Der Zahir
- Автор: Коэльо Пауло
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Zahir». Краткое содержание книги:
Erzählt wird Der Zahir aus der Perspektive eines mittlerweile überaus erfolgreichen Autors, der von den Lesern geliebt und der Kritik gehasst wird. Ersteres, weil er ganz nach dem Erfolgsprinzip Coelhos seine Leserschaft an seiner Erleuchtung teilhaben lässt, letzteres, weil er sich den angeblich üblichen Regeln des Literaturbetriebs verweigert, den er als ein schmieriges System von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten beschreibt. Dass er aber überhaupt zu dem Schriftsteller geworden ist, der er immer hat sein wollen, hat er letztlich allein seiner Frau Esther zu verdanken, ohne deren ebenso kluge wie selbstlose Hilfe er seine inneren Schreibwiderstände niemals überwunden hätte. Und nun ist diese Frau plötzlich fort. Wurde sie entführt, hat sie ihn verlassen? Der Mann, dem ihre Bedeutung für sein Leben und Seelenheil immer deutlicher vor Augen tritt, macht sich auf eine zunächst völlig vergeblich erscheinende Suche um am Ende, wir ahnen es, zwar auch die Gesuchte, vor allem aber sich selbst zu finden.
Was soll man sagen? Der Zahir wird ganz sicher wieder ein Weltbestseller. Und, ganz ehrlich: Wir gönnen es ihm! Das Feuilleton freilich wird sich aller Voraussicht nach auch dieses Mal nur mäßig begeistert zeigen. Und die nicht ganz unberechtigte Kritik, der Autor habe sein immer gleiches Thema nun vielleicht doch einmal erschöpft, wird an Coelho abperlen, wie die Male zuvor. Schade eigentlich, es sollte ihm Ansporn sein. Doch, so wird er sich sagen, Millionen Leser können nicht irren. Er sollte es besser wissen.
Eines Nachmittags, als ich gerade am Schreibtisch des Dichters sitze, kommt der Direktor hereingelaufen und schaut mich erschrocken und irgendwie verunsichert an. Er sagt, was man auf der Welt am wenigsten erwartet habe, den Zusammenbruch des kommunistischen Regimes, vollziehe sich gerade in unglaublicher Geschwindigkeit. Die alten Sowjetrepubliken verwandelten sich jetzt in unabhängig Länder, die Nachrichten, die aus AlmaAta zu uns gelangten, sprächen von der Bildung einer neuen Regierung, und er sei dazu bestimmt worden, die Provinz zu verwalten.
Anstatt mich zu umarmen und sich zu freuen, fragt er mich, woher ich gewußt hätte, was geschehen würde. Ob es mir jemand gesagt hätte. Ob ich vom Geheimdienst angeworben worden sei, um ihn auszuspionieren, da er nicht Parteimitglied sei. Oder, schlimmer, ob ich irgendwann in meinem Leben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hätte.
Ich antworte ihm, er kenne doch meine Geschichte, wisse; von den Erscheinungen des Mädchens, der Stimme, den Anfällen, die mir erlaubten, Dinge zu hören, die andere Menschen nicht wahrnehmen könnten. Er sagt, das alles sei nur krank, es gebe nur einen Propheten, Mohammed, und alles, was offenbart werden sollte, sei schon offenbart worden.
Dennoch aber sei der Schaitan auf dieser Welt geblieben, benutze alle nur möglichen Kunstgriffe − auch die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen −, um die Schwachen zu täuschen und die Menschen vom wahren Glauben abzubringen. Er habe mir eine Anstellung gegeben, weil der Islam von den Menschen Barmherzigkeit verlange, doch jetzt bereue er es zutiefst: denn entweder sei ich ein Spitzel des Geheimdienstes oder aber vom Schaitan geschickt.
Ich werde auf der Stelle entlassen.
Die Zeiten, die schon vorher nicht einfach gewesen sind, werden jetzt noch schwieriger. Die Textilfabrik, für die meine Mutter arbeitet und die bisher dem Staat gehört hat, geht in private Hände über − und die neuen Besitzer haben andere Vorstellungen, strukturieren das Unternehmen um, meine Mutter wird entlassen. Zwei Monate später haben wir nichts mehr zu essen und sind gezwungen, das Dorf zu verlassen, in dem wir unser ganzes bisheriges Leben verbracht haben, und anderswo eine Anstellung zu suchen.
Meine Großeltern weigern sich mitzukommen. Sie wollen lieber verhungern, als den Ort zu verlassen, in dem sie geboren wurden und ihr Leben verbracht haben. Meine Mutter und ich gehen nach AlmaAta. Es ist für mich die erste große Stadt. Ich bin beeindruckt von den Autos, den riesigen Gebäuden, den Leuchtreklamen, den Rolltreppen und vor allem von den Fahrstühlen. Meine Mutter bekommt eine Anstellung als Empfangsdame in einem Laden, ich arbeite als Hilfsmechaniker an einer Tankstelle. Einen Großteil unseres Verdienstes schicken wir an meine Großeltern, aber es bleibt noch genug, um zu essen und mir Dinge zu leisten, die ich noch nie gesehen habe: Filme, den Vergnügungspark, Fußballspiele.
Mit dem Umzug in die Stadt hören die Anfälle auf, aber auch die Stimme und das Mädchen selbst verschwinden. Ich bin ganz froh, mir fehlt meine unsichtbare Freundin nicht, die mich seit meinem achten Lebensjahr begleitet hat. Ich bin fasziniert von AlmaAta und damit beschäftigt, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mir wird klar, daß ich es mit etwas Intelligenz zu etwas bringen kann. Bis zu dem Sonntagabend, als ich am einzigen Fenster unserer kleinen Wohnung sitze und beunruhigt auf die ungepflasterte Gasse hinunterschaue. Am Tag zuvor habe ich beim Umparken in der Werkstatt eine Beule in einen Wagen gefahren und konnte nun vor lauter Aufregung den ganzen Tag keinen Bissen herunterbekommen.
Da plötzlich spüre ich wieder den Luftzug, sehe ich die Lichter. Meine Mutter erzählt mir später, ich sei zu Boden gefallen, habe in einer fremden Sprache gesprochen, und die Trance habe länger als sonst gedauert. Ich weiß noch, daß mich in diesem Augenblick die Stimme daran erinnert hat, daß ich eine Mission zu erfüllen habe. Als ich zu mir komme, spüre ich wieder die Gegenwart des Mädchens, und obwohl ich nichts sehe, kann ich mit ihm reden.
Allerdings interessiert mich dies nicht mehr. Mit dem Wegzug aus meinem Dorf bin ich in eine andere Welt eingetaucht. Dennoch will ich wissen, was meine Mission ist.
Die Stimme antwortet mir, es sei die Mission aller Menschen, die Energie der allumfassenden Liebe in die Welt zu tragen. Ich frage das einzige, was mich zur Zeit interessiert: nach dem Wagen und der Reaktion seines Besitzers. Die Stimme sagt, ich solle mir keine Sorgen machen, sondern einfach nur die Wahrheit sagen, der Besitzer würde dann schon Verständnis haben.
Ich arbeite fünf Jahre lang an der Tankstelle. Ich schließe Freundschaften, habe erste Freundinnen, entdecke Sex, nehme an Straßenkämpfen teil − kurz, ich verlebe eine ganz normale Jugend. Ich habe ein paar Anfälle: Anfangs sind meine Freunde überrascht, aber dann erfinde ich, daß sie von »höheren Mächten« kommen, und verschaffe mir so Respekt. Meine Freunde vertrauen mir ihren Liebeskummer an, bitten mich um Beistand bei Spannungen in der Familie, aber ich frage die Stimme nichts − das Erlebnis mit dem Busch hat mich zu sehr traumatisiert und mich begreifen lassen, daß uns nur Undank erwartet, wenn wir jemandem helfen.
Wenn die Freunde darauf bestehen, zu erfahren, was mit mir ist, gebe ich vor, einer ›Geheimgesellschaft‹ anzugehören. Nach Jahrzehnten religiöser Unterdrückung werden Mystik und Esoterik große Mode in AlmaAta. Die unterschiedlichsten Bücher werden über diese »höheren Mächte«
veröffentlicht. Gurus und Meister kommen aus Indien und China, es gibt eine Vielzahl von Kursen zur persönlichen Vervollkommnung. Ich gehe zu diesem oder jenem und merke, daß ich nichts lerne, allein der Stimme vertrauen kann. Doch ich bin zu beschäftigt, um auf sie zu hören.
Eines Tages hält eine Frau in einem Geländewagen an der Tankstelle, in der ich arbeite, und bittet mich, den Tank zu füllen. Sie redet russisch mit mir, aber sie radebrecht und hat einen starken Akzent. Ich antworte ihr auf Englisch. Sicht| lieh erleichtert fragt sie mich, ob ich einen Dolmetscher kenne, der sie ins Landesinnere begleiten könne.
Als sie diese Worte ausspricht, erfüllt die Gegenwart des Mädchens alles, und ich weiß, daß diese Frau der Mensch ist, auf den ich mein ganzes Leben gewartet habe. Hier ist mein Ausweg. Ich darf die Gelegenheit nicht verpassen. Ich antworte, wenn es ihr recht sei, würde ich das gerne machen. Die Frau meint, ich hätte doch schon eine Arbeit, und sie brauche jemand Älteren, Erfahreneren, der frei sei und umgehend abreisen könne. Ich sage, ich kenne alle Wege in der Steppe und in den Bergen, und behaupte frech, mein Job bei der Tankstelle sei nur temporär. Ich flehe sie an, mir eine Chance zu geben. Widerstrebend macht sie einen Termin für ein Gespräch im vornehmsten Hotel der Stadt aus.
Wir treffen uns in der Hotelhalle. Sie prüft meine Sprachkenntnisse, stellt mir ein paar Fragen zur Geographie Zentralasiens, möchte wissen, wer ich bin und woher ich komme. Sie ist mißtrauisch, sagt nicht genau, was sie macht, und auch nicht, wohin sie will. Ich versuche, meine Rolle so gut wie möglich zu spielen, sehe aber, daß sie nicht überzeugt ist.
Verwirrt stelle ich fest, daß ich mich in sie verliebt habe.
Ich kontrolliere meine Gefühle und vertraue wieder der Stimme, flehe das unsichtbare Mädchen um Hilfe an, bitte es, mich zu erleuchten, verspreche ihm, die Mission zu erfüllen, die es mir anvertraut hat − wenn ich nur diesen Job bekomme. Das Mädchen selbst habe mir doch einmal gesagt, eine Frau werde dereinst kommen und mich weit wegbringen von hier, ›es‹ sei neben mir gewesen, als die Frau angehalten habe, um vollzutanken, ich würde mir nichts sehnlicher wünschen als ihre Zusage.
Nachdem die Frau mich ausgefragt hat, scheint sie Vertrauen zu fassen: Sie sagt mir, was sie vorhabe, sei vollkommen illegal. Erklärt mir, sie sei Journalistin und wolle eine Reportage über amerikanische Militärbasen machen, die im Nachbarland im Hinblick auf einen kurz bevorstehenden Krieg gebaut würden. Da ihr ein Visum verweigert worden sei, müßten wir an nicht bewachten Stellen zu Fuß über die Grenze. Ihre Kontaktpersonen hätten ihr eine Karte gegeben und die Stellen eingezeichnet, mir werde sie sie jedoch erst zeigen, wenn wir AlmaAta weit hinter uns gelassen hätten. Falls ich sie bis dann immer noch begleiten wolle, erwarte sie mich übermorgen um elf hier in der Halle. Sie könne mir nichts weiter versprechen als eine Woche Lohn.