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Nachts unter der steinernen Bruecke

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Nachts unter der steinernen Bruecke
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In jenen Tagen war der Römische Kaiser auf seiner Burg zu Prag in äußerster Bedrängnis, denn mehr denn je gebrach es ihm an Geld. Für den kaiserlichen Haushalt konnte das Allernotwendigste nicht beschafft werden, und die Hofkammer, der die Prüfung der eingelaufenen Rechnungen und die Ordnung und Bezahlung der kaiserlichen Schulden oblag, wußte weder aus noch ein. So waren Seiner Majestät vertraute Räte, der Strahlendorf, der Trautson, der Hegelmüller und etliche andere, zusammengetreten, um auf Mittel und Wege zu sinnen, wie dieser Geldnot abgeholfen werden könnte. Es wurden auch etliche Ratschläge auf die Bahn gebracht und, nachdem ihr Für und Wider erwogen worden war, wieder fallen gelassen. Es fehlte auch nicht an schönen Reden und Worten, die aber zu nichts anderem taugten, als heiße Suppen mit ihnen zu blasen. Zu m Schluß waren Seiner Majestät vertraute Räte untereinander einig geworden, daß nichts geschehen sollte, und sie hatten eine Resolution gefaßt, in der sie erklärten, es gäbe in dieser Sache weder Trost noch Mittel, solange Seine Majestät, der Kaiser, darauf beharre, nach seinem eigenen Wohlgefallen und nicht nach dem Rat seiner Diener zu leben, zu handeln und sein Geld auszugeben.

Wie nun dem Kaiser diese Resolution und Antwort seiner Räte hinterbracht wurde, da begann er zu rasen, zu wüten und zu toben. Mit einem Rapier in der Hand stürzte er durch die Gänge, Kammern und Säle der Prager Burg und schrie, der Hegelmüller solle ihm nicht vor die Augen kommen, er habe sein Leben verwirkt und der Trautson auch, sie stünden beide im Solde seines Bruders, des Matthias, und wollten ihn betrügen, er aber ließe sich nicht betrügen trotz allen Schelmen, Brüdern, Giftmischern und Erzherzogen. Und während er so schrie und tobte, war er in den großen Speisesaal geraten, dort stieß er das Tafelgeschirr vom Tisch und schlug das geschliffene Glas in Scherben.

Nun wich die Raserei von ihm und eine tiefe Niedergeschlagenheit nahm ihren Platz ein. Er klagte, es gäbe in keinem Land der Christenheit einen Herrscher, der ein so elendes Leben führe wie er. Er sei von Feinden umgeben, habe nur Kummer, Sorgen und Beschwerlichkeiten, keine zeitliche Freude sei ihm vergönnt. Er verzeihe dem Trautson und dem Hegelmüller und sogar seinem Bruder, dem Matthias, der ihm unbrüderlich und unchristlich nach dem Leben trachte. Mit bewegter Stimme bat er Gott um Verzeihung und dann wandte er das Rapier gegen sich, wollt' sich den Hals durchstoßen. Der Philipp Lang, der treppauf, treppab und durch die weitläufigen Gänge, durch die Kammern, Stuben, Galerien und Säle dem Kaiser nachgeeilt war, kam gerade zurecht, ihm die Waffe aus der Hand zu winden.

Wie dann der Kaiser in seinem Schlafgemach in einen ruhigeren Gemütszustand, der aber mehr einer Erschlaffung glich, gekommen war, begann der Philipp Lang auf ihn einzusprechen. Der Augenblick erschien ihm günstig, seinen Plan in die Wege zu leiten. Er wollte den Kaiser zum geheimen Teilhaber an des Meisls vielfältigen und weitausgedehnten Kommerzien machen, aber auch zum Nutznießer und alleinigen Erben dieses Reichtums. Dem Meisl, das wußte der Philipp Lang, war kein langes Leben zugemessen, er hatte oft fieberische Zustände, hustete und spie Rlut in sein Faceletlein. Er sollte durch Rechte und Privilegien und durch einen Majestätsbrief, der ihn und sein Vermögen dem kaiserlichen Schutz unterstellte, belohnt und zufriedengestellt, in Wahrheit aber um alles betrogen werden. Meisls Gut sollt' in des Kaisers Taschen fließen und er, der Philipp Lang, wollt' dabei auch nicht zu kurz kommen. Von Seiten seines kaiserlichen Herrn erwartete er in dieser Sache nur geringe Schwierigkeiten, denn der war des Gelds bedürftig, und wie es gewonnen wurde, das galt ihm gleich. Dennoch mußte er auch bei ihm mit Vorsicht zu Werke gehen.

»Eure Majestät sollten doch nicht verzagen«, redete er dem Kaiser zu. »Die Dinge stehen so schlimm nicht, es könnte wohl noch Rat geschaffen werden. Schulden freilich sind eine mißliche Sache, und man darf sie um alles in der Welt nicht vermehren, noch vergrößern. Es ist mit ihnen wie mit dem Biß einer Schlange: Anfangs meint man, es wäre nichts. Aber man geht daran zu Grunde.«

Der Kaiser verharrte in Schweigen. Seine Schulden, so groß sie auch waren, beschwerten ihn nur wenig, mit denen hatte sich die Hofkammer zu befassen. Was ihn so zornig und verzweifelt machte, war, daß ihm seine Räte das Geld nicht bewilligen wollten, dessen er bedurfte, um etliche Gemälde von hohem Wert zu bezahlen, die ihm durch seine Kommissäre in Rom und in Madrid, den Grafen Harrach und den Grafen Khevenhueller, zum Ankauf angeboten worden waren. Es befanden sich unter diesen Gemälden bedeutende Werke des Roos und des Parmeggianino, zweier Meister, die in seiner Kunstkammer noch nicht vertreten waren. Und der Gedanke, daß sie in andere Hände gelangen könnten, bereitete ihm schlaflose Nächte.

»Eure Majestät haben ihre Hoffnung auf die Alchimie gesetzt«, fuhr indessen der Philipp Lang fort. »Ich habe die Goldmacher, die Adepten und die Eingeweihten, einen nach dem anderen mit großem Gepränge an den Hof kommen und mit Unehre wieder verschwinden gesehen. Den Ezechiel Reisacher, von dem man nicht wußte, ob er ein Mann war oder ein Weib, den Geronimo Scotto, dem ich als einziger ein gutes Angedenken bewahre, weil er mir ein Mittel gegen Ohrensausen und tränende Augen verschrieben hat, den Thaddäus Krenfleisch, der ein Pastetenbäcker war, bevor er Alchimist wurde, den Eduard Kelley...«

Bei der Erwähnung dieses Namens verzog der Kaiser den Mund und legte die Hand an seinen Hinterkopf.

»Ja, er hatte Haare, die waren so brennendrot wie die Kohlenglut in seinem Schmelzofen«, bestätigte der Philipp Lang. »Und er zog sich Eurer Majestät Ungnade zu, weil er die Nächte mit den Offizieren der Leibwache durchzechte. Nach ihm kam der Graf Bragadino, der kein Graf war, sondern eines Schiffers Knecht aus Famagusta. Und dann der Vitus Renatus, der vorgab, aus Mangel an Übung, weil er nämlich zeitlebens nur mit Gelehrten Umgang gepflogen habe, seine böhmische Muttersprache vergessen zu haben und nur des Lateinischen mächtig zu sein. Es waren ihrer sechs hier in der Burg, und zwei von ihnen sind des Betruges überwiesen und gehenkt worden.«

Der Kaiser machte eine unwillige Bewegung, es sah aus, als wollte er eine Erinnerung verscheuchen. Aber der Philipp Lang deutete sie richtig: Seine Majestät fühlte sich müde und wollte zu Bette gehen.

»Und jetzt sind es zwei Jahre her«, sprach der Philipp Lang nach einem Weilchen weiter, während er dem Kaiser beim Auskleiden behilflich war, »daß Eure Majestät den Jakobus van Delle in Dienst und Brot genommen haben. Er hat sich den Narren zum Freund auserkoren, den Ofenheizer Brouza, und mehr weiß ich nicht von ihm. Aber ich mein', auch er wird die Taube des Trismegistos nicht erjagen, worunter er, wie mir der Brouza sagt, das Pulver oder Elixier versteht, mit dessen Hilfe er dicke Bleiplatten in das allerfeinste Gold verwandeln will.«

Der Kaiser stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf.

»Ich weiß, Eure Majestät haben ihm eine Frist gesetzt, sind des Wartens müde«, sagte der Philipp Lang, während er dem Kaiser das seidene und mit Gold gestickte, aber schon ein wenig abgenützte Hemd reichte, das dieser des Nachts trug. »Wie die Sache ausgehen wird, das wird die Zeit weisen. Ich mein' aber ...«

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