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Im Auftrag Seiner Majestät

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Im Auftrag Seiner Majestät
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Sie schieden. In nicht allzu großer Ferne lagen die Häuser eines Dorfes, nach welchem Fritz seine eiligen Schritte lenkte. Müller aber schlug die Richtung ein, aus welcher sie gekommen waren, da der Turm in fast gerader Linie nach dem Schloß lag und ihm also wirklich den gelegentlichsten Schutz vor dem Gewitter bot.

Der Sturm begann die Bäume zu erfassen. Die Wipfel rauschten und prasselten unter seinem gewaltigen Druck. Ein helles, scharfes Heulen pfiff schneidend durch die Luft; es lagerte sich ringsum eine dichte Dunkelheit, die nur von dem Leuchten des Blitzes erhellt wurde. Ein fürchterlicher Donnerschlag machte die Erde erzittern, und dann war es, als habe dieser Schlag alle Wolken geöffnet.

Glücklicherweise war Müller bereits in der Nähe des Turms angekommen. Er eilte zwischen den Felsen hindurch, trat ein und – wäre beinahe erschrocken zurückgewichen, denn vor ihm stand, von einem soeben niederfahrenden Blitz hell beleuchtet – Baronesse Marion.

„Entschuldigung, gnädiges Fräulein!“ sagte er. „Ich wußte nicht, daß sich jemand hier befindet.“

Sie konnten einander nicht erkennen. Das Dunkel des Wetters war hier im Turm doppelt bemerklich. Marion antwortete:

„Und auch ich glaubte, allein zu sein. Übrigens haben Sie sich nicht zu entschuldigen. Der Wald steht einem jeden offen.“

„Auch dieses Gebäude, Mademoiselle?“

„Gewiß. Warum sollen Sie nicht Schutz hier suchen dürfen, geradeso wie ich? Sie sind naß geworden?“

„Nicht so, daß es wert sei, es zu erwähnen.“

„Auch ich bin trocken geblieben; der Turm war ja ganz in der Nähe.“

Er ahnte, daß sie an dem Grab gewesen sei. Wie lieb mußte sie ihre Mutter haben! Die erste Stunde nach der Rückkehr galt der Ruhestätte der Toten.

„Sie waren allein im Wald?“ fragte er.

„Ja“, antwortete sie. „Aber der Regen wird wohl anhaltend sein; es scheint geraten, es uns so bequem wie möglich zu machen.“

Sein Auge hatte sich jetzt an die Dunkelheit gewöhnt, und so bemerkte er, daß sie das Tuch, welches sie um ihre Schultern trug, abnahm und auf eine Treppenstufe legte, um sich daraufzusetzen. Er blieb in ihrer Nähe stehen, indem er sich an die Mauer lehnte.

Draußen blitzte, donnerte und regnete es fort. Die beiden Menschen im Inneren des alten, verrufenen Turms beobachtete ein tiefes Schweigen, bis Marion endlich sagte:

„Es scheint, daß wir bestimmt sind, uns nur immer bei Sturm und Wetter zu begegnen. Das jetzige Gewitter ist allerdings nicht ganz so fürchterlich wie jenes, welches uns auf der Mosel traf.“

Was sollte er antworten? Er schwieg. Auch sie zögerte, fortzufahren, und erst nach einer längeren Pause sagte sie:

„Warum verschwanden Sie so schnell von dem Meierhof?“

„Da ich Sie unter sicherem Schutz wußte, hatte ich keinen Grund, zu bleiben“, antwortete er.

Seine Worte hatten einen eigentümlichen Klang, aus welchem deutlich die Absicht einer Beziehung zu hören war, die sie nicht sogleich zu erraten vermochte. Sie gab sich weiter keine Mühe, nachzudenken, sondern fuhr fort:

„Ich fand damals nicht Gelegenheit, Ihnen Dank zu sagen. Erlauben Sie, daß ich dies jetzt nachhole, Herr Doktor!“

Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, diese schöne Hand, welche von einer solchen Weiße war, daß er sie trotz des herrschenden Dunkels ganz deutlich sehen konnte. Er legte seine Hand um ihre weichen, warmen Finger; er fühlte einen kräftigen Druck; sie zog die Hand nicht sogleich wieder zurück, sondern duldete seinen leisen Gegendruck; es war, als ob ein himmlisches Fluidum aus ihrer Hand in die seinige überströme und durch seinen ganzen Körper gehe; es war ihr, als ob die dumpfe Luft des Turms ganz plötzlich mit erquickendem Balsam geschwängert sei, er fühlte deutlich, daß sein Arm und seine Hand vor Wonne zitterten. Seine Finger legten sich, trotz aller Anstrengung, sich zu beherrschen, nochmals innig um die ihrigen – aber da zog sie schnell ihre Hand zurück. Zürnte sie ihm? Nein; denn im Ton ihrer Stimme lag nicht der leiseste Vorwurf, als sie jetzt sagte:

„Ich erkundigte mich natürlich nach Ihnen, konnte aber leider nicht erfahren, wer Sie sind. Zwar schien es mir, als seien Sie dem Doktor Bertrand nicht ganz unbekannt, doch war derselbe sehr wortkarg. Um so mehr war ich heute verwundert, Sie als Gouverneur meines Bruders auf Schloß Ortry zu sehen. Kannten Sie mich bereits auf dem Schiff?“

„Ja“, antwortete er, da es ihm unmöglich war, hier eine Unwahrheit zu sagen.

„Warum ließen Sie mich nicht wissen, daß wir uns wiedersehen würden?“

„Es gab keine Gelegenheit“, versuchte er sich zu entschuldigen.

„Das mag sein“, antwortete sie mit heller Stimme. „Um so mehr freut es mich, Sie bei uns zu wissen. Ich kann natürlich noch nicht fragen, ob es Ihnen bei uns gefällt, denn Sie sind zu kurze Zeit hier; aber ich bitte Sie dringend, Kleinigkeiten zu überwinden, um der Liebe willen, welche Sie sich bei Alexander bereits erworben haben. Er hat mir mit wirklicher Begeisterung von der Probe erzählt, welcher Sie von Seiten meines Großpapas unterworfen wurden, und dieser letztere selbst gestand mir ein, daß Sie ein ausgezeichneter Fechter, Schütze und Reiter seien. Darum wundert es mich doppelt, daß – daß –“

Sie hielt inne, und darum sagte Müller nach einem Weilchen:

„Bitte, fahren Sie fort, gnädiges Fräulein!“

Sie folgte seiner Aufforderung, indem sie erklärte:

„Es wundert mich, daß Ihnen eine Fertigkeit fremd ist, welche fast jeder Mann besitzt.“

„Welche?“

„Diejenige des Billardspiels. Oberst Rallion erzählte nach Tisch eine Begebenheit, welche dies zu beweisen scheint. Übrigens“, fuhr sie mit erhobener Stimme fort, „sagen Sie mir doch einmal aufrichtig, warum Sie die Beleidigung dieses Herrn so ruhig hinnahmen!“

Wäre es lichter gewesen, so hätte sie sehen können, daß ein eigentümliches Wetterleuchten über sein Gesicht ging. Er antwortete:

„Darf ich bitten, mir die Antwort zu erlassen?“

„Warum?“ sagte sie rasch. „Fürchten Sie sich vor ihm?“

Er schwieg. Sie sah, daß er langsam unter die Tür des Turms trat, obgleich der Sturm die schweren Regentropfen hereintrieb. Sie erkannte, daß er eine mächtige, innerliche Empfindung unterdrücken müsse, ehe er ihr antwortete. So blieb er lange stehen. Der Donner rollte fort; der Orkan heulte; Müller wurde vollständig durchnäßt und schien es doch nicht zu bemerken. Da wurde ihr fast ängstlich zumute; sie erhob sich, berührte seinen Arm und fragte:

„Warum antworten Sie mir nicht?“

Jetzt endlich drehte er sich um; sie fühlte, daß er ihre Hand von sich schüttelte; dann sagte er:

„Weil in Ihren Worten eine größere Beleidigung lag, als in denen des Obersten. Aber, pah, ich bin ja nur ein simpler Hauslehrer, welcher sein Salär bezieht!“

„Sie irren, Herr Doktor. Ich wollte Sie nicht beleidigen“, erklärte sie hastig mit tiefer Stimme. „Sie sind mein Retter und auch der Retter meines Bruders; wie sollte ich Sie kränken wollen! Übrigens stehen wir uns vollständig gleichwertig gegenüber. Nur der Zufall ließ mich von Adel sein; Sie aber haben Ihre Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen Ihrem Fleiß zu verdanken. Der Bruder soll von Ihnen lernen; sagen Sie selbst, ob dies Ihren Wert für uns vermindern oder vergrößern muß!“

Sie hatte ihm dringlichsten Ton gesprochen; Müller mußte fühlen, daß ihr sehr daran lag, von ihm nicht falsch beurteilt zu werden. Das erfüllte ihn mit Seligkeit. Sie fügte hinzu:

„Ich hatte keinen Grund zu meiner Frage, als den, Ihnen anzudeuten, daß ich mich gefreut hätte, Sie auch dem Obersten gegenüber als Mann zu sehen, als welchen ich Sie kennenlernte. Als ich mich in Gefahr befand, war er nur auf seine eigene Rettung bedacht. Als er den kleinlichen Mut hatte, Sie zu beleidigen, gingen Sie schweigsam fort. Sagen Sie selbst, ob mir dies nicht auffallen muß!“

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