Der Zahir
- Автор: Коэльо Пауло
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Zahir». Краткое содержание книги:
Erzählt wird Der Zahir aus der Perspektive eines mittlerweile überaus erfolgreichen Autors, der von den Lesern geliebt und der Kritik gehasst wird. Ersteres, weil er ganz nach dem Erfolgsprinzip Coelhos seine Leserschaft an seiner Erleuchtung teilhaben lässt, letzteres, weil er sich den angeblich üblichen Regeln des Literaturbetriebs verweigert, den er als ein schmieriges System von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten beschreibt. Dass er aber überhaupt zu dem Schriftsteller geworden ist, der er immer hat sein wollen, hat er letztlich allein seiner Frau Esther zu verdanken, ohne deren ebenso kluge wie selbstlose Hilfe er seine inneren Schreibwiderstände niemals überwunden hätte. Und nun ist diese Frau plötzlich fort. Wurde sie entführt, hat sie ihn verlassen? Der Mann, dem ihre Bedeutung für sein Leben und Seelenheil immer deutlicher vor Augen tritt, macht sich auf eine zunächst völlig vergeblich erscheinende Suche um am Ende, wir ahnen es, zwar auch die Gesuchte, vor allem aber sich selbst zu finden.
Was soll man sagen? Der Zahir wird ganz sicher wieder ein Weltbestseller. Und, ganz ehrlich: Wir gönnen es ihm! Das Feuilleton freilich wird sich aller Voraussicht nach auch dieses Mal nur mäßig begeistert zeigen. Und die nicht ganz unberechtigte Kritik, der Autor habe sein immer gleiches Thema nun vielleicht doch einmal erschöpft, wird an Coelho abperlen, wie die Male zuvor. Schade eigentlich, es sollte ihm Ansporn sein. Doch, so wird er sich sagen, Millionen Leser können nicht irren. Er sollte es besser wissen.
»Jeden Tag muß ich einen fast einstündigen Fußmarsch zurücklegen, um zur Schule zu gelangen. Ich sehe die Frauen, die Wasser holen, die endlose Steppe, die russischen Soldaten, die in langen Eisenbahnzügen vorbeifahren, die schneebedeckten Berge, hinter denen sich ein riesiges Land verbergen soll, China. Das Dorf hat neben der Schule auch ein Museum, das einem kasachischen Dichter gewidmet ist, eine Moschee und drei oder vier Straßen. In der Schule lernen wir, daß es einen Traum gibt, ein Ideaclass="underline" Wir müssen für den Sieg des Kommunismus kämpfen, für die Gleichheit aller Menschen. Ich glaube nicht an diesen Traum, weil es sogar an diesem ärmlichen Ort große Unterschiede gibt: Die Funktionäre der kommunistischen Partei stehen über den anderen, fahren hin und wieder in die große Stadt, AlmaAta, und kehren mit Paketen voller exotischer Nahrungsmittel, Geschenken für ihre Kinder und teurer Kleidung zurück.
Eines Abends auf dem Nachhauseweg spüre ich einen kräftigen Luftzug, sehe Lichter um mich herum und verliere einen Augenblick lang das Bewußtsein. Als ich wieder zu mir komme, sitze ich auf dem Boden, und ein hellhäutiges Mädchen in weißen Kleidern mit einer blauen Schleife schwebt in der Luft. Sie lächelt und verschwindet wortlos.
Ich renne nach Hause und erzähle meiner Mutter, die alles liegen und stehenlassen muß, was ich soeben erlebt habe. Sie ist zutiefst erschrocken und bittet mich, es niemandem sonst zu erzählen. Sie erklärt mir − so gut man einem achtjährigen Jungen etwas so Kompliziertes erklären kann −, daß dies nur eine Halluzination gewesen sei. Ich bestehe darauf, das Mädchen mit eigenen Augen gesehen zu haben, das ich im übrigen genau beschreiben könne. Ich hätte auch gar keine Angst gehabt und sei sofort nach Hause gerannt, um ihr alles brühwarm zu berichten.
Am nächsten Tag suche ich das Mädchen auf dem Heimweg von der Schule, aber es ist nicht da. Eine Woche lang geschieht nichts, und ich beginne zu glauben, daß meine Mutter recht gehabt hat: Ich muß irgendwie eingeschlafen sein und geträumt haben.
Aber als ich einmal sehr früh zur Schule gehe, sehe ich wieder das Mädchen in der Luft schweben, und um sie herum ist ein weißes Licht: Ich werde nicht ohnmächtig, sehe keine Lichter. Wir schauen uns eine Weile an, sie lächelt, ich lächle zurück, frage nach ihrem Namen, erhalte aber keine Antwort. Als ich in der Schule ankomme, frage ich meine Mitschüler, ob sie auch schon einmal ein Mädchen in der Luft hätten schweben sehen. Alle lachen mich aus.
Während der Schulstunde werde ich zum Direktor gerufen. Er erklärt mir, ich sei nicht ganz richtig im Kopf, Visionen gebe es nicht. Auf der Welt gebe es nur die Realität, die wir sehen, und die Religion sei nur erfunden worden, um das Volk irrezuführen. Ich frage ihn nach der Moschee des Ortes. Er sagt mir, dahin gingen nur alte abergläubische Männer, Dummköpfe und Nichtstuer, die keine Kraft hätten, die sozialistische Welt wiederaufzubauen. Er droht mir, wenn ich noch einmal mit solchen Geschichten ankäme; würde ich der Schule verwiesen. Ich flehe ihn an, meiner Mutter nichts zu sagen, und er verspricht es mir unter der Bedingung, daß ich meinen Mitschülern sage, ich hätte alles nur erfunden.
Der Direktor hält sein Versprechen und ich meines.
Meine Freunde messen der Sache keine besondere Bedeutung bei, sie bitten mich nicht einmal, sie zu der Stelle zu führen, wo ich das Mädchen getroffen habe. Doch von diesem Tag an erscheint es einen Monat lang jeden Tag.
Manchmal werde ich vorher ohnmächtig, manchmal passiert nichts. Wir reden nicht miteinander, sind einfach zusammen. Meine Mutter macht sich Sorgen, weil ich immer später nach Hause komme, und eines Abends muß ich ihr beichten, warum ich auf dem Nachhauseweg so trödle. Ich wiederhole die Geschichte mit dem Mädchen.
Anstatt mich zu tadeln, verkündet sie zu meiner Überraschung, mich anderntags begleiten zu wollen. Am nächsten Morgen stehen wir früh auf. Das Mädchen erscheint, doch meine Mutter kann es nicht sehen. Sie bittet mich aber, es nach meinem Vater zu fragen, und obwohl ich den Sinn dieser Frage nicht verstehe, stelle ich sie. Und da höre ich zum ersten Mal ›die Stimme‹. Das Mädchen bewegt die Lippen nicht, und trotzdem weiß ich, daß es mit mir redet.
Es sagt, meinem Vater gehe es sehr gut, er beschütze uns und werde nun für das Leid, das er auf Erden erfahren habe, entschädigt. Das Mädchen schlägt vor, ich solle meiner Mutter gegenüber die Geschichte mit der Heizsonne erwähnen. Meine Mutter bricht darauf in Tränen aus, und ich erfahre, daß mein Vater sich wegen der Zeit im Krieg sein Lebtag eine Heizsonne gewünscht hat. Das Mädchen bittet mich, zum nächsten Treffen ein Stoffband mit einem Wunsch mitzubringen und dieses an einen kleinen Busch zu binden, der dort steht.
Die Visionen gehen ein ganzes Jahr lang weiter. Meine Mutter erzählt ihren besten Freundinnen davon, die es anderen Freundinnen weitersagen, und der kleine Busch hängt nun voller Schleifen. Alles geschieht in größter Heimlichkeit. Die Frauen fragen nach ihren Verstorbenen, ich höre die Antworten der ›Stimme‹ und gebe die Botschaften weiter. Meistens geht es allen Verstorbenen gut; nur einmal
›bittet‹ das Mädchen die Gruppe, auf den nächsten Hügel zu steigen und bei Sonnenaufgang jeder still für sich ein Gebet für die Seelen der Toten zu sprechen. Die Frauen erzählen mir, daß ich manchmal in Trance gerate, zu Boden falle, sinnlose Dinge sage − ich kann mich nie daran erinnern. Ich merke nur das Herannahen der Trance, weil ich dann einen heißen Luftzug spüre und um mich herum Lichtkugeln sehe.
Eines Tages, als ich eine Gruppe zu dem Mädchen führe, werden wir von der Polizei angehalten. Die Frauen protestieren, schreien, aber wir können nicht weiter. Ich werde in die Schule gebracht, wo mir der Direktor erklärt, er habe mich gerade der Schule verwiesen, weil ich zur Rebellion aufgerufen und den Aberglauben gefördert habe.
Als ich auf dem Nachhauseweg an dem Busch vorbeikomme, liegen die Schleifen verstreut auf dem Boden, der Busch selbst entwurzelt daneben. Ich setze mich nieder und weine bitterlich, denn es sind die glücklichsten Tage meines Lebens gewesen. In diesem Augenblick erscheint das Mädchen wieder. Es sagt, ich solle mich nicht grämen, alles sei vorherbestimmt, auch die Zerstörung des Busches. Und daß es mich von diesem Augenblick an für den Rest meiner Tage begleiten und mir immer sagen werde, was ich zu tun habe.«
»Hat das Mädchen nie seinen Namen genannt?« fragt einer der Bettler.
»Niemals. Es ist unwichtig: Ich weiß, wann sie mit mir redet.«
»Könnten wir jetzt etwas über unsere Toten erfahren?«
»Nein. Das ist damals passiert. Jetzt ist meine Mission eine andere. Darf ich meine Geschichte weitererzählen?«
»Ich bitte darum«, sage ich. »Aber vorher muß ich Ihnen etwas erzählen. Im Südwesten Frankreichs gibt es einen Ort namens Lourdes. Vor langer Zeit hat dort eine junge Hirtin ein Mädchen gesehen, das dem Mädchen Ihrer Vision sehr ähnlich zu sein scheint.«
»Da irren Sie sich«, meint ein alter Bettler mit einer Beinprothese aus Metall. »Dieses Hirtenmädchen, das übrigens Bernadette hieß, hat die Jungfrau Maria gesehen.«
»Da ich in einem meiner Bücher über derartige Erscheinungen geschrieben habe, mußte ich diese Angelegenheit ganz genau erforschen«, antworte ich. »Ich habe alles gelesen, was Ende des neunzehnten Jahrhunderts veröffentlicht wurde, hatte Zugang zu vielen Aussagen Bernadettes gegenüber der Polizei, der Kirche, den Schriftgelehrten. Niemals hat sie behauptet, eine Frau gesehen zu haben. Sie bestand immer wieder darauf, daß es ein Mädchen war. Sie hat diese Geschichte ihr ganzes Leben lang wiederholt und ärgerte sich über die Statue, die in der Grotte aufgestellt wurde, weil sie ihrer Vision überhaupt nicht ähnlich sah − sie habe ein Kind gesehen, keine Frau. Dennoch hat sich die Kirche der Geschichte Bernadettes, ihrer Visionen und des Ortes bemächtigt, hat die Erscheinung zur Mutter Jesu gemacht, und die Wahrheit wurde vergessen. Eine ständig wiederholte Lüge überzeugt am Ende alle. Allerdings hat dieses ›kleine Mädchen‹ − wie Bernadette immer sagte − seinen Namen genannt.«