Die Familie ohne Namen
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Die Familie ohne Namen». Краткое содержание книги:
Der Taufact sollte um drei Uhr Nachmittags stattfinden. Johann hatte also noch Zeit genug, in der Farm einzutreffen. Sobald er erschien, wollte man sich nach dem eine halbe Lieue entfernten Gotteshause des Kirchspiels begeben.
Thomas, seine Gattin, seine Söhne und Töchter, ebenso wie die Schwiegersöhne und die Kindeskinder, hatten für diese Gelegenheit die Feiertagskleider angelegt, welche sie höchst wahrscheinlich während der zwei nächsten Tage weiter trugen.
Die Töchter erschienen in weißen Leibchen und lebhaft gefärbten Röcken, während ihre Haare offen auf die Schultern herabhingen. Die Söhne hatten die Arbeitsweste und die normannische Mütze, welche sie gewöhnlich trugen, abgelegt und sich mit der sonntägigen Tracht, einer Art Mantel aus schwarzem Stoffe mit buntem Gürtel und gefalteten, aus Ochsenhaut hergestellten Schuhen geschmückt.
Am Tage vorher und nachdem sie das Boot eines Fährmannes zum Ueb er schreiten des St. Lorenzo benützt, hatten Herr und Fräulein de Vaudreuil Thomas Harcher getroffen, der sie mit seinem, von vorzüglichen Trabern gezogenen Buggin (eine Art offener Planwagen) erwartete.
Während der drei Lieues betragenden Fahrt bis zum Pachthofe von Chipogan hatte Herr de Vaudreuil sich beeilt, seinem Pächter mitzutheilen, daß er etwas auf der Hut sein möge. Die Polizei mußte wissen, daß er, Herr de Vaudreuil, die Villa Montcalm verlassen habe, und es war sehr möglich, daß gerade er der Gegenstand besonderer Ueberwachung wäre.
»Wir werden schon die Augen offen halten, gnädiger Herr! hatte Thomas Harcher, bei dem der Gebrauch dieser Anrede nichts Serviles an sich trug, geantwortet.
- Bisher hat sich noch keine verdächtige Gestalt in der Umgebung von Chipogan erblicken lassen?
- Nein, noch keine jener Canouaches, mit Respect zu vermelden!
- Und ist Euer Adoptivsohn in der Farm eingetroffen? hatte Clary de Vaudreuil gefragt.
- Noch nicht, gnädiges Fräulein, und das macht mir einige Sorge.
- Seit er sich von seinen Begleitern in Laprairie getrennt, sind noch keine Nachrichten von ihm hierher gelangt?
- Noch keine einzige!«
Auch seit Herr und Fräulein de Vaudreuil sich in den - wie es sich von selbst versteht - besten Zimmern der Wohnung eingerichtet, war Johann noch nicht gekommen. Inzwischen war Alles zu der Taufe vorbereitet, und wenn der Pathe nicht diesen Nachmittag eintraf, wußte man nicht recht, was dann geschehen sollte.
Pierre und zwei oder drei seiner Brüder waren auch eine gute Lieue auf die Landstraße hinausgegangen. Von Johann fand sich aber keine Spur, und schon schlug die Hausglocke von Chipogan die Mittagsstunde.
Thomas und Catherine besprachen sich da über diese unerklärliche Verzögerung.
»Was machen wir denn, wenn er auch bis drei Uhr nicht kommt? fragte der Farmer.
- Nun, dann warten wir eben noch, antwortete Catherine gelassen.
- Was wollen wir erwarten?
- Ei, die Ankunft eines siebenundzwanzigsten Kindes natürlich nicht erwiderte die Farmersfrau.
- Freilich, desto mehr, versetzte Thomas, als ein solches, ohne uns einen Vorwurf einzubringen, wahrscheinlich niemals kommen dürfte.
- Du scherzest wohl, mein Herr Harcher, nicht wahr?
- Ich scherze gar nicht! Doch im Ernste, wenn Johann nun allzulange ausbleibt, werden wir wohl auf ihn verzichten müssen.
- Auf ihn verzichten! rief Catherine, das auf keinen Fall; da ich mir einmal in den Kopf gesetzt habe, daß er bei einem unserer Kinder Gevatter stehen müsse, so warten wir, bis er sich einstellt.
- Und wenn das nun gar nicht der Fall ist, antwortete Thomas, dem nichts daran zu liegen schien, daß die Taufe auf ganz unbestimmte Zeit verschoben würde. Wenn es ihm Verhältnisse überhaupt unmöglich gemacht haben zu kommen?
- Keine Schwarzsehereien, Thomas, erwiderte Catherine, und ein wenig Geduld. Was ist denn dabei - taufen wir heute nicht, so taufen wir eben morgen.
- Schön! Morgen gehen aber Clemens und Cäcilie, der Sechzehnte und die Siebzehnte, zum ersten Male zum Abendmahle.
- Nun gut, dann übermorgen.
- Uebermorgen ist die Hochzeit unserer Tochter Rose mit dem wackeren Bernard Miquelon.
- Meinetwegen auch noch nach dieser, Thomas! Uebrigens kann nöthigenfalls Alles auf einmal abgemacht werden. Wenn ein kleines Kind aber einen Pathen wie Johann und eine Taufzeugin wie Fräulein Clary bekommen soll, da darf man sich gar nicht beeilen, dafür Andere zu suchen.
- Und der Pfarrer ist auch schon benachrichtigt!... bemerkte Thomas seiner halsstarrigen Ehehälfte.
- Das lass' nur meine Sorge sein, entgegnete Catherine. O, es ist ein vortrefflicher Mann, unser Herr Pfarrer. Uebrigens wird ihm sein Zehent deshalb nicht entgehen und er wird sich hüten, Kunden wie uns vor den Kopf zu stoßen.«
Im ganzen Kirchspiele mochte es in der That wenige Pfarrkinder geben, welche ihrem Geistlichen soviel Beschäftigung gegeben hatten, wie Thomas und Catherine.
Als nun aber Stunde auf Stunde verrann, wurde die Unruhe der Leute doch etwas lebhaft. Wußte die Familie Harcher auch nicht, daß ihr angenommener Sohn der junge Patriot Johann ohne Namen sei, so war das doch Herrn und Fräulein de Vaudreuil nicht unbekannt, und diese hatten also alle Ursache, für ihn zu fürchten.
Sie wollten auch gern erfahren, unter welchen Umständen sich Johann von Pierre Harcher und dessen Brüdern getrennt habe, als er den »Champlain« verließ.
»Ja, das geschah, als wir beim Dorfe Caughnawaga kaum vor Anker gegangen waren, erklärte Pierre.
- An welchem Tage?
- Am 25. September gegen fünf Uhr Abends.
- Er ist also schon neun Tage von Euch fort? bemerkte Herr de Vaudreuil.
- Ja, volle neun Tage.
- Und er hat nicht gesagt, was er vorhatte?
- Seine Absicht, antwortete Pierre, ging dahin, sich nach der Grafschaft Chambly zu begeben, wo er während unserer großen Sommerfahrt noch nicht gewesen war.
- Ja, ja.. das wäre ja Grund genug, sagte Herr de Vaudreuil, und doch beklage ich, daß er sich allein in eine Gegend gewagt hat, wo die Polizei ihm jeden Augenblick auf dem Fuße ist.
- Ich hatte ihm vorgeschlagen, die Begleitung Jacques' und Tonys anzunehmen, erwiderte Pierre; er schlug das aber ab.
- Und was denkt Ihr nun über die Sache, Pierre? fragte Herr de Vaudreuil.
- Ich bin der Meinung, Johann hatte schon lange die Absicht, nach Chambly zu gehen, hütete sich aber, etwas davon zu sagen. Als es nun bestimmt war, daß wir in Laprairie landen wollten, um Alle zusammen gleich nach der Abtakelung des »Champlain« nach der Farm heimzukehren, hat er uns erst in dem Augenblicke, wo wir vor Caughnawaga lagen, seinen Entschluß mitgetheilt.
- Und als er wegging, versprach er zur Taufe hier zu sein?
- Ja, gnädiges Fräulein, bestätigte Pierre, er weiß ja, daß er mit Ihnen das Baby über die Taufe halten sollte, und übrigens wäre ohne ihn die Familie Harcher auch nicht vollzählig!«
Gegenüber einem so bestimmten Versprechen mußte man sich wohl darein ergeben, geduldig zu warten.
Wenn nun der ganze Tag verstrich, ohne daß Johann sichtbar wurde, so schienen die Befürchtungen um ihn leider gerechtfertigt zu sein. Traf ein Mann von so entschiedenem Willen wie er nicht an dem verabredeten Tage ein, so mußte sich die Polizei seiner Person bemächtigt haben. Dann wußten aber Herr und Fräulein de Vaudreuil nur zu gut, daß er verloren war.
In diesem Augenblicke öffnete sich die nach dem großen Hofe führende Thür und ein Wilder erschien auf der Schwelle.
Ein Wilder - so nennt man in Canada noch immer die Indianer, selbst in amtlichen Schriftstücken, ebenso wie man deren Frauen, welche in der Sprache der Irokesen und Huronen »Squaws« heißen, mit dem Namen »Wildinnen« bezeichnet.
Dieser Wilde war ein Hurone und zwar von reiner Race, was man an seinem bartlosen Gesicht, den vorspringenden viereckigen Backenknochen und den kleinen lebhaften Augen erkannte. Der hohe Wuchs, der sichere und durchdringende Blick, die Farbe seiner Haut und die Art und Weise, wie er das Haupt trug, machten ihn zum unverkennbaren Typus der eingeborenen Race des Westens Amerikas.