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Im Auftrag Seiner Majestät

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Im Auftrag Seiner Majestät
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Müller sagte die Wahrheit. Es tat ihm in diesem Augenblick herzlich wohl, in solcher Weise von der fern Weilenden sprechen zu können. Haller machte ein erfreutes Gesicht und sagte mit jenem Lächeln, welches unter jungen Herren so vielsagend ist:

„Ein Grund mehr, die Bekanntschaft des Rittmeisters zu machen. Ich bin Ihnen herzlich dankbar für die Auskunft, die Sie mir erteilt haben!“

„Und ich bedaure sehr, nicht imstande gewesen zu sein, Ihnen mehr zu sagen. Ich will Ihnen gern wünschen, daß Sie sich nicht enttäuscht sehen mögen.“

Er verbeugte sich höflich und ging dem Park zu. Diese Begegnung gab ihm zu denken. War dieser Maler wirklich ein Deutscher? War er überhaupt ein Maler? Er war mit Rallion, dem größten Feind Deutschlands, gekommen, und zwar aus Metz, dem militärischen Ameisenhaufen. Warum wollte er als Maler in Berlin gerade Müllers Bekanntschaft machen, das heißt also, die des Rittmeisters von Königsau? Warum die Lüge, daß Graf Rallion Königsau kenne? Und wenn dieser Haller kein Maler sondern Offizier war, so hieß er jedenfalls auch anders und ging in einer geheimen Mission nach Berlin. In diesem Falle –

Müller wurde gerade jetzt aus seinem Nachdenken aufgestört, denn eine liebliche Stimme erklang:

„Bon jour, monsieur le docteur! Haben Sie Baronesse Marion nicht gesehen?“

Er blickte auf. Nanon stand seitwärts von ihm. Sie trug ihr lichtes Kleid hoch aufgeschürzt, wie zu einem langen Gang durch Wald und Feld, und ihr volles, freundliches Gesichtchen wurde von einem breitrandigen Gartenhut beschattet. Ihr Haar hing in zwei dicken, blonden Zöpfen über den Rücken herab. Als sie so hinter dem Fliederstrauch hervorlugte, hatte sie ganz das Aussehen einer neckischen Elfe, welche von ihrer Königin die Erlaubnis erhalten hat, sich einmal an dem fröhlichen, glücklichen Menschenleben zu beteiligen.

„Leider nein, Mademoiselle“, antwortete er.

„Sie soll mit Alexander in den Park gegangen sein. Ich suche sie.“

„Vielleicht ist sie nach dem alten Turm.“

Sie sah ihn mit fragender Bitte an. Vielleicht wäre es geraten gewesen, sie zu begleiten, um ihr den Turm zu zeigen; aber der Doktor war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um darüber nachzudenken, ob er als Erzieher die Verpflichtung habe, auch in diesem Fall galant zu sein. Nanon bemerkte dies, warf mit einem trotzigen Schmollen das Köpfchen zurück und antwortete:

„Ich danke Ihnen. Vielleicht finde ich den Turm.“

Damit schritt sie fort, dem Wald entgegen. Dort dufteten bereits die Maien, und zahllose Blüten hingen an den Sträuchern. Sie schlüpfte von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch; bald hatte sie einen Vogel, bald einen Käfer, bald einen früh erwachten Schmetterling zu beobachten. Immer tiefer und tiefer drang sie in den Wald, bis sie endlich nicht mehr weiterkonnte.

„Mon dieu, was ist denn das?“ fragte sie. „Ich glaube gar, hier ist der Weg alle!“ Sie wendete sich um und fügte erschrocken hinzu: „Ach, der scheint ja schon längst alle geworden zu sein! Wo bin ich? Wo ist das Schloß? Und wo ist der alte Turm, den ich suche? Ich habe mich ganz und gar verlaufen!“

So war es allerdings – sie hatte sich verlaufen. Sie suchte nun nach dem richtigen Weg; aber sie fand nicht nur nicht den richtigen, sondern überhaupt keinen Weg. Sie ging immer weiter und weiter und verirrte sich immer mehr. Sie ward müde und setzte sich nieder, um auszuruhen, bis sie bemerkte, daß sie keine Zeit versäumen dürfe. Sie brach also wieder auf und suchte von neuem. Endlich fand sie einen schmalen Pfad, aber er verlief sich im Wald, als sie ihm folgte. Sie kehrte zurück und gelangte an einen Kreuzweg. Sie wandte sich nach rechts, ging eine Viertelstunde lang und mußte dann zu ihrem Herzeleid sehen, daß auch dieser Weg zwischen Sträuchern und Büschen ein Ende nahm.

Nun wurde es ihr angst. Sie kehrte abermals um und begann zu rufen. Aber niemand antwortete; sie befand sich allein, ganz allein im tiefen Wald.

„Daran ist nur dieser Monsieur Müller schuld!“ rief sie fast weinend. „Warum sind doch die Deutschen nicht so galant wie die Franzosen? Sie sind doch in jeder anderen Hinsicht viel besser als diese!“

Und immer weiter ging sie, und immer lauter rief sie. Da horch! War das wirklich eine menschliche Stimme? Nanon rief abermals und blieb stehen, um zu horchen. Ja, aus weiter Ferne drang eine Antwort herüber. Die Verirrte rief wiederholt, und die Antwort kam immer näher, bis endlich ein Mann durch die Büsche brach. Er hatte eine dunkle Hose und eine blaue Bluse an und trug einen großen Sack auf der Schulter – es war Fritz.

Als Nanon ihn erblickte, schlug sie vor Freude die Händchen zusammen und rief:

„Ah, welch ein Glück, Monsieur – Monsieur – wie war gleich ihr Name?“

„Guten Tag, gnädiges Fräulein!“ grüßte er höflich, indem er den Hut vom Kopf nahm. „Schneeberg, Friedrich Schneeberg heiße ich. Aber wie kommen Sie so tief in den Wald?“

„Ich bin in die Irre gegangen“, antwortete sie. „Wollen Sie nicht mein Retter sein – zum zweiten Mal, lieber Monsieur Schneeberg?“

„Oh, wie gern, Mademoiselle!“ rief er. „Ich wollte, ich dürfte Sie hundertmal, nein, tausendmal retten, oder doch wenigstens alle Tage einige Male!“

„Das wäre denn doch zu viel verlangt“, lachte sie, ganz erfreut, daß gerade dieser gute brave Mensch sie gefunden hatte. Sie war ja mit ihm in Marions und des Doktor Bertrands Gesellschaft von der Mosel bis hierher gereist und hatte da trotz der kurzen Zeit Gelegenheit gehabt, die treue Seele kennenzulernen. „Ist es weit nach dem alten Turm?“ fragte sie.

„Man müßte eine volle Stunde gehen“, antwortete er.

„Und nach dem Schloß?“

„Geradeso weit, Mademoiselle.“

„Ach, das kann ich nicht mehr erlaufen!“ klagte sie. „Ich bin so ermüdet; ich muß mich vorher ausruhen.“

Ihr Blick suchte nach einem passenden Plätzchen. Da warf Fritz den Sack zu Boden und sagte:

„Hier ist ein Fauteuil, wie es weicher gar nicht sein kann, Mademoiselle.“

„Dieser Sack? Was ist darin?“

„Kostbare Pflanzen“, antwortete er mit komischer Wichtigkeit. „Sie haben wohl gehört, daß ich bei Doktor Bertrand als Pflanzensammler engagiert bin.“

„Allerdings, ich erinnere mich. Sind Sie denn ein solch guter Botaniker?“

„Das versteht sich!“ lachte er. „Salomo kannte bloß den Ysop und die Zeder, ich aber kenne einige Pflanzen mehr.“

„Wenn aber diese Pflanzen einen medizinischen Zweck haben, darf ich mich doch unmöglich auf sie setzen!“

„Warum nicht, Mademoiselle? Der Medizin tut dies nicht den geringsten Schaden. Der Sack steckt voll Preiselbeerkraut, Scharfgarbe, Weidenblätter und Huflattich. Einen sehr guten Tee wird das freilich nicht geben, aber ein desto besseres Polster. Setzen Sie sich getrost darauf. Es wächst noch eine ganze Masse solches Zeug im Wald.“

„Nun wohl, so muß ich Ihnen den Willen tun“, sagte sie.

Sie ließ sich auf den weichen Sack nieder, und zwar mit einer so natürlichen Grazie und Anmut, daß die wirklich ganz das Aussehen einer Elfe hatte. Der Hut hing ihr am Band im Nacken; er war ihr hinabgerutscht, und nun blickte das liebliche Gesichtchen mit den blauen Augen so freundlich zu ihm empor, daß es ihm heiß um das Herz wurde. Er hätte sich tausend und abertausend Martern unterworfen, um ihr die kleinste Freude zu bereiten.

„Aber nun müssen Sie sich auch setzen, mein lieber Monsieur Schneeberg“, sagte sie.

Er gehorchte und suchte sich einen Ort aus, fern von dem ihrigen.

„Nein, nicht dort“, sagte sie, „sondern hier in meiner Nähe, ganz hier.“

Sie deutete gerade dort hin, wo ihre kleinen, kinderniedlichen Stiefeletten unter dem Saum ihres Gewandes hervorlugten. Fritz wagte keinen Widerspruch und folgte gehorsam ihrer Weisung. Ihr Auge beobachtete dabei seine Bewegungen. Er war ein gewandter Unteroffizier und hatte sich bei der Eskadron die Beine noch lange nicht steif geritten. Seine volle, kräftige, wohl proportionierte Gestalt schmiegte sich behaglich in das grüne Moos, und als er sich da bequem ausstreckte, überflog sie ihn mit einem Blick, dem man ein schwer unterdrücktes Wohlbehagen anerkennen konnte.

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