Der Zahir
- Автор: Коэльо Пауло
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Zahir». Краткое содержание книги:
Erzählt wird Der Zahir aus der Perspektive eines mittlerweile überaus erfolgreichen Autors, der von den Lesern geliebt und der Kritik gehasst wird. Ersteres, weil er ganz nach dem Erfolgsprinzip Coelhos seine Leserschaft an seiner Erleuchtung teilhaben lässt, letzteres, weil er sich den angeblich üblichen Regeln des Literaturbetriebs verweigert, den er als ein schmieriges System von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten beschreibt. Dass er aber überhaupt zu dem Schriftsteller geworden ist, der er immer hat sein wollen, hat er letztlich allein seiner Frau Esther zu verdanken, ohne deren ebenso kluge wie selbstlose Hilfe er seine inneren Schreibwiderstände niemals überwunden hätte. Und nun ist diese Frau plötzlich fort. Wurde sie entführt, hat sie ihn verlassen? Der Mann, dem ihre Bedeutung für sein Leben und Seelenheil immer deutlicher vor Augen tritt, macht sich auf eine zunächst völlig vergeblich erscheinende Suche um am Ende, wir ahnen es, zwar auch die Gesuchte, vor allem aber sich selbst zu finden.
Was soll man sagen? Der Zahir wird ganz sicher wieder ein Weltbestseller. Und, ganz ehrlich: Wir gönnen es ihm! Das Feuilleton freilich wird sich aller Voraussicht nach auch dieses Mal nur mäßig begeistert zeigen. Und die nicht ganz unberechtigte Kritik, der Autor habe sein immer gleiches Thema nun vielleicht doch einmal erschöpft, wird an Coelho abperlen, wie die Male zuvor. Schade eigentlich, es sollte ihm Ansporn sein. Doch, so wird er sich sagen, Millionen Leser können nicht irren. Er sollte es besser wissen.
»Seit drei Tagen. Nach der Computertomographie hat mich die Ärztin angerufen und gebeten, Sie sedieren zu dürfen. Da ich fand, daß Sie in letzter Zeit sehr angespannt, nervös, deprimiert waren, habe ich es ihr erlaubt.«
»Und was kann jetzt noch passieren?«
»Im Prinzip noch zwei Tage Krankenhaus und drei Wochen mit dieser Manschette um den Hals. Die ersten kritischen achtundvierzig Stunden sind überstanden. Dennoch könnte sich ein Teil Ihres Körpers gegen die Vorstellung wehren, sich weiterhin ruhig zu verhalten, und dann hätten wir ein Problem. Doch darüber denken wir lieber erst nach, wenn ein Notfall eintritt − es lohnt sich nicht, sich im voraus Sorgen zu machen.«
»Soll das heißen, daß ich noch sterben kann?«
»Sie wissen genausogut wie ich, daß wir alle nicht nur sterben können, sondern sterben werden.«
»Ich meine, kann ich wegen des Unfalls noch sterben?«
Dr. Louit schwieg einen Moment.
»Ja. Die Möglichkeit, daß sich ein Blutgerinnsel bildet, das der Apparat nicht lokalisiert und das sich jederzeit lösen und eine Embolie hervorrufen kann, besteht theoretisch immer. Es besteht auch die Möglichkeit, daß eine Zelle verrückt spielt und Krebs entsteht.«
»Sie sollten so etwas nicht sagen«, unterbrach ihn Marie.
»Wir sind seit fünf Jahren befreundet. Er hat mir eine Frage gestellt, und ich gebe ihm eine Antwort. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muß in meine Praxis zurück. Medizin ist nicht das, was Sie denken. In der Welt, in der Sie leben, ist es so, daß Sie, wenn ein Junge losgeht, um fünf Äpfel zu kaufen, und mit nur zweien nach Hause kommt, daraus folgern, er habe die drei fehlenden gegessen.
In meiner Welt gibt es andere Möglichkeiten: Der Junge kann sie aufgegessen haben, oder das Geld wurde ihm gestohlen, oder aber das Geld hatte, anders als er annahm, nicht für fünf Äpfel gereicht, oder aber er hat sie auf dem Weg verloren, oder jemand hatte Hunger, und er beschloß, die Äpfel mit ihm zu teilen, usw. In meiner Welt ist alles möglich und alles relativ.«
»Was wissen Sie über Epilepsie?«
Marie begriff sofort, daß ich an Mikhail dachte, und das mißfiel ihr sichtlich. Sie verabschiedete sich eilig.
Dr. Louit, der schon seine Sachen genommen hatte, um zu gehen, blieb stehen, um meine Frage zu beantworten.
»Bei Epilepsie handelt es sich um ein Übermaß an elektrischen Impulsen in einer bestimmten Hirnregion, das zu mehr oder weniger schweren Konvulsionen führt. Es gibt j keine definitive Studie dazu, man nimmt jedoch an, daß die Anfälle auftreten, wenn der Mensch unter großer Anspannung steht. Sie müssen sich allerdings keine Sorgen machen: Auch wenn die Krankheit in jedem Alter zum ersten Mal auftreten kann, wird sie kaum durch einen Unfall mit einem Moped ausgelöst.«
»Und was löst sie aus?«
»Ich bin kein Spezialist, aber wenn Sie wollen, kann ich mich erkundigen.«
»Ja, gern. Und ich habe noch eine Frage, und es ist nicht, eil ich wegen des Unfalls nicht mehr klar im Kopf wäre.
Kann es sein, daß Epileptiker Stimmen hören und die Zukunft vorausahnen?«
»Hat Ihnen jemand den Unfall vorausgesagt?«
»Nicht wörtlich. Aber ich habe es so verstanden.«
»Tut mit leid, aber ich kann nicht länger bleiben, ich werde Marie in meinem Wagen mitnehmen. Und was die Epilepsie betrifft, werde ich versuchen, mich schlau zu machen.«
Während der zwei Tage, an denen Marie wegen ihrer Dreharbeiten nicht kommen konnte, kehrte trotz der Aufregung wegen des Unfalls der Zahir zurück und nahm den ganzen Raum ein. Ich wußte, daß mich, falls Mikhail Wort gehalten hatte, zu Hause ein Umschlag mit Esthers Adresse erwartete − doch jetzt fürchtete ich mich davor.
Und wenn Mikhail nun, was ›die Stimme‹ betraf, die Wahrheit gesagt hatte?
Ich versuchte mich an die Einzelheiten zu erinnern: Ich hatte beim Verlassen des Bürgersteigs automatisch um mich geschaut, einen näher kommenden Wagen gesehen, der sich aber noch in sicherem Abstand befand. Dennoch wurde ich angefahren, vielleicht, weil das Moped versucht hatte, diesen Wagen zu überholen, und sich außerhalb meiner Sicht befunden hatte.
Ich glaube an Zeichen. Nach dem Jakobsweg hatte sich alles vollkommen verändert: Was wir lernen müssen, liegt immer vor unseren Augen, man muß nur ehrfürchtig und aufmerksam um sich blicken, um herauszufinden, wohin Gott uns führen will und welcher Schritt als nächster der beste ist. Ich habe auch gelernt, das Mysterium zu respektieren − wie Einstein schon sagte: »Ich kann nicht glauben, daß Gott mit dem Universum würfelt.« Alles ist miteinander verbunden und hat einen Sinn. Obwohl dieser Sinn meist verborgen bleibt, wissen wir, daß wir unserer wahren Mission auf Erden nah sind, wenn unser Tun von der Energie der Begeisterung durchdrungen ist.
Ist dies der Fall, ist alles in Ordnung. Falls nicht, sollte man besser gleich einen anderen Weg einschlagen.
Wenn wir auf dem rechten Weg sind, folgen wir den Zeichen, und wenn wir hin und wieder in die Irre gehen, dann kommt uns Gott zu Hilfe und verhindert, daß wir Fehler begehen. Sollte der Unfall ein Zeichen gewesen sein? Hatte Mikhail an jenem Tag etwas geahnt, was für mich bestimmt war?
Ja, so mußte es gewesen sein, das spürte ich deutlich.
Vielleicht nahm die Intensität des Zahirs im Laufe des Tages ab, weil ich das Zeichen akzeptierte, mein Schicksal annahm. Ich brauchte nur einen Umschlag zu öffnen, Esthers Adresse zu lesen und an ihrer Haustür zu klingeln.
Doch die Zeichen wiesen darauf hin, daß die Zeit noch nicht gekommen war. Wenn Esther wirklich so wichtig für mein Leben war, wie ich meinte, und wenn sie mich weiterhin liebte, wie Mikhail gesagt hatte, warum sollte ich dann etwas forcieren, um am Ende womöglich wieder in die alten Fehler zurückzufallen?
Wie konnte ich das verhindern?
Indem ich mich selber besser kennenlernte, mir klar wurde, was sich verändert, was diesen unvermittelten Bruch in einem gemeinsamen Weg herbeigeführt hatte, der zuvor immer von Freude geprägt gewesen war.
Würde das reichen?
Nein. Ich mußte auch herausfinden, wer Esther war, wie sie sich seither verändert hatte.
Und war das ausreichend für eine Antwort auf diese zwei Fragen?
Es fehlt noch eine dritte: Warum hatte uns das Schicksal zus ammengeführt ?
Da ich in diesem Krankenhauszimmer viel Zeit hatte, rekapitulierte ich mein Leben. Ich habe immer zugleich Abenteuer und Sicherheit gesucht − obwohl ich wußte, daß beides nicht zusammenpaßt. Obwohl ich sicher war, Esther zu lieben, verliebte ich mich auch immer schnell in andere Frauen − nur weil es auf der Welt nichts Spannenderes gab als das Spiel der Verführung.
Hatte ich meiner Frau meine Liebe zeigen können? Vielleicht eine Zeitlang, doch später nicht immer. Und warum nicht? Weil ich dachte, es sei nicht notwendig, sie würde es schon wissen, könne keinen Zweifel an meinen Gefühlen haben.
Ich erinnerte mich daran, daß mich viele Jahre zuvor jemand gefragt hatte, was die vielen Freundinnen, die durch mein Leben gegangen waren, gemeinsam hatten. Die Antwort war einfach gewesen, MICH. Und als ich das begriff, sah ich, daß ich bei der Suche nach der richtigen Person viel Zeit verloren hatte − die Frauen änderten sich, ich dagegen blieb immer derselbe, nahm von dem, was wir gemeinsam erlebten, nichts mit. Ich hatte viele Freundinnen gehabt und wartete trotzdem immer noch auf die Richtige. Ich kontrollierte, wurde kontrolliert, und die Beziehung ging nicht darüber hinaus − bis Esther gekommen war und alles vollkommen verändert hatte.
Ich dachte voller Zärtlichkeit an meine Exfrau: Sie zu finden, zu erfahren, warum sie verschwunden war, hatte aufgehört, eine Obsession zu sein. Obwohl ›Zerreißen hat seine Zeit, Zunähen hat seine Zeit‹ einen Schlüsselroman über meine Ehe darstellte, war das Buch vor allem eine Bescheinigung, die ich mir selber ausstellte: Ich bin fähig, zu lieben, Sehnsucht nach jemandem zu haben. Esther verdiente viel mehr als diese Worte − aber selbst die einfachen Worte waren nie gesagt worden, solange wir zusammen waren.