Nachts unter der steinernen Bruecke
- Автор: Perutz Leo
- Год: 101
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Nachts unter der steinernen Bruecke». Краткое содержание книги:
»Wie ein Ganzopfer war sie, so schön und ohne Fehle«, sprach der Mordechai Meisl weiter. »Wie eine Blume des Feldes war sie, sehr lieblich in den Augen derer, die sie sahen. Ja, und sie konnte auch schreiben, lesen und Rechnungen machen, aus Seide verfertigte sie kleine Handarbeiten, und wenn ich mit ihr bei Tische saß, wartete sie mir artig auf. So klug war sie, hätte vor dem Kaiser reden können. Sie hatte eine Katze, die liebte sie sehr, gab ihr alle Tage Milch. Manchmal war sie traurig. Sie sagte, die Stunden gingen so langsam dahin und sie wollte, es wäre schon Nacht.«
»Ficht es mit deinem Schöpfer aus!« sagte der Schneider unwirsch. »Wer kann wider Unglück?«
»Wir aßen zu Abend«, fuhr der Mordechai Meisl fort, »und dann gingen wir zu Bett. Sie schlief, sie atmete ruhig. In der Nacht hörte ich sie laut stöhnen und um Hilfe rufen, — ja, sie rief um Hilfe. Ich beugte mich über sie ...«
Er stockte. Nach einer Weile erst sprach er weiter:
»Die Nachbarn kamen. Ich weiß nicht, was dann geschah. Als ich zur Besinnung kam, sah ich auf der Morgenseite der Stube das kleine Öllicht brennen, das Seelenlichtlein, und da wußte ich, daß sie gestorben war.«
Leise sprach der Kaiser die Worte des Predigers:
»Ein Hauch sind die Menschenkinder, auf der Waage schnellen sie empor, sind leichter als ein Hauch allesamt.«
»Sind leichter als ein Hauch allesamt«, wiederholte der Meisl und er warf einen Blick auf den Kaiser, als wäre er erstaunt, daß die heiligen Worte aus dem Mund eines Unwissenden kamen, der niemals die Cheder, das Lernzimmer der Judenkinder, besucht hatte.
»Der Höchste«, fuhr er dann fort, »hat es beschlossen. Was gesehen ist, ist nach seinem Willen geschehen. Sie ist tot, und ich habe keine Freude mehr auf Erden. Der Tag vergeht in Mühe und Plage, bisweilen bringen die Nächte Vergessen, doch an jedem neuen Morgen kommt das alte Leid.«
Und wie das der Mordechai Meisl sagte, da widerfuhr dem Kaiser etwas Seltsames. Es war ihm, als hätte er selbst diese Worte gesprochen und nicht der Jude. An jedem neuen Morgen kommt das alte Leid, — sein eigenes Schicksal war in diesen Worten umschlossen, ihm erging es so seit jener Nacht, in der ihm seine Traumgeliebte entrissen worden war.
Er saß verloren in Gedanken. Was der Maler und der Jude miteinander sprachen, hörte er nicht mehr. Er vergaß, wo er sich befand. Von jenen Worten beschworen stieg das Bild der Traumgeliebten vor seinen Augen auf, er sah sie so klar, so deutlich wie nie zuvor. In völliger Entrücktheit holte er, um sie festzuhalten, den Silberstift aus einer der Taschen seines Rocks hervor und griff nach einem Blatt Papier.
Als er das Bild beendet hatte, wich der Bann von ihm. Mit krausen, kleinen, kaum sichtbaren Buchstaben schrieb er sein »Budolfus fecit« darunter. Er sah es nochmals an, aber je länger er es betrachtete, desto weniger befriedigte es ihn. Er seufzte und schüttelte den Kopf.
Nein, sie war es nicht. Eine andere war es, ihr in manchem ähnlich, aber nicht sie. Ein Judenmädchen mit großen erschrockenen Augen, auf die vielleicht damals, als er durch die Gassen der Judenstadt ritt, sein Blick gefallen war. Aber nicht sie, nicht seine Traumgeliebte.
Vielleicht, sagte er sich, habe ich zu sehr in ihr Antlitz gesehen und zu wenig in ihr Herz, so könnt' ich's nicht zuwege bringen. — Achtlos ließ er das Bild zu Boden fallen. Er stand auf. Ihn fröstelte, und es war ihm, als hätte er sie jetzt erst für immer verloren.
Noch immer sprach der Jude auf den Maler ein, der den Kopf schüttelte und die Achseln zuckte. Der Kaiser warf noch einen Blick auf das Bild mit der Schneepfütze und dem Schlehdornbusch. Dann neigte er den Kopf und zog die Schulter hoch, und mit diesem Gruß ging er zur Türe, und niemand achtete darauf.
Wie er die Türe öffnete und im Fortgehen hinter sich zuzog, fuhr ein Windstoß durch die Werkstatt, der wirbelte das Blatt Papier, das am Boden lag, durch die Luft und ließ es zu des Malers Füßen niederfallen. Der Mordechai Meisl hob es auf, hielt es einen Augenblick lang in der Hand, dann sah er das Bild und stieß einen Schrei aus.
»Das ist sie ja«, rief er. »Warum habt ihr mir nicht gesagt, daß Ihr's schon gemacht habt? Ihr laßt mich reden, sagt kein Wort. Ja, das ist sie, das ist sie. Mein Täubchen! Meine Seele!«
Der Maler nahm das Bild aus den Händen des Meisl. Er betrachtete es, drehte es hin und her, verzog den Mund ein wenig und gab es ihm wieder.
»Meint Ihr wirklich, daß sie es sei?« fragte er ungläubig und verwundert.
»Ja. Ich danke Euch, Herr. Sie ist es. So wie ich sie Euch beschrieben habe«, sagte der Meisl und er verbarg das Bild unter seinem Pelzrock, als hätte er Furcht, der Maler könnt' es ihm wiederum nehmen.
Dann zählte er ihm die acht Goldgulden auf den Tisch. Als der Mordechai Meisl gegangen war, griff der Maler nach den Gulden. Er ließ sie in seinen Händen klirren und klingen und erfreute sich der ungewohnten Musik. Er warf zwei von ihnen in die Höh' und fing sie auf, dann drei, dann vier, dann fünf, und schließlich ließ er mit der Geschicklichkeit eines Jahrmarktgauklers alle acht durch die Luft wirbeln, und der Flickschneider sah ihm mit offenem Munde zu.
Dann, als er dieses Spieles müde war, ließ er die Gulden, einen nach dem anderen, in seinen Taschen verschwinden.
»Ja, Geld ist eine gute Ware«, sagte er vergnügt. »Im Sommer verdirbt es nicht, im Winter gefriert es nicht und manchmal ist es recht wohlfeil zu erlangen. Ich weiß nicht, — ich kann mich nicht entsinnen, daß ich dieses Bild, das der Jude mit sich nahm, gezeichnet hätte. Ich kann es nicht verstehen. Es seih auch nicht so aus, als hätte ich es gemacht.«
»Mir ergeht es oft ähnlich«, bemerkte der Schneider. »Ich begegne einer Hose, die ich geflickt habe, auf der Straße, ich sehe ihr nach, weil das so meine Gewohnheit ist, aber ich erkenne sie nicht wieder. Man kann, weißt du, nicht alles im Kopf behalten.«
»Ja, mein Lieber!« beendete mein Hauslehrer, der stud. med. Jakob Meisl, seine Erzählung. »Um diese acht Gulden, die mein Ururur-Großonkel, der Mordechai Meisl, für das von dem kaiserlichen Dilettanten gezeichnete Bild gezahlt hat, hat es mir immer leid getan, nicht meinetwegen, das kannst du mir glauben, denn von Meisls Gut, von dem ganzen märchenhaften Reichtum, ist nicht ein Kreuzer auf mich gekommen, — du weißt ja, was aus Meisls Gut geworden ist. Aber diese acht Gulden sind schuld daran, daß das kleine Bild, das dem Kaiser so wohlgefiel, nicht in seine Kunstkammer gelangte und daß der Name Brabanzio nicht in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Denn mit den acht Gulden in der Tasche litt es den Vojtech Brabenec oder Brabanzio nicht länger in der Schneiderwerkstatt seines Bruders, die Ferne lockte ihn, er ging wieder auf Wanderschaft und alles, was er besaß, nahm er mit sich. Als der Kammerdiener des Kaisers, der Cervenka, am nächsten Morgen kam, fand er weder das Bild noch den Maler in der Werkstatt. Der Maler Brabanzio war auf dem Wege nach Venedig, wo irgendeine Pestilenz ihn erwartete, an der er starb. Und nur ein einziges Bild ist erhalten geblieben, das das Signum »Brabanzio fecit« trägt. Es hängt in einer kleinen Privatgalerie in Mailand und stellt einen Mann dar, der in einer Hafenkneipe sitzt, vielleicht ihn selbst, und zwei alte häßliche Weiber drängen sich an ihn heran, um ihn zu umarmen, und die eine ist, denk' ich mir, die Pestilenz, und die andere, grau wie ein Leichentuch, ist die Vergessenheit.«
Der vergessene Alchimist
In das Herz des Mordechai Meisl, das so lange Zeit nur von Leid und Trauer erfüllt gewesen war, hatte sich, wie die Jahre gingen und kamen, ein neuer Gast eingeschlichen, die Ehrsucht. Geld und Gut und daß sich sein Reichtum von Tag zu Tag mehrte, das galt ihm nichts. Daß er der Erste in der Judenstadt war, das war ihm nicht genug. Er trachtete nach Freiheiten, Rechten und Privilegien, die ihn über seinen Stand erheben sollten, auch wollte er durch einen Majestätsbrief auf allen seinen Wegen gesichert und befördert sein. Und so hatte er sich mit des Kaisers Leibkammerdiener, dem Philipp Lang, zusammengetan, einem Mann, der beim Kaiser alles galt, von dem geringen Volk aber, von Christen wie von Juden, gehaßt und gefürchtet wurde. Denn ihm gab man die Schuld an jedem Übel, das im Königreich zu Tage trat. Er sei in bösen Stükken geübt und in jedem Betrug erfahren, sagten die Leute, und nie zuvor habe an eines Königs Hof ein Rube gelebt, der über den ehrlichen Mann soviel Unheil gebracht habe wie der Philipp Lang. Und nun sah man ihn bisweilen durch die Judengassen gehen und auf dem Dreibrunnenplatz in dem Haus des Mordechai Meisl verschwinden.