Im Auftrag Seiner Majestät
- Автор: Май Карл
- Год: 1983
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Im Auftrag Seiner Majestät». Краткое содержание книги:
Als die Wagen herangerollt kamen, blieb der Mann stehen, um sie vorüberzulassen. Seine Lieder hoben sich langsam, und seine Augen blickten gleichgültig unter ihnen hervor. Kaum aber war ihr Blick auf die Insassen des ersten gefallen, so belebte er sich in auffälligster Weise. Die Augen nahmen den Glanz glühender Kohlen an und schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Im nächsten Augenblick hatte sich der Mann jedoch beherrscht. Er lehnte sich an einen der Chausseebäume und ließ, als der Wagen im Begriff stand, vorüberzufahren, ein halblautes, eigentümliches Zischen hören.
Sofort bäumten sich die Pferde und waren durch keine Anstrengung des Kutschers von der Stelle zu bringen. Er gebrauchte die Peitsche; er schnalzte mit der Zunge; er bat mit zuredenden Worten, vergeblich. Der Fremde stand dabei und richtete seinen halbverschleierten Blick scharf auf den alten Kapitän. Dieser wandte sich mit einer drohenden Handbewegung zu ihm und rief ihm zu:
„Kerl, siehst du nicht, daß die Pferde vor dir scheuen! Pack dich fort!“
„Scheuen?“ fragte der Mann mit tiefer Stimme. „Vor mir hat noch nie ein Pferd gescheut; aber alle Pferde gehorchen meinem Wink. Wem gehört dieser Wagen?“
„Was geht das dich an, Vagabund? Ich sage dir, pack dich, sonst lasse ich dich vom Kutscher von der Straße peitschen!“
„Ich fürchte ihn nicht!“ antwortete der Fremde ruhig. „Wenn ich erfahren haben werde, wohin die Wagen gehören, werde ich den Pferden befehlen, zu gehorchen, und dann könnt Ihr weiterfahren, eher aber nicht!“
Der alte Kapitän zuckte höhnisch die Achsel und gebot dem Kutscher, die Fahrt fortzusetzen, aber dieser war nicht imstande, dem Befehl zu gehorchen. Die Pferde wichen trotz aller seiner Bemühungen nicht von der Stelle.
„Es geht nicht, gnädiger Herr“, klagte er. „Der Teufel muß in die Pferde gefahren sein, oder der Kerl dort versteht zu hexen. Wenn ich Gewalt brauche, so brechen sie mir die Deichsel ab.“
Der Graf hatte bis jetzt die Szene ruhig beobachtet. Jetzt wandte er sich nach dem hinteren Wagen, in welchem seine beiden Diener saßen:
„Schafft den Menschen fort, daß die Pferde ihn nicht mehr sehen!“ gebot er jenen.
Die Domestiken stiegen aus und traten drohend auf den Fremden zu. Sie geboten ihm, zu weichen, und als er nicht gehorchte, streckten sie die Hände nach ihm aus. Aber in demselben Augenblick wichen sie im höchsten Grad erschreckt zurück, denn der Fremde hatte seinen Ledersack ein wenig geöffnet und aus demselben schossen drei riesige Brillenschlangen hervor. Diese Tiere schlangen ihre Schwänze um den langen, nackten Hals ihres Herrn und fuhren mit ihren Leibern, wie um ihn zu verteidigen, mit blitzesähnlicher Schnelligkeit in der Luft herum. Die Leute hatten wohl noch nie eine Brillenschlange gesehen, aber deren Beschreibung oft gelesen; sie wußten also, daß sie es hier mit den giftigsten Reptilien der Welt zu tun hatten. Beide sprangen schleunigst zurück und wagten nicht wieder, sich dem Fremden zu nähern.
Dieser erhob die Hand, um seine Schlangen zärtlich zu streicheln, und sagte:
„Wer mich angreifen will, der komme! Es gehorchen mir alle Tiere des Waldes und des Feldes, auch den Rossen bin ich ein Gebieter. Die Pferde werden nicht eher diese Stelle verlassen, als bis ich es ihnen erlaube. Wem gehören diese Wagen?“
Die Herren, welche im ersten Wagen saßen, konnten es mit ihrer Würde nicht vereinbaren, daß dieser Mann unangreifbar sei.
Der Kutscher riß sie aus ihrer Verlegenheit.
„Die Wagen gehören nach Ortry“, antwortete er.
„Nach Ortry?“ wiederholte der Schlangenbändiger. „Gut; fahrt weiter!“
Er stieß einen leisen, seltsam klingenden Pfiff aus. Sofort zogen die Pferde an und rannten im Galopp davon, so daß der Kutscher sich alle Mühe geben mußte, ihrer Herr zu bleiben. Der Fremde blickte den Dahinfahrenden nach, solange er sie zu sehen vermochte, dann wendete er sein Gesicht nach Osten. Seine Augen öffneten sich weit; seine Knie beugten sich zur Erde, seine Arme kreuzten sich über der Brust, und er rief:
„Allah il Allah! Dein Name ist der einzige, und deine Macht ist unendlich. Sei gelobt, daß ich ihn wiedergesehen habe, den Räuber, den Mörder unseres Stammes! Sei gelobt, daß ich gefunden habe die erste Spur von Liama, der Tochter unserer Zelte. Ich gelobe bei dir und allen heiligen Kalifen, sie zu befreien, oder, wenn sie tot sein sollte, zu rächen, wie noch kein Kind der Wüste gerächt worden ist!“
Zu den Franzosen hatte er im Dialekt des südlichen Frankreichs gesprochen, jetzt aber verrichtete er sein Gebet in arabischer Sprache. So am Boden kniend und von den Schlangen umzüngelt, bot er einen höchst fremdartigen, wilden Anblick dar.
Jäh erhob er sich wieder von der Erde, steckt die Schlangen in den Sack zurück und setzte seinen Weg fort, ganz denselben Weg, welchen auch die Wagen verfolgt hatten. Im nächsten Dorf angekommen, kehrte er im Wirtshaus ein. Er fand nur einen alten Mann zu Hause, der ihm den bestellten Trunk reichte, die sonderbare Gestalt mit neugierigem Blick betrachtete und fragte:
„Sie sind jedenfalls nicht im Norden Frankreichs geboren?“
„Nein“, lautete die Antwort. „Ich ward geboren im Sonnenbrand des Südens.“
„Was treiben Sie hier, oder womit handeln Sie?“
„Man nennt mich Abu Hassan, den Zauberer. Ich habe die Geheimnisse der Geister studiert und mir alle Geschöpfe Untertan gemacht.“
„Ah, ein Gaukler“, lächelte der Wirt. „Wo wollen Sie Ihre Künste zeigen?“
„In Ortry.“
„Oh, da werden Sie schlechte Geschäfte machen!“
„Warum?“
„Zu den Arbeitern, die sich wohl eine solche Kurzweil wünschen möchten, darf kein Fremder, und im Schloß gibt es Leute, welche mehr gesehen haben als die Kunststücke, welche Sie produzieren werden.“
„Abu Hassan kann mehr als andere“, meinte der Fremde. „Wer wohnt auf dem Schloß?“
„Der Baron de Sainte-Marie.“
Hassan schüttelte leise den Kopf, als sei er mit dieser Antwort noch nicht zufrieden.
„Wer noch?“
„Sein Weib und seine zwei Kinder.“
„Wie alt ist der Baron?“
„Vielleicht fünfzig Jahre.“
Hassan schüttelte abermals den Kopf und fragte weiter:
„Wohnt ein Mann dort mit großem, grauem Schnurrbart?“
„Ja; der Vater des Barons.“
„Wie heißt er?“
„Eigentlich sollte man meinen, daß er auch Sainte-Marie heißt; dies ist aber nicht der Fall, denn der Baron ist erst vor Jahren geadelt worden und hat seinen jetzigen Namen vom Kaiser empfangen. Er hieß vorher Richemonte, und so heißt der Alte noch.“
Hassan horchte auf. Seine Augen aber versteckten sich womöglich noch tiefer unter die Lider als vorher, und er gab sich Mühe, im gleichgültigsten Ton zu fragen:
„War dieser Alte Soldat?“
„Ja. Er hat unter dem großen Kaiser gefochten und soll auch unter Kabylen gewesen sein, als was, das weiß ich nicht.“
„Hat der Alte ein Weib gehabt?“
„Natürlich, da der Baron sein Sohn ist.“
„War dieses Weib Französin?“
„Das läßt sich denken; aber ich habe sie nicht gekannt, da die Sainte-Maries erst seit einigen Jahren hier wohnen. Die Frau des Alten muß seit langer Zeit bereits tot sein.“
„Haben Sie niemals etwas von einem Weib gehört, welches Liama hieß?“
„Liama?“ fragte der Wirt rasch. „Das war die erste Frau des Barons.“
„Des Barons? War der Baron auch in der Kabylie?“
„Das weiß ich nicht. Aber seine erste Frau hieß Liama und ist eine Heidin gewesen. Ihr Grab liegt tief im Wald beim alten Turm, und ihre Tochter lebt noch.“
Die Augen des Fremden schossen einen übermächtigen Strahl der Freude unter den Lidern hervor, doch im nächsten Augenblick erklang im ruhigsten Ton die Frage:
„Eine Tochter hat jene hinterlassen? Wie heißt sie?“