Im Auftrag Seiner Majestät
- Автор: Май Карл
- Год: 1983
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Im Auftrag Seiner Majestät». Краткое содержание книги:
„So, nun wollen wir ruhen und plaudern“, meinte sie, „aber wovon? Ah, da fällt mir gleich etwas ein, was ich Sie fragen wollte! Wenn ich nur nicht denken müßte, daß Sie mir es übel nehmen möchten.“
Er blickte sie mit dem ungeheucheltsten Erstaunen an und fragte:
„Ich Ihnen etwas übel nehmen? In meinem ganzen Leben nicht.“
„Nun wohl, so will ich Sie bitten, mir zu sagen, wie Ihre Familie zu dem Namen Schneeberg gekommen ist? Das ist für eine französische Zunge so schwer auszusprechen; das klingt so kalt, so eisig, daß man dabei frieren möchte. Stammen Sie etwa aus Sibirien?“
„Meine Familie?“ sagte er in einem schwermütigen Ton. „Ich habe keine Familie; ich habe weder Vater noch Mutter.“
„Auch nicht einen Bruder oder eine Schwester, Monsieur Schneeberg?“
„Auch nicht, Mademoiselle.“
„So sind sie alle gestorben? Oh, das ist ja traurig, sehr traurig!“
„Ob sie gestorben sind, das weiß ich nicht. Ich bin ein Findelkind gewesen.“
„Ein enfant trouvé, ein Findelkind?“ sagte sie, und sogleich trat auch ein mitleidiger Tropfen in ihr schönes, liebes Auge. „Sie armer Monsieur Schneeberg. Wie ist dies denn zugegangen?“
„Das will ich Ihnen sagen: Da wohnte ein armer Holzhacker zwischen den Bergen, der hatte eine Frau und sechs Kinder, aber nicht genug zu essen für sie alle; der wanderte eines Tages vom Gebirge hinab in die Stadt, um für seinen letzten Gulden Brot für die Seinen zu holen. Als er spät in der Nacht zurückkam, brachte er das Brot und dazu einen kleinen Jungen, den er auf der einsamen Straße bei einer hohen Schneewehe wimmern gehört hatte. Das war ich. Er machte Anzeige, aber es fand sich niemand ein, mich zu reklamieren. Der Holzhacker war ein braver Mann und behielt mich. Weil man nicht wußte, ob ich getauft worden sei, taufte man mich, und ich erhielt, da ich bei einem Berg von Schnee gelegen hatte, den Namen Schneeberg. Mein Pflegevater starb, seine Frau folgte ihm kurze Zeit darauf nach, und ich kam mit den anderen Kindern in das Armenhaus. Dort bin ich aufgewachsen, ohne Liebe, ohne alles, was ein Kind glücklich macht. Ich habe in meinem Leben nur einen einzigen Menschen gefunden, der mir Liebe und Güte erwiesen hat.“
„Wer war das?“
„Mein Rittmeister.“
„Ah, Sie waren Soldat?“
„Ja, Kavallerist.“
„Aber welchen Beruf hatten Sie vorher erlernt?“
„Oh, ich könnte etwas vornehmer tun und sagen, daß ich Friseur gewesen sei; aber ich werde ehrlich sein und eingestehen, daß ich zuerst zu einem Barbier in die Lehre gegangen bin und erst später gelernt habe, Haartouren herzustellen.“ Und mit einem trüben Lächeln setzte er hinzu: „Sie sehen, Mademoiselle, daß ich nichts, fast gar nichts bin in der menschlichen Gesellschaft.“
Da bückte Nanon ihn beinahe zornig an und sagte:
„Wo denken Sie hin, Monsieur! Sie mit Ihrem Mut, Ihrem braven Herzen, Ihrem weichen, sanften Gemüt wären unnütz: Sie haben mir das Leben gerettet! Sie haben mich auf Ihren Armen aus den Fluten getragen; das ist gerade genug getan für ein ganzes Leben. Millionen leben und sterben, ohne daß ihnen ein Mensch das Leben, ja nur eine einzige Stunde seines Lebens verdankt. Eigentlich ist mein Leben Ihr wohlerworbenes Eigentum, und wenn Sie darauf einen Anspruch machen, so bin ich Ihnen einen Dank schuldig, welcher so groß ist, daß ich ihn gar nicht abtragen kann. Sie fühlen jedenfalls Befähigung zu etwas Größerem in sich, als Sie jetzt sind. Wer sagt Ihnen denn, daß Sie kein höheres Ziel erreichen werden?“
Sie hatte sich in einen solchen Eifer hineingeredet, daß ihre Augen blitzten und ihre Wangen glühten. Es war ihr ein Herzensbedürfnis, ihn zu überzeugen, daß er mehr wert sei, als er selbst denke. Dabei war sie in Bewegung gekommen und hatte bei jedem Wort, welches sie betonte, den Nachdruck dadurch zu verstärken gesucht, daß sie ihr Gegenüber mit der Spitze ihres Fußes an die Achsel stieß. Daß dabei nicht nur ihre Stiefelette, sondern auch ein kleiner Teil ihres feinen, weißen Strumpfes frei vom Gewand erscheinen mußte, darauf hatte sie gar nicht geachtet.
Auf dieser weißen Stelle hafteten Fritzens Augen; aber es war kein unheiliger Gedanke, der ihn dabei beschlich, Nanon kam ihm vor wie ein höheres Wesen, wie eine Schöpfung von so unerreichbarer Schönheit, daß er froh sein müsse, den Klang ihrer silbernen Stimme hören und in die Tiefe ihres klaren, reinen Auges schauen zu dürfen.
Er legte die Hand auf sein klopfendes Herz, schloß die Augen und sagte:
„Sie haben recht. Zanken Sie mich nur tüchtig aus! Ich bin der glücklichste Mensch; ich tausche mit keinem anderen, denn ich habe das unendliche Glück gehabt, das liebste und herrlichste Wesen der Welt auf meinen Armen zu tragen.“
Sie blickte ihn scharf an, da sie aber in seinen geschlossenen Augen nicht lesen konnte, so fragte sie:
„Wie meinen Sie das? Wer ist das liebste, herrlichste Wesen der Welt?“
Da schlug er die Augen wieder auf, richtete sie mit größtem Erstaunen auf sie und antwortete:
„Das wissen Sie nicht? Sie, natürlich, Sie sind es!“
„Ich?“ fragte sie unter einem halben melodischen Lachen. „Ich das herrlichste Geschöpf der Erde? Oh, wie irren Sie sich; ich bin ein häßliches, unliebes Ding, welches sich sehr, sehr oft über sich selbst zu ärgern hat!“
„Wenn das ein anderer von Ihnen sagte, so würde ich ihn mit dieser Hand zu Boden schlagen, Mademoiselle; darauf können Sie sich verlassen! An Ihnen ist alles gerade so schön und rein und heilig wie an einer Fee oder an einem Engel. Gerade so, wie Sie sind, habe ich mir als Kind die Engel vorgestellt, und so sind sie mir im Traum erschienen. Warum haben denn auch Sie stets Flügel, wenn ich von Ihnen träume?“
„Ah, Sie träumen von mir?“ fragte sie schnell.
„Ja, fast alle Nächte. Und es ist dann stets nur eins, was ich träume: Sie kommen mit goldenen Flügeln und einer goldenen Krone, um mir den Ort zu zeigen, an welchem ich meine Eltern finden werde.“
„Oh, wie gern würde ich das tun, wie gern würde ich Ihren Traum erfüllen, da ich Ihnen so sehr viel schuldig bin!“
Da richtete er sich halb empor; seine Wangen röteten sich wie unter einem verwegenen Entschluß, und seine Augen schienen tiefer und dunkler zu werden.
„Wenn Sie wirklich glauben, daß Sie mir so sehr viel schuldig sind“, sagte er, „so kann ich Ihnen ein Mittel angeben, diese große Schuld mit einem Mal zu tilgen.“
„Reden Sie, Monsieur Schneeberg! Gegen Sie mir dieses Mittel an!“
„Aber Sie werden es mir übelnehmen, Mademoiselle!“
„Ich? Ihnen? Nein! Ich kann Ihnen ebensowenig etwas übelnehmen wie Sie mir.“
Sein Gesicht erhellte sich, und in einem Ton, dem man es anhörte, daß es dem Bittenden schwer wurde, diese Worte auszusprechen, sagte er:
„Ich entbinde Sie von aller, aller Schuld gegen mich, wenn Sie mir nur ein allereinziges Mal die Erlaubnis geben, dieses schöne, kleine Händchen zu küssen, welches so weiß und zart da in Ihrem Schoß liegt.“ Und als Nanon nicht sofort antwortete, setzte er hinzu: „Nicht wahr, nun sind Sie mir ernstlich bös? Nun habe ich Ihre Güte ganz verscherzt?“
Sie zögerte noch immer, ihm zu antworten; aber ihr Blick ruhte mit einem Ausdruck unbewußter Innigkeit auf seinem jetzt erbleichten Gesicht. Wie oft war ihre Hand geküßt worden von faden, unausstehlichen Salonhelden, die nach Moschus rochen und nach Pomade dufteten, aber nicht imstande gewesen wären, eine Fliege aus dem Wasser zu ziehen. Diese widerwärtigen Zwittergeschöpfe haben sich, ohne zu fragen, ihrer Hand bemächtigt, als eines Gutes, welches ihnen nicht entzogen werden könne. Und hier dieser Mann, der zwar ein einfacher, aber ein ganzer Mann war, bat sich diese Gunst aus, als das größte Glück, welches ihm widerfahren könne, als Äquivalent für ein teures, unbezahlbares Menschenleben. Wie blickten seine treuen Augen so ängstlich in ihr Angesicht! Es stieg ihr heiß aus dem Herzen empor, wie ein allmächtiges Gefühl, dem nicht zu widerstehen war.