist im Morddezernat des jüdischen Distrikts Sitka in Alaska, geht es bergab: Seine Ehe ist am Ende, er trinkt, beruflich steckt er in einer Sackgasse. Und nun wurde in dem schäbigen Hotel, in dem er neuerdings wohnt, auch noch ein Mord begangen. Landsman soll ermitteln. Scheinbar eine reine Routinesache. Doch der Tote ist der drogensüchtige Sohn des Rabbis von Sitka, in dem man den Messias vermutete. Der Fall strotzt vor Ungereimtheiten. Als von oben die Anweisung kommt, den Fall unverzüglich zu den Akten zu legen, recherchiert Landsman auf eigene Faust und gerät bald in ein Wespennest aus politischen Intrigen und religiösem Wahn. Denn der Mord wurde in politisch brisanten Zeiten begangen: Sitka soll in Kürze seinen eigenständigen Status verlieren, den Bewohnern droht erneut Vertreibung und Heimatlosigkeit.
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
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»Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?«, fragt Berko.«

»Vor dreiundzwanzig Jahren«, sagt der Rebbe, ohne zu zögern. »Am 20. Ellul. Seitdem hat keiner in diesem Haus mehr mit ihm gesprochen oder ihn gesehen.«

»Nicht einmal seine Mutter?«

Die Frage überrascht alle, selbst Landsman, der sie gestellt hat.

»Nehmen Sie an, Detective Landsman, dass meine Frau jemals versuchen würde, meine Autorität in dieser oder einer anderen Sache zu untergraben?«

»Ich nehme alles an, Rabbi Shpilman«, sagt Landsman. »Ich will damit gar nichts sagen.«

»Sind Sie mit irgendwelchen Vorstellungen hergekommen«, sagt Baronshteyn, »wer Mendel umgebracht haben könnte?«

»Genau genommen —«, beginnt Landsman.

»Genau genommen«, unterbricht ihn der Verbover Rebbe. Er rupft ein Blatt Papier aus dem Chaos auf seinem Schreibtisch, Traktate, Bekanntmachungen und Bannsprüche, Geheimdokumente, Additionsmaschinenstreifen, Überwachungsprotokolle der Gewohnheiten von Zielpersonen. Mit einem kurzen Posaunenstoß bringt er das Blatt in einen Abstand, den er fokussieren kann. Das Fleisch seines rechten Arms schlackert im Weinschlauch seines Ärmels. »Genau genommen dürfen diese beiden Beamten der Mordkommission in dieser Sache überhaupt nicht ermitteln. Oder irre ich mich?«

Er legt das Blatt fort, und Landsman muss sich wundern, dass er in den Augen des Rebbes je etwas anderes sehen konnte als zehntausend Meilen gefrorenen Meeres. Landsman ist schockiert, wurde über Bord ins kalte Wasser geworfen. Um nicht unterzugehen, klammert er sich an den Ballast seines Zynismus. Kam der Befehl, den Lasker-Fall mit einem schwarzen Aktenreiter zu versehen, vielleicht direkt von Verbov Island? Hat Shpilman die ganze Zeit gewusst, dass sein Sohn tot ist, ermordet im Zimmer 208 des Hotel Zamenhof? Hat er den Mord selbst in Auftrag gegeben? Werden die Tätigkeiten und Anweisungen der Mordkommission von Sitka Central ihm routinemäßig zur Prüfung vorgelegt? Das alles wären interessante Fragen, wenn Landsman sich denn das Herz fassen und sie auch stellen könnte.

»Was hat er getan?«, sagt er schließlich. »Warum war er für Sie schon lange tot? Was wusste er? Und wo wir schon dabei sind: Was wissen Sie, Rebbe? Rabbi Baronshteyn? Ich weiß, dass eure Leute etwas laufen haben. Ich weiß nicht, was für einen Deal ihr ausgeknobelt habt, aber wenn ich mich auf eurer hübschen Insel umschaue, dann sehe ich, wenn Sie den Ausdruck entschuldigen, dass ihr ordentlich was an den Beinen habt.«

»Meyer!«, sagt Berko mit warnendem Unterton.

»Kommen Sie nie wieder her, Landsman«, sagt der Rebbe. »Belästigen Sie nie wieder jemanden aus diesem Haushalt und keinen der Menschen auf dieser Insel. Halten Sie sich fern von Zimbalist. Und halten Sie sich fern von mir. Wenn mir zu Ohren kommt, dass Sie auch nur einen meiner Leute gebeten haben, Ihnen Feuer zu geben, kassiere ich Sie und Ihre Dienstmarke ein. Ist das klar?«

»Bei allem Respekt —«, beginnt Landsman.

»In Ihrem Fall eine leere Phrase, Detective.«

»Abgesehen davon«, sagt Landsman, sich langsam erholend. »Wenn ich jedes Mal einen Dollar bekäme, wenn mich irgendein Schtarker mit Drüsenproblem von einem Fall abzuhalten versucht, Rabbi Shpilman, bei allem Respekt, dann müsste ich nicht hier sitzen und mir die Drohungen eines Mannes anhören, der nicht mal eine einzige Träne um den Sohn vergießen kann, dem er mit Sicherheit zu einem frühen Tod verhalf. Ob er nun vor dreiundzwanzig Jahren starb oder letzte Nacht.«

»Bitte verwechseln Sie mich nicht mit einem billigen Mobster von der Hirshbeyn Avenue«, sagt der Rebbe. »Ich drohe Ihnen nicht.«

»Nein? Was ist das sonst, eine Segnung?«

»Ich sehe Sie an, Detective Landsman. Ich begreife, dass Sie, genau wie mein Sohn, der arme Tropf, vom Heiligen Namen nicht mit dem großartigsten aller Väter versehen wurden.«

»Rav Haskel!«, ruft Baronshteyn.

Aber der Rabbi überhört seinen Gabbai und fährt fort, bevor Landsman fragen kann, was er sich einbildet, über den armen alten Isidor zu wissen.

»Ich begreife, dass Sie vielleicht einmal, wie Mendel, viel mehr waren, als Sie heute sind. Sie waren vielleicht mal ein guter Schammes. Aber ich bezweifle, dass Sie je als weiser Mann gegolten haben.«

»Ganz im Gegenteil«, sagt Landsman.

»Also. Glauben Sie mir bitte, wenn ich Ihnen sage, dass Sie eine andere Verwendung für die Zeit finden müssen, die Ihnen noch bleibt.«

In der Verbover Uhr hebt ein uraltes System aus Hämmerchen und Glocken zu einer noch älteren Melodie an, die in jedem jüdischen Heim und jedem Gebetshaus die Braut des Sabbats willkommen heißt.

»Die Zeit ist um«, sagt Baronshteyn. »Meine Herren?«

Die Polizisten stehen auf, und die Männer wünschen einander die Freude des Sabbats. Dann setzen die Beamten ihre Hüte auf und gehen zur Tür.

»Wir brauchen jemanden, der die Leiche identifiziert«, sagt Berko.

»Es sei denn, es ist Ihnen lieber, wenn wir ihn einfach draußen auf die Straße stellen«, sagt Landsman.

»Wir schicken morgen jemanden vorbei«, sagt der Rebbe. Er dreht sich in seinem Sessel um und wendet ihnen den Rücken zu. Er senkt den Kopf und greift nach zwei Spazierstöcken, die hinter ihm an einem Haken an der Wand hängen. Die Stöcke haben einen silbernen Knauf, goldgetrieben. Der Rebbe stößt sie in den Teppich und hievt sich mit dem Pfeifen eines uralten Mechanismus auf die Beine. »Wenn der Sabbat vorbei ist.«

Baronshteyn folgt ihnen die Treppe hinunter zu den Rudashevskys vor der Tür. Die Bodendielen des Arbeitszimmers über ihnen geben ein gequältes Knarren von sich. Die Männer hören das knappe Klopfen und das regentonnengleiche Schwappen der Rebbe’schen Schritte. Seine Familie wird sich im hinteren Teil des Hauses versammelt haben und auf ihn warten, damit er alle segnet.

Baronshteyn öffnet die Eingangstür des im ukrainischen Stil erbauten Hauses. Shmerl und Yossele treten in den Flur, Schnee auf den Hüten und Schultern, Schnee in den wintergrauen Augen. Die Brüder oder Cousins oder Cousinbrüder bilden zusammen mit dem Exemplar an der Treppe die Spitzen eines Dreiecks; eine dreifingrige Faust solider Rudashevskys um Landsman und Berko.

Baronshteyn schiebt sein schmales Gesicht an Landsman heran. Landsman verschließt seine Nasenlöcher gegen den Geruch von Tomatenkernen, Tabak und saurer Sahne. »Diese Insel ist klein«, sagt Baronshteyn. »Aber es gibt hier tausend Ecken, wo ein Nos, selbst ein hochdekorierter Schammes, sich verirren könnte. Seien Sie also vorsichtig, ja? Und einen schönen Sabbat Ihnen beiden.«

17.

Man sehe sich Landsman an: ein Hemdschoß hängt heraus, der schneebestäubte Filzhut ist nach links verrutscht, der Mantel baumelt an einem Daumen über der Schulter. Er klammert sich an einen himmelblauen Caféteria-Bon, als sei das der Riemen, der ihn auf den Füßen halte. Seine Wangen haben eine Rasur nötig. Sein Rücken macht ihn fertig. Aus Gründen, die er nicht versteht — oder vielleicht ohne Grund —, hat er seit halb zehn am Morgen keinen Alkohol mehr getrunken. In der verchromten, gekachelten Trostlosigkeit der Kafeteria Polar-Shtern um neun Uhr am Freitagabend ist er während eines Schneesturms der einsamste Jude im Distrikt Sitka. Er spürt, dass etwas Dunkles, Unwiderstehliches in ihm das Gewicht verlagert; hundert Tonnen schwarzer Erde auf einem Berghang schürzen die Röcke, um nach unten zu rutschen. Bei dem Gedanken an Essen, und sei es nur der Goldbarren von Nudelauflauf, das Kronjuwel der Kafeteria Polar-Shtern, wird Landsman übel. Doch er hat den ganzen Tag noch nichts gegessen.

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