Im Auftrag Seiner Majestät
- Автор: Май Карл
- Год: 1983
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Im Auftrag Seiner Majestät». Краткое содержание книги:
„Und wenn es nun kein Geist war, wenn es nun ein Mensch gewesen wäre?“
„Herr, lästern Sie nicht! Lassen Sie uns gehen!“
„Bitte, bleiben Sie nur einen einzigen Augenblick hier! Ich werde ihr folgen. Ich muß sehen, wo sie geblieben ist.“
„Um Gottes willen, nein! Ich habe so sehr Angst. Verlassen Sie mich nicht! Gehen Sie nicht fort von mir! Ich muß heim; ich muß zu Gott beten, damit er der Mutter die ewige Ruhe schenke. Kommen Sie!“
Sie zog ihn fort, hinaus in den nassen Wald, und er mußte ihr folgen. Als sie zwischen den Felsen dahineilten, warf Marion unwillkürlich einen Blick zurück und deutete erschrocken nach der Zinne der Ruine. Dort oben stand die weiße Gestalt mit hoch erhobenen Händen, nach Osten gewendet, wo Mekka liegt mit dem Stein der heiligen Kaaba. Man hörte die Worte ihres lauten Gebetes herabschallen, dem Gewitter nach, welches nach Morgen zog. Hinter ihr leuchtete im Westen die untergehende Sonne, und über ihr stand ein Regenbogen in herrlichen Farben. Müller hatte das Gespenst des Turms gesehen, aber das Geheimnis nicht berühren dürfen.
VIERTES KAPITEL
Verschwörer
Die Stadt Metz, eine Festung ersten Ranges, war zur Zeit Napoleons des Dritten der Sitz einer der einundzwanzig Militärdivisionen des Landes und gehörte mit den Divisionen von Straßburg, Besançon und Chalons sur Marne zum Militärkommando des Ostens, welches sein Hauptquartier in Nancy hatte.
Metz war eine echte deutsche Stadt, denn als Lothar der Jüngere seine Länder teilte, kam es nebst Austrasien in den Besitz Ludwigs des Deutschen, also an das deutsche Reich. Nur fortgesetzten französischen Umtrieben und Hinterlistigkeiten gelang es, zunächst die Schutzherrschaft über Metz und im westfälischen Frieden sogar die volle Souveränität über diese wichtige Stadt zu erhalten.
Der Besitz von Metz ist eine Kardinalfrage aller Zeiten zwischen Deutschland und Frankreich gewesen, und ehe das letzte, große, entscheidende Wort durch die Stimmen der Kanonen gesprochen wurde, war diese Festung nicht nur der Hauptstützpunkt, sondern auch der Ausgangspunkt unzähliger Feindseligkeiten, welche Deutschland von seinem nimmersatten Nachbar zu erleiden hatte.
Eines der größten und prächtigsten Hotels der Stadt, das Hotel de l'Europa, lag im schönsten Teil der Stadt, ganz in der Nähe der Eisenbahn, und wurde besonders von vornehmen Herrschaften frequentiert, welche hier alles vereint fanden, was imstande ist, den oft hochgeschraubten Ansprüchen dieser Art Leute zu genügen.
Im Frühjahr 1870 erfreute sich dieses Hotel eines besonders zahlreichen hohen Besuches. Metz zeigte zu dieser Zeit eine ganz besondere Lebhaftigkeit des militärischen Lebens, obgleich man recht gut wußte, daß nicht viel darüber gesprochen werden sollte. Hohe Offiziere kamen und gingen; man wußte nicht, woher, wohin und weshalb. Und obgleich sie meist in Zivil waren, so besaßen doch der Besitzer sowie die Bedienung des Hotels de l'Europe, wo diese Herren gewöhnlich abstiegen, Scharfblick genug, um zu wissen, daß man es in ihnen mit einflußreichen Militärs zu tun hatte, deren Anwesenheit vermuten lasse, daß irgend etwas kriegerisch Wichtiges im Werke sei.
Seit einigen Tagen bewohnte ein älterer Herr einige der besten Zimmer des Hotels. Er hatte mehrere Diener bei sich, und auf seinen Koffern waren die Bahnsignaturen noch nicht entfernt worden, so daß der Hausknecht deutlich die Worte Paris und Nancy hatte lesen können. Der Herr kam also aus der Hauptstadt über das Hauptquartier des Ostens nach Metz, ein Umstand, welcher wohl geeignet war, allerlei Vermutungen Raum zu geben. Er nannte sich sehr einfach Monsieur Maçon, aber einer der Kellner, welcher in einem der feinsten Cafés des Louvre serviert hatte, behauptete, diesen Herrn sehr gut zu kennen: er sei nicht einfacher Bürger, sondern Graf Rallion, der erklärte Günstling des Kaisers.
Dieser Kellner schien nicht unrecht zu haben, denn bei näherer Beobachtung stellte sich heraus, daß Herr Maçon dem Divisionskommandeur, dem Festungskommandanten und anderen hochgestellten Herren häufige Besuche machte und von ihnen in einer Weise behandelt wurde, welche auf eine ausgezeichnete Distinktion schließen ließ.
Gestern abend hatte er der Dienerschaft befohlen, sich für heute zur Abreise bereitzuhalten, da er mit dem Zug, welcher elf Uhr fünfzig Minuten von Metz abgeht, nach Thionville zu fahren gedenke und dort also zwölf Uhr sechsundvierzig Minuten eintreffen werde.
Bereits neun Uhr kam ein junger Herr, welcher wie ein Offizier in Zivil aussah, und fragte, ob Herr Maçon zu sprechen sei. Als der Fremde um seinen Namen gebeten wurde, gab er eine Karte ab, auf welcher in zierlicher Schrift zu lesen war: „Bernard Lemarch, Escadronchef.“ Dieser Lemarch war also Kavalleriekapitän, Rittmeister. Er wurde angemeldet und auch sogleich vorgelassen. Herr Maçon empfing ihn zuvorkommend, ließ ihn sich niedersetzen, bot ihm sogar eine Zigarette an, und nun entwickelte sich eigentümlicherweise eine ganz ähnliche Szene wie in Simmern zwischen dem General und dem Rittmeister Königsau.
„Ich habe im Zimmer Ihres Obersten eine Kreidelandschaft gesehen, welche von Ihrer Hand sein soll, Kapitän?“ fragte Maçon.
„Es ist eine kleine Studienarbeit von mir, mein Herr“, antwortete der Gefragte.
„Eine Studienarbeit, welche aber doch eine gute Übung verrät. Ich glaube, Sie könnten recht gut die Rolle eines Landschaftsmalers durchführen.“
„Sie würde mir nicht schwerfallen.“
„Das ist mir lieb zu hören. Kennen Sie mich, Kapitän?“
Der Offizier lächelte und entgegnete:
„Heute habe ich das Vergnügen, mit Monsieur Maçon zu sprechen.“
„Und wie würden Sie mir unter anderen Umständen antworten?“
„Alsdann würde ich die Ehre haben, mich bei dem Grafen Rallion in Audienz zu befinden“, antwortete der Kapitän mit einer Verbeugung.
„Gut; ich sehe, daß Sie mich kennen. Ich habe von Ihnen gehört. Man ist mit Ihnen zufrieden, und ich stehe daher im Begriff, Ihnen Gelegenheit zu geben, sich auszuzeichnen.“
Das Gesicht des Offiziers erhellte sich vor Freude, und er antwortete schnelclass="underline"
„Ich werde diese Gelegenheit benutzen, Ihnen zu beweisen, daß es mein eifrigstes Bestreben ist, mich nützlich zu machen!“
„Wohl! Ich vernehme, daß Sie der deutschen Sprache mächtig sind?“
„Vollständig. Ich bin bei Straßburg geboren.“
„Würden Sie es fertigbringen, in Berlin für einen Deutschen zu gelten?“
„Ich hoffe es; nur müßte ich mich als ein solcher zu legitimieren vermögen.“
„Man wird Sie mit dem Notwendigen versehen. Hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe!“
Der Graf steckte sich eine neue Zigarette an, gab seinem hageren, gelben Gesicht einen wichtigen, diplomatisch schlauen Ausdruck und fuhr fort:
„Man fühlt sich in die Notwendigkeit versetzt, an einen Krieg mit Deutschland zu denken. Man gedenkt nicht, mit der Tür in das Haus zu fallen, sondern sich vorher erst gehörig zu orientieren. Der letzte deutsch-österreichische Kampf hat zur Evidenz beweisen, daß die preußische Heeresleitung sehr weitgehend und vorsichtig ist. Es steht zu vermuten, daß Preußen so scharfsinnig ist, unsere Absicht zu erraten und infolgedessen seine Vorbereitungen zu treffen. Darüber müssen wir natürlich Gewißheit haben. Wir müssen zweierlei wissen: erstens ob wir durchschaut werden, und zweitens, welche Gegenminen man uns legt. Verstehen Sie mich?“
„Vollkommen, mein Herr.“
„Eine solche Aufgabe können wir unserer offiziellen, diplomatischen Vertretung natürlich nicht in die Hand geben. Wir bedürfen einer privaten Kraft, welche geeignet ist, diese Forschungen anzustellen. Dazu gehört allerdings ein Mann, welcher neben den sehr notwendigen militärischen Kenntnissen auch Schlauheit, Scharfsinn und sogar Mut genug besitzt, den Feind zu überlisten. Dieser Mann soll mit den nötigen Legitimationen und Empfehlungen nach Berlin gesandt werden; er wird Anweisungen bekommen, wie er sich zu verhalten hat; man wird ihm Summen zur Verfügung stellen, zunächst für seine persönlichen Ausgaben, da er anständig aufzutreten hat, und sodann auch für andere, unvorhergesehene Zwecke. Es könnte sich ja wohl eine kleine Bestechung oder etwas derartiges als notwendig herausstellen. Dieser Mann müßte ebenso klug wie taktvoll, ebenso kühn wie vorsichtig sein. Seine Aufgabe ist voraussichtlich keine leichte, doch wird auch die Belohnung eine dementsprechende sein. Sie wurden mir empfohlen, Kapitän. Welche Antwort habe ich zu erwarten?“