Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Ah, nein, Mistress Forbes.« Er verbeugte sich tief vor ihr, und die Morgensonne glänzte auf seinem Haar, als sei es aus Bronze. »Ich bin Euretwegen hier.«
»Oh? Oh!« Sie setzte sich auf, strich sich hastig die Toastkrümel vom Ärmel und hoffte, dass ihre Haube gerade saß. »Nun, Sir, was wollt Ihr denn von einer alten Frau?«
Er lächelte – was für ein hübscher Junge er war, so gepflegt in seinem grauen Rock, und dieser Schabernack in seinen Augen – und beugte sich über sie, um ihr ins Ohr zu flüstern.
»Ich bin hier, um Euch zu entführen, Mistress.«
»Och, fort mit Euch!« Sie wedelte lachend mit der Hand, die er ergriff und küsste.
»Ein ›Nein‹ lasse ich nicht gelten«, versicherte er ihr und wies zum Rand der Veranda, wo er einen großen, vielversprechend aussehenden Korb deponiert hatte, der mit einem karierten Tuch zugedeckt war. »Ich habe Lust, auf dem Land zu Mittag zu essen, unter einem Baum. Ich weiß auch schon genau, welcher Baum – ein Prachtexemplar –, aber es wäre doch schade, dabei keine Gesellschaft zu haben.«
»Aber Ihr könnt doch gewiss bessere Gesellschaft finden als mich, Junge«, sagte sie, durch und durch bezaubert. »Und wo ist Eure Frau?«
»Ah, sie hat mich verlassen«, sagte er mit gespieltem Schmerz. »Da stehe ich und habe das schönste Picknick geplant, und sie ist auf und davon zu einer Geburt. Also habe ich mir gesagt, nun, Jamie, es wäre doch eine Schande, ein solches Festmahl zu verschwenden – wer könnte es wohl mit dir teilen? Und was sehe ich als Nächstes? Euch. Es war die Antwort auf ein Gebet; Ihr wollt Euch doch sicher der göttlichen Fügung nicht entgegenstellen, Mistress Forbes?«
»Hmpf«, sagte sie und gab sich Mühe, ihn nicht anzulachen. »Oh, nun ja. Wenn es um Verschwendung geht –«
Ehe sie noch etwas sagen konnte, hatte er sich gebückt, um sie aus dem Sessel zu heben, und nahm sie auf die Arme. Sie juchzte überrascht auf.
»Wenn es eine richtige Entführung ist, muss ich Euch davontragen, aye?«, sagte er und lächelte zu ihr nieder.
Zu ihrer Blamage konnte man das Geräusch, das sie machte, nur als Kichern bezeichnen. Doch das schien ihm nichts auszumachen. Er bückte sich, um den Korb in seine kräftige Hand zu nehmen, und trug sie wie ein Häufchen Distelwolle zu seiner Kutsche hinaus.
»Ihr könnt mich hier nicht festhalten! Lasst mich gehen, sonst rufe ich um Hilfe!«
Sie hielten ihn jetzt schon seit über einer Stunde fest und vereitelten all seine Versuche, aufzustehen und zu gehen. Doch er hatte recht, dachte Roger; draußen auf der Straße nahm der Verkehr zu, und er konnte hören – genau wie Forbes –, wie eine Dienstmagd im Nebenzimmer die Tische deckte.
Er sah Ian an. Sie hatten es durchgesprochen; wenn sie innerhalb einer Stunde nichts hörten, würden sie versuchen müssen, Forbes aus dem Wirtshaus zu entfernen und ihn an einen zurückgezogeneren Ort zu bringen. Das konnte knifflig werden; der Anwalt war zwar eingeschüchtert, aber stur wie ein Esel. Und er würde um Hilfe rufen.
Ian spitzte nachdenklich die Lippen und fuhr mit dem Messer, mit dem er gespielt hatte, an seiner Hose entlang, um die Klinge zu polieren.
»Mr. MacKenzie?« Ein schmutziger kleiner Junge mit einem runden Gesicht war plötzlich neben ihm aufgetaucht.
»Das bin ich«, sagte er, und eine Woge der Dankbarkeit durchspülte ihn. »Hast du etwas für mich?«
»Aye, Sir.« Der Bengel reichte ihm ein kleines Papierknäuel, nahm eine Münze entgegen und war fort, obwohl Forbes »Warte, Junge!« rief.
Der Anwalt hatte sich aufgeregt halb von seinem Stuhl erhoben. Doch Roger machte eine abrupte Bewegung in seine Richtung, und er sank sofort zurück, um nicht geschubst zu werden. Gut, dachte Roger, langsam lernte er.
Er faltete das Papier auseinander und hielt eine große Granatbrosche in Form eines Blumenstraußes in der Hand. Sie war ordentlich gearbeitet, aber ziemlich hässlich. Doch der Eindruck, den sie auf Forbes machte, war beträchtlich.
»Das würdet Ihr nicht tun. Das würde er nicht tun.« Der Anwalt starrte die Brosche in Rogers Hand an, und sein fettes Gesicht war blass geworden.
»Oh, ich denke, doch, falls Ihr Onkel Jamie meint«, sagte Ian Murray. »Er hängt an seiner Tochter, aye?«
»Unsinn.« Der Anwalt machte einen redlichen Versuch zu bluffen, doch er konnte den Blick nicht von der Brosche abwenden. »Fraser ist ein Gentleman.«
»Er ist Highlander«, sagte Roger schonungslos. »Wie Euer Vater, aye?« Er hatte einiges über Forbes senior gehört, der den Geschichten nach dem Henker nur um Haaresbreite entwischt war, als er aus Schottland flüchtete.
Forbes kaute auf seiner Unterlippe.
»Er würde einer alten Frau nichts zuleide tun«, sagte er mit aller gespielten Tapferkeit, die er aufbringen konnte.
»Ach, nein?« Ian zog seine dünnen Augenbrauen hoch. »Aye, vielleicht nicht. Möglich, dass er sie nur fortschickt – nach Kanada vielleicht? Ihr scheint ihn ja gut zu kennen, Mr. Forbes. Was meint Ihr?«
Der Anwalt trommelte mit den Fingern auf die Armlehne und atmete durch die Zähne, während er offenbar rekapitulierte, was er über Jamie Frasers Charakter und seinen Ruf wusste.
»Na schön«, sagte er plötzlich. »Na schön!«
Roger spürte, wie die Anspannung, die ihn durchlief, plötzlich abriss wie ein durchgeschnittener Draht. Er war gespannt gewesen wie ein Flitzebogen, seit Jamie ihn gestern Abend abgeholt hatte.
»Wo?«, sagte er atemlos. »Wo ist sie?«
»Sie ist in Sicherheit«, sagte Forbes heiser. »Ich hätte nie zugelassen, dass ihr etwas zustößt.« Er sah mit wildem Blick auf. »In Gottes Namen, ich würde ihr doch nichts antun!«
»Wo?« Roger hielt die Brosche fest umklammert, ohne sich darum zu kümmern, dass ihm ihre Kanten in die Hand schnitten. »Wo ist sie?«
Der Anwalt sackte zusammen wie ein halbvoller Mehlsack.
»An Bord eines Schiffes namens Anemone.« Er schluckte krampfhaft und konnte den Blick nicht von der Brosche abwenden. »Sie sind nach England unterwegs – hat man mir gesagt. Aber ich sage Euch, sie ist in Sicherheit!«
Der Schreck verstärkte Rogers Umklammerung, und plötzlich spürte er glitschiges Blut an seinen Fingern. Er schleuderte die Brosche zu Boden und wischte sich die Hand an der Hose ab, während er nach Worten rang. Der Schreck hatte ihm auch die Kehle zugeschnürt; er fühlte sich dem Ersticken nah.
Ian, der ihn kämpfen sah, stand abrupt auf und drückte dem Anwalt das Messer an die Kehle.
»Wann sind sie abgesegelt?«
»Ich – ich –« Der Mund des Anwalts öffnete und schloss sich ziellos, und seine vortretenden Augen blickten hilflos von Ian zu Roger.
»Wo?« Roger zwang das Wort an der Blockade in seiner Kehle vorbei, und Forbes zuckte bei seinem Klang zusammen.
»Sie – sie ist hier an Bord gebracht worden. In Edenton. Vor – vor zwei Tagen.«
Roger nickte abrupt. In Sicherheit, sagte er. In Bonnets Händen. Zwei Tage in Bonnets Händen. Doch er war selbst unter Bonnet gesegelt, dachte er und versuchte, einen klaren Kopf zu behalten, vernünftig zu denken. Er wusste, wie der Mann arbeitete. Bonnet war Schmuggler; er würde erst nach England segeln, wenn sein Frachtraum voll war. Möglich – möglich –, dass er an der Küste entlangfuhr und kleinere Lieferungen an Bord nahm, bevor er sich aufs offene Meer wandte und die lange Reise nach England antrat.
Und wenn nicht – konnte man ihn möglicherweise noch einholen, mit einem schnellen Schiff.
Es war keine Zeit zu verlieren; die Leute auf den Docks wussten vielleicht, wohin die Anemone als Nächstes unterwegs war. Er wandte sich ab und trat einen Schritt auf die Tür zu. Dann durchspülte ihn eine rote Woge, und er fuhr herum und rammte Forbes mit aller Kraft die Faust ins Gesicht.
Der Anwalt stieß einen schrillen Schrei aus und fasste sich mit beiden Händen an die Nase. Jedes Geräusch im Wirtshaus und auf der Straße schien zu verstummen; die Welt stand still. Roger holte kurz und tief Luft, rieb sich die Fingerknöchel und nickte noch einmal.