Der Zahir
- Автор: Коэльо Пауло
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Zahir». Краткое содержание книги:
Erzählt wird Der Zahir aus der Perspektive eines mittlerweile überaus erfolgreichen Autors, der von den Lesern geliebt und der Kritik gehasst wird. Ersteres, weil er ganz nach dem Erfolgsprinzip Coelhos seine Leserschaft an seiner Erleuchtung teilhaben lässt, letzteres, weil er sich den angeblich üblichen Regeln des Literaturbetriebs verweigert, den er als ein schmieriges System von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten beschreibt. Dass er aber überhaupt zu dem Schriftsteller geworden ist, der er immer hat sein wollen, hat er letztlich allein seiner Frau Esther zu verdanken, ohne deren ebenso kluge wie selbstlose Hilfe er seine inneren Schreibwiderstände niemals überwunden hätte. Und nun ist diese Frau plötzlich fort. Wurde sie entführt, hat sie ihn verlassen? Der Mann, dem ihre Bedeutung für sein Leben und Seelenheil immer deutlicher vor Augen tritt, macht sich auf eine zunächst völlig vergeblich erscheinende Suche um am Ende, wir ahnen es, zwar auch die Gesuchte, vor allem aber sich selbst zu finden.
Was soll man sagen? Der Zahir wird ganz sicher wieder ein Weltbestseller. Und, ganz ehrlich: Wir gönnen es ihm! Das Feuilleton freilich wird sich aller Voraussicht nach auch dieses Mal nur mäßig begeistert zeigen. Und die nicht ganz unberechtigte Kritik, der Autor habe sein immer gleiches Thema nun vielleicht doch einmal erschöpft, wird an Coelho abperlen, wie die Male zuvor. Schade eigentlich, es sollte ihm Ansporn sein. Doch, so wird er sich sagen, Millionen Leser können nicht irren. Er sollte es besser wissen.
Es vergehen weitere zwei Tage, mein Vater ist allein mit der Leiche seines Freundes. Er schreit ununterbrochen ›Leg dich hink Schließlich wird er von jemandem gerettet, in das Gebäude gebracht. Es gibt nichts zu essen, nur Munition und Zigaretten. Sie essen die Tabakblätter. Eine Woche später fangen sie an, das Fleisch ihrer toten Kameraden zu essen. Ein drittes Bataillon kommt, schießt sich den Weg frei, die Überlebenden werden gerettet, die Verwundeten versorgt, und dann kehren sie wieder an die Front zurück − Stalingrad darf nicht fallen, die Zukunft Rußlands steht auf dem Spiel. Es folgen noch vier Monate heftiger Kämpfe.
Es gibt Kannibalismus und wegen der Kälte amputierte Glieder. Erst dann ergeben sich die Deutschen − und das ist der Anfang vom Ende Hitlers und seines Dritten Reiches.
Mein Vater kehrt zu Fuß in sein Dorf zurück, das fast tausend Kilometer von Stalingrad entfernt liegt. Er leidet unter Schlaflosigkeit, träumt jede Nacht von seinem Kameraden, den er nicht hat retten können.
Zwei Jahre später ist der Krieg zu Ende. Mein Vater erhält einen Orden, bekommt aber keine Arbeit. Er nimmt an Feierlichkeiten teil, hat aber nichts zu essen. Er ist einer der Helden von Stalingrad, kann aber nur mit Gelegenheitsarbeiten überleben, für die er ein paar Kopeken bekommt.
Schließlich bietet ihm jemand eine Arbeit als Teppichverkäufer an. Da er unter Schlaflosigkeit leidet, reist er immer nachts, lernt die Schmuggler kennen, gewinnt deren Vertrauen und verdient ganz gut.
Das kommunistische Regime klagt ihn an, mit Verbrechern Geschäfte zu machen, und obwohl er ein Kriegsheld ist, kommt er für zehn Jahre als ›Verräter des Volkes‹ nach Sibirien. Als alter Mann wird er schließlich freigelassen, und das einzige, womit er sich auskennt, sind Teppiche. Er läßt seine alten Kontakte wieder aufleben, ihm wird bald dieses oder jenes Stück zum Verkauf angeboten, allerdings will niemand einen Teppich kaufen. Es sind schwere Zeiten. Er beschließt erneut, in die Ferne zu ziehen, er hält sich mit Betteln am Leben und landet in Kasachstan.
Er ist alt, allein, macht alle möglichen Arbeiten, schläft nachts kaum, wacht immer mit dem Schrei ›Leg dich hin!‹
auf. Seltsamerweise hat er trotz der Schlaflosigkeit, der mangelhaften Ernährung, der Frustrationen, des körperlichen Verschleißes, der Zigaretten, die er immer raucht, wenn er kann, eine eiserne Gesundheit.
In einem kleinen Dorf trifft er eine junge Frau. Sie lebt noch bei ihren Eltern, nimmt ihn mit zu sich nach Hause —
die Tradition der Gastfreundschaft hat in dieser Region noch immer einen sehr hohen Stellenwert. Sie machen ihm im Wohnzimmer ein Lager zum Schlafen, werden aber alle von seinen Schreien ›Leg dich hin!‹ geweckt. Die junge Frau geht zu ihm, betet, streicht ihm über den Kopf, und in dieser Nacht schläft er seit vielen Jahrzehnten zum ersten Mal friedlich.
Am nächsten Tag sagt sie, daß sie als kleines Mädchen einmal einen Traum hatte: Ein sehr alter Mann werde ihr einen Sohn schenken. Jahrelang wartet sie, hat einige Verehrer, wird aber immer enttäuscht. Ihre Eltern sind sehr besorgt, wollen nicht, daß die einzige Tochter ledig bleibt und von der Gemeinschaft ausgeschlossen wird.
Sie fragt ihn, ob er sie heiraten will. Er ist überrascht − sie könnte seine Tochter sein − und gibt ihr keine Antwort.
Als die Sonne untergeht, bittet er sie in der guten Stube der Familie, ihm mit der Hand über seinen Kopf zu streichen, bevor er zu Bett geht. Wieder kann er die Nacht friedlich schlafen.
Am nächsten Morgen bringt die junge Frau das Gespräch wieder aufs Heiraten, diesmal in Gegenwart ihrer Eltern, die mit allem einverstanden zu sein scheinen − Hauptsache, die Tochter findet einen Ehemann und wird so nicht zu einer Schande für die Familie. Die beiden verbreiten die Geschichte, der alte Mann sei von weit her gekommen und in Wahrheit ein steinreicher Teppichhändler. Er habe es satt, in Luxus und Reichtum zu leben, und habe alles zurückgelassen, um ein Leben voller Abenteuer zu suchen. Die Leute sind beeindruckt, denken an eine große Aussteuer, riesige Bankkonten und darum, welches Glück meine Mutter hat, daß jemand sie endlich weit weg von diesem Ende der Welt führt. Mein Vater hört zugleich erstaunt und überrascht von dieser Geschichte. Viele Jahre hat er allein und unter Entbehrungen gelebt, ist umhergereist, ohne je seine Eltern wiederzusehen. Zum ersten Mal bekommt er die Möglichkeit, ein eigenes Zuhause zu gründen. Er nimmt den Antrag an, trägt die Lüge über seine Vergangenheit mit. Sie heiraten nach muslimischem Brauch. Zwei Monate später ist sie mit mir schwanger.
Ich lebe mit meinem Vater zusammen, bis ich sieben bin.
Er schläft gut, arbeitet auf dem Feld, geht auf die Jagd, unterhält sich mit den anderen Dorfbewohnern über seinen Besitz und seine Ländereien, sieht in meiner Mutter das einzig Gute, was ihm je widerfahren ist. Ich halte mich für den Sohn eines reichen Mannes, doch eines Abends am Feuer erzählt er mir seine Vergangenheit, den Grund für seine Heirat und bittet mich, es nicht zu verraten. Er sagt, es gehe mit ihm zu Ende − und tatsächlich stirbt er vier Monate später. Er tut seinen letzten Atemzug in den Armen meiner Mutter, lächelnd, als hätte es alles Unglück in seinem Leben nie gegeben. Er stirbt glücklich.«
Mikhail erzählt mir seine Geschichte an einem sehr kalten Frühlingsabend, allerdings mit bei weitem nicht so eisigen Temperaturen wie damals in Stalingrad, als das Thermometer manchmal bis auf minus 350 fiel. Wir sitzen bei den Bettlern, die sich an einem behelfsmäßigen Feuer wärmen.
Ich war dort nach einem zweiten Anruf von Mikhail gelandet − und erfüllte so meinen Teil des Versprechens. Während unserer Unterhaltung fragte er mich nicht nach dem Umschlag, den er in meiner Wohnung abgegeben hatte, als wüßte er − vielleicht von der ›Stimme‹ −, daß ich endlich beschlossen hatte, den Zeichen zu folgen, die Dinge geschehen zu lassen, um mich so von der Macht des Zahirs zu befreien.
Als er mich gebeten hatte, ihn in einem der schlimmsten Vorstadtviertel von Paris zu treffen, war ich erschrocken.
Normalerweise hätte ich gesagt, ich sei zu beschäftigt, oder hätte ihn dazu überredet, mich in einer Bar zu treffen, wo wir in angenehmer Atmosphäre über wichtige Dinge reden konnten. Natürlich hatte ich immer noch Angst, er könnte vor allen Leuten wieder einen epileptischen Anfall bekommen. Aber jetzt wußte ich ja, was zu tun war. Trotzdem war mir ein Überfall immer noch lieber, obwohl ich eine orthopädische Halskrause trug und mich nicht verteidigen konnte.
Mikhail ließ nicht locker: Es war wichtig, daß ich die Bettler traf, sie gehörten zu seinem und Esthers Leben. Im Krankenhaus hatte ich endlich eingesehen, daß etwas falsch war mit meinem Leben und daß ich es dringend ändern mußte.
Was sollte ich tun, um es zu verändern?
Andere Sachen. Beispielsweise an gefährliche Orte gehen, Menschen treffen, die am Rande der Gesellschaft leben.
Die griechischen Sagen berichten von Theseus, der in ein Labyrinth geht, um ein Ungeheuer zu töten. Seine Liebste, Ariadne, gibt ihm den Anfang eines Fadens, damit er ihn ganz allmählich abwickelt und so auch wieder herausfindet. Als ich mit Bettlern zusammensaß und Mikhails Geschichte hörte, wurde mir klar, daß ich schon lange nicht mehr so etwas gefühlt hatte − Lust am Unbekannten, am Abenteuer. Wer weiß, vielleicht erwartete mich der Ariadnefaden gerade an den Orten, die ich nie aufgesucht hätte, wäre ich nicht absolut davon überzeugt gewesen, daß ich eine ungeheure Anstrengung unternehmen mußte, um meine Geschichte und mein Leben zu ändern.
Mikhail fuhr fort − und ich sah, daß die ganze Gruppe ihm aufmerksam lauschte. Die besten Begegnungen finden nicht immer um die elegantesten Tische herum in Restaurants mit funktionierender Heizung statt.