Im Auftrag Seiner Majestät
- Автор: Май Карл
- Год: 1983
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Im Auftrag Seiner Majestät». Краткое содержание книги:
Sie suchte sich zu entschuldigen. Sie sagte ihm mit deutlichen Worten, daß es ihr lieber gewesen, den Obersten gehörig zurückgewiesen zu sehen. Wie wohl tat dies dem Herzen Müllers! Wie entzückt war er darüber! Er hätte seine Arme um sie legen mögen, um ihr dafür zu danken, wie man der Geliebten dankt für das Glück, welches ihre Worte in das Herz des Mannes pflanzen. Er erklärte ihr:
„Ich hätte ihm nur mit der Waffe, nicht aber mit Worten antworten können!“
„Nun, warum taten Sie das nicht?“
„Weil es für meinen Gegner keine Kleinigkeit ist, sich mit mir zu schlagen.“
Er sagte diese Worte in aller Ruhe und Bescheidenheit, sie aber fühlte und glaubte, daß sie kein fades Eigenlob enthielten. Dennoch sagte sie:
„Das ist zwar gut für Sie, darf Sie aber nicht veranlassen, sich ungestraft beleidigen und blamieren zu lassen!“
Da trat er näher an sie heran und fragte in einem Ton, der tief eindringlich klang:
„So wünschen Sie, daß ich Ihnen den Bräutigam töte?“
Sie wich hastig einen Schritt zurück und erkundigte sich:
„So haben Sie nur meinetwegen von einer Bestrafung des Obersten abgesehen?“
„Allerdings!“
„Das war ganz und gar nicht nötig. Wer hat Ihnen gesagt, daß er mein Bräutigam ist?“
„Er selbst hat sich dessen öffentlich gerühmt.“
„Ah, so erkläre ich Ihnen, daß mir dieser Mann völlig unsympathisch ist und daß Sie ihn in Rücksicht auf mich ganz und gar nicht zu schonen brauchen. Großpapa wünscht unsere Verbindung; ich aber werde meine Hand niemals einem Mann reichen, den ich weder lieben noch achten kann!“
Marion hielt inne, und Müller erkannte, daß sie die Wahrheit gesprochen.
Nur wenige Sekunden dauerte das Schweigen zwischen Müller und Marion, dann nahm ersterer das unterbrochene Gespräch wieder auf.
„Ich danke Ihnen für Ihre Güte, Mademoiselle!“ sagte er, während sein ganzes Inneres frohlockte. „Als Mann von Ehre hatte ich den Obersten zu fordern, aber er ist der Gast des Hauses, dessen Diener ich gegenwärtig bin.“
„Das tut nichts“, sagte sie in sehr bestimmten Ton. „Kennen Sie den Großpapa?“
„Das ist noch nicht gut möglich!“
„Nun, so will ich Ihnen sagen, daß er selbst ein leidenschaftlicher Fechter und Schütze ist. Seine höchste Passion ist, einem Kampf zuzusehen. Hätten Sie den Obersten gefordert, so hätte Großpapa Ihnen dies nicht im mindesten übelgenommen. Ich bin im Gegenteil überzeugt, daß er Ihnen von Herzen gern sekundiert – oh, mein Gott!“
Dieser Ruf, mit welchem sie ihre Rede unterbrach, galt einem Blitz, welcher mit mehr als Tageshelle die Szene erleuchtete, und einem Donnerschlage, unter dessen Erschütterung das alte Gemäuer des Turmes einzustürzen drohte. Im Schein des Blitzes hatten die beiden das ganze vor dem Turm liegende Felsengewirr zu überblicken vermocht, und da hatten sie eine hohe, weiße Gestalt gesehen, welche zwischen den Felstrümmern daher und gerade auf den Turm zugeschritten kam. Selbst als das blendende Licht des Blitzes verzuckt war, sah man das lange, weiße Gewand immer näher kommen, nicht eilig, wie um dem Regen zu entrinnen, sondern langsam, langsam, als sei diese Gestalt ein überirdisches Wesen, dem die elementaren Gewalten der Erde nichts anzuhaben vermögen.
Marion hatte, seit sie von der Treppenstufe aufgestanden war, diesen Platz noch nicht wieder eingenommen. Sie trat hart an Müller heran und sagte:
„Liama, der Geist meiner Mutter!“
Und je näher die Gestalt kam, desto ängstlicher schmiegte sich das Mädchen in die Ecke hinter der Turmtreppe und an den Deutschen, welcher dem vermeintlichen Geist mit eigentümlichen Gefühlen entgegenblickte.
Die Erscheinung kam aus der Gegend her, in welcher das Grab lag. Müller hegte keinen Gespensterglauben, doch konnte er ein gewissen Grauen nicht ganz unterdrücken, als das hohe, fremdartige Wesen unter Blitz und Donner zwischen den Felsen daher geschwebt kam. Marion hatte sich während des Schiffbruchs so unerschrocken gezeigt; jetzt aber schmiegte sie sich fester und fester an Müller, so fest, daß dieser unwillkürlich den Arm um sie legte, was sie gar nicht zu bemerken schien. Und als die Gestalt jetzt den Eingang erreicht hatte, hob das Mädchen sogar den Arm und legte denselben so fest um den Doktor, daß dieser das furchtsame Beben der heimlich Geliebten deutlich fühlte.
Unter der Tür wendete sich die Erscheinung um, so daß sie nach dem Wald zu stand, erhob die beiden Arme und rief mit einer tiefen, klangvollen Stimme:
„Allah il Allah! Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Lob und Preis dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tag des Gerichts. Dir wollen wir dienen, und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führst den rechten Weg, den Weg derer, die deiner Gnade sich freuen, und nicht den Weg derer, über welche du zürnst, und nicht den Weg der Irrenden!“
Sie ließ die Arme sinken, trat etwas weiter zurück und betete weiter:
„Allah ist's, der den Blitz erzeuget und die Welten mit Regen schwängert. Der Donner verkündet sein Lob, und die Engel preisen ihn mit Entsetzen. Er sendet seine Blitze und zerschmettert, wen er will. Allah il Allah, akbar Allah!“
Jetzt trat sie zur Treppe und stieg dieselbe hinauf, ohne die beiden zu bemerken, welche seitwärts hinter den Stufen standen. Und als ob ihre Worte Wunderkräfte besäßen, zuckte noch ein letzter Blitz auf, ein fürchterlicher Donnerschlag erscholl, und dann ward es still. Der Regen goß noch eine Minute lang hernieder, ward dann dünner und hörte rasch gänzlich auf. Die Helligkeit des Tages trat wieder ein, aber die fremdartige Erscheinung war im oberen Teil des Turms verschwunden.
Müller stand mit Marion noch auf derselben Stelle, eng verschlungen mit ihr. Es war ihm, als müsse er sie so festhalten für alle Ewigkeit. Er blickte ihr in das bleiche Angesicht. Sie hatte die Augen geschlossen und regte sich nicht.
„Marion!“ flüsterte er leise, sich zu ihr niederbeugend.
Dieses Wort erweckte sie; es war ein unvorsichtiges Wort gewesen. Wie durfte der Hauslehrer wagen, sie, die Baronesse, so beim Namen zu nennen! Er fühlte diese Unbedachtsamkeit selbst, doch es war zu spät, er konnte sie nicht zurücknehmen. Sie öffnete die Augen; ihr Blick traf den seinen; es war, als ob eine Flamme daraus den ihrigen entzünde und belebe. Eine tiefe Röte verbreitete sich über ihr vorher leichenblasses Gesicht, sie ließ den Arm sinken, der sich an ihm festgehalten hatte. Sie trat zur Seite, so daß er gezwungen war, auch seinen Arm von ihr zu nehmen, und fragte ihn leise:
„Wo ist sie?“
„Dort oben“, antwortete Müller, zur Treppe deutend.
„Sie wird zurückkehren. Lassen Sie uns gehen!“ bat sie.
Er schüttelte den Kopf und antwortete flüsternd zurück:
„Nein, bleiben wir. Warten wir das Ereignis ruhig ab! Oder glauben Sie wirklich, daß die Gestalt ein Geist gewesen sei?“
„Ja“, antwortete Marion im Ton der innigsten Überzeugung. „Der Geist meiner Mutter.“
„Und wenn Sie irren?“
„Ich irre nicht!“ sagte sie in bestimmtem Ton.
„Haben Sie diese Erscheinung bereits einmal gesehen?“
„Noch nie; aber in der ganzen Umgegend erzählt man sich von ihr. Es ist kein Trug.“
Sie schauderte bei diesen Worten sichtbar zusammen. Müller aber schüttelte den Kopf und sagte:
„Geister erscheinen nicht des Tages. Geister werden nicht naß; ich sah, daß der weiße Haïk, den die Fremde nach arabischer Sitte trug, vom Regen triefte. Und Geister beten nicht mit lauter Stimme die Worte des Korans.“
„Aus dem Koran waren diese Worte?“
„Ja. Unter der Tür betete sie die erste Sure des Korans, welche ‚die Eröffnung‘ genannt wird, und das zweite Gebet war aus der dreizehnten Sure, welche ‚Rad der Donner‘ heißt.“
„Sie war eine Mohammedanerin“, gestand Marion. „Ich zittere vor Furcht, ich bebe vor Entsetzen, den Geist der Mutter gesehen zu haben. Lassen Sie uns fliehen!“