Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
TEIL V.
DER WAFFENSCHMIED VON GIBRALTAR
ANDALUSIEN 12. APRIL 1496
1. KAPITEL
EIN GEWÖHNLICHER SEEMANN
Die Pferdehändler blieben zu lange in Baena, weil der Zigeuner, dem sie dort fünf Pferde übergaben, für sie ein Fest veranstaltete, und auch in Jaen, wo sie noch einmal ein halbes ^^ Dutzend Tiere ablieferten. Als auch die restlichen neun Tiere bei ihrem Käufer, einem Händler in Andujar, angelangt waren, hatten Jona und die Brüder schon fast einen ganzen Tag verloren. Nun endlich ritten sie zum Hafen und hätten eigentlich erwartet, daß das Schiff aus Afrika bereits an- und wieder abgelegt hatte, doch es lag tatsächlich noch am Pier vertäut. Macot wurde von dem Kapitän, einem Berber im Burnus mit einem langen, buschigen grauen Bart, herzlich begrüßt. Er übernahm Macots Paket und erklärte, daß auch sein Schiff Verspätung habe. Aus Tanger hatte er eine Ladung Hanf mitgebracht, die er auf der Fahrt den Fluß hoch verkauft hatte, und er würde nach Tanger zurückkehren, nachdem er in Cordoba, Sevilla, den kleinen Häfen am Golf von Cadiz und in Gibraltar Ladung an Bord genommen hatte.
Macot sprach ernst mit dem Seemann und deutete dabei auf Jona, und der Kapitän nickte ohne Begeisterung, nachdem er ihm eine Weile zugehört hatte.
»Es ist abgemacht«, sagte Macot zu Jona. Die Brüder umarmten ihn. »Geh mit Gott«, sagte Macot.
»Mögt auch ihr mit Gott gehen«, erwiderte Jona. Als sie, mit seinem Pferd an der Leine, davonritten, sah er ihnen wehmütig nach und wünschte sich, er könnte mit ihnen nach Granada zurückkehren.
Der Kapitän machte ihm sofort klar, daß er als Handlanger und nicht als Gast reisen würde, und Jona mußte sich in die Mannschaft einreihen, die gerade für Afrika bestimmtes Olivenöl einlud.
An diesem Abend, während der arabische Kapitän seinen flachen Kahn auf der starken Strömung des oberen Guadalquivir flußabwärts treiben ließ, saß Jona, mit dem Rücken an ein großes Ölfaß gelehnt, an Deck. Während die dunklen Ufer an ihnen vorbeizogen, spielte er leise auf seiner Gitarre und versuchte nicht daran zu denken, daß er keine Ahnung hatte, wohin sein Leben ihn führte.
Auf dem afrikanischen Schiff war er der Niedrigste der Niedrigen, denn er mußte alles über das Leben an Bord lernen, vom Setzen und Einholen des einzigen dreieckigen Segels bis zur sichersten Art, die Last in dem offenen Fahrzeug zu verstauen, damit sich im Falle eines Sturms keine Kiste oder Tonne losriß und das Schiff beschädigte oder sogar zum Kentern brachte.
Der Kapitän, Mahmouda mit Namen, war ein roher Kerl, der mit den Fäusten zuschlug, wenn ihm etwas nicht paßte. Die Mannschaft - zwei Schwarze, Jesus und Alvaro, und zwei Araber, Yephet und Darb, die sich beim Kochen abwechselten - schlief unter den Sternen oder im Regen, wo immer sie gerade ein Plätzchen fand. Alle vier waren aus Tanger, muskulöse peones, mit denen Jona gut auskam, weil sie jung und lebhaft waren. Wenn er nachts die Gitarre spielte, sangen manchmal diejenigen, die keine Wache hatten, mit ihm, bis Mahmouda sie anschrie, sie sollten endlich ihre Klappe halten und sich schlafen legen.
Die Arbeit war nicht sonderlich schwer, außer wenn sie einen Hafen erreichten. In den dunklen ersten Stunden des dritten
Tages, den Jona an Bord verbrachte, legte das Schiff in Cordoba an, um noch mehr Ladung aufzunehmen. Jona arbeitete mit Alvaro zusammen, und jeder faßte ein Ende der großen und schweren Kisten. Sie schufteten im Licht von Pechfackeln, die einen fürchterlichen Gestank verströmten. Am anderen Ende des Piers wurde eben eine Gruppe niedergeschlagen dreinblickender Gefangener in Ketten an Bord eines Schiffes verfrachtet.
Alvaro grinste einen der bewaffneten Bewacher an. »Ihr habt aber viele Gefangene«, sagte er.
Der Mann spuckte aus. »Konvertiten.«
Jona beobachtete die Gefangenen, während er weiterarbeitete. Sie wirkten benommen. Einige hatten bereits schwärende Wunden, die jede ihrer Bewegungen schmerzhaft machten, so daß sie ihre Fußketten hinter sich herschleiften, als wären sie alte Männer, denen jeder Schritt weh tat.
Der Großteil der Schiffsfracht bestand aus Seilen und Tauwerk, Messern und Dolchen sowie Öl, das nach einer durch Dürre bedingten schwachen Olivenernte knapp war. In den acht Tagen, die sie bis zur langen, breiten Mündung des Guadalquivir brauchten, war der Kapitän bestrebt gewesen, noch mehr Öl zu kaufen, denn die Händler in Tanger warteten sehnlichst darauf. Doch in Jerez de la Frontera, wo er sich eine große Ladung des erstklassigen Olivenöls der Gegend erhofft hatte, erwartete ihn nur ein kleinlauter Vertreter des Händlers.
»Kein Öl? Verdammt!«
»In drei Tagen. Es tut mir sehr leid. Aber bitte wartet. In drei Tagen kriegt Ihr alles, was Ihr kaufen wollt.«
»Verdammt!«
Während sie warteten, ließ Mahmouda die Mannschaft kleinere Arbeiten an Bord erledigen. Schlecht gelaunt, wie er war, schlug er Alvaro, weil der sich für seinen Geschmack nicht schnell genug bewegte.
Die Gefangenen, die Jona in Cordoba gesehen hatte, hatte man offenbar nach Jerez de la Frontera gebracht - wie so viele ehemalige Juden und ehemalige Moslems, die man in einem halben Dutzend Städten am Fluß verhaftet hatte, weil sie sich angeblich von Christus wieder losgesagt hatten. Ein großer Trupp Soldaten war in der Stadt. Die rote Flagge, die eine bevorstehende Hinrichtung ankündigte, wehte, und die Menschen strömten nach Jerez de la Frontera, um einem großen Autodafe beizuwohnen.
Am zweiten Tag der Wartezeit riß dem ewig schlechtgelaunten Mahmouda der Geduldsfaden, als Yephet, der eben die Fracht umschichtete, um für das erwartete Öl Platz zu schaffen, ein Faß umstieß. Es floß nichts aus, und das Faß war schnell wieder aufgerichtet, aber Mahmoudas Zorn war durch nichts zu bändigen.
»Hundsfott!« schrie er. »Dreckskerl! Abschaum der Erde!« Er schlug Yephet mit den Fäusten zu Boden, nahm dann ein Stück Tau in die Hand und prügelte auf ihn ein.
Jona spürte eine rasende Wut in sich aufsteigen. Er sprang vor, aber Alvaro packte ihn und hielt ihn fest, bis das Prügeln vorüber war.
An diesem Abend verließ der Kapitän das Schiff, um sich im Hafen ein Bordell zu suchen, das ihm Wein und Weiber bot.
Die Mannschaft rieb Yephets zerschundenen Körper mit ein wenig von ihrem kostbaren Öl ein.
»Ich glaube nicht, daß du von Mahmouda etwas zu befürchten hast«, sagte Alvaro zu Jona. »Er weiß, daß du unter dem Schutz der Roma stehst.«
Jona dagegen war davon überzeugt, daß Mahmouda in seiner blinden Wut für Vernunft nicht zugänglich war, und sich selber traute er nicht zu, einer weiteren Prügelei untätig zuzusehen. Bald nach Einbruch der Nacht packte er seine Habseligkeiten zusammen, kletterte geräuschlos an Land und ging in die Dunkelheit davon.
Fünf Tage wanderte er ohne Eile durch andalusisches Land, denn er hatte kein Ziel. Die Straße folgte der Küste, und er genoß den Anblick des Meeres. Manchmal führte der Weg ein Stück ins Landesinnere, aber schon nach einer kurzen Strecke konnte Jona wieder blaues Wasser sehen. In mehreren kleinen Dörfern sah er Fischerboote. Einige waren von Sonne und Salz silbriger gebleicht als andere, aber alle waren sie gut in Schuß gehalten von Männern, die ihren Lebensunterhalt mit ihnen verdienten. Überall sah Jona Männer, die ihren einfachen Tätigkeiten nachgingen, die Netze flickten oder einen Bootsrumpf kalfaterten und pichten, und manchmal versuchte er, mit ihnen zu reden, doch sie hatten wenig zu sagen, wenn er sie nach Arbeit fragte. Vermutlich waren die Mannschaften der Fischerboote miteinander verwandt oder durch jahrelange Familienfreundschaften verbunden, und das war der Grund, warum es für Fremde keine Arbeit gab.